20 Jahre Torfkurier, der Film






Juni


Aus der Wildkräuterküche!

Inge Bahrenburg lüftet Rezept-Geheimnisse.

Text: Götz Paschen, Fotos: Götz Paschen, Kräuterregion

„Die sind busweise gekommen. Sehr oft Landfrauenvereine. Ich habe Vorträge am Büffet gehalten. Das war schon heftig: Wenn das Essen rum war, war ich oft kaputt, aber der Spaß hat es ausgeglichen.“ Inge Bahrenburg (67) ist Mitveranstalterin des Kräutertages in Horstedt und hat ein Faible für Kochen mit Wildkräutern. „Es ging alles nur auf Anmeldung. Wo soll ich denn die Mengen an Kräutern herkriegen so schnell? Die kann ich auf keinem Markt kaufen. Die Buffets habe ich nur von Frühling bis Herbst angeboten, weil ich nichts mit eingefrorenen und getrockneten Kräutern mache.“ Rosmarinkartoffeln und Möhrensalat mit Kräutern – das kannten viele schon. Aber: „Wir hatten mal einen Bus mit 50 Männern. Die kriegten auch das Kräuterbuffet. Als Start die Brennnesselsuppe mit Gänseblümchen drauf. Einer sagte: ‚Das soll ich essen? Das hat doch meine Frau gestern in die Vase gestellt.‘ Oder: ‚Giersch und Brennnesseln habe ich gestern zu Haus erst weggehackt.‘.“ Die Skepsis war da, wich aber auch durch die Buffets. „Einer rief am Folgetag an: ‚Was soll ich reinholen? Brennnessel und Giersch?‘“ Inge Bahrenburgs Gasthof ‚Zur Post‘ hatte ein Alleinstellungsmerkmal: „Man hätte das hier sehr toll ausbauen können, wenn wir einen Nachfolger gehabt hätten.“ 2014 hat sie die Gastronomie geschlossen. In den ersten Jahren haben immer noch Gruppen angerufen. Jetzt kocht sie noch für den Kräutertag.

Schnellkurs
Wir sitzen in der ehemaligen Gaststube. Ich kriege einen Schnellkurs ‚Kräuterküche‘: Gundermann hat Blätter wie eine kleine Nessel, trägt lila Blüten und wächst an Zäunen und kahlen Stellen. „Vermusen als Deko für lila Butter ist mühsam. Ich ziehe die Blätter mit der Pinzette durch ein Schokoladenbad, Zartbitter oder Vollmilch. Oder ich nehme ein Blatt auf Joghurt oder Eis. Gundermann schmeckt wie After Eight, etwas minzig.“ Sie kennt viele Vorzüge, die Wildkräuter zu bieten haben.

Sparsamkeit
„Geld spart man, Zeit nicht. Aber man tut nebenbei etwas für die Gesundheit: Ist an der frischen Luft …“ Satt wird man von Kräutern nicht. „Sättigend sind die Beilagen. Kräuter sorgen für gute Blutergebnisse und Geschmack. Wenn man das lange macht, schlägt es sich gesundheitlich nieder.“ Man spart Gewürze und mischt Kräuter mit anderen Salaten.

Gesundheit
Bahrenburg hat für den Termin je 100 Gramm Kopfsalat, Giersch und Brennnesseln abgewogen. Beim Vitamin C hat der Kopfsalat: 13 Milligramm pro 100 Gramm, Giersch 200 Milligramm und die Brennnessel 333. Beim Eisen liegt der Kopfsalat bei 1,1 Milligramm, die Brennnessel bei 7,8. Bei Calcium Kopfsalat bei 37 Milligramm, die Brennnessel bei 630. „Da kann man schon sehen, wie gesund die Brennnessel ist. Man sieht im Vergleich das Mehr an Inhaltsstoffen.“ Das stärkt die Abwehrkräfte. Früher hätten die kleinen Gänse und Enten gehackte Brennnesseln ins Futter gekriegt für die Abwehrkräfte.

Optik
Für ansprechende Optik auf dem Teller sorgen Gänseblümchen, Kapuzinerkresse und Hornfeilchen. Letztere sehen aus wie kleine Stiefmütterchen. „Es gibt auch essbare Rosen als Rosenbutter.“ Als Inge Bahrenburg noch in ihrem Gasthaus ‚Zur Post‘ Kräuterbuffets anbot, fanden viele es komisch, Blumen zu essen. „Ich selbst habe keine Hemmungen, Blumen zu essen.“ Der Salat wurde am Buffet fotografiert und erst dann gegessen. „Das war meine Leidenschaft, aber sehr arbeitsintensiv. Alles wird frisch gemacht. Das geht nicht anders. Privat ist das nicht so schlimm, aber in der Gastronomie brauchten wir große Menge für unseren Gasthof.“ Wer das machen will, muss die Wildkräuter kennen, muss wissen, wo er sie findet. Und man muss dazu stehen. „Es gibt auch viel Ablehnung.“

Kopfsache
Der Geschmack von Wildkräutern hat meist eine herbe Note. „Das muss man mögen. Wildkräuter sind eine ganz starke Kopfsache. Es ist anders, als das, was wir geschmacklich kennen.“ Brennnessel und Giersch in der Suppe konnten viele der Gäste nicht essen, nur weil sie wussten, was drin war. Brennnessel-Giersch-Suppe ist die Lieblingssuppe der amtierenden Kräuterkönigin aus Horstedt, Nadine Lohmann. „Ihre Mutter war Lehrling hier bei uns.“ Seit Schließung der Gaststube 2014 ist die Kräuterküche Bahrenburgs fröhliches Hobby. „Es ist doch spannend, dass man so etwas essen kann.“ Originalität und Experimentierfreudigkeit sind wichtige Zutaten.

