20 Jahre Torfkurier, der Film






Juli


Torfkahnfahrten

Skipper mit 81 noch voll dabei.

Text und Fotos: Götz Paschen

„Wenn ich mit einer Fußballmannschaft an den Restaurants an der Hamme vorbeifahre, steigt gern mal einer auf die Kajüte. Dann sage ich ‚Ab, runter da!‘ Da muss man schon klar werden, wenn die einen im Arsch haben.“ Heinz Kommerau organisiert Torfkahnfahrten vom Hammehafen in Worpswede aus. Er fährt seit 21 Jahre Torfschiffe, hat vier Boote und kommt von Hause aus überhaupt nicht vom Wasser.

Der Flüchtling
1945 kommt Kommerau mit der Familie von Westpreußen mit Pferd und zwei Wagen. „Fischerhude war unsere letzte Übernachtung, dann haben wir uns in Worpswede einquartiert. Was haben die mit uns rumgeschimpft: ‚Seht zu, dass ihr wieder hinkommt, wo ihr herkommt. Eure Pferde fressen und das Gras weg …‘“ Kommerau ist geblieben, hatte eine Firma für Hoch- und Tiefbau und Transporte und meint: Torfkähne seien sein lustiges Rentnerhobby. Einer von den Adolphsdorfer Torfschiffern hatte 1996 zu ihm gesagt: „Du passt da rein. Du kannst gut schnacken.“ So fing das an. – Kommerau spricht platt: „Das ist ja immer mein Test, wenn die Leute zum Anleger kommen, spreche ich die auf Platt an.“ Hiesiges Platt und Mecklenburger Platt seien identisch, meint er. Die Gästeführerinnen aus Schwerin, die er gefahren hat, haben das bestätigt. Junggesellenabschiede, Betriebsausflüge, Hochzeiten, Vereinsfahrten oder das Ärzteteam aus Peking, 18 Personen „Du brauchst nicht viel zu erzählen, die fotografieren sowieso nur,“ meinte damals der Dolmetscher.

Die Skipper
Trotz der Fahrgastbeförderung reicht der Sportbootführerschein für die Torfkähne, weil es historische Boote sind. Dieser ‚Gummiparagraph‘ helfe sehr, meint Kommerau. Seine Schiffsführer sind begeisterte Torfkahnfahrer: Siggi Fest, die treue Seele, ist Rentner, war als Seefahrer in der „christlichen Seefahrt“ lange unterwegs gewesen und hat als einziger das Kapitänspatent, den großen Schein. Professor Doktor Harald Timm forscht im Umweltschutz, wenn er nicht für Kommerau Kahn fährt. Norbert Szameitat ist Architekt in Bremen, fährt die Hamme-Touren und spricht sieben Sprachen. Der Rentner Norbert Bodin hatte eine große Jacht gehabt, bevor er in die Crew kam. Oder es fährt Kommeraus Nachfolger, Wolfgang Wedelich, der ist in eineinhalb Jahren Rentner. Aber Kommerau sitzt auch selbst noch viel am Steuer: „Vier Touren am Tag ist ja manchmal nichts, wenn ich das zeitmäßig so hinbekomme.“ Wenn es eines Tages nicht mehr geht, will er zumindest vom Büro aus noch mitmachen.

Auf der Hamme
Von April bis Oktober fahren die Torfkähne auf der Hamme: „Das hängt ganz vom Wetter ab.“ 18 bis 22 Leute können pro Tour mit. „25 oder 27 Leute ging auch. Da sind so viele Auftriebskörper (Luftkästen unter den Sitzbänken) drin. Selbst bei voller Besetzung und einem Leck würde der Torfkahn nicht untergehen.“ Das wollen Berufsgenossenschaft und Wasserschutz so. Für alle Gäste sind Schwimmwesten an Bord. „Bei 25 bis 30 Grad mit Schwimmweste am Körper hältst du es nicht aus. Wir zeigen sie und lassen die Leute entscheiden, ob sie sie tragen.“ Eine Tour geht vom Hammehafen bei Worpswede Richtung Ritterhude vorbei an schönster Naturidylle in der Hammeniederung, Häusern mit uralter Geschichte ... Eine Talfahrt mit minimaler Strömung Richtung Weser. Die zweite Tour ist vom Hammehafen gegen den Strom Richtung Hamme-Oste-Kanal und zurück. „Da wird die Hamme immer schmaler, das Ufer immer höher, rechts und links Maismonokultur. Die wird seltener gefahren. Die Leute müssen selber entscheiden, wie sie fahren.“ Oder Richtung Ritterhude mit dem Torfkahn und mit dem Moorexpress wieder zurück. Unterwegs können die ‚Hamme Hütte‘ in Neu Helgoland, ‚Melchers Hütte‘ oder ‚Tietjens Hütte‘ angesteuert werden.

