20 Jahre Torfkurier, der Film






Wandern spontan

Locker losspazieren und genießen.

Text: Götz Paschen
Fotos: Martina Westermann / Götz Paschen / privat

„Anfangs hatte ich keine Wanderschuhe. Die ersten Strecken bin ich mit meinen Turnschuhen gelaufen. Das geht alles mit normaler Kleidung. Wir haben immer einen Rucksack für eine Pause und ein kleines Waldpicknick dabei. Einkehren ist nicht unser Ding.“ Martina Westermann (45) wandert regelmäßig mit ihrem Partner Bas Westen (44) und räumt mit Vorurteilen auf:

Rentner und Bergschuhe
1) Wandern ist was für Rentner. Westermann: „Wenn man den ganzen Tag im Büro sitzt, ist das ein guter Ausgleich: Natur, frische Luft und Bewegung.“ Westen: „... und damit man es überhaupt bis zur Rente schafft.“
2) Man braucht Wanderschuhe. Westermann: „Die Nordpfade kann man auch mit guten Schuhen oder Turnschuhen laufen.“ Westen: „Man braucht auch nicht immer die ganze Tour zu laufen. Wir wollen Strecken mit wenig Asphalt. Bei Facebook hat sich einer beschwert, dass eine Tour zu matschig war. Im Herbst im Wald muss man mit matschigen Wegen rechnen. Ich freue mich über jeden Baum, der quer liegt. Das ist netter als im Bremer Bürgerpark.“

Blasen, Reisen, Langeweile
3) Vom Wandern kriegt man Blasen. Westen: „Wenn man mit kleinen Strecken anfängt, kriegt man keine.“ Westermann: „Ich hatte noch nie welche. Aber 15 Kilometern mit Flipflops durch den Wald geht nicht.“
4) Man hat eine lange Anreise. Westen: „Bei den Nordpfaden hast du Natur direkt um die Ecke. Weiter fahren muss man nicht.“ Westermann: „Wir gucken oft, wo wir gerade sind. Wir sind auch schon aus der Haustür losgelaufen und dann 15 Kilometer durch Wald und Wiesen gewandert.“ 5) Wandern ist langweilig. Westen: „Es ist positiv, wenn man sich nicht von externen Impulsen leiten lässt, sondern seine Gedanken ordnet. Oder sich mit der Person neben sich austauscht ohne elektrische Hilfsmittel. Du kannst üben, wieder die schönen Dinge vor dir wahrzunehmen.“

Spontan weg
Westen will Freizeitqualität. „Wandern vor Ort ist low tech, low organisation. Man kann es hip nennen, aber jeder kann es machen. Und leider ist es etwas Besonderes. Es ist ja Wahnsinn, dass wir hier zu diesem Thema zusammensitzen und darüber reden.“ Wenn die beiden Westermanns Eltern in Sottrum besuchen, hängen sie hinten einfach einen Nordpfad dran: Bullensee Rotenburg, Wolfsgrund Eversen nur fünf Kilometer, nochmal eben kurz raus. Oder es ist Familienbesuch da und man fragt, wer hat Lust, spontan eine Runde zu laufen. Die beiden sind dafür bekannt: „Wenn Leute anrufen, sage ich: ‚Wollen wir mal wieder einen Nordpfad gehen?‘“ Oder eine aktive Geburtstagsrunde statt Kaffeekränzchen. Westermann: „Machen wir mal was zusammen, alle Mann. Wir haben uns um 14 Uhr getroffen und sind losmarschiert.“ Mit den Landkreisbekannten geht das gut, aber so Westen: „Die Bremer kommen nicht aus Bremen raus. Die brauchen vorher ne Impfung und ein Visum.“

Nordpfade ROW
Westermann kommt ohnehin ursprünglich aus dem Landkreis Rotenburg. Und Westen ist als Holländer flexibel. Charakteristika der Nordpfade sind nach Meinung der beiden Natur pur, um die Ecke, flache Landschaft, nicht anstrengend, eintägig, gut ausgeschildert, Karte überflüssig, Ereignispunkte unterwegs, ungefährlich. Westen: „Es ist wie bei einem Bild: Hin und wieder bringt der Rahmen einen anderen Blickwinkel. Zu Fuß eröffnen sich gewisse Sachen auf andere Art. Die Wege sind entspannend unspektakulär. Und sie sind alle ungefähr eine Leistungsklasse: acht bis elf Kilometer Flachland.“

