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August

Wer schweigt, stimmt zu

Ein Liberaler gegen vier AfD-Sympathisanten auf der Alpenhütte.

Text: Götz Paschen
Fotos: Götz Paschen und Claudia Paulik

„Die intelligenten Menschen in der AfD sehen das Potenzial, das sie mit populistischen Phrasen gewinnen können: ‚Unsere Kultur ist die Leitkultur.‘ Das wertet einen selbst ja unheimlich auf. Nach dem Motto: ‚Das ist anders und was anders ist, taugt nichts.‘“ Horst Hanke (66) aus Otersen ist Flüchtlingshelfer in einer Nachbarschaftsinitiative. 2015 kamen acht Sudanesen in seine Nachbarschaft, Männer von 18 bis 48 Jahre. Vom 18-jährigen Analphabeten bis zum 48-jährigen Apotheker. Hilflos, desorientiert, mittellos, wenig Behördenunterstützung. „Es ging darum, da ein bisschen Struktur reinzubekommen.“ Hanke ist einer von zehn bis zwölf Unterstützern. Er ist Diplomingenieur Elektrotechnik und war jahrelang in der Erwachsenenbildung in der technischen Ausbildung tätig. Nachhilfe in Deutsch und Mathe, Behördengänge zum Migrationsamt … es gab viel zu tun. „Zu Anfang war das ein Fulltimejob. Mich hat geärgert, dass die so ziemlich alleingelassen wurden und völlig orientierungslos waren. Viele haben hier mit angepackt.“

Erfolge
„Acht bis zehn Flüchtlinge auf einen Ort mit 500 Einwohnern. Das ist ein guter Schlüssel und funktioniert besser, als wenn man verschiedene Nationalitäten kaserniert in einem Lager unterbringt.“ Hanke nennt es eine Win-win-Situation. Er hat Bescheidenheit und Durchhaltevermögen bei den Sudanesen kennengelernt und: „Wie viele unwichtige Sachen wir am Hals haben.“ – Von den acht Sudanesen ist einer Azubi im zweiten Lehrjahr als Bäcker bei Wöbse in Kirchlinteln nach einem Praktikum im Dorfladen Otersen. Der Apotheker arbeitet als Apotheker in Bremen. Er hat nach diversen Prüfungen und Praktika seine Anerkennung bekommen. Einer arbeitet ungelernt mit unbefristetem Vertrag bei der Firma Block in der Trafoherstellung in Verden. Einer ist Azubi als Tischler in Verden. „So viel zu dem Thema ‚Die sind alle faul und machen nichts‘.“

Hürden
Zwei sind angeblich in Frankreich bei Verwandten, einer ist verschollen und einer noch da: Ali Omar-Hassan (20) macht seinen Hauptschulabschluss mit Hankes 1:1-Betreuung. Er ist als Analphabet hierhergekommen, konnte arabisch sprechen, aber nicht lesen und schreiben und will eine Ausbildung als Industrieelektroniker. Hehre Ziele. Sein Praktikumsplatz läuft gerade bei einer Schaltschrankfirma. Hanke gibt ihm auch Nachhilfe für die Mofa-Prüfung zur Fahrt zum Praktikumsplatz. - Ein Höhepunkt war Juni 2016 das deutsch-sudanesische Freundschaftsfest. Die Initiative konnte den Sternekoch Wolfgang Pade gewinnen. Und die Sudanesen haben für das Fest bei ihm in der Küche gekocht. „Ein Gast hat sich per Mail bei Pade beschwert, wenn er die Leute weiter in seiner Küche beschäftigen würde, würde er da nicht mehr essen. Pade hat ihm Hausverbot erteilt.“

Alpenüberquerung
Hanke hatte immer schon Träume. 2015 hat er mit einer netten Gruppe mit dem Mountainbike die Alpen überquert, 2016 zu Fuß: Von Garmisch-Partenkirchen (Bayern) durch Österreich nach Meran (Italien). 5.200 Höhenmeter, täglich 8 bis 10 Stunden wandern mit Gepäck. „Über Gletscher und klettern - alles dabei. Abends immer eine Hütte und am nächsten Morgen wieder los.“ 12 Leute, 8 Tage als Wandergruppe mit Guide. Anstrengend waren die letzten vier Abende auf den Hütten. „Abends kam es dann zum Gespräch über Flüchtlinge. Und vier Leute aus der Gruppe mit ausländerfeindlicher Einstellung und Sprüchen wie: ‚Alle wegschicken. Die haben hier nichts zu suchen …‘ – Keiner von denen kennt einen einzigen Flüchtling, aber jeder hat eine Meinung.“ Hanke nennt die Meinung der vier Kontrahenten AfD-nah. Die acht übrigen Bürgerlichen waren tagsüber persönlich mit Hanke auf einer Linie, aber wenn es abends zum Thema kam, war es Horst Hanke gegen die Vier. „Da musste ich sehen, dass ich mein Adrenalin runterfahre. Das war Stammtisch pur.“

