20 Jahre Torfkurier, der Film






September


25 Jahre Gründung

Wann hört der Anfang auf?

Text: Götz Paschen
Fotos: Elke Paul

25 Jahre ‚Torfkurier‘ sind für mich eine lebensprägende Geschichte. - Am 24.12.1980 sitze ich Weihnachten vor meiner ersten Schreibmaschine: Modell ‚Gabriele 12‘ von ‚Adler‘. Die brauchte ich als 12-Jähriger für meine Gedichte und Kurzgeschichten. 13 Jahre später wird die Gabriele Basis meiner heute 25-jährigen Selbständigkeit. Ich war bekennender Maschinenstürmer. Computer kamen 1993 bei der Verlagsgründung nicht in Frage.

Schreibmaschine
Drei Jahre produzierten Elke Paul, meine damalige Lebensgefährtin, und ich beinhart ohne PC: Tipp-Ex-Papierchen, Grafikstifte und kreative Handzeichnungen gehörten dazu. Mein Bruder setzt die Texte für die Anzeigen am Rechner und schickte die Textschnipsel per Post. Die Kalendertermine (Zettelchen mit Büroklammern an Karteikarten) für den Kulturkalender wurden in zeitlicher Abfolge in Karteikisten sortiert und erst kurz vor Druckabgabe abgetippt. Einfügen unmöglich. Zum örtlichen Kopierladen am Bahnhof hatten wir einen eigenen Schlüssel. So konnten wir die Texte auch nachts auf 70 % verkleinern und weiterproduzieren. Papierfahnen lagen frei offen im Büro auf den Tischen. Sie wurden bei vollständiger Seite mit ‚Fixogum‘ montiert, einem genialen Grafikmontagekleber aus der Tube. Wehe dem, der Durchzug machte. Dann hieß es Papierfahnen aufsammeln und in Reihenfolge sortieren. Eine Innovation war ein Papierschrank, ein großer Schubladenschrank, in dem die Seiten windsicher lagen. Als neues Möbel für Betriebsgründer zu teuer. Ich telefonierte pietätsgrenzwertig die Todesanzeigen eines Architektenblattes durch. Bei den frischen Witwen erkundigte ich mich erfolgreich nach überflüssigen Papierschränken. Ende 1996 kam der erste PC. Monate dauerte der autodidaktische Kampf mit Anwendungssoftware wie Pagemaker, Photohop, Excel und Access-Datenbanken. Selbststudium und Zeitverschleiß. Schmerz suchen und finden.

Freiheit
Fahrradladen oder Zeitschrift waren meine Berufswünsche. Das politische Übergewicht gab den Ausschlag. Selbständigkeit war Prämisse, weil ich keine Lust hatte, unter inkompetenter Führung als qualitätssichernde zweite Reihe zu arbeiten. Die Mutter eines Kunden formulierte einmal: „Lieber als kleiner König sein eigener Herr sein, als ein großer Fürst.“ Bis zum kleinen König ist es allerdings ein weiter Weg. Am Anfang ist der Gründer Sklave seines persönlichen Wahnsinns. Wer will, darf das Freiheit nennen. Schließlich folgt jeder größeren Entscheidung auch eine größere Konsequenz mit ihren Rahmenbedingungen. Die Entscheidung ist Freiheit. Die Konsequenz ist Folge. Sich nicht zu entscheiden, ist keine Freiheit. Wie man es dreht und wendet: Das Thema Freiheit ist von Paradoxien durchwachsen.

Puppenstube
Wir hatten von Grafik keine Ahnung. Genauso wenig von Verlag, Anzeigenverkauf, Pressedistribution …? Ich konnte schreiben und war seit meinem 14-ten Lebensjahr journalistisch aktiv. Elke Paul malte gut und hatte Auge und Händchen. Aber Grafik? Als wir feststellten, dass die Texte montiert werden mussten, haben wir eine Nachttischlampe umgedreht auf den Fußboden gelegt, dass sie nach oben leuchtet. Schräg konstruiert drüber kam dann eine Doppelglasscheibe mit Butterbrotpapier und Millimeterpapier mit eingezeichneten Spalten. Und auf der Glasscheibe wurde produziert. Anzeigenformate nach DIN kannten wir nicht. Richtig weit vorne waren wir dann, als wir eine Puppenstube auf den Rücken legten, entkern-ten und abschrägten. Sie mit Alupapier auskleideten und zwei Neonröhren ausstatteten. Milchglasscheibe, Millimeterpapier und fertig war der Lichttisch. Wir waren damals auf dem Stand der Zeit. Die Computergrafik steckte noch in den Kinderschuhen. Schwarz-weiß plus eine monatlich wechselnde Schmuckfarbe, Übersichtlichkeit, grafische Ideen und nette Zeichnungen waren unsere Ästhetikmerkmale. Für Überschriften wurden Rubbelbuchstaben kopiert und hintereinander geklebt. Das Torfkurier-Logo war eine torfige Type auf Schmierpapier testgerubbelt und hochkopiert. Es hat sich bis heute gehalten und als Marke etabliert.

