20 Jahre Torfkurier, der Film






September


Sich frei drehen

Der Weg zum eigenen Stil.

Text und Fotos: Götz Paschen

„Es ist schon entspannend, 50 Becher zu drehen. Mit Kundenunterbrechung sind das knapp zwei Stunden nur drehen. Aber danach muss ich erstmal was anderes machen. Ich verkaufe unwahrscheinlich viele Becher, das ist ja das Problem.“ Dörte Schnackenberg hat ihre Töpferei vor 20 Jahren in Wilstedt gegründet und genießt die Monotonie der Arbeit, bis sie die Lust verlässt. Nur Becher und Teller fertigt sie in Serie. Die Nacharbeiten wie abdrehen, Henkel dran … sind mehr Aufwand als das Drehen selbst. Glasieren und Brennen macht sie daheim in Tarmstedt. Früher hat Dörte Schnackenberg sich abends, wenn ihr Kind im Bett lag, an die Scheibe gesetzt. „Johannes hat in der Grundschule gesagt: Ich werde kein Töpfer, die müssen immer nachts arbeiten.“

Hundertwasser
Schnackenberg töpfert auch bunte Pflastersteine à la Hundertwasser. „Pflastersteine sind eine nette Abwechslung zum nassen Drehen. Du schlägst die, bis sie die Form haben. Das hat man ja irgendwann drauf. Dann müssen die Steine formatig sein, dass sie in das normale Pflaster passen: 10 x 20 oder 12 x 24. In dem 10 x 20 sitzen sie stramm drin. In dem anderen hat man eine Fuge.“ Ihre Kunden dekorieren gerne ihren Garten. Wer einen langweiligen Weg hat, kann ihn damit aufwerten. „Deswegen habe ich das hier vorne in meinem Weg gemacht. Es war nicht so geplant, glasierte Pflastersteine zu verkaufen. Aber dann haben die ersten danach gefragt.“ Wilde Wege ohne formatige Steine liegen im Trend. „Den Künstler Hundertwasser empfinde ich als individuell. Er spricht mich ästhetisch an: Begrünt und nicht so gerade. Ich habe Bücher von Hundertwasser gelesen und war in Uelzen am Bahnhof. Er hat mich inspiriert, nach Barcelona zu fahren. Ich habe den Park Güell von Antoni Gaudi* in Barcelona gesehen mit Sitzbänken mit Mosaiken aus Fliesen. Barcelona ist total geprägt durch Gaudi. Ich finde es schön, Farbtupfer zu setzen und monotone Formen aufzubrechen.“

Ästheten
Das Keramikpublikum ist breit, oft 50plus und hat Geld übrig, weil die Kinder groß sind. „Mit 25, wenn du zur Miete wohnst, brauchst du noch keine glasierten Pflastersteine.“ Zwischen Bremen und Hamburg hat Schnackenberg ‚die Welt‘ mitgestaltet. Während das Dorf bei ihr mal ein Hochzeitsgeschenk kauft, kommen die Stammkunden regelmäßig. Sie legen Wert auf individuelle Details für mehr Freude im Alltag. „In einer Welt, wo alle das Gleiche haben, ist es wichtig sich mit persönlichen Dingen zu umgeben. Hier sind Sonderwünsche möglich. Das finden die Leute gut.“ Schnackenberg hat das Gefühl, dass Keramik aktuell boomt. „Es kommen auch wieder sehr viele junge Leute, die auf Keramik stehen. Vor ein paar Jahren hatten wir eine Flaute.“

Umwege
Schnackenberg hat vorher in der Pflege und im Behindertenbereich gearbeitet. „Meine Eltern wollten, dass ich was Anständiges lerne.“ Aber sie wollte schon immer Töpferin werden. 1996 war die Prüfung nach Abschluss in einer Werkstatt in Worpswede. „Ich bin Töpferin. Im Gesellenbrief heißt das keramische Freidreherin.“ Die Ausbildungswerkstatt prägt den Stil. „Man lernt Elemente in der Ausbildung und versucht sie abzuändern: Wir sahen mit Kolleginnen im dritten Lehrjahr, dass wir alle gleich schneiden. Und in Worpswede wurde immer total dünn gedreht. Das mache ich auch.“ Einmal kam eine Frau mit einem Auftrag: ‚Mein Mann hätte gerne so einen richtig dicken Humpen‘. „Da muss ich mich schon anstrengen, das zu drehen. Dick zu drehen, liegt mir seit der Ausbildung nicht mehr.“ Alternativ besucht man in Landshut die Keramikschule, eine teure, rein schulische Ausbildung. „Da kommt man anders raus, als aus einem Betrieb, der dich über Jahre prägt und für den du die Serien und Aufträge drehst.“ Über die Jahre macht man sich dann von dem Stil frei. Jede Töpferei hat einen festen Stil, ihre Serien, ihre Glasuren. Und um die Monotonie aufzubrechen, entwickeln viele parallel neue Linien.

