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Mai

20 Büchereimütter in Sagehorn
Elterninitiative zur Leseförderung.

Text/Fotos: Götz Paschen

Grundschule Sagehorn, erster Stock, links rum ist die Schulbücherei: An den Wänden Regale voller Bücher. Im Viertelstundenrhythmus kommen die Klassen. Rudelweise Kinder, die Bücher ausleihen, zurückgeben, sich in der Kuschelecke fläzen ... Hinter der Ausleihe zwei Büchermütter, die mit Karteikisten alles erfassen. Dazwischen fröhliche Zöpfchen und Bürstenköpfe, die hier lernen, wie Wissbegier analog befriedigt werden kann. Leseförderung, die funktioniert. Nicht wirklich erstaunlich: Null Brennpunkt, solides Bürgertum, Mütter mit Zeit für Ehrenamt.

Engagiert
„Familien sollten Vorlese- und Leserituale einrichten. Oder auch mal in der Mittagsruhe ein Buch lesen. Es kann ja nicht den ganzen Tag nur Halligalli sein am Wochenende. Das ist für die ganze Familie entspannter.“ Katja Garbes (40) leitet seit März die Bücherei an der Grundschule Sagehorn. Entsprechend ist sie auch für die Sparte Bücherei im Vorstand des Schulfördervereins ‚För use Lüttjen e. V.‘. Ihr Sohn geht in die erste Klasse. Das Ehrenamt wurde beim Elternabend von den Büchereifrauen vorgestellt. Katrin Klussmann (39) hat vorher die Bücherei geleitet: „Wir werben beim Elternabend der neuen ersten Klassen für neue Mitmacher.“ Ihr Sohn ist jetzt in der vierten Klasse. Sie ist bald nicht mehr hier. Klussmann hat für Eltern einige Lesefördertipps zur Hand: „Kinder werden oft nicht freiwillig lesen, wenn sie die Wahl zwischen Buch, Fernseher und Playstation haben.“ Wenn die zu viel vor welchem Bildschirm auch immer sitzen, hat sie zwei kurze Sätze als Empfehlung: „‚Jetzt ist Feierabend.‘ Und ,Dann lies ein Buch.‘ - … ganz freiwillig.“ Wer Kindern immer die Wahlfreiheit lässt, hat es bequemer, fördert aber ihre Medienverblödung.

Junge Leselust
Es gibt technische Medien, die mehr können als nur Lesestoff anzuzeigen. Dann wird da doch nur die Spielfunktion genutzt. Ablenkung vorprogrammiert. Daher Klussmann: „Ich meine richtige analoge Bücher und keine Technik. Wenn man die da nicht ranführt, wird das nichts.“ Ranführen, was heißt das? „Anfühlen, riechen am Buch … Auf Flohmärkte gehen und Bücher kaufen. Es gibt ja richtige Bücherflohmärkte zum Beispiel an der IGS in Oyten. Oder mit Kindern in die Gemeindebücherei schmökern gehen. Was zu ihnen passt, kriegen Kinder dabei selber raus.“ Klussmanns schlichtester Tipp für Eltern: Selber lesen. „Wenn die Kinder das Lesen aus dem Elternhaus kennen, ist die Chance, selber zu lesen, viel größer. Meine Kinder sehen mich, sobald ich eine freie Minute habe, lesen. Als ich in Mutterschutz ging, hat mir mein damaliger Chef ein dickes Pippi-Langstrumpfbuch geschenkt.“ Ein schönes Geschenk, ein gutes Signal.

Budget
Garbes: „Die 12 Euro Fördervereinsbeitrag im Jahr tun ja keinem weh, wenn das eigene Kind davon profitiert. Auch eine passive Mitgliedschaft hilft.“ 500 Euro spendiert der Schulverein jährlich für neue Bücher. Die Schule legt noch einmal 400 Euro obendrauf. Die Büchereileitung kauft einmal im Jahr rund 100 Bücher ein. Relevant sind unter anderem Bücherwünsche der Kinder und Lehrertipps im Sachbuchbereich. Manchmal gibt es Bücherspenden von Eltern oder Lehrern. Büchereileitung heißt in Sagehorn auch Heimarbeit. Neue Bücher werden gestempelt, kriegen hinten die Klebeecke für die Karte, einen Buchrückenaufkleber … Klussmann: „Ich habe da nach dem jährlichen Einkauf manchmal eine Woche jeden Nachmittag zwei Stunden dran gesessen.“

Ausleihe
1.000 bis 1.500 Bücher sind im Bestand. Dienstags und freitags von 8.00 bis 9.30 Uhr ist die Schulbücherei geöffnet. Jede Klasse hat 15 Minuten mit ihren Lehrern Zeit. Die Großen kommen auch schon alleine. Die Kinder aus der ersten Klasse haben jeweils einen Lesepaten aus der Dritten. Der hilft ein bisschen beim Aussuchen. Unterrichtsentsprechend werden manchmal Bücher zum Thema der Stunde ausgewählt, zum Beispiel zum Thema Haustiere. Strafgelder für Leihfristüberschreitung gibt es nicht. Ein Verlustbuch muss pauschal mit fünf Euro bezahlt werden. Die Ausleihfrist ist eine Woche plus maximal vier Verlängerungswochen. Außerhalb der Öffnungszeiten bleibt die Schulbücherei geschlossen.