Telefon
Telefone, Girokonten, Autos und Computer waren mir stets suspekt. Und Restzweifel sind bis heute geblieben. In der Gründung verzichteten wir auf ein verlagseigenes Telefon und hatten Dorfbriefkästen für Kleinanzeigen und Kulturtermine. In Sottrum an der Demeter Molkerei, in Fischerhude an Martins Bioladen und in Ottersberg - ich hab‘s vergessen wo. Bei meinen Dorftouren habe ich die Briefkästen mehrmals wöchentlich abgeradelt und geleert. Weil es leichter war und Direktkontat nicht ausreichte, nutzte ich später die Telefonzelle am Verlagsstandort Sottrum-Everinghausen. Tagsüber wurden alle Telefonnotizen gestapelt und dann gebündelt in der Telefonzelle abtelefoniert. Immer einen Sack Kleingeld dabei. Im Sommer gab es gelegentlich engagierte Einwände der Campinggäste. Die hatten für meinen Zettelstapel und die umfangreiche Bürotätigkeit in der Telefonzelle nur bedingt Verständnis. Nach dem Motto ‚Arbeit hat Vorfahrt‘ habe ich oft Warteschlagen, Scheibenklopfen und Türnachfragen erfolgreich ignoriert. Digitales Telefonieren, Glasfaserkabel, verschlüsselte Datenkanäle zu unserem Abo-Callcenter … gehören heute zum selbstverständlichen (gesetzlich vorgeschriebenen) Standard. Ein Handy nicht.

Betriebsrad
Treu begleitet werde ich bis heute von meinem Patria-Tourenrad, das in der Gründungsphase im Schnitt werktäglich knapp 50 Kilometer mit musste. Ergänzt durch ein bequemes radius-Liegerad. Radrasender Reporter war ich auch für die Schwarzweißfotos. Wir haben die Chemikalienpanscherei in unserer Küche versucht und die Bilder dann lieber in Bremen in einem Übernachtstudio entwickeln lassen. Filme teilweise nur ¼-voll aus der Kamera gezogen. Mit dem Rad zum Ottersberger Bahnhof. Bremen Hauptbahnhof, abgeben/abholen und möglichst noch den direkten Rückzug erwischen. Was ist das heute entspannt mit der Digitalfotografie? Entsprechend CO2-neutral war der Zeitungstransport: 1993 war unsere erste Druckerei kollegenempfohlen in Hamburg-Wandsbek. Mit damals 1.500 Zeitschriften im Koffer auf dem Rollwagen plus Rucksäcke per Bus, S-Bahn und getrampt ab Raststätte Stillhorn (Hamburg) zur Raststätte Grundbergsee (Sottrum-Everinghausen). Von dort mit dem dreirädrigen Transportrad zum Büro. Erster Fortschritt: Bananenkartons im Wandsbeker Supermarkt telefonisch reserviert, per Taxi zur Raststätte Stillhorn, trampen: „Ja, die vier Bananenkartons da vorne müssten auch noch mit.“ Bis ich dann zwei Hamburger Pendler ausmachte, die netterweise regelmäßig mit mir und der Auflage fuhren. Unser erster roter Flüssiggasgolf durfte dann natürlich nur als geteiltes Auto fahren. Er hatte drei Eigentümer, neun Nutzer, war exzellentes Provinzcarsharing und viel unterwegs.

Vertrieb
Druckfrisch wurden daheim fix die Abos etikettiert. Dann ging es mit dem Rad auf abendlich-nächtliche Ausfahrt. Regionalabo 18,- Mark (raderreichbar). Abo per Post 38,- Mark, davon 12 x 3 Mark allein für Porto. Am nächsten Tag Einzelhandelsanlieferung per Lastrad, zwei Bananenkartons voll Zeitschriften im Innenkreis, und mit geliehenem Auto für den Außenkreis Ahausen, Horstedt, Posthausen ... Bis ich merkte, dass die permanent fusionierenden Pressegroßhändler das alles viel leichter bewerkstelligen. Gleichzeitig konnten wir das Gebiet relevant erweitern. EAN-strichcodiert wie alle Waren (Bibel-Offenbarung 13:17). Und das Abo geht inzwischen auch unsportlich per Post zum Leser. Was haben wir vor der Bäckerei Holste und dem Comet gestanden und am ersten Samstag im Monat immer den neuen Torfkurier für ‘ne Mark verkauft. Engagement ist harte Untertreibung für das, was da geschah. Erst nach 20 Monaten starteten wir ergänzend zum Einzelhandel mit dem Aboverkauf. Eine Leserin aus Fischerhude ist mit Lesernummer 2 seit Juli 1995 unsere treueste Abonnentin. Ein Abonnent aus Ottersberg zahlte auf dem Weihnachtsmarkt in Fischerhude 1995 bei der Bestellung gleich fünf Jahre auf einmal vorneweg. Und ich fragte mich im Stillen: ‚Ob es ihn dann noch gibt, den Torfkurier?‘

Torftipp: Glaube an das, was du tust.