20 Jahre Torfkurier, der Film






Physiotherapeutin

Helfen können: Arbeit mit Menschen.

Text / Fotos: Götz Paschen

„Man wird immer als Masseur abgestempelt, ist man aber nicht.“ Die staatlich anerkannte Physiotherapeutin Jana Moll (25) arbeitet Vollzeit in der Krankengymnastik Praxis Reincke in Oyten. Beruf und Ausbildung haben medizinischen Charakter. „Büromenschen, die am PC arbeiten, klagen oft über Schulter- und Nackenbeschwerden mit Verspannungen und Schmerzen.“ Einseitige Belastung ohne Ausgleichssport oder -gymnastik führt zu verspannten Muskeln und festem Gewebe. Die erste Behandlung besteht aus Befund, Gesamtschau und kompletter Anamnese. „Wo kommt der Schmerz her? Angucken, anfassen, dann anfangen mit Lockerung der Muskeln, Mobilisierung der Wirbelsäule und Muskelaufbau.“ Es ist eine Mischung aus aktiver Krankengymnastik und Massage. „Aber mehr auf der Bank, als aktive Behandlung.“ Dabei gilt bei der Physiotherapie das gleiche wie beim Flötenunterricht. Wer zu Hause nicht übt, kommt nur langsam weiter. Ein erschwingliches Übungsmittel ist ein Thera-Band. Das Gummiband ist zweieinhalb Meter lang und hier aus dunkelgrünem Latex. Moll zieht es durch die Sprossenwand im Behandlungsraum, stellt sich seitlich zur Wand und kräftigt durch einarmigen Zug die Schulter. Oder sie stellt sich mit dem Blick zur Wand, nimmt beide Enden in je eine Hand und zieht sie stramm hinter das Gesäß. Locker lassen, stramm ziehen …, Fotos Seite 6. Der Oberkörper richtet sich dabei aus dem Rundrücken auf. „Der typische Rundrücken entsteht durch zu schwache Rückenmuskulatur. Die Muskulatur ist vorhanden, aber wenig ausgebildet. Eine klassische Muskeldisbalance: Vorne ist die Muskulatur besser gestärkt als im Rücken.“ Ein Rundrücken kann auch durch Fehlhaltungen entstehen: „Die Handygeneration hat immer den Nacken krumm und guckt runter.“ Hier fehlen der aufrechte Gang und der gesunde Weitblick.

16.000 Euro Schulgeld
Nach dem Abitur an der Berufsschule BBS Rotenburg mit Schwerpunkt Sozialpädagogik – „Menschen war schon immer dabei“ – hat Moll sich für Physiotherapie entschieden. Sie hat am Diako-Blipht (Bremer Lehrinstitut für Physiotherapie) die schulische Ausbildung von 2015 bis 2018 absolviert. Dort gab es ein Vierjahreskonzept mit vorherigem Jahrespraktikum. In diesem Jahr erhielt sie nur einen sparsamen Lohn, dafür aber dann drei Jahre 75 % Schulgeldnachlass vom Träger. „Zu meiner Zeit waren es monatlich 450 Euro Schulgeld. Ich habe wegen des Jahrespraktikums nur 115 Euro gezahlt.“ Zum Institut gehörten Schule, Krankengymnastikpraxis und Fitnessstudio. „Die Therapeuten konnten mit den Patienten auch direkt hoch ins Studio gehen.“ In dem Praktikumsjahr hat Moll auch schon Rezepte, Abrechnung und Bürosoftware kennen gelernt. „Das kriegt man in der schulischen Ausbildung nicht mit.“ Wer damals 3 Jahre x 12 Monate x 450 Euro Schulgeld zahlte, war am Ende bei rund 16.000 Euro Gesamtkosten. „Das ist viel für einen sozialen Beruf. Viele haben erst etwas anderes gelernt und auf die Ausbildung gespart oder sie über BAföG oder die Eltern finanziert.“ Seit 2019 kostet die Ausbildung kein Schulgeld mehr und Auszubildende erhalten abhängig vom Träger der Ausbildung eine gute Ausbildungsvergütung, oder keine. Wer keine Vergütung erhält, kann wiederum BAföG beantragen. Bei Moll kam nach dem Jahrespraktikum ein ¾ Jahr Schule und dann immer im Achtwochenrhytmus der Wechsel zwischen Praktikum und Blockunterricht. „Ich wollte das blockweise und nicht nachmittags meine Klausuren schreiben. Und ich wollte wissen, wie sieht der Arbeitstag über acht Stunden aus.“ Andere Institute machen vormittags die Praxis und nachmittags die Schule. „Da kann man nachmittags seine Fragen direkt klären.“ Auch nicht schlecht.