Vorlesetag
Am Vorlesetag im November kommen zwölf lokale Promis in jeweils eine Klasse und lesen vor: Die Schulleiter von Cato und GamMa, jemand vom Vorstand des TV Oyten, der Bürgermeister … Die bringen ihr Lieblingskinderbuch mit und lesen 45 Minuten vor. Die Kinder lauschen gespannt. Klussmann: „Die waren fast leise. Fummeln in den Griffelmappen rum oder bauen den Kulli auseinander und hören zu. In unserer Klasse hat Herr Stelling, der Direktor vom GamMa (Gymnasium Am Markt Achim) vorgelesen. Er hat toll gelesen und am Ende der Klasse das Buch geschenkt, dass sie es zu Ende lesen konnten. Die Kinder waren begeistert. Zusätzlich gab es für jeden ein Lesezeichen, die seine fünfte Klasse gebastelt hatte.“ Klingt alles so nett nach heiler Welt. Schön, ne?

Motivation
Von wöchentlich bis einmal im Quartal sind die Büchereimütter am Start. An der Wand hängt ein Dienstplan zum Eintragen. Schlemm: „Die Kinder erzählen Geschichten oder was sie gerade erlebt haben, wenn sie in Plauderstimmung sind. Viele kenne ich schon aus dem Kindergarten.“ Garbes: „Man nimmt an einem kleinen Stück Leben der Kinder in der Schule teil und ich lerne die Kinder aus Leos Klasse kennen.“ Warum schiebt frau hier Dienst? Garbes: „Weil ich das toll finde, dass den Kindern eine Bücherei geboten wird. Ich fand die kleine Bücherei in unserem Ort als Kind auch gut. So etwas muss man unterstützen, dass es Bestand hat. Deshalb bin ich hier. Bücher sind etwas Handfestes, was Echtes – das ist wie Fotoalben angucken. Heute hast du leider alles digital.“ Sie hält auch mehr von Lese- als von Hörbüchern. „Man muss sich beim Lesen selber beschäftigen. Da kann man nicht nebenbei noch etwas bauen oder machen. Es ist ohnehin oft alles viel zu hektisch heutzutage. - Ich lese natürlich jeden Tag den Kindern am Bett vor oder auch mal zwischendrin.“ Klassischer Elternfünfkampf: Zähne putzen, Bett scheuchen, lesen, Lied und beten - Schluss.

Nutzung
Ein Erfolgstag in der Bücherei sieht für Garbes so aus: „Alle Kinder geben Bücher ab, nehmen neue mit oder verlängern welche. Und dass alle Klassen da waren.“ Es ist auch durchaus pädagogischer Einsatz gefragt. Klussmann: „Es gibt Kinder, die kommen hier rein, toben, hören auch nicht und leihen nichts. Das sind auch nicht wenige. Die Erstklässler leihen noch alle Bücher aus. Aber in der vierten Klasse lässt das Interesse spürbar nach. In der vierten Klasse leiht von 20 Kindern nur die Hälfte etwas – die haben leider schon Handys.“ Die Zurückhaltung könnte auch am Bestand liegen. Vielleicht sind dort noch thematische Lücken. „Als ich das übernommen habe, waren hier fast nur Mädchenbücher. Mädchen leihen mehr als Jungs. Und erstaunlich ist das große Interesse an Sachbüchern.“ Klasse sind Kinder, die beim Thema Buch richtig angebissen haben. „Manche haben gezielt Fragen nach einem Buch. Gehen auch direkt an die Regale und gucken rein in die Bücher, bevor sie sie leihen. Die wählen auch explizit aus. So ein Lesekind sucht sich sein Buch, wie wir es auch tun würden.“

Abschied
Die Zusammenarbeit zwischen Schulförderverein, Lehrern, Schule und Gemeinde läuft gut. Klussmann: „Die Schule ist sehr dankbar für den Verein und seine Aktivitäten. Da ist Respekt auf beiden Seiten und das funktioniert sehr gut.“ Zu Weihnachten erhalten die Büchereifrauen ein kleines Geschenk und wenn eine im Sommer mit ihrem Kind die Schule verlässt, gibt es zur Anerkennung einen Blumenstrauß. Bei Katrin Klussmann ist es dieses Jahr soweit: „Engagement in Bereichen mit Kindern gibt einem den Einsatz eins zu eins zurück. Ich habe das mit Herzblut gemacht, aber was soll ich hier bleiben, wenn ich hier kein Kind mehr habe. Alles hat seine Zeit.“

Torftipp: https://gssagehorn.oyten.de –Beitrittsformular zum Schulförderverein; foer.use.luettjen@gmail.com