Flagge zeigen
„Gerade bei diesen alltäglichen Diskussionen finde ich wichtig, Farbe zu bekennen. Zivilcourage ist gefragt, nur so kann man diesem rechten Gesocks entgegentreten. Wenn die in der Lage sind, einen wie mich zu isolieren, wird es ja schwierig. Wenn jeder von den vieren abwechselnd Phrasen liefert, kannst du die nicht alleine eindämmen. Die kriegen das Gefühl, sie sind im Recht, wenn die ihr Zeug loswerden und niemand widerspricht. - Die ersten Abende waren angenehm: wohlwollende Small-talks. Aber dann wurde abends beim Hefeweizen die Zunge lockerer. Dann kamen die Klopfer. Ich glaube, durch Alkohol setzt das logische Denkvermögen aus. Dann kommt man an die Urinstinkte. Ich habe das Gefühl, die AfD versucht, Urinstinkte im Menschen zu wecken. Steinzeit: Wir sind ein Clan. Da ist ein anderer, der will uns was.“

Berge versetzen
„Ich habe gedacht: Ne, das musst du jetzt durchziehen. Ich komme ja aus einer Alpenüberquerungsgruppe nicht weg. Wenn man Abstand dazu hat, findet man die Erfahrung gut. Wenn man in der Situation ist, geht es einem mies. Ich hatte im E-Mail-Austausch danach die leichte Hoffnung, dass einer der sieben schreibt ‚Tut mir leid, dass ich mich so verhalten haben‘.“ Das kam allerdings nicht. Die sieben ‚Unbeteiligten‘ haben sich auch dann nicht gezeigt. „Das hat mich richtig geärgert. Ich habe mich auch zum Schluss gefragt, ob ich mich mehr über die vier oder die sieben ärgere.“ Von den vier AfD-Sympathisanten kamen zwei aus dem Osten und zwei aus Bayern. (Haben wir ‚Aufgeklärten‘ keine Vorurteile?) „Der Guide war auch dabei. Deswegen haben viele auch nichts gesagt. Es gab ja ein Abhängigkeitsverhältnis. Der musste uns sicher über die Alpen führen. Drei Abende mit Diskussionen. Ich habe mit der Heftigkeit so nicht gerechnet.“
Der Guide: „Guck dir die Länder doch an, die bringen doch nichts auf die Reihe.“
Hanke: „Weißt du auch warum nicht? Wir waren/sind doch maßgeblich an deren Schicksal beteiligt.“
Und weiter:
Hanke: „Wie viele kennst du denn?“
Guide: „Ich brauche gar keinen zu kennen. Das weiß man doch so.“

Einschätzung
„Ich konnte die Nächte dort nicht richtig schlafen, so aufgekratzt war ich.“ Gegen Mitternacht hat Hanke dann immer abgebrochen und ist ins Bett gegangen. „Das hätte auch nichts mehr gebracht. - Dass Menschen pauschal so abgetan werden aufgrund von Hautfarbe, Nationalität oder Religion, das geht gegen meine Natur. Das überdenke ich auch nicht. Das ist gesetzt.“ Rein menschlich hatte er mit einer Angst in Richtung Ablehnung und nicht verstanden worden sein zu tun. „Der Guide ist die Autorität in der Gruppe. Der hätte auch was bewirken können. Und der hat ja auch was bewirkt, aber nicht nach meinen Vorstellungen.“ 4 : 1 plus sieben Mal Schweigen. Mehrheit und Wahrheit haben nichts miteinander zu tun. „Ohne die Flüchtlingsfrage hätte es bei der AfD nicht so einen Aufschwung gegeben. Sie bricht aufgrund interner Streitigkeiten gerade ein. Das ist haugebacken, was die fabrizieren. Die sollen wieder in den Sumpf der Geschichte gehen. Da gehören sie auch hin. – Aber nicht nur die AfD trägt zum Klima bei. Auch die, die den Mund halten. Das hat man in der Gruppe gesehen. Niemand von den sieben wollte Farbe bekennen.“ Nach der Wanderung wollte Hanke allein nach Hause und unterwegs noch Freunde besuchen. Er konnte ausschlafen. „Ich saß dann am Einzelfrühstückstisch und die elf an einem anderen. Das ist ein Gefühl der Ohnmacht und der Ausgrenzung. So fühlen die Flüchtlinge sich auch.“ Beim Abschied haben sich alle anderen „einfach verpieselt ohne Handschlag.“

Lernfelder
Hanke studiert seit zwei Jahren an der Seniorenuni in Bremen Philosophie und Ethnologie, also über Kulturunterschiede und –gemeinsamkeiten. Er will verstehen, was hier passiert: Warum werden die Sudanesen beim Arzt geduzt? Warum glaubt der Sachbearbeiter beim Migrationsamt Alis Antwort, dass er nicht traumatisiert sei? Schließlich ist sein Vater vor seinen Augen im Bürgerkrieg erschossen worden. Und wieso sagt Ali in diesem Interview, er wisse, was ein Trauma ist und nachher stellt sich heraus, dass er die Vokabel nicht kennt?

Torftipp: Den Mund aufmachen.