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Dezember


Vom Schaf zum Schal

Wollwege: Bio-Schafhaltung und ‚Ernte‘.

Text und Fotos: Götz Paschen

Die Architektin Bärbel Ebeling (53) züchtet in Posthausen-Schanzendorf Schafe. Seit dem 1.11. ist sie biolandzertifiziert. Ebelings kleine Herde produziert in erster Linie Wolle, nicht Fleisch. Ihre Zuchtziele sind mittlere Größe, landtauglich, sturmfest und weiche Wolle. Sie betreibt Nebenerwerbslandwirtschaft: Zwei Dutzend Schafe und Lämmer, 16 Mutterschafe, 2 Böcke, 4 Hektar Grünland plus 2 Hektar Pachtland. Die Biolandrichtlinie erlaubt 15 Mutterschafe pro Hektar plus Nachzucht. Wollschafzucht passt zu Schanzendorf. „Milchschafhaltung würde hier nicht funktionieren. Mit 30 Bodenpunkten ist das eine sehr magere Ecke. Milchschafe bräutchen relativ viel Eiweißnahrung. Da muss die Ernährung schon stimmen. Von nichts kommt nichts.“

Kreuzungen
Ebeling macht bei der Wollverarbeitung alles selber, mit Unterstützung: Scheren, Sortieren, Waschen mit kaltem Regenwasser (Staubanteil 20 %), Wollfett reduzieren, zupfen, kämmen/kardieren, spinnen, haspeln und stricken. „Das Kardieren gibt man gerne weg. Es braucht lange oder kostet Kraft.“ Die Züchterin kardiert Kleinmengen getrennt. „Ich kann die Wolle nicht auf einen Haufen werfen und im Paket kardieren. Ich will wissen, welche Zuchtergebnisse ich pro Schaf habe, bis hin zum Stricken.“ Durch Kreuzungen testet sie, wo die optimale Wolle ist. Das Shetlandschaf liefert keine Sockenwolle. Sie ist zu weich, aber für einen Schal wunderbar. Die Bentheimer und Rauwoller sind optimal für haltbare Socken. Harte Isländerwolle verwendet sie für Hacken und Spitzen der Socken und sonst weiche … Shetland-Deckbock Napoleon mit Rundhörnern ist kleiner als seine Mädels: Rauwollige Pommersche Landschafe, bei Geburt schwarz, später nur noch am Kopf. Weiße Bentheimer Landschafe, eine gefährdete Haustierrasse, aber hier gekreuzt – geländegängig und gut auf nassem Boden. Bei Ebeling erleben sie Nutzzucht, keine Erhaltungszucht. Deutsches Merino, Texelschaf … Alle in fröhlicher Züchtermischung und in Tabellen katalogisiert zur Rückverfolgung der verschiedenen Wollqualitäten. Man unterscheidet Woll- (Merino) und Fleischrassen (Schwarzkopf, Texel). Beide kann man essen und scheren mit jeweils verschiedenem Ertragsschwerpunkt.

Wollfasern
Eine Schur kostet fünf bis sechs Euro pro Tier. Schafscherer wollen die Schafe zügig nackig haben. Die haben leider nicht die Wollfaserlänge im Auge, sondern die Uhr. April/Mai ist Schur für alle. Die Lämmer sind zum zweiten Mal im August dran. Lammwolle ist zwar kurz von der Faser her, aber besonders weich, begehrt und entsprechend teuer. 1.600 Gramm Lammwolle liefern die Rauwoller. Ein komplettes Schafvlies liegt grob bei 2.500 Gramm. 30 Euro hat Ebeling als obere Zielvorstellung für ein Kilo Rohwolle direkt vom Tier. „Für hochwertige Rohwolle baut sich langsam ein Markt auf.“ Ein Schaf frisst pro Jahr für 30 bis 35 Euro plus Tierarztimpfung. Ein grobschlächtiger Tierarzt sagte einmal zu ihr: „Es gibt nur zwei Sorten Schafe: Gesunde und tote.“ Klassische Schäfereien fangen bei 500 Kopf an und gehen locker Richtung vierstellig. „Profischäfer versuchen derzeit vielfach Umsatzein-bußen über Masse auszugleichen. Viele verdienen ihr Geld nicht über die Schafe, sondern über die Landschaftspflege.“ Deiche rasieren, Heidepflege mit Birken wegfressen, Waldvernichter in Moorlandschaften, Kartoffelrosen auf Sylt kurzfressen - sonst überwuchern die die Naturschutzgebiete.

