20 Jahre Torfkurier, der Film






Mai

Klavierstimmer und Bandmusiker
Einer, der gern sauber abliefert.

Text: Götz Paschen, Fotos: Till Vögler

„Manchmal irritiert der Rollenwechsel, wenn ich auf der Bühne an einem akustischen Flügel spiele. Letztens wollte ich bei einem Flügel das Instrument instinktiv auseinanderbauen. Ich hatte die Klappe schon in der Hand und dachte dann: ‚Ach ne, du spielst heute ja nur.‘“ Jochen Kaiser (42) aus Verden arbeitet als gelernter Klavierbauer beim Klavierhaus Helmich und ist nach Feierabend mindestens semiprofessionell Musiker. „Ich habe mich so entschieden, weil ich dann mehr Freiheit habe, zu machen, was ich will.“

Die Bands
Kaiser hat bei ‚Wilson B. & the real Deal‘ gespielt. Funk und Soul in Bremen, eine Band und zwei schwarze Sänger, die heute Solokarriere machen. Er war mit bei ‚Migou‘ – Pop, Jazz und Soul in Langwedel. Bei ‚Small town talk‘ – 70er Rock. Und jetzt beim ‚Finner Duo‘ mit eigenen Songs von Finner, Rotenburg/Verden. 2014 waren ‚Finner‘ auf Deutschland-Tournee mit vielen Terminen, Fernsehinterview in Düsseldorf ... Sein aktuelles Bandprojekt parallel soll etwas mit Jazz, Funk und Soul werden. Sänger (gesucht), Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard, langfristig auch Bläser. Oder als Trio für kleine Sachen. „Heute will keiner Bands bezahlen. Sie haben keinen Platz dafür: Duo oder Trio kommt zurzeit besser an. Klein ist Mode. Gemütlich hinsetzen und Musik hören.“ Barpiano hat er früher viel gespielt: Jazzstandards beim Sektempfang. „Man sitzt da für sich, macht eine Atmosphäre und spielt schöne Musik.“

Harter Job
„Drei Auftritte am Wochenende als Top 40-Band. Helene Fischer rauf und runter, das ist vom musikalischen Anspruch nicht mein Ziel. Das geht an die Substanz auch beim Privatleben. Mit Unterricht kann man immer ein Einkommen erwirtschaften. Das machen eigentlich alle. Morgens proben oder komponieren, nachmittags Unterricht und am Wochenende wird gemuckt. Mit Musik selber musst du hausieren gehen, Veranstalter anschreiben, für wenig Geld oder auf Hut spielen – da macht es dann die Masse der Auftritte.“ Kaiser hat mit Klassik angefangen und zum Schulende überlegt: „Studiere ich Musik? Was mache ich mit dem Studium? Der Schwerpunkt Unterricht ist nicht mein Ding. Was gibt es an Alternativen?“ Ein Praktikumsplatz als Klavierbauer zum Ende der Schulzeit brachte ihn darauf, so Hobby und Beruf unter einen Hut zu bringen. Es folgte die Ausbildung beim renommierten Musikhaus Oberlinger in Mainz, weltweit bekannt für seinen Orgelbau.

Handwerk
„Klavierstimmung ist zu 90 % Handwerk. Man spielt es vorher und hinterher an. Aber man muss dazwischen mit dem Schraubenzieher und dem Klavierhammer arbeiten. Klanglich muss das hinterher zusammen passen. Nach der Stimmung teste ich in Ruhe. Funktioniert alles eins a. Da kommt das Musikalische ins Spiel.“ Kaiser hat bei Instrumenten ein Faible für die 70er. Er liebt sein ‚Rhodes‘ als Vorläufer vom Digitalpiano, seine ‚Hammond‘ von 1956, das ‚Wurlitzer‘-Piano (ein elektro-magnetisches) wie bei Supertramp oder Ray Charles. Wo ist Handwerk Musik? „Beim Stimmen ist ein großer Bereich das Intonieren, die Bearbeitung des Hammerkopfes, die Klangformung bei jedem einzelnen Ton. Ich will ein Klavier von einem plärrenden Saitenkasten in ein wohlklingendes warmes Instrument verändern. Da muss ich musikalisch hören.“

Die Agentur
Finners Label und Agentur hat einen Pool mit Veranstaltern. Der Agent ist Musikliebhaber und Manager. Er guckt, dass die Gigs zusammenpassen: Nach Düsseldorf am nächsten Tag Aachen … „Die Gage ist vertraglich geregelt. Kleine Sachen für einen Freund um die Ecke macht man selber. Abgesprochen mit der Agentur wird es immer.“ Auftritte kommen von beiden Seiten, von Privat und von der Agentur. Oft guckt man auch: „In der Gegend waren wir noch nicht, da gucken wir doch mal.“ Nach CD-Erscheinen war eine strukturierte Tour angesagt, um die CD an den Mann zu bringen: „Die CD-Verkäufe liefen immer am besten bei den Konzerten. Händler, Download, iTunes und Amazon sind nachrangig. Wenn man die Leute auf dem Konzert erreicht, kaufen die auch direkt danach. Da ist das Interesse groß. Wir stehen selber da, verkaufen und unterhalten uns. Dann weiß man auch, wofür man das macht. Dass es so ankam, wie man es vorhatte.“

