20 Jahre Torfkurier, der Film






Scanner

Wahrnehmungshemmung in reizvollen Zeiten?

Von Götz Paschen

Foto: Karl-Heinz Laube/pixelio.de

Stellen Sie sich auf die Anbieterseite auf eine Verbrauchermesse: Es schiebt sich der Schwall der Konsumenten an dir vorbei. In unserer Medienwelt geschundene Kreaturen, die permanent über all ihre ‚Accounts‘ mit Werbung zugeprügelt werden. Wenn der Geist von Botschaften wundgeritten ist. Und das Portemonnaie von Verlockungen löchrig geschossen. Dann gibt es nur eine Chance: Vermeidung von Reizoffenheit. Trotzdem geht der Konsument auf Beutezug. Seine Auswahl ist in erster Linie Abwehr. Wer alles mitnimmt, ist nach einem Tag schrill und bankrott. Der Scanner wird auf Beute eingestellt, die immer schon funktioniert hat, die sich wenig bewegt oder die alle jagen.

Immer schon
Immer schon funktioniert hat Beute wie Pommes rotweiß, Currywurst, Glühwein, Fettgebäck. Ob der Magen sich meldet oder nicht. Das ist einsortiert in die Zone funktionserhaltende Ernährung und ähnlich sinnvoll wie Mittagessen und Abendbrot. Abgemessen werden nur noch Preis, Hygienesituation am Herstellungsort und Qualität. Es muss schmecken wie immer und kosten wie immer. Keine Ausnahmen. Körperliche Ernährung ist im Scanner auf dauergrün programmiert. Aus drei Gründen: Bekannt, notwendig, wirtschaftlich selten ruinös. Zumindest am Imbissstand hat sich noch keiner pleite gefressen. Das Magenvolumen kennt natürliche Grenzen. Anders ist es am Bierstand. Der birgt wirtschaftliche Gefahren.

Wenig bewegt
In unserem Kulturkreis darf sich Beute nur wenig bewegen. Wer basarmäßig verkauft oder mit Geschrei, trifft auf unvorbereitetes Klientel. Über den Haufen rennen lassen sich die Scanner nur ungern. Wobei Marktschreier verpönter sind als digitales Geschrei, an das wir uns gewöhnt haben. Was aber ungleich perfider um die Ecke kommt. Das Angebot selbst muss verlocken. Sobald uns einer an der Jacke zieht oder am Telefon zutextet, schalten wir auf Rot. Abwehr. Telefonverkauf und ‚Klinkenputzen‘ stehen in der Volkswahrnehmung beruflich irgendwo zwischen Zuhälterei und Bankraub. Ruckartige Bewegungen am Markt erzeugen Fluchtreflexe.

Alle jagen
Das, was alle jagen, muss gut sein. Daher ist auch oft dort niemand zu finden, wo auch schon vorher niemand zu finden war. Bilden Sie eine Menschentraube vor einem Stand. Alle kommen, um zu gucken, was sie verpassen. Das ist der Modemoment. Ist etwas ‚in‘, verspricht es Gruppenzugehörigkeit und Balz-, also Fortpflanzungsvorteil. Es kann ungesund, teuer und überflüssig sein – Modeakzeptanz ist stammhirngesteuert. Sie haben keine Chance zu entkommen. Ich auch nicht.

Prinzipien
Liegt der Fehler im Prinzip ‚aussuchen‘? Scannen kann nur Auswahl sein, nie Herstellung. Liegt er am Reizort ‚Konsumzone‘? Was auch dem passiven Erleben zuzuordnen ist. Liegt der Fehler in der ‚Verwertbarkeit von Bedürfnissen‘? Wer gesellschaftlich Heimat sucht, braucht fünf gute Freunde und nicht die gleiche Sportschuhmarke wie alle. Oder ist es einfach dieses neblige norddeutsche Klima, was die Gemüter belastet? Weshalb nicht alle so basarbegeistert sind.

Oder!
Oder liegt es an der wiederholt schlechten Erfahrung: Dass wenn ich ein Angebot hinterfragt habe, ich nie auf Leidenschaft und Sinnerfüllung gestoßen bin. Ist das der Grund, warum oberflächliches Scannen zur Angebotsprüfung völlig reicht? Weil beim Hersteller selten bis nie die Idee dahinter steckt: Die Welt mit Schönem und Sinnvollem anzureichern. Dem Käufer fundamentale Lebensvorteile zu verschaffen, die ihn nachhaltig erfreuen. Ihm nur das zu verkaufen, was er braucht. Und wie gewinnt er davon wieder eine leise Ahnung zurück, wenn nicht über eine Pause, die unser Bruttosozialprodukt beschädigt?

Torftipp: Fragen Sie die Anbieter, warum sie ihren Beruf machen und ob sie noch das tun, was sie ursprünglich vorhatten.