Wollqualität
„Mit dem Zuchtziel Wollqualität bin ich unter den Schafhaltern eher ein Exot.“ Wollqualität heißt optimale Tauglichkeit für Filzen und Spinnen. Auch Mischungen für beispielsweise Sockenwolle sind interessant: Das Bentheimer liefert die Faserlänge der Wolle, der Rauwoller bringt die Kraft in die Wolle durch die Stabilität der Faser. Stabil heißt etwas rauer auf der Haut. „Verschiedene Schafrassen liefern ganz verschiedene Wollqualitäten, von grober Schnuckenwolle bis zum feinen Merino. Hiesige Landschafrassen haben oft Wolle, die nicht in die konventionelle Textilwirtschaft passt. Man kann aber eine Menge draus machen.“ Konventionelle Wollverarbeitung braucht Unmengen an Wasser. Gebleicht und gefärbt wird mit (Chlor-)Chemie. Unerwünschte Pflanzenfasern (Heu …) werden mit Hilfe von verdünnter Schwefelsäure herausgelöst, sogenanntes Karbonisieren.

Textile Ideen
Michael Ruhnau aus Bülstedt züchtet Pommersche Landschafe. Auch sein Zuchtziel ist eine gut von Hand spinnbare Wolle. Entsprechend begeistert ist er von den Gründern von ‚Nordwolle‘, die diese Wolle zu Sportjacken und Funktions-Textilien verarbeiten. Ruhnau: „Was mir besonders gefällt, ist der Anspruch, die gesamte Verarbeitungskette in Deutschland ablaufen zu lassen. Außerdem schaffen es die Inhaber, den Züchtern der Pommerschen Landschafe anzubieten, ihre gesamte Wolle zu verarbeiten und dafür auch noch einen ordentlichen Preis zu zahlen.“ Auch Hersteller wie ‚Rymhart‘ aus Stade setzten auf Spinnen und Färben in Deutschland. 33 Kilometer Garn gehen dort in einen Rollkragenpullover.

Selber machen
Ebeling strickt mit sechs Gramm Wolle Eierwärmer als Spinn- und Strickproben, um zu prüfen, ob die jeweilige Zuchtwolle kratzt. „Handarbeiten wird gerade wieder modern. Es ist verbindend - nicht digital und nicht asozial. Die Hände haben etwas zu tun und man kann mit gutem Gewissen Klönschnack halten.“ Handarbeit liefert schnell sichtbare Ergebnisse. „Spinnen hat etwas Meditatives. Den Rohwollezirkus muss man nicht mitmachen. Da steckt dann doch ewig Zeit drin.“ Zum Zirkus gehört das Waschen und bei Laune das Fermentierten über eine Woche: „Effektive Mikroorganismen fressen den Dreck von der Wolle. Man setzt da nichts zu. Das funktioniert wirklich recht gut.“ – Ebeling selber filzt vegetarische Felle: Es ist ein gefilzter Wollhaufen mit angefilzter Rückseite. Oder sie spinnt auf Uromas Hochzeitsrad von 1880 ihr Garn, ein Doppelbock mit zwei Spulen zum beidhändigen Spinnen. Auf dem Rad hat Uroma Dorothea Maria Hebke ihre gesamte Aussteuer gesponnen: Bettlaken, Handtücher, Tischdecken … inklusive zwei Totenhemden für sich und ihren Mann.

Verwertung
Der Bestand deutscher Schafe liegt bei 1,6 Millionen Tieren und ist in den letzten zehn Jahren um 40 % zurückgegangen. Der Rohstoff Wolle findet in der Bekleidungsindustrie weniger Einsatz. Die Schäfereien suchen nach neuen Verwertungsmöglichkeiten: Dämmstoff, Düngemittel (Stickstoff, Kalium), als Schafwoll-Kokosmatte für Pflanzen mit guter Wasserspeicherung. „Die meisten Schafhalter geben ihre Wolle für lau dem Scherer mit oder werfen sie weg.“ Ein Hersteller verpresst sie zu Wollpellets als Gartendünger. Heilwolle wird für reale Euros gegen diverse Wehwehchen und zur Babypflege verkauft.

Kämmereien
Bedauerlich ist das Sterben vieler Wollkämmereien, unter anderem der Bremer Woll-Kämmerei AG, als weltweit größter ihrer Art mit Niederlassungen in der Türkei, Australien und Neuseeland. Sie schloss 2009 nach starken Nachfrageeinbrüchen während der Finanzkrise. Die Schafe auf Ebelings Wiese interessiert die Finanzkrise damals wie heute dagegen wenig. Solange das Gras wächst, sind sie zufrieden und liefern auch im nächsten April wieder ihre Wolle ab.

Torftipp: Noch Fragen? Bärbel Ebeling: 0 42 97 - 81 63 50, www.lebendige-wolle.net; Michael Ruhnau: 0 42 83 - 61 02, www.michael-ruhnau.com