Einsteigen
Nach der Begrüßung folgen die Sicherheitshinweise und dann geht es los. „Hinter Neu Helgoland gebe ich meinen Heinz-Kahnschluck aus. ‚Nich lang schnacken, Kopp in Nacken. Kiek in Himmel, rein du alter Kümmel.‘“ Einkehr in eine der Hütten ist möglich. Die Gäste können aber auch selber Verpflegung mitbringen. Zwei Stunden dauert die normale Fahrt. Wenn es regnet gibt es für alle garantiert wasserdichte Regencapes wie beim Radfahren mit Kapuze. „Man kommt trocken zurück. Es werden nicht einmal die Hosen oder Schuhe nass.“ - In der Saison ist Kommerau fast täglich am Hafen. „Wenn das Wetter gut ist und man steht hier, dauert es nicht lange und du hast die Fahrt voll. Zehn Euro als Anfang, wenn der Kahn voll ist, wird es billiger. Wir wollen ja nicht mit Gewalt zocken.“ Auf Wunsch liefert Kommerau auch eine Gesangseinlagen. Seit 50 Jahren sing er im Gesangverein ‚Concordia Worpswede‘. „Ich singe auch auf dem Schiff und habe mehrere Akkordeonspieler, je nach Wunsch. Dann kriegt jeder einen Zettel mit umgedichteten Texten in die Hand– so sind zwei Stunden schnell rum.“

Die Kähne
Kommerau ist letztens in einer Gondel mitgefahren. 38.000 Euro kostet die neu. Ein Torfkahn 25.000 mit Motor und allem Drum und Dran, 10.000 bis 15.000 gebraucht. In Schlußdorf sind 600 Kähne gebaut worden. Es gab eine kleine Werft, die heute als Torfschiffswerft-Museum erhalten ist. Kommerau beschreibt die schwere Arbeit: Das Holz holen, die Bretter von Hand mit langer Säge sägen, in Wasser einlegen, eingespannt in der Sonne in Form bringen. Ein Torfkahn hat zehn Meter Länge und zwei Meter Breite. Heute besteht bei den Kähnen die Außenhaut aus Aluminium. Das Luggersegel mit zwölf Quadratmetern Fläche hängt am sechs Meter hohen Mast. „Bei gutem Wetter und Wind von hinten wird auch gesegelt.“ Sonst arbeitet der Hybridmotor mit Benzin oder Batterie. Das große Ruder bewegt unten den Motor gleich mit. Es ist nicht kompliziert, aber „eine Wende auf der Hamme ist nicht so einfach für einen Anfänger. Ich mache fast eine ‚Tellerwende‘, so heißt das in der Seefahrt.“ Kommeraus Boote heißen ‚Us Hamme‘, ‚Unser Teufelsmoor‘, ‚Us Woorphusen‘ und ‚Anna-Lena‘, wie seine Frau. Im Winter stehen Reparaturarbeiten an. Abschleifen mit der Schwabbelmaschine, neue Farbe drauf, Motor raus und zur Inspektion …

Geschichte
Sechs Kubikmeter Torf passten auf einen Kahn. Das sind 50 Körbe. Kommerau berichtet: „Bei Windstille musste der Schiffer mit dem vier Meter langen Staken aus Eichenholz ran. Der hatte Gewicht. Die Mutter hat an Land die Leine über die Schulter genommen und vorne den Torfkahn gezogen. Der Vater hat gesteuert und mit dem Stab geschoben. So haben die drei Tonnen bewegt. Zwei bis drei Tage waren sie unterwegs bis Bremen. Zurück ging es schneller, wenn der Kahn leer war. – Ich habe hier 1949 noch den letzten Torfkahnfahrer gesehen, der leer zurückkam.“

Torftipp: 1) www.torfkahnfahrt.de, 01 70 - 721 46 80: 100,- Euro, 2 Stunden, 18 Leute. 2) www.torfschiffe.de, 3) www.torfschiffswerft-museum.de