20 Jahre Torfkurier, der Film






Genau hinsehen

Was sehen Sie, wenn Sie zeitlos sehen?

Von Götz Paschen

Foto: Gabriele Planthaber /pixelio.de

Betrachten Sie die Dame rechts am Teich, die mittlere von den dreien. Der ersten, einer großen Sanften mit weichem Busen, krabbelt zufrieden das Kind mit viel zu erwachsenem Gesicht um die Füße. Erwartungsvoll gehen Sie zur zweiten. Da ist das Kind zu den Füßen dieser Frau ein Kobold mit Grimasse und Pferdehufen. Sie steht auch wenig liebevoll mit einem Fuß auf ihm. Ihre Brustwarzen sind knorpelig, ihr Kinn behaart und der Blick so stechend diabolisch, dass er einen direkt anspringt. Klassisch ausgeführt mit Löchern anstelle der Pupillen in den Augäpfeln. Geronnene Idee einer wilden Künstlerlaune mit Konzept. Wettererprobt trotzt sie Eis, Schnee, Regen und praller Sonne. Eingefroren und erstarrt in einer dynamischen Situation. Das Kind mit ähnlich brachialer Ausstrahlung wie die Mutter. Trotz der Unterdrückungsgeste ihres Fußes voll unbändiger Vitalität.

Weitblick
Der Schlosspark ist ein Genuss, der beruhigt und entspannt. Die Skulpturen in den Posen ihrer Grenzerfahrungen sind oft das Gegenteil dieser Ruhe. Kampfsituationen Mensch gegen Panther oder Mensch gegen Stier. Als Krönung der schlanke David, der den Schädel des Goliath am Schopf in der Faust hält, frisch enthauptet. Passende Ausstattung für ein Ambiente, von dem aus schon ewig regiert wurde und wird. Aktuell Sitz der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns: Schlossherren und -damen mit Anzug und Krawatte oder Kostümchen. Jeder fünfte mit braunem AfD-Parteibuch.

Ästhetik
Wer mit dem Handy fix die Eckdaten aufruft, hat den Faktenüberblick: Slawische Burg von 965, ab 1845 Um- und Neubau in Neorenaissance-Architektur … Das Bauwerk und sein Park erschließen sich einem in ihrem Wesen in erster Linie, wenn man sich ihnen mit Zeit nähert. Druchgaloppieren wie ein Japaner, die Kamera im Anschlag, liefert nicht annährend das mögliche Erlebnis. Leistungs- und Termindruck am Wochenende wegschalten. Der Hetze den Finger zeigen und flanieren. Anhalten, picknicken, abhängen, ein Schläfchen auf der Wiese im Schatten. Die Schnecken an den Wasserpflanzen in den Teichen beobachten. Hier sind Kinder hilfreiche Entschleunigungsfachleute. Durch den tunnelartigen Buchengang spazieren (siehe Foto). Die militärische Aufstellung der schlanken Bäumchen in Reih und Glied bewundern. Eine Pflanzenparade, die Sie wie ein Feldherr abschreiten können. Oder durchschreiten mit wechselnder Perspektive der optischen Figuren, die dadurch entstehen.

Zeit
Ohne Zeit, keine Ästhetik. Wer schürfen will, braucht Muße. Der Leistungsträger sucht diese Räume aus Bildungsanlass auf. Ihm fehlt aber der genießende Phlegmatismus des Tagediebes, dem sich diese Eindrücke eher offenbaren. Der pflückt den Tag und hetzt nicht von Ereignis zu Ereignis. Sucht aber auch oft nicht aus eigener Motivation ästhetische Orte und Momente auf. Sie können nicht im Effizienzhunger Orte komprimiert in sich aufsaugen. Fehlt die Zeit, gibt es nur die Hälfte. Ohne relevanten Wechsel bei Zeitnutzung und möglichst auch –verschwendung kommen Sie nicht in den vollen Empfangsmodus. Da kann der Riesengarten senden, was er will. Bei Ihnen kommt nur ein Bruchteil an. Da stehen sie in der wasserplätschernden Grotte und haben nicht eine halbe Idee davon, was für Eindrücke möglich sind. Fragt man sich doch, ob einen einer dieser Riesensteine von oben nicht gleich erschlägt. Vielleicht vergessen Sie sogar Kupfergeld in den Brunnen zu werfen, weil Ihnen der Aberglaube nicht einfällt, dass man dann wiederkommt.

Gleichgültigkeit
Ihr ist es egal, was Sie tun. Die diabolische Mutter tritt weiter auf ihrem entstellten Nachwuchs herum. Starrt vier Meter vor sich brennend auf die Wiese herab, wenn Sie sich nicht dazwischen stellen. Und es interessiert sie einen feuchten Kehricht, ob das Residenzensemble Schwerin als deutscher Kandidat nun Teil des UNESCO-Welterbes wird oder nicht.

Torftipp: Besichtigen. Tagestour geht, aber ist zu kurz.