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April

Tempo und Schwung

Inspiration und ein vergnügter Feierabend.Inspiration und ein vergnügter Feierabend.

Text: Götz Paschen
Fotos: Götz Paschen / Roland Wörner

Johannes Kaußler (50) redet schnell, präzise und offenherzig. Er hat Elan und Esprit, trotz Erkältung. Seinen grippedezimierten Chor bringt er in Minuten in Fahrt. Kaußler aus Ottersberg ist A-Kirchenmusiker und Kantor der St. Georg-Gemeinde Sottrum unter anderem an der Orgel. Daneben leitet er musikalisch die ‚konzert-vereinigung wümme-wieste e. V.‘ 50 bis 60 Sänger/innen wirken dort mit, zu Spitzenzeiten bis zu 80. Sie singen im Sopran (hohe Frauen), Alt (tiefe Frauen), Tenor (hohe Männer) und Bass (tiefe Männer). „Das ist die klassische Stimmenaufteilung für Chöre seit 600 Jahren. Wie der Otto-Motor beim Auto.“ 2009 hatte Kaußler den ‚Messias‘ von Händel aufgeführt, ein größeres Oratorium. Damals war es ein Projekt der Kirchenchöre Sottrum und Ottersberg plus Ottersberger Kammerorchester. „Ein riesiges Projekt und großes Risiko. Das erste Oratorium für mich. Es war ein Riesenerfolg, und die Sänger wollten weitermachen.“

Struktur
Die konzert-vereinigung ist ein freier Chor, kirchenunabhängig, finanziert sich über Beiträge und startet jährlich neue Großprojekte. Verden, Achim, Rotenburg, Lilienthal haben eine Kantorei. Die konzert-vereinigung schließt die geografische Lücke dazwischen. Seit 2011 ist sie Mitglied im Verband deutscher KonzertChöre (VdKC). „Das ist eine Riesenehre. Da sind nur die absoluten Spitzenchöre drin. Die sind handverlesen.“ Die Kirche St. Georg in Sottrum ist der Aufführungsort für die mehrheitlich großen Oratorienwerke. Der freie Chor singt keine Kirchendienste. Die Musik spielt hier die Hauptrolle. „Das passt zu Ottersberg als kulturell buntes Zentrum mit seiner Liberalität. Die Teilnehmer sind eine provozierende Vielfalt, aber das ist ja gerade das Gute. Wir sind ein Chor für aufwändige geistliche Musik mit neuer Interpretation.“

Stücke
Dvorak, Mozart, Händel und Bach liefern das Material. 2017 führte der Chor zehn Bachkantaten in drei Konzerten auf. „Es war großartig für Sänger und Publikum mit öffentlichen Vor- und Nachbesprechungen, bei denen man Hintergründe erfährt. Unsere Gedanken zu den Kantaten vorgetragen von Pastor Dietmar Meyer aus Sottrum und Thomas Demele, Pfarrer der anthroposophischen Christengemeinschaft Ottersberg.“ Wieder eine von Kaußlers freigeistigen Kooperationen. „Das ging ans Eingemachte. Es ist erstaunlich, wie inspiriert die Leute davon waren. Bach ist nicht zu elitär. Wir wollen sehr gute Sachen machen und keine oberflächlichen.“ Aktuell haben die Sänger das Samson-Oratorium am Wickel. „Wir bestellen immer fertige Noten und machen Stücke, die schon seit Jahrhunderten so sind wie sie sind. Aber der Samson dauert dreieinhalb Stunden, den macht keiner komplett. Da muss man eine gekürzte Fassung zusammenzimmern.“ Es ist eine alttestamentarische Thematik mit Musik von Händel nach einem Text von John Milton aus dem 17. Jahrhundert. „Die darwinistische Handlung zeigt die aktuelle Problematik der Israeliten.“ Den Hintergrund liefert die alttestamentarische Geschichte Israels. Extrem menschliche Themen gehen ins Opernhafte, dazu die über dem inneren und äußeren Kampf stehende Musik Händels. „Nicht die Handlung trägt, sondern die Musik. Die Musik muss das Höchste sein, in dem, was da abgeht.“

Stühle rücken
Kaußler baut gerade vor der Probe die Stühle im Halbkreis auf. Worauf achtet ein Chorleiter? „Dass da ein gescheiter Halbkreis steht. Da bin ich autistisch, wenn das kein richtiger Kreis ist. Ein Gefühl für einen Kreis zu haben, ist nicht so einfach – gerade wenn er nicht geschlossen ist.“ Kaußler schätzt die Akustik im gemieteten Übungssaal der Rudolf-Steiner-Schule Ottersberg: „Das Räumliche hat eine Resonanz zum Seelischen.“ Er ist Künstler und nicht zuständig für Banalitäten. Von seinen Sängern verlangt er: „Sie sollen sich einlassen ganz und gar auf das, was außerhalb von ihnen selbst ist. Wenn es nicht außerhalb von einem ist, kann es nicht nach innen wirken. Innen ist der Alltagsschmutz.“ Der Anfang jedes Chorabends ist immer ein Kaltstart. Krank, verschnupft, einige fehlen. Der Gedanke liegt nahe: Das lohnt sich ja gar nicht. Aber: „Sobald man anfängt, klappt das mit der Musik. Im Studium der Kirchenmusik lernt man Tricks für Chorproben, aber so mache ich das nicht. Wenn es aus der Musik nicht kommt, kann ich es nicht machen.“ Trotzdem trickst er: Wenn im Tenor Männer Mangelware sind, gibt es etliche Frauen, die aus dem Alt wunderbar den Tenor singen können.

