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April

TSV Übungsleiter Klettern

Wie einer an die Wand kam …

Text: Götz Paschen / Fotos: Götz Paschen und TSV Ottersberg Klettern

Bis die Kletterwand in der Halle des TSV Ottersberg ihr heutiges Format hatte, war viel Einsatz nötig. Eine Spendenaktion für das Material, wie Griffe, Tritte, Gurte, Seile und Sicherungsgeräte. Grundlage für Griffe und Tritte sind die 1 x 1-Meter-Kletterwandelemente dem Fels nachempfunden. „Das Umschrauben der Griffe für professionelle Routen war eine Riesenaktion“, erinnert sich Roman Schell (36) der zusammen mit seinem Kumpel Denes Kailweit Cerqueira (40) als Übungsleiter die Klettersparte des ‚TSV Ottersberg, Abteilung Turnen, Handball, Badminton, Tischtennis e.V.‘ leitet. Die beiden wollten alles einmal amtlich eingerichtet haben. „Wir haben alle Griffe abgeschraubt und zu Hause im Geschirrspüler gewaschen. Zwei Profiroutenschrauber vom DAV (Deutschen Alpenverein, Anm. pas) haben uns an einem Tag verschiedene Touren und Schwierigkeitsgrade angeschraubt.“ - Den Hintergrund mit Wolken und Bergpanorama hat sein Schwiegervater gemalt, der ehemalige Kunstlehrer Gernot Schell, auch TSV-Mitglied. Klettern am Seil ist in der Halle bis acht Meter Höhe möglich, Bouldern ohne Sicherung bis drei Meter Höhe. Mit an die Wände gehen das ‚JUKU‘, Jugendkulturhaus Ottersberg, Kinderkurse des TSV, als Fitnesstraining die Freiwillige Feuerwehr aus Fischerhude und Langwedel …

Einstieg
Schell klettert erst seit 2017: „Ich war einen Nachmittag mit einem Kindergeburtstag in der Boulderbase in Bremen: Vier Meter hohe Wände, alles voll Matten … Da war ich angefixt. Und dann sagte ein Kumpel: ‚Hast du Bock zu klettern? Ich nehme dich mal mit.‘“ Im Wald am Baum hat er ihm die Abseiltechnik gezeigt … „Danach sind wir in die Kletterhalle an der Uni Bremen: 14 Meter hoch, ein nagelneuer Laden, richtig cool. Und ich dachte: Das kann ich, das macht mir Spaß.“ Der Freund wollte Schell als Kletterpartner, weil seiner Freundin die Lust ausging. „Am Tag der offenen Tür haben sie in der TSV-Turnhalle Sicherungskurse angeboten.“ Damals hat Schell noch in Bremen gewohnt. Die Töchter waren aber montags schon immer bei den Großeltern und beim TSV-Turnen. „Als wir hierher gezogen sind, waren wir gleich im Verein.“ Dann kam die Frage: ‚So, wie sieht es aus, wollt ihr mal einen Kurs geben?‘ Seit 2018 machen Schell und Kollege einmal im Monat den Kinderkurs.

Kletterarten
Schell geht ‚bouldern‘, also Klettern bis vier Meter in Absprunghöhe ohne Sicherung. Und Sportklettern in der Halle am Seil: Sowohl ‚Toprope: das Seil oben angebunden und einer sichert. „Wenn du fällst, hält dich der zweite Mann. Wenn ich mit meiner Frau in der Halle klettere, hängt sie sich einen 15-Kilo-Sandsack dran.“ Das Gewicht muss passen. „Sonst kommt sie einem entgegen, wenn ich reinspringe. Da haben wir beide nichts von.“ Oder Sportklettern als Klettern im Vorstieg (als erster) mit Seilsicherung im Wandkarabiner. „Grob alle zwei Meter. Der andere gibt von unten Seil raus oder holt es ein. Wenn einer fällt, hängt er in der Sicherung.“

Schwierigkeitsgrade
Für Schwierigkeitsgrade wird in Deutschland hauptsächlich die UIAA-Skala (Union Internationale des Associations d’Alpinisme) verwendet: Von 1 bis 11+. „Der 4er-Bereich ist für erwachsene Anfänger. Ab 7+ hat ein Einsteiger keine Chance mehr. Die Halle Ottersberg hat Touren von 4 bis 7 und eine 8- zum Austoben. Ab 8 wird es ernst mit dem Training. Wir sind jetzt im Achter-Bereich angekommen.“ Die Routen haben es in sich, dauern im Training allerdings nicht lange. „Eine intensive Route dauert unter zehn Minuten. Im Idealfall ziehst du es schnell durch. Das ist kraftsparender. Danach bist du im Arsch.“ In den Hallen ist das Routenniveau farblich markiert: Eine Rote ist eine 8, die gelbe eine 4 … Zwischen Halle oder Felswand sind massive Unterschiede. „Wenn du im Team an der Wand mit Klemmkeilen in Felsspalten arbeitest und im Vorstieg kletterst, hast du richtig Kilos und Ausrüstung am Gürtel.“

