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April

Denkort Bunker Valentin

Ein Monument und seine menschenverachtende Geschichte.

Text: Götz Paschen
Fotos: Götz Paschen, Johann Seubert/www.bunkervalentin.de und Werner Konowalczyk/www.bunkervalentin.de

Nach Stalingrad ruft Goebbels den totalen Krieg aus. Ein wichtiges Projekt ist die U-Verlagerung mit dem Ziel, die gesamte deutsche Rüstungsindustrie wegen der Unsicherheit des Luftraums bombensicher zu verlagern. Deutschland ist bereits in der Defensive. Der Bunker Valentin in Bremen-Farge soll Standort für die U-Boot-Produktion werden. Bauzeit: Mai 1943 bis März 1945. Täglich arbeiten 8.000 Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, Insassen aus Arbeitserziehungslagern (Gestapohäftlinge aus Bremen) und zivile Zwangsarbeiter aus den besetzen Gebieten in zwei Schichten von 12 Stunden, auch nachts. Die Nachtschicht ist personell schlanker. Die Ernährung der Zwangsarbeiter ist immer unter dem Bedarf eines Schwerstarbeiters: Morgens eine halbe Scheibe Brot, mittags einen Liter dünne Suppe, abends einen halben Liter Suppe und ein Stück Brot plus löslichen Kaffee. Die 50 Kilosäcke Zement, die sie schleppen müssen, sind oft schwerer als die Zwangsarbeiter selber. Sie werden geschlagen und gefoltert. Täglich sterben im Schnitt zwei von ihnen. Belegt sind 1.144 Tote. Die Dunkelziffer liegt höher. Aktuelle Forschungen gehen von maximal 1.600 Toten in 22 Monaten Bauzeit aus. „Man vergisst die Abgründe nicht, in die man einmal geschaut hat“, zitiert ein Plakat einen ehemaligen französischen Zwangsarbeiter.

Scheeßel-Westervesede
Eine klassische Gymnasialjugend: Eichenschule, ‚Hurricane‘-Festival - aber mit Dusche daheim, Geschichtsstudium, Promotion über das Freimaurertum, Festanstellung als wissenschaftlicher Leiter beim Denkort Bunker Valentin: Der Historiker Dr. Marcus Meyer (41) kennt den Bunker und die NS-Zeit erwartungsgemäß sehr gut. Wieso entsteht bei der Besichtigung des Bunkers das ambivalente Gefühl zwischen ‚beieindruckend‘ und ‚bedrückend‘? „Das Beeindruckende ist nicht weiter verwunderlich. Natürlich löst so ein Gebäude Erstaunen aus. Dem muss man sich stellen. Es nutzt ja nichts zu behaupten, man hätte es nicht. Wichtig ist, die Geschichte hinter dem Bunker zu erklären.“

Vernichtung durch Arbeit
Die 50 Kilo-Säcke von Hand geschleppt und in die Mischtrommel gekippt im Akkord. Schlecht gekleidet, Arbeitsschutz abwesend, schlecht ernährt. Eisenträger werden auf der Schulter getragen. „Da wird aus dem abstrakten Baukörper konkretes Leid unter den Bedingungen der Arbeit, die da drin steckt.“ Die Bedingungen: Haft, die Heimat weit, permanente Bedrohung, permanente Lebensgefahr, Unfälle und neben dem Hunger die Willkür der Wachleute und Kapos (Häftlinge als Aufseher). „Es gibt keine Regeln, an die man sich halten kann, um garantiert zu überleben.“ Im Winter leere Zementsäcke unter das Hemd zu stecken, weil es wärmt, war teilweise verboten. „Reine Schikane. Verunsicherung ist System und verhindert organisierten Widerstand, den es hier nicht gab, trotz Fehlens eines Zaunes mitten im Feindesland.“ Die Grenze ist ewig weit weg.