Strammes Programm
Vor dem Auftritt werden Solisten als Profis zum Chor dazu engagiert. Auch das Orchester muss präpariert werden. „Als Chorleiter arbeitet man dann mit dem Chor, den Solisten, dem Orchester und selber am Cembalo – an mehreren Fronten zugleich.“ Der Chor muss gut vorbereitet sein. Die Chemie zum Chorleiter muss passen. „Was der Satellit zwischen Sender und Empfänger, ist die Musik zwischen Chor und Leiter. Der Chor macht manchmal Sachen, die ich mir erst in dieser Sekunde gedacht habe. Sie machen etwas, was wir nicht einstudiert haben, was jetzt aber dran ist. Musik hat einen allumfassenden Einfluss auf das menschliche Leben und die gesamte Existenz.“

Steckenpferd

Jeder im Chor hat seine Zusatzaufgaben: Die einen laden Beispielmusik je Stimme aus dem Internet runter und brennen Übungs-CDs für die Notenignoranten. Es gibt und braucht viele Begabungen im Hintergrund für die Vorbereitung und Durchführung der Konzerte: Programmheft- und Plakatgestaltung, Organisation der Räumlichkeiten, Getränke besorgen, Brötchen schmieren, 1.000 kleine Dinge. „Das läuft hervorragend. Das kommt aus der Musik heraus, die trägt und beflügelt uns und auch die sozial Begabten, die sich hier einbringen. Ohne hilfsbereite Leute könnte ich das alles gar nicht machen. Eine Lobeshymne auf die Teilnehmer!“

Strapaziert
Hilft es, Eliten zu fördern, die andere mit ziehen? „Diesen ganzen Technikkram können Sie vergessen. Es ist sozial kontraproduktiv, sich eine Elite vorzunehmen und die auszubilden.“ Man könne sich zwischendurch eine Stimme wie den Bass extra vornehmen zur Einzelprobe. Kaußler ermahnt alle zum Üben, auch wenn er nur einzelne meint. „Pragmatismus ist angebracht und möglich. Manche Teilnehmer sind Musiker, die auch Profis hätten werden können. Die Dynamik muss so sein, dass die sich nicht langweilen, sondern dass sie dem Chor auf die Beine helfen. Wenn es gut läuft, tut es das auch.“ Manche kommen immer zu beiden Proben. Manche nur samstags, manche nur mittwochs. Manche nur vier Wochen vor dem Konzert. „Ich bin im Allgemeinen tolerant. Ich habe keine Lust auf Knatsch. Wo ich wild werden kann ist, wenn man Dinge, die auf der Hand liegen, nicht kapiert.“

Starke und Schwache
„Es sind in dem Chor sowohl blutige Anfänger als auch Leute, die alles vom Blatt singen können. Die Gruppe muss sich selbst beflügeln und auf ein hohes Niveau heben.“ Bei klassischen Chören gehe der Altersdurchschnitt immer mehr nach hinten. „Das ist das Bildungsbürgertum der 70er Jahre. Deren Kinder sind mit elektronischen Medien aufgewachsen. Die gehen nicht mehr in Chöre. Die Zielgruppe fängt bei 50 Jahren an.“ Kaußler stellt fest, dass sich das Niveau den Anforderungen der Musik anpasst. „Wenn die Musik gut ist, ist sie gnädig mit den Fähigkeiten der Ausführenden, gerade die Bachsche Musik. Man braucht sich nicht zu fürchten, um die perfekte Auszierung der einen oder anderen Achtel-Note. Das ist eine Sackgasse.“ Wer sich als Chorleiter keine Blößen geben will, entscheidet, Leute rauszuschmeißen. „Ich lasse alle drin. Es geht mehr als man denkt. Der Chor hat keine Probleme gehabt mit sehr schwerer Musik.“

Stimmführer
„Es gibt Stimmführer, die singen sicher und treffen jeden Einsatz. Wenn der krank ist, singen vier oder fünf andere gar nicht. Das ist in jedem Volkschor so.“ Die Größe des Ensembles bietet Vorteile. Die Starken setzen sich durch und können eine Menge Schwächere motivieren. „Das ruckelt sich alles irgendwie zu Recht. Ich greife da auch nicht ein.“ Es sei denn die Scheueren verziehen sich immer in die zweite Stuhlreihe. „Dann tausche ich erste und zweite Stuhlreihe als kleine pädagogische Maßnahme einfach einmal aus.“ Dann sind die Scheuen vorne. Muss ein Schiefsänger den Chor verlassen? „Nein, entscheidend ist das menschliche Klima – nicht als Entschuldigung für mangelnde Leistung – jeder hier hat eine Stimmungsfunktion für das Gesamte. Vom kirchlich Konservativen über den 68er bis zum Anthroposophen. Das relativiert sich unter dem Einfluss der Musik. Die steht über dem Kleinklein der Ideologien und Glaubensrichtungen.“ Kaußlers Ziel ist, der Musik zu ermöglichen, auf die Menschen zu wirken, in den Chor und später in das Publikum. „Die Kunst ist, dass man lernt, aus allem möglichst viel zu machen. Nicht arrogant zu sein. Als Diener der Musik und dadurch als Diener der Menschen.“

Torftipp: Mitsingen! Übungstermin: Mi., 19.45 – 21.30 Uhr und Sa., 10.00 - 11.30, Schulferien meist Pause. Neuer Theatersaal der Freien Rudolf Steiner Schule Ottersberg. Johannes Kaußler, 0 42 05 - 79 17 91, johannes.kaussler@ewetel.net