20 Jahre Torfkurier, der Film






Darkroom Vogelhäuschen

Wenn Sie wüssten, was da abgeht …

Von Götz Paschen

Fotos: Karl Dichtler/pixelio.de; Michael Loeper/pixelio.de; I. Rotsch/pixelio.de; Gischott/pixelio.de

Es fing alles ganz harmlos an. Mein Kumpel Winni schenkte mir ein Vogelhäuschen zu Weihnachten und baut es nicht an. Solche Nachlässigkeiten sollten in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft eigentlich nicht vorkommen. Bei mir stehen schon zwei Insektenhotels neben dem Schuppen im Garten unangenagelt. Wichtige Habitate für erdnah lebende Wespen und Bienen! In der Garage wartet ein Fledermausnistkasten auf die Montage. Oft kommt zu dem Mangel an Antrieb und Geschick auch noch ein Informationsdefizit. Müssen Insektenhotels Richtung Süden hängen, wegen der Wärme zum Brüten? Wo hängt man einen Fledermauskasten auf, dass die Mäuse den auch wirklich ansteuern? Fragen, die wir uns alle täglich stellen. Und daher werden viele ökologische Geschenke in Garagen oder Schuppen gestapelt und entsprechend gering besiedelt. Was einem dann allerdings im Winter auch die Reinigung erspart. Ganz im Gegensatz zu den Türkentauben unter unserem Dach. Die haben im letzten Jahr locker vier Gelege in ihrem schlampigen Nest großgezogen und die paar Zweige in der Saison gänzlich dichtgeschissen. Aber da musste ich auch nichts machen.

Servicegeschenke
Kurz und gut: Monate später – die Schokolade im Nistkasten ist längst abgelaufen, wie ich dann sehe – kommt Kumpel Winni spontan mit seiner Makita vorbei. Ich musste mir einige dumme Sprüche anhören und in schwindelerregender Höhe schrauben. Akkuschrauber rechts, Nistkasten links und keine Hand für die Sicherheit. Das Ding hängt und wird von den ersten Interessenten angeflogen. Und hier kommt Winnis Reaktion: ‚Hoffentlich auch von Interessentinnen - sonst wird das nichts ...‘ Aber weit gefehlt. Die Tierwelt ist weder so heterosexuell, wie wir uns das für die Arterhaltung wünschen, noch kennen wir ihre originellen Vorlieben und seelischen Abgründe.

Hans und Erwin
Mein Vogelhäuschen wurde spontan von Hans und Erwin besiedelt, einem schwulen Kohlmeisenpärchen. Hans ist impotent und Voyeur, und Erwin steht auf Lack und Leder und Darkroom. Das ist auch deren Hauptproblem, weil die voyeuristische Kohlmeise im Darkroom nicht zugucken kann, wie ihr Kumpel vögelt. Sie haben es mit einer Thermografiebrille probiert ... Das hat natürlich auch nicht geklappt. Und jetzt haben die immer Theater deswegen. Winni, der eher auf Erwins Seite steht, hat mir natürlich ein Vogelhäuschen geschenkt und keine offene Nisthilfe. An sich ist jedes Vogelhäuschen nichts anderes als ein Darkroom für Federvieh. Und wenn Sie Ihrer Phantasie nur halbwegs freien Lauf lassen, haben Sie eine düstere Ahnung, was da alles drin abgeht. Wir wissen es wahrlich nicht zu ermessen. Wenn Sie wieder einmal eine Kohlmeise mit Thermografiebrille durch die Gegend fliegen sehen, ist das Hans. Bestellen Sie ihm einen schönen Gruß von mir.

Torftipp: Montieren Sie als Schenkender Geschenke direkt am Geburtstag, gegebenenfalls ungefragt. Alles andere ist halber Kram. Vertilgen Sie die Schokolade selber, wenn sie nicht spätestens eine halbe Stunde vor Ihrer Abfahrt aufgegessen ist.