Lackner
Erich Lackner war Leiter des Planungsbüros für den Bunker Valentin. Er ist Zeit seines Lebens auf diese Leistung stolz und wirbt noch bis 1990 damit für die eigene Firma. Die beschäftigt sich auch nach dem Krieg mit der Planung ‚wassernaher Großbauten‘. Bis 1991 hing das Ölgemälde von der Bunkerbaustelle in seinem Büro. „Er war hier leitender Ingenieur und ist juristisch nicht belangt worden. 1934 ist er in Österreich in die SA eingetreten, ein Nazi der ersten Stunde. Und ein geachteter Mann bis zu seinem Tod.“ Der Bunker Valentin ist sein erstes großes Projekt. Viel Prestige für einen Flüchtling aus Österreich. Noch 1986 übt Lackner beratende Tätigkeiten für die Bundeswehr bei Umbauten aus. „Bei der Baubegehung mit Herrn Lackner hier auf der Baustelle wäre ich gerne dabei gewesen.“ Ohne jeglichen Selbstzweifel steht er auch nach 1945 zu dem Bau. 1981 gibt Lackner ein Interview über die Koordinationsleistung und die technische Herausforderung des Bunkerbaus. „Zu Zwangsarbeitern nicht ein einziges kritisches Wort. Der muss hier 1943 bis 1945 täglich auf der Baustelle gewesen sein.“ Heute stellen sich die Nachfolger seiner Firma der Geschichte: Die Azubis kommen zur Führung. Das Büro hilft bei technischen Fragen. Die Forscher dürfen ins Firmenarchiv. „Ist er jemals eingeschlafen, ohne dass er diese Bilder im Kopf hatte? Ich weiß nicht, ob die Nazis, was sie sagen, selbst geglaubt haben. Bei manchen habe ich das Gefühl, die glauben das wirklich. Das ist absolut bemerkenswert.“

Gewissen
„Die NS-Zeit ist das Paradebeispiel für arbeitsteilige Verbrechen. Niemand war für den kompletten Ablauf des Verbrechens zuständig. Die, für die das zutrifft, sind in Nürnberg verurteilt worden.“ Viele sprachen von Befehlsnotstand: „‘Ich musste den Befehl ausführen, sonst wäre ich selbst erschossen worden.‘ Das stimmt nicht: Die Weigerung vieler Wehrmachtssoldaten, Hinrichtungen vorzunehmen, blieb ohne Folgen. Eine gewisse Portion Zweifel gehört dazu, ein vernünftiges Leben zu führen. Aber ohne den Zweifel kann man vielleicht eine höhere Position erreichen.“ Ist diese Haltung deutsch? „Die Haltung ist zutiefst menschlich.“ Der Denkort Bunker Valentin hat eine Menge Besucher, die nicht klassisch in einer KZ-Gedenkstätte auftauchen würden. Bunker und U-Boote sorgen für Faszination. „Uns geht es auch darum, diese Geschichte Leuten zu erzählen, die sie noch nicht kennen. Wir zeigen denen, dass es sich hier um NS-Verbrechen handelt. Ein Technikmuseum mit U-Boot wäre auch möglich gewesen, aber es war klar, das darf es nicht werden. Wir wollen hier Zwangsarbeit und ihre Bedingungen sichtbar machen und beidem ein Gesicht geben. In dem Beton stecken Biografien. Ich habe einige von den Zeitzeugen noch kennenlernen dürfen.“ Es gibt unter den Häftlingen und auf Täterseite mehr 90-Jährige, als man denkt. „Die Überlebenden sind sehr besondere Menschen mit ausgesprochener Herzlichkeit.“