Übungsleiter
Schell und Kollege bieten TSV-Kinderkurse an: 6 Termine, einmal im Monat zwei Stunden Sonntagsvormittag. „Da nehmen wir auch unsere eigenen Kinder mit.“ Heda (8) und Mari (6) Schell hängen also auch schon an den Klettergriffen. Kursalter 6 – 12 Jahre, 10 – 12 Kinder, ein Frühjahrs- und ein Herbstkurs: Zwei Kinder klettern, der Rest macht einen Parcours in der Halle: Knoten üben, Balancieren auf dem Seil, Kletterspiele … „Wir bauen eine Riesenbewegungslandschaft auf.“ – Norddeutschen Kletterer sind auf Hallen angewiesen. „In der Kletterhalle Bremen hast du auch eine Außenwand. Das ist cool bei Sonnenuntergang im Sommer. Ansonsten muss man weit fahren, um zu klettern. Der nächste Felsen ist der ‚Ith‘, ein Minigebirge hinter Hannover bei Hameln im Weserbergland.“

Am Fels
„Ich habe das Glück, dass mich meine Frau bei meinem Hobby unterstützt.“ Sie fahren mit befreundeten Familien manchmal auch los zum Klettern mit Anfahrt und Zustieg zu einer Felskletterwand. „Ein leichter Zustieg ist ein Parkplatz direkt vor dem Felsen. Dann ist es aber auch dementsprechend besucht mit teilweise bis zu 200 Leuten. Wenn es gut überlaufen ist, hast du richtig Wartezeiten. Dann ist es nicht so romantisch, wie man sich das vorgestellt hatte. Und wenn es ordentlich regnet, kalt, nass und rutschig ist – kannst du wieder nach Hause fahren.“ Dazu kommen Sperrungen wegen der Brutzeiten in Naturschutzgebieten … „Übermut ist im Fels total ungünstig. Aber man wird durchs Klettern mutiger und selbstsicherer. Und man muss an seine Grenzen gehen und über sich hinauswachsen. Man kann beim Klettern auch in seiner Komfortzone bleiben, aber dann gibt es keine Entwicklung.“ Entsprechend haben sich die Sommerurlaubsziele verändert: Gardasee, Kroatien, Österreich … Hauptsache Fels in der Nähe. Die Woche in Dänemark über Silvester mit Kletterfreund und Familien war trotzdem sportlich: 600 Klimmzüge in sechs Tagen im Carport für jeden. „Das hat sich so ergeben.“

Kletterer
„‘Der perfekte Kletterer ist groß, schlank und leicht.‘ Das stimmt nicht. - Was stimmt: ab 100 Kilo wird es schwieriger, aber mit Technik kannst du vieles ausgleichen. Es gibt in den Hallen kleinere Frauen, die ziehen mich locker ab. Auf einem leichten Niveau kann eigentlich jeder klettern.“ Höhenangst? „Kann man überwinden. Das ist eine Kopfsache. ‚Der Kopf ist der wichtigste Muskel beim Klettern‘, sagt man.“ Schell ist Kunst- und Englischlehrer an der Oberschule Langwedel. Einmal war er auf Jahrgangsfahrt mit einer sechsten Klasse im Freizeitpark: Für zwei Minuten Durchhalten an der Klimmzugstange gab es ein Kuscheltier: „Neben mir sind rechts und links die Jungs mit 16 bis 17 Jahren alle abgeschmiert, und ich hing da ewig dran. Das hätte ich zwei Jahre vorher nicht gekonnt. Wir hatten dann das Riesenkuschelschwein in der Klasse stehen.“ Körperspannung ist die halbe Miete. Morgens vor der Schule geht er eine Viertel- oder halbe Stunde nach draußen bei Wind und Wetter auf die Matte im Schlamm: Liegestützen … oder an die Klimmzugstange. „Der Vorteil zeigt sich beim Klettern. Und danach fühle ich mich richtig gut. Ich komme immer mit einem Lächeln in die Schule.“ Den Spaß am Sport will Schell auch verbreiten. Einen weiteres Angebot planen die beiden Übungsleiter gerade als feste Einrichtung in der TSV-Halle: Einen offenen Kletterabend für erfahrene Kletterer, einen Abend die Woche. „Interessierte sollen sich melden.“

Torftipp: 1) klettern@tsvottersberg-turnen.de oder http://www.tsvottersberg-turnen.de/html/klettern.html; 2) Kinderkurs im Frühjahr über klettern@tsvottersberg-turnen.de oder bei Renate Hinrichsen, 01 72 – 77 00 712 oder renatehinrichsen@web.de