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November


Athen, zwei Typen, lange Haare

„Ich muss nicht in Stadien auftreten.“

Text: Götz Paschen, Fotos: Götz Paschen, Gerd Geiser/KuKuC

„Athen, zwei Typen, lange Haare und so ein bisschen Wildwest. Dann bleiben auch die Mädels stehen. Die äußere Erscheinung spielt eine große Rolle. Wenn ein alter Sack da spielt, muss schon ein bisschen was kommen.“ Damals und heute auf der Straße: Werner Winkel (65) aus Narthauen „voll in Rente“ und Berufsmusiker, also normal weiter. Athen war in den 70ern. „Dort durfte man überhaupt nicht spielen. Auf der Touristenmeile in Athen war Straßenmusik verboten. Wir brauchten aber Geld. Wir haben draußen übernachtet und kannten ein paar Leute. Aber wir sind nur mit 200 Mark hingefahren. Die waren schnell alle. Wenn sie dich in Athen erwischen, nehmen sie dir die Kohle wieder aus dem Kasten. Wir mussten die Reisekasse auffüllen und haben geguckt, ob einer kommt und dann schnell eingepackt. Da waren wir zu zweit: Gitarre und Geige.“ Winkel spielt heute in erster Linie Konzerte, aber auch hin und wieder auf der Straße. „Gitarre, Banjo, Mundharmonika mit Halter – das macht was her. Du musst nicht die ganze Zeit singen und kannst auch Instrumentalmusik machen.“ Im Sommer wurde er in Schleswig-Holstein als Straßenmusiker in St. Peter Ording angeheuert für kleines Geld. „Dann spielst du zusätzlich auf Koffer.“ Er bewirbt sich bei Gemeinden, Kulturämtern … per E-Mail. Oder es läuft umgekehrt: Die örtliche Musikkneipe wird von der Gemeinde nach einem Straßenmusiker gefragt. „Die wollen Leute haben, die wissen ‚Der kann was und kommt gut rüber.‘ Jeder kann im Studio die tollsten Demo-CDs produzieren und hinschicken.“ Referenzen sind entscheidend. Bei der Straßenmusik zählt der Kontakt zum Publikum.

Kompetenz
„Du darfst dich nicht auf die Gitarre konzentrieren. Ich spiele und kann gleichzeitig was erzählen.“ Winkel ist routiniert, was Kommunikation angeht, allein schon von seiner Kindermusik her. ‚Love me tender‘ von Elvis kündigt er als Stück für Eisenbahnfreunde an. Oder er holt sich einen aus dem Publikum und lässt ihn das Tamburin schlagen. „Du kannst die Leute ein bisschen hochnehmen und Spaß dabei haben.“ Die Zuhörer lieben bekannte Stücke oder witzige Einlagen. Wer mit dem Publikum Blödsinn machen will, beherrscht sein Instrument. „Zu zweit ist das noch besser. Da kannst du dir die Bälle zuwerfen. Du musst das Publikum im Auge haben, wenn die Kohle in den Kasten soll.“

Nord-Süd-Gefälle
Winkels ‚Hut‘ ist der Gitarrenkoffer. „Ich nehme schon zwischendurch was raus, dass keiner denkt, ich verdiene zu viel. Ich fange mit leerem Koffer und Pappschild an.“ Auf dem steht: ‚Wenn das Geld im Kasten klingt, Werner dir ein Liedchen singt.‘ Eine Erwartungshaltung ‚Jetzt muss ich aber 50 Euro die Stunde machen‘ findet Winkel „doof“. Er hat auch schon in Verden in der Fußgängerzone gestanden und in zwei Stunden 20 Euro verdient und drei CDs verkauft. „Da bist du doch fertig hinterher. - Bottrop war gut. Süddeutschland und das Rheinland sind ganz gut zum Geld verdienen. Die sind besser drauf, nehmen auch alles nicht so eng. Die Norddeutschen sind nicht offen und auch noch geizig. Die schmeißen 20 Cent rein. Hier herrscht ein gestörtes Verhältnis zur Kohle. In Kleinstädten ist es schwierig. In Hamburg erlebst du dagegen ein aufgeschlosseneres Flair. Aber Bremen ist ein Kaff, ein Dorf. Und die langen Gesichter, wenn sie vorbei gehen: ‚Hast du keine anständige Arbeit.‘ Ab dem Ruhrgebiet sind die Menschen viel aufgeschlossener. Die Leute sind kommunikativer und tun was in den Hut.“