Wieso Physiotherapie?
„Ich habe schon beim Handball mit Physiotherapie zu tun gehabt, bei einem Bänderriss im Fuß. – Ich fand immer spannend, durch die Arbeit mit dem Körper einem Menschen zu helfen, wieder fit zu werden.“ Früher hieß der Physiotherapeut Krankengymnast. Heute ist auch ein Bachelor möglich durch Verlängerung der Ausbildung. „Ich habe alles mitgekriegt. Ein Studium ist mir zu theoretisch für den Arbeitsalltag.“ Wer seine Wartesemester für das Medizinstudium voll kriegen muss, hat mit Physiotherapie eine gute Grundlage für das Studium. Die Schulen haben ihre Kooperationspartner für das echte Leben. „Man wandert als Schüler durch die Einrichtungen von Klinik, zu Praxis, zu Reha …“ Im Unterricht zieht man ein Kärtchen mit einem Krankheitsbild und behandelt entsprechend. „Wir haben uns gegenseitig ohne Ende massiert.“ Die Übungen in der Schule finden immer am gesunden Mitschüler statt. „Beim Patienten hatte ich dann zum ersten Mal einen gelähmten Arm in derselben Situation in der Hand. Man kann es niemals so nachstellen, wie es ist. Am gesunden Mitschüler fühlt man nichts Entsprechendes.“

Weiterbildung
Der Beruf bietet viele Weiterbildungsmöglichkeiten von kurz bis umfangreich: Sportphysio, Rückenschule ... „Ich habe in der Ausbildung an einem Tapingkurs über zwei Tage teilgenommen. Und ich tape viel.“ Tapen ist eine Art Klebebandtherapie. Was hat sie noch vor? „Ich schwärme von Osteopathie als Zusatzausbildung.“ Die schulische Ausbildung ist das Grundgerüst. Die Fortbildungen sind oft teuer. Ein Modell ist, dass der Arbeitgeber bezahlt und der Mitarbeiter sich gleichzeitig verpflichtet, nach der Fortbildung noch für mindestens den Zeitraum X in der Praxis zu bleiben. – Und eine eigene Praxis? „Ich bin froh, wenn ich hier rausgehen kann und Feierabend habe. Den Menschen zu helfen, macht mir Spaß, aber nicht der Aufwand mit Ärzten, Krankenkassen und Verwaltung.“

Corona
Die meisten Krankengeschichten in Molls Arbeitsalltag sind orthopädische. Oder es kommen Patienten zur Massage als Selbstzahler. „Aber während Corona geht das nicht. In der Coronazeit soll eine medizinisch Notwendigkeit für die Behandlung bestehen. Wenn das Rezept ausläuft, ist der Besuch vorbei.“ Wer vor Corona noch auf eigene Kosten verlängert hat, weil es ihm gut tat, kann das heute aufgrund der Verordnung nicht mehr. Die Vorgabe ist logisch, aber dient sie der Gesundheit? – „Die, die Angst hatten, sind Anfang des Jahres nicht gekommen. Wir hatten erst auch ein mulmiges Gefühl. Aber Homeoffice gibt es bei Physiotherapeuten nicht.“ Also täglich das Übliche: Maskenpflicht, Hände waschen, desinfizieren … Viele Behandlungen in Bauchlage, in Rückenlage alle Behandlungen mit FFP2-Masken, die mit der Schnabelform. „Wir waren und sind systemrelevant. Finanziell hatten wir fast keine Einbußen: Zwei Monate war anfangs Kurzarbeit, weil viele zu Hause geblieben sind. Jetzt läuft es wieder normal.“

Schulinhalte
In der schulischen Ausbildung ging es um Orthopädie und Chirurgie, also Knochen, Muskeln und Gelenke. Ein Thema war die Pädiatrie, die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Angehende Physiotherapeuten beschäftigen sich auch mit Gynäkologie: „Blasengeschichten, Beckenboden