Wanderkinder?
„Als Kind bin ich nicht gewandert, aber schon dauernd im Bach und im Wald mit Gummistiefeln rumgebutschert. Und spazieren gegangen bin ich schon immer gerne.“ Erst mit 43 Jahren hat Westermann ihre ersten Wanderschuhe gekauft. Westen war als Kind in Holland schon bei den Pfadfindern und kann mit Karte, Kompass und Wanderapp umgehen: Er schwört auf ‚Maps 3D‘ mit allen Wanderrouten. „20 Euro und weltweit geile Karten.“ Seine Familie ging auch öfter sonntags im Wald wandern, statt Kaffee und Kuchen zu essen. Ohne Rucksack, spontan weg. „Das muss nicht zu sportlich werden. Das ist nicht unsere Absicht. Man kann auch mal zwei Kilometer gehen, weil man meint, das ist eine nette Ecke. Es wäre schön, wenn mehr Leute ihre eigene Umgebung genießen würden.“

Daheim
Wer auf den Nordpfaden im Landkreis Rotenburg geübt hat, kommt unweigerlich auf die Idee, anderswo schöne Strecken auszuprobieren. Durchaus auch planlos. Westermann: „Wieso müssen wir immer nach Rotenburg fahren?“ Sie haben es vor Achim ausprobiert. Westen meint, die Herausforderung sei bei Achim, an passender Stelle, die A 27 zu überqueren. - Und was zieht man an? Funktionskleidung, wasserdicht bis Wassersäule X …? Westen: „Wir bringen eine Regenjacke mit. Ob das jetzt eine Goretex-Hammerjacke sein muss, ist die Frage. Ich habe mir eine Outdoorjacke fürs Radfahren gekauft und beim Wandern festgestellt, dass es auch bei schlechtem Wetter draußen super ist. Gewitter im Wald ist schlecht. Aber Regen ist schön. Und wenn es danach aufklart, ist die Natur super.“ Seine Freundin wandert viel in Jeans mit Turnschuhen. Klar gibt es prima Sachen, mit unterem Hosenbein zum Abnehmen per Reisverschluss. Aber richtige Vorbereitung kennen die Achimer nur für ihre Urlaubstouren.

Und unterwegs
Mallorca, Südtirol, Portugal, viermal Sachsen, Holland, Tschechien: 21 Kilometer auf die Schneekoppe rauf mit 700 Metern Höhenunterschied. Obendrauf ist die Landesgrenze zu Polen. Dort entspringt die Upa, die später in die Elbe mündet ... Westen: „Die kurzen Strecken sechs bis zehn Kilometer, die wir zwischen Tür und Angel mitnehmen, sind da etwas anderes. Wenn wir wirklich was planen 12 bis 17 Kilometer. Da machen wir uns Gedanken vorher: Vier Tage Elbsandsteingebirge habe ich schon vorbereitet.“ Fünf Stunden Anreise, Zeltplätze, Testlauf im Harz mit Übernachtung, wie viel Gepäck auf dem Rücken ... Für die Kurzstrecken sind die beiden Sparpacker: Tagesrucksack mit Picknick und ein Regenponcho der auch über den Rucksack reicht. Westen: „Man nimmt immer eine Kleiderstufe mehr mit, als erwartet. Oft dauert eine Tour länger als geplant. Da ist es schön, wenn man was überziehen kann. – Aber keine Liste mit Zeckenzange und Marker, um den Biss zu markieren ... Da sind die Deutschen weltberühmt. Immer optimiert.“

Nordpfadheft
Westermann hat die handliche Broschüre von den Nordpfaden immer im Auto liegen. Wenn die beiden im Landkreis unterwegs sind, gucken sie oft, welcher Pfad in der Nähe ist. Vor Ort braucht man das Heft nicht. Die Wege sind gut ausgeschildert. Westen: „Unsere größte Beschwerde ist, dass es das nur für Rotenburg gibt. – Praktisch ist: Manche Wege lassen sich auch kombinieren. Einige Wanderer wollen auch alle laufen. Das sind dann Sammler.“ Im Heft macht man sich seine eigenen Vermerke. Bald kommt die aktualisierte Neuauflage. Westermann: „Das Heft lebt. Ich will kein Neues haben. Da fehlen mir meine Notizen.“

Torftipp: Haustür auf und loslaufen.