Ortswechsel
In Bremen und Hamburg könne man spielen, müsse aber nach 20 Minuten den Platz wechseln. Winkel geht dann 200 bis 300 Meter weiter und danach wieder zurück. „Dann hast du ja gewechselt.“ Die Frage, ob man mit Anlage spielen darf, ist geklärt. „Das darfst du eigentlich nicht. Aber dann bist du mit deiner Stimme ganz schnell am Ende. Und die Gitarre ist ja auch nicht so laut. Eine Gitarre geht ganz schnell im Straßenlärm unter. Verstärker hast du immer ein bisschen dabei.“ Was auch immer ‚ein bisschen Verstärker‘ ist? „Wenn sie denn maulen, machst du ihn aus, gehst weiter und machst ihn wieder an. Man ist ja auch frech. Straßenmusik ist etwas Anarchie.“ Er erinnert sich an den Wochenmarkt in Rotenburg mit der neunköpfigen Folkband ‚Fleitschepiepen‘. „Das war schön und ging gut ab, aber glaubst du, dass wir da viel in der Kasse hatten. 50 Euro in zwei Stunden mit zehn Leuten. Da hat jeder nachher ein Eis. - Und den Mann vom Blumenstand nervte das. Daraufhin kam einer vom Ordnungsamt.“

Moneten
Winkel berichtet von einer Band im Saarland, die mit Straßenmusik erfolgreich ist. Die fährt jeden Tag mit Anhänger und Anlage auf den Marktplatz und macht mit CD-Verkauf und Live-Musik gutes Geld. Oder die Kelly-Family: „Das sind zehn Leute gewesen. Das ist eine andere Nummer. Etwas anderes, als wenn du da ohne Prominenz alleine stehst. Wenn du Promistatus hast, ist das Geld kein Thema.“ Joey Kelly berichtet beim Vortrag im Autohaus Ottens in Sottrum, dass sie damals volle Postkisten mit Kleingeld weggeschleppt hätten. Aber die Wahrnehmung von Straßenmusikern habe sich geändert, meint Winkel. „Früher ging das in Richtung Bettelei. Da rümpften die Leute die Nase. ‚Der bettelt da rum mit seiner Gitarre‘.“ Das ist heute anders.“ Manche Passanten bleiben länger stehen, setzen sich hin, hören zu und geben sogar fünf Euro. „Die Zuhörer kommen ja nicht deinetwegen. Die machen Shopping und denken schon an ihre neuen Schuhe, die sie gleich kaufen werden.“

Gefälliges
Winkel rät ab von unbekannten und auch deutschen Texten. Besser seien bekannte Geschichten, bei denen das Publikum einhaken könnte. Er spielt bekannte englische Stücke von Paul Simon, den Kings …, was gut ankommt und Spaß macht. Bei Kindern gibt es dann spontan ein Kinderlied. „Ich beziehe die Kinder mit ein. So flexibel musst du sein. Dann bleiben auch die Eltern stehen und geben was.“ Winkel spielt in der Regel alles auswendig. „Manchmal weiß ich nicht mehr weiter ‚Oh jetzt habe ich den Text vergessen‘. Dann gucke ich kurz seitlich auf dem Notenständer. Das ist ok.“ Er findet musizieren auf der Straße entspannend. Bei einem Konzert stehen Musiker unter ganz anderer Anspannung. „Wenn du draußen spielst, hast du das nicht. Und nach einer halben Stunde machst du das gleiche Programm nochmal.“ Hin und wieder kommen Wünsche. „Ich sollte was von den Puhdys spielen. ‚Das war doch DDR. Ne, aber ich kann was von Hannes Wader.‘ Der legte gleich zwei Euro rein.“ Das Publikum und die Erlebnisse sind oft schon verrückt. Der Alt-68er, der sagte: „Das ist doch schön, dass es sowas noch gibt.“ - „Der hat sich vielleicht ein bisschen viel Hanf durch die Birne gejagt.“

Von bis
Winkel ist mit seinen Kinderliedern viel auf der Straße. Aber auch gebucht neben dem ‚Kuh-Mobil‘ für die Bremer Bio-Szene als Unterhaltung ergänzend zur Information. Bei Bedarf liefert er auch plattdeutsche Lieder. Er hat kein festes Rezept, wie er auf der Straße auftritt. Wenn wenig Aufträge sind und Zeit ist, fährt er los. Er selber wirft Kollegen, die er antrifft, ein bis zwei Euro in den Hut. „Ich weiß ja, wie es ist.“ Winkel vertritt die Ansicht, 99,9 % vom Publikum haben keine Ahnung von Musik. Ein ganz großen Teil will Stimmung und Atmosphäre, wisse aber nicht, was Qualität ist. Zu seinen normalen Konzerten kommen 200 bis 300 Leute. Bei Kindermusik und in Kirchen auch mehr. „Ich muss nicht in Stadien auftreten.“ Winkel hat keine Agentur, seine eigene Buchführung, sein eigenes Management. „Keiner sagt mir, was ich zu singen habe. Und ich habe immer mal wieder den Drang, auf der Straße zu spielen.“

Torftipp: 1) Immer Kleingeld in der Hosentasche. Ein Euro für den Hut ist ein guter Tarif. Scheine sind nicht verboten. 2) www.werner-winkel.de