Leidenschaft
Durch einen Kräuterkurs der Landwirtschaftskammer kam Inge Bahrenburg auf das Thema. Sie hat damals ihren Garten komplett umgestaltet zum Kräutergarten. „Der Duft der Kräuter hat mich so angeregt. - Die Anregung für Horstedt kam damals durch die Kräuterregion und das Kräuterthema, das Bürgermeister Dirk Gebers angeschoben hat.“ Die Kräuterküche erlebt eine Renaissance: „Das ist in den letzten Jahre immer mehr geworden.“ – Bahrenburg hat sich seit Schließung der Gaststätte für Ihre zweite Leidenschaft entschieden, die Enkelkinder. „Der Garten war einfach schön: Die Schmetterlinge, der Geruch, das Leben darin. Er zog mich und die Besucher förmlich an. Aber er macht auch viel Arbeit. Es war schade, als ich aufhörte. Es war eine schwere Entscheidung und hat mir furchtbar leidgetan.“ Jetzt ist an derselben Stelle die Spielwiese der Enkel. „Jetzt habe ich die Freude an den Enkelkindern.“

Standorte
Brennnessel? Sie steht am Wegesrand. Feste Gartenhandschuhe mitnehmen. „Brennnessel hat keine starke Note, da muss noch etwas anderes dazu. Sie ist gut für Suppe und Tee. Oder man legt sie als Schmerzmittel auf die Haut – natürlich aktiviert das.“ Die juckenden Härchen brechen beim Abwaschen. „Im Salat esse ich sie nicht. Das ist auch wieder reine Kopfsache.“
Löwenzahn? Er wächst auf Wiesen und Rasenflächen. „Nur die jungen Blätter ernten. In den Spitzen sitzen die Bitterstoffe.“ Einfach in den Salat mit hinein. „Bitterstoffe sind gut für die Verdauung.“
Spitzwegerich? Er steht ebenfalls am Wegesrand. „Die Blätter kaputtreiben und auf Insektenstiche legen, das hilft.“ Das macht Inge Bahrenburg bei Spaziergängen mit den Enkeln. Essen tut sie ihn nicht.
Knoblauchrauke? Findet man am Waldrand im Schatten. „Die bringt Knoblauchgeschmack in Butter oder Salat. Sie ist leider nur vier Wochen da.“ Dann ist ihre Zeit schon um.
Hornfeilchen? Kauft man sich in Gärtnerei und pflanzt sie in eine Ecke im Garten. „Eine hübsche Garnitur auf Salat.“

Erntesegen
Kräuterernte und –zubereitung ist in erster Linie aufwändig. Passt also gut in die Hobbyzone. Inge Bahrenburg hat dafür klare Prinzipien: „Ich pflücke sie nicht, wo viele Autos fahren oder viele Hunde laufen. Ich suche Stellen, die abseits sind. Am Zaun, in den Ecken, an Weiden. An den Ackerrand von Landwirtschaft gehe ich auch nicht ran, weil ich nicht weiß, was dort gespritzt wurde. Ich ernte an geschützten Stellen, bei denen ich sicher bin, dass da nichts ist. Wir haben das Glück, dass wir das hier haben. Wenn ich in der Stadt wohne – wo kriege ich das?“ Falls Sie also mal jemand fragt, warum Sie auf dem Land wohnen, erklären Sie ihm die Vorteile bei der Wildkräuterernte. Gepflückt wird nicht in der Morgenfrische, sondern in der Mittagssonne, wenn die Tiere rausgekrabbelt sind. „Wir hatten schon trockene Sommer, in denen wir Schwierigkeiten hatten, etwas zu finden.“ Bahrenburg nutzt nur frische, junge Zutaten. „Ich friere nichts ein.“ Inges Mann hat zu Gasthofzeiten die großen Mengen Giersch und Brennnesseln noch mit der Sense gemäht. Und Gänseblümchensammler Fredi Borchers hat vor dem Kräutertag immer eine Rasenmähpause eingelegt. Gänseblümchen kann man nur bei Sonne sammeln. „Bei Regen sind die Blüten nicht geöffnet, sondern in der Knospe. Man findet sie dann nicht so gut, die kleinen Dinger. – Wenn Gänseblümchen auf die heiße Suppe kommen, blühen sie sofort auf.“ Auf dem Kräutertag bietet Inge Bahrenburg Brennnesselsuppe, Kräuterfrikadellen mit Wildkräutertunk und Kartoffelsalat mit Wildkräutern ohne Mayonnaise an. Für Veganer gibt es 2017 eine Zucchini-Kräuter-Suppe.

Torftipp:16. Kräutertag – So., 18.6.2017, 10 – 18 Uhr, Straße: Auf dem Berg, 27367 Horstedt, kein Eintritt und kostenlose Parkplätze, Info: 0 42 88 – 93 010, info@kräuterregion.de, Veranstalter: Kräuterregion Wiesteniederung e. V.