Kugeln
Schnackenberg verarbeitet verschiedene Tonsorten und hat aus Resten erst Pflanzschalen gefertigt und dann die ‚Kugeln‘. „Das ist meine ganz persönliche Handschrift.“ Sie hat von Ammoniten Gummiabdrücke genommen und die Kugeln damit dekoriert. „Du drückst Reste in Halbschalen und hast dadurch die Risse. Dann streichst du Glasur drauf und wischt sie ab, dass die Glasur nur in den Rissen bleibt. Und einen Ammoniten rein, das es Geschichte hat.“ Kürzlich hat die Töpferin einen Vergoldungsworkshop gemacht und testet die Ergebnisse gerade auf Wetterfestigkeit im eigenen Garten. - Klingt alles sehr kreativ, aber der Alltag ist auch geprägt von Aufträgen. Schnackenberg macht jeweils vor den Betriebsferien einen Endspurt. „Ich habe das Bedürfnis, einmal im Jahr die Zettelwand leer zu haben und zu sagen: So, alles geschafft. Alles abgearbeitet. - Dann kriege ich einen kreativen Schub.“

Ignoranz
Schnackenbergs Wochenenden waren jahrelang für Märkte verplant. Da passten Wochenendkurse nicht mehr rein. Und: „Die Teilnehmer wollen nach einem Wochenende beim Töpferkurs an der Scheibe mit einem Teeservice nach Hause gehen. Das klappt nicht.“ Die Töpferin hat als Dorfkinderaktionen einmal mit Kacheln eine Bushaltestelle dekoriert. „Leider wurde die dann abgerissen, ohne uns zu informieren. Die Kinder sind heute 20 Jahre und älter. Aber die Mütter haben gefragt, ob ich die Kacheln gerettet hätte. Man hätte ja Bescheid sagen können.“ Eine nette Aktion war auch die Kachelwand bei der Projektwoche in der KGS Tarmstedt. „ Mit den Kindern war es ok. Die Lehrer sind anstrengender als die Schüler.“ Schnackenberg konnte an den Schulofen nicht ran. Das durfte nur der Werklehrer.

Verkauf
Die Töpferin besucht nur Märkte zwischen Bremen und Hamburg. „Ich lebe vom Nachgeschäft und nicht von dem, was ich dort verkaufe.“ In ihrer Töpferei hat sie feste Öffnungszeiten. Das sei für die Kunden besser. „Ich finde es in Ordnung, wenn man unverbindlich gucken kann. Das ist meine Haltung. Einige Sachen sind auch nicht billig. Deshalb müssen Kunden es sacken lassen und kommen vielleicht noch einmal wieder. Weil ich gleichzeitig arbeite, ist es unverbindlich. Ich komme, wenn die Kunden es wollen, aber stehe nicht daneben und warte, dass sie einen Becher kaufen.“ Wilstedt zieht, meint Schnackenberg: Wilstedter Frühling, Olivenölfest, KulturLandKultur, Kunsthandwerkermarkt, Apfelfest. „Es ist total viel los. Dadurch habe ich meinen Zulauf.“ Früher ist sie ein- bis zweimal im Monat auf Kunsthandwerkermärkte gefahren. 2016 und 2017 waren es überwiegend Heimspiele in Wilstedt und nette kleine Märkte in der Region. „Ich könnte noch viel mehr auf Märkte gehen.“ Freizeit statt Reichtum und kein dickes Auto ist ihr Motto.

Heimspiel
Dörte Schnackenberg veranstaltet nicht nur die KulturLandKultur maßgeblich mit, sondern richtet auch den Kunsthandwerkermarkt in Wilstedt mit aus (siehe Infokiste). „2016 war er super gut besucht. Wir haben immer gutes Wetter, schöne Atmosphäre und gute Aussteller: Alles Profis, die davon leben, kein Gedöns. Und Handelsware schon gar nicht. Ich finde, dass Wilstedt ein schöner Ort ist und Am Brink eine gute Kulisse für den Markt.“ 30 Aussteller zeigen zwischen Apotheke, Sparkasse, Kirche und Friedhof, was sie können. Jedes Jahr kommt ein harter Kern, aber rund zehn Aussteller wechseln urlaubsbedingt oder strategisch, dass Abwechslung im Markt ist. Der Markt geht in die achte Runde. Anfangs fand er nur alle zwei Jahre statt. „Jährlich ist einfacher. Das können die Leute besser abspeichern. Nach zwei Jahren fängst du mit der Werbetrommel wieder von vorne an.“ Wer sich also die Fahrt nach Wien zum Hundertwasserhaus oder nach Uelzen zu seinem Bahnhof sparen will, kommt nach Wilstedt.

Torftipp: Monotonie aufbrechen.

*„Wer weiß, ob wir das Diplom einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben – nur die Zeit wird es uns sagen.“ Elies Rogent, Direktor der Architekturschule, anlässlich Gaudis Abschluss 1878.