Zivilisation
Schlägereien zwischen Linken und Rechten auf der Straße gehören in der Weimarer Republik zum Alltag. Gewalt ist ein legitimes Mittel, politische Ziele durchzusetzen. Die akademische Elite wittert nach der Weimarer Republik Morgenluft. Der Nationalsozialismus ist für sie ein Karrieresprungbrett. Im Reichssicherheitshauptamt, der Schaltstelle der SS und Organisationszentrale für den Judenmord, sitzt die akademische Elite. Sie ist hochgradig gebildet und sieht sich überhaupt nicht im Widerspruch. „Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz, war ein liebender Familienvater. Vernichtender Rassismus und liebende Vaterrolle schlossen sich nicht aus. Es geht nicht darum Menschlichkeit abzulegen. Es geht darum, das parallel widerspruchsfrei hinzukriegen. - Sie müssen es schaffen, dass die Leute meinen, sie würden das Richtige tun und die Barbarei zum Standard definieren.“ Die NS-Zeit war hochgradig ideologisiert. „Wir nehmen alle Werkzeuge, um die Ziele zu erfüllen. – Wer jenseits der eigenen Wahrnehmung keine andere duldet, ist borniert, trotz seiner Intelligenz.“

Militärisch
Der U-Boot-Bunker Valentin ist als Montagewerk für die U-Boote des Typs XXI geplant. Die sollten die Nachschubwege der Alliierten abbrechen und die Kriegswende bringen. Neben dem U-Bootbau in Norddeutschland hat der Bau der Messerschmitt-Düsenjäger in Süddeutschland oberste Priorität. Das sind jetgetrieben Kampfflugzeuge. „Die Messerschmitts holen die Lufthoheit zurück und können dann die Boote über die Weser in die Nordsee eskortieren.“ Die Weser war nicht tief genug, um die Boote getaucht auslaufen zu lassen. Der Plan: Die Anlieferung der U-Boot-Segmente erfolgt aus dem ganzen Reichsgebiet. Die Lufthoheit war als Voraussetzung unabdingbar. „Ein letzter Strohhalm.“ Die erste Luftaufnahme der Bunkerbaustelle von alliierten Luftaufklärern stammt aus dem Frühjahr 1943. „Sie wissen, was geht. Klar ist, dass die Alliierten ab 1944 Baufortschrittskarten aufzeichnen. Sie wollten die Ressourcen hier gebunden sehen, damit sie nicht woanders wirksam werden.“ Die zwei Angriffe der britischen Bomberstaffel ‚Dam Busters‘ (Dammbrecher) am 27.3.1945 sind erfolgreich. 13 ‚Grand Slam‘, 10-Tonnenbomben, werden abgeworfen. Der Bunker hat zwei direkte Treffer. Einer durchschlägt die Decke. Mit Endverstärkung der Decke von 4,60 auf 7 Meter wäre sie nicht mehr zu durchschlagen gewesen. „Damit war der Bau erledigt.“ Anfang April bombardieren die Amerikaner die Schienenanlagen, die Betonmischanlage und versenken den Schwimmbagger. Die Baustelle wird stillgelegt.

Irsinn
„Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, meint noch nach dem Krieg, dass man ihn mit früherem U-Bootbau noch hätte gewinnen können. Das schreibt er in seiner Biografie und glaubt nicht, dass die Engländer den Funkcode geknackt haben.“ Rüstungsminister Albert Speer fordert noch im Februar 1945 die Fertigstellung des Bunkers. Die Alliierten stehen 100 Kilometer vor Bremen. „Das ist Realitätsverlust. Sie hatten nicht einmal mehr Leute, die die U-Boote hätten fahren können. In vielen Punkten war das eine ganz neue Technik. Es braucht eine Probefahrphase. Der Produktionsbeginn war für Juli 1945 geplant.“ Und: „Das kriegstaugliche deutsche Zivilpersonal wusste: Wenn wir hier aufhören zu bauen, werden wir an die Front abkommandiert.“ Am 8.5.1945 kapituliert die Wehrmacht.