Struktur
Wie ist das mit dem wilden Musikerleben? „Es gibt solche und solche. Ich lege sehr viel Wert auf Zuverlässigkeit. Proben ohne Vorbereitung ist nicht sinnvoll. Effektiv und zuverlässig zu sein, ist wichtig, um mit Kräften und Zeit sinnvoll zu haushalten.“ Wie verfügbar muss man sein? „Man sollte schon eine deutliche Priorität setzen. Wenn ein Auftritt ansteht, sollte man alles dafür tun, dass das funktioniert. Und wenn Probe ist, ist Probe. Wichtig ist, dass man alles konsequent einhält. Man kommt vorbereitet und pünktlich. Die Musik hat Priorität und steht im Vordergrund. Sonst funktioniert es nicht. Es sei denn, es ist etwas Dramatisches.“ Und private Wochenenden? „Die Balance halte ich mir. Wenn ich jedes Wochenende Auftritte habe, schaffe ich mir Freiraum. Sonst geht der Spaß flöten. Mal einen Tag auf der Couch und Musik hören ist auch wichtig.“

Marktwert
Wie entsteht der Marktwert eines Band-Musikers? „Manchmal wird durch Show Talent ersetzt. Wer wenig kann, muss viel drum herum bauen. Bühnenshow ist nicht meine Art. Ich bin eine indirekte Rampensau. Ich überzeuge durch die Musik. Partyband mit Verkleidung, das wäre nicht ich. Wer was kann, überzeugt automatisch.“ Kaiser ist Aushilfe bei ‚Afterburner‘, der Werder-Band mit ‚Lebenslang grünweiß‘, wenn deren Keyboarder im Urlaub ist. 2016 haben sie bei der Badeinselregatta an der Weser in Bremen gespielt. „Das war schon fett und Party. Das ist mal lustig zum Dampf ablassen oder Sau rauslassen, aber mehr würde mich nicht befriedigen. Zwei Stunden ohne Luft zu holen – dann weißt du, was du getan hast.“ – Sicherlich spielen Referenzen eine Rolle. „Auftrittsorte und Support für namhafte Bands und Musiker ziehen immer, wenn man neue Gigs haben will.“ Der Veranstalter will Qualität bieten und Leute in den Laden reinkriegen. Wer etwas vorzuweisen hat, ist vorne. Bei Kaiser wären das das ‚Knust‘ in Hamburg, oder Support für Dirk Darmstädter von den ‚The Jeremy Days‘ (‚Brand new toy‘ 1989). Der ist inzwischen groß unterwegs. Zwei Songs von ‚Finner‘ laufen regelmäßig auf Nordwest-Radio: ‚Barricade‘ und ‚Mister Ferryman‘ …

Studiomusiker
Zu Kaisers Aufträgen gehören auch Kompositionen oder CD-Produktionen als Studiomusiker. Er kriegt ein Playback und schreibt dazu die Hammond, probiert für sich, was ihm zu dem Stück einfällt und schickt die Orgel-Spur zurück. „Und dann bringen wir das im Studio zusammen.“ Von einem Lied bis zu allen auf der CD. „Meist einzelne Lieder. Das ist auch eine Kostenfrage. Oft reicht die Gitarre aus.“ Er arbeitet öfter für das Farida-Studio in Osterholz-Scharmbeck.

Tipps für Nachwuchsmusiker
Job? „1) Lass es. 2) Früh klein (Clubs und Gigs) anfangen und trotzdem große Träume haben.“
Üben? „Kontinuierlich und mit anderen zusammen. Interaktion ist besser als zum Playback zu spielen.“
Lebensentwurf? „Träume verfolgen. Ein kleiner Notfallplan als Ersatz. Das ist Charaktersache. – Oder: Ich ziehe das durch, dann esse ich halt nur Nudeln. Ich mache es, egal was passiert. Oftmals klappt das auch.“
Niveau? „Egal, was du machst, mach es mit Herz und Bauch. Wenn die Leute merken, dass das dein Ding ist, ist es vollkommen egal, welche Musik du machst. Immer mit Überzeugung das machen, was einem gut tut. Wenn du selber nichts gefühlt hast, musst du was ändern.“

Torftipp: CD ‚the seasidestories‘ kaufen auf www.iamfinner.de