20 Jahre Torfkurier, der Film






Über dem Regenbogen

Nur Physik oder ein Wunder?

Von Götz Paschen

Foto: Herla / pixelio.de

Wie beschreiben wir die Welt? Gibt es für jedes Phänomen auf verschiedenen Ebenen verschiedene Erklärungen? Geht es beim Regenbogen um einen radialen Farbverlauf, ein optisches Phänomen mit reflektierenden Wassertropfen einer Regenwand, die Sonne im Rücken? Oder ist er ein fernes flüchtiges Wunder? Ein Wunder, das genauso verschwindet, wie uns der Horizont nicht erreichbar ist. Obwohl es doch eigentlich ganz nett wäre, einmal zum Horizont zu gehen, anzukommen und zu sehen, wie es dort aussieht an der Kante, wo Himmel und Erde aufeinander treffen. Dort, wo man früher von der Scheibe herunterfiel ins Bodenlose, als sie noch keine Kugel war. Und vielleicht ist der Regenbogen der Ort, an dem die Seelen leichtfüßig die Erde verlassen. Egal, wie gebrechlich oder krank ihre Körper waren. Deshalb können wir, die im Leben stehen, ihn auch nie erreichen.

Leichtfüßig
Dort, wo der Regenbogen auf beiden Seiten auf die Erde trifft, stehen die frisch Gestorbenen vergnügt beieinander. Dann spazieren sie auf ihm in den Himmel. Ein langer beschwingter Tross von Seelen, die jenseits der Schwerkraft ihres Körpers und ihrer Geschichte von der Erde in den Himmel wandern und hüpfen. Je nach Laune und Naturell. Dass der Horizont doch einen Ort auf Erden hat. Und irgendwo da ist farbiges Licht, das eine Wiese quirlig erhellt. Dort versammeln sie sich, die seit dem letzten Regenbogen gestorben sind. Warten darauf, dass er prächtig strahlt und treten dann leichtfüßig ihren Weg in den Himmel an. Die prickelnde Frische des Regens auf der Haut und im Gesicht, die aber gleich wieder von der Sonne getrocknet wird. Um kurz darauf wieder durch eine Wand von Tröpfchen zu laufen. Greise Seelen, junge Seelen, mitten aus dem Leben herausgerissene und ganz kleine. Leichtfüßig und unbeschwert auf dem Weg in eine andere Dimension, die jeglicher Physik wiederspricht. Schwerkraft, Farbspektren, Kohlenstoff, Hunger und Durst – all das ist Geschichte. Relevant ist vergnügtes Spazieren in luftigen Höhen. Ganz ohne Angst. Getragen von bunten Farben, durch die unten die Landschaft immer kleiner wird. Im Wolkennebel laufen wie auf Watte. Miteinander oder alleine vergnügt sein.

Schwerelos
Die Leichtigkeit genießen, die sie vielleicht vorher nie gekannt haben. Frei sein von Hautfarbe, Herkunft, Genetik, Geschichte, Armut oder Wohlstand. Reduziert auf das Wesen, vergnügt mit anderen. Vielleicht mit dem Gedanken, dass alle Hinterbliebenen sich nicht solche Sorgen machen müssen. Erleichterte Seelen. Vielleicht auch der, der sich letztes Wochenende vor den Zug geworfen hat. Oder einer, der sich zum Ende nur noch an Apparaten gequält hat. Wer weiß denn von uns, was kommt. Das Fegefeuer, heiß und unterirdisch nur eine historisch kirchliche Drohung. Und eigentlich geht es frisch, kühl und angestrahlt fröhlich in den Himmel hinein. Und oben auf dem Scheitel des Regenbogens, wo er der Unendlichkeit am nächsten ist, heben sie ab. Einer nach dem anderen schwebt davon. Dorthin, wo alle sind. Da, wo es nie zu voll wird. Weil die stoffliche Welt unter und hinter ihnen liegt mit ihren Sorgen und Nöten und ihrem Kummer.
Vorfreude
Was nur wir nicht verstehen, die staunend uns den Regenbogen anschauen. Und vielleicht mit einer stillen Vorfreude, ohne wirklich zu wissen, was uns bewegt. Dann, wenn es soweit ist, den Punkt erreichen, wo der Regenbogen auf die Erde trifft und die Seelen der letzten Wochen sich versammeln. Erklärungsmus-ter einer fröhlich spazierenden Gesellschaft, schwerelos und liebevoll. Und dieses Wundern und die Sehnsucht als Ahnung, die in uns wohnt. Als Wissen um eine Welt, in der der Friede herrscht, den wir im Irdischen vermisst haben. Keine Auflösung in die Elemente Kohlenstoff, Wasserstoff … Dekonstruktivismus. Der vernünftige medizinische Hirntod, ohne einen Rest von der Idee einer Person: Maschine aus und fertig. Das Gegenkonzept dazu über den Regenbogen mit uns verbunden.

Torftipp: Wundern Raum geben.