Erinnerungskultur
„Der Bunker bringt Leute an den Nationalsozialismus, die sonst mit dem Thema gar nichts zu tun haben. Das merken wir ganz deutlich. Es ist einer der wenigen Orte, an dem man das Ergebnis von Zwangsarbeit in dieser Dimension noch sehen kann. Man kann hier zeigen, was passiert, wenn sich eine menschenfeindliche Idee in der ganzen Gesellschaft durchsetzt. Es fängt da an, wo man auf eine Parkbank schreibt ‚Für Juden verboten‘ und es endet in Auschwitz.“ Die Ausstellung ist sachlich, gibt erste Einblicke, bietet Anknüpfungspunkte, ohne drastisch zu sein. „Die Darstellung von Gewalt in Gedenkstätten ist ein Thema: In der Nachkriegszeit bis in die 70er/80er zeigte man drastische Bilder von Leichenbergen. Fotos, auf denen die Briten mit Bulldozern Leichen wegschieben in ein Massengrab. Tot, nackt und abgemagert. Möchten Sie so gezeigt werden, selbst wenn es der guten Sache dient? Was ist mit der Würde der Toten? – Das sind brutalste Bilder, keine Fiktion. Was macht es mit Besuchern, wenn sie damit konfrontiert werden. Dann ist die legitime Reaktion Abwehr. Ist der Tod nicht Argument genug? Es nützt nichts, Leute zu traumatisieren, die dann damit nichts mehr zu tun haben wollen. Man kann niemanden dazu zwingen, sich empathisch zu verhalten.“

Wahljahr
Björn Höcke von der AfD und das Parteiprogramm forderten die Abkehr vom Erinnern an die NS-Zeit. „Wir brauchen eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“, meint die AfD. Dr. Meyer: „Was versteht er unter ‚positivem Geschichtsbild‘? Die Reichsgründung? Den Kriegsausbruch?“ Kann ich nach der Besichtigung des Bunkers Valentin noch die AfD wählen? „Ja klar. Sie können auch nach Auschwitz gehen, und der Ort macht gar nichts mit Ihnen. - Die Besucherzahlen in Gedenkstätten steigen und steigen. Und ich frage mich, was nehmen die Leute mit. Kriegen wir die Geschichte transportiert in die Gegenwart? Einen Aktualitätsbezug anzubieten, ist nicht ganz leicht. - Es geht nicht darum zu sagen, wir sind immer noch schuld. Und nicht darum, dass ich mich permanent dafür entschuldige, dass ich in diesem Land geboren bin. Das ist dumme rechte Propaganda. Es geht um Verstehen und Verantwortung.“

Torftipp: 1) Denkort Bunker Valentin, Rekumer Siel, 28777 Bremen, 0421 - 69 67 36 70. Geöffnet: Di. – Fr. 10-16 Uhr, So. 10-16 Uhr. An Feiertagen geschlossen. Eintritt kostenlos. Führung 5,-/2,- Euro. Mediaguide kostenlos ausleihbar. Trotz Navi: Beim Griechen reinfahren. 2) Anschließend ein Deichspaziergang. 3) U-Boot Typ XXI zu besichtigen in Bremerhaven: www.u-boot-wilhelm-bauer.de – Die ‚Wilhelm Bauer‘ wäre der Typ gewesen, den man hier gebaut hätte, stammt aber aus Danzig. 4) Leserreise: Gelbe Kiste auf Seite 5.

Infokiste
Torfkurier-Bunkerbesichtigung
So., 21.5.2017
11.00 Uhr Abfahrt
14.30 Uhr Rückkehr
Leistung: Führung mit Busfahrt ab Torfkurier Otterstedt.
Ab 21 Teilnehmern: 25,- EUR
Ab 17 Teilnehmern: 30,- EUR
Mindestteilnehmerzahl 17
Maximal 25 Personen.
Anmeldeschluss: 20.4.2017
Anmeldung: Reisediele
Tel. 0 42 83 - 38 30 32
nicole.gerdes@reisediele.de