20 Jahre Torfkurier, der Film






Der Ingenieur

Bahnhof Uelzen – nichts ist gerade.

Von Götz Paschen

Foto: Andreas Walgenbach/pixelio.de

Hundertwasser, sicherlich ein Mann mit hoher Gedankenstruktur, aber anders. Ein Ingenieur steht in Uelzen am Bahnhof. Wundert sich. Formen, Farben, Wandbelag – nichts ist wie überall. Funktioniert schon: Züge fahren durch, halten an, nehmen Leute mit. Die meisten sogar preußisch pünktlich. Das Ambiente aber irritierend, fremd. Es gleicht dem Gestaltungsdrang einer gut situierten Hausfrau kurz nach der Menopause, die Kinder aus dem Haus, auf der kreativen Suche einer neuen Lebensphase.

Haus und Hof
Daheim funktioniert alles: Haustechnik, Auto, Nachbarschaft, Frau und Kinder. Ein Ingenieur hat als berufliche Lebensaufgabe, Funktionen herzustellen und aufrechtzuerhalten. Wenn er es verinnerlicht, sieht es daheim entsprechend aus. Fürsorglich als Vater, liebenswert als Freund, gefragt bei technischen Defekten. Aber/Und auch: Selten in Schlägereien verwickelt, nicht wirklich dramafähig – auch wenn es gewünscht ist, tanzgebremst. Ein Ingenieur betrachtet sein Haus als Ansammlung von Funktionen, das familiäre Reproduktion garantiert. Im Rahmen seiner intellektuell hochentwickelten Fähigkeiten gehören dazu integral auch vitaler Sport, Reisen, Ausflüge … das ganze Programm. Wobei Programm hier wortenger gefasst ist, als das Idiom der eigentlichen Floskel. Leistungsfähiger Vererber, der die Brut sicher ins Leben führt.

Die Liebe
Das Blumenbouquet, der Restaurantbesuch, wöchentlich Erotik ohne harte Exzesse. Wen Sicherheit verlockt, der findet hier eine breite zuverlässige Schulter. Untreue stört die Abläufe, ist nicht die Regel. Geht die Frau flöten, wird nach der Funktionsstörung gefahndet. Rettungsmechanismen sind bürgerlicher Alkoholkonsum ohne völlige Selbstzerstörung, Strukturwahrung, Ersatzteilrecherche. Wut ja, aber keine Tobsucht. Trauer auch, aber keine Heulerei. Teilzeitsuff schon, aber nie Dauerabsturz. Ein Ingenieur kennt seine Maschine. Er weiß, was sie am Dampfen hält und was ihr schadet. Die Folgefrau ist bar unberechenbarer Dysfunktionalitäten. Ihn zieht es kein zweites Mal an, das bezaubernd Fremde. Er vermeidet Folgefehler gleicher Struktur.

Der Beruf
Gut bezahlt. Systemstützend. Optimierend, wo auch immer sich Ansätze bieten. Lösungskreativ, dass es einen irritiert, was für harte Diagonalen und Zirkel eine Intelligenz liefert, die auf Geradlinigkeit ausgerichtet ist. Funktion als oberstes Postulat lässt alle Schlüsse zu, die ihr dienen. These: Rechtwinklig, Antithese: Mäandrierend. Und klassisch dialektisch nutzt er auf der übergeordneten Ebene auch abwegige Ideen, die das Ziel stützen. Man hüte sich, Charaktere zu eindimensional auszulegen. Bei Bedarf wird das Spektrum spontan erweitert. Was schlummert in den Höhen freien Denkens? Was in den Abgründen stammhirnbegabter bürgerlicher Mitte?

Lebenskrisen
Mokiert sich die getrennte Ingenieursgattin über ihren Ex, verkennt sie oft Vorzüge und Qualitäten. Der Wohlstand als Substanz der Scheidungsauseinandersetzung ist Folge der Scheidungsursache: einer sauber funktionsorientierten gedanklichen Struktur. Kitzelt sie nicht im Eheverlauf die Brachen wach, bleibt ihr nur Kategorisierung in: Ingenieure und ‚andere Männer‘. Er fährt wieder – alleinstehend, aufgerappelt - zum Beachvolleyball an die See. Sie weiß Bescheid: Balzphase – dort haben wir uns kennen gelernt. Monsieur ist auf Brautschau. Nordseesand. Baggerplätze mit Schürferfolg werden wiederholt angesteuert.

Eine Sorte
Trockenrasierer, Kontrollfreund, Dispogegner, Problembeobachter. Ein Bekannten- und Kollegenrudel, das die mentale Struktur eher bestätigt als in Frage stellt. Frisch geduscht, gut frisiert, zuvorkommend und freundlich. Gelegentlich gedanklich introvertiert. Zeitgenosse, mit dem es sich leben lässt. Tragende Säule unserer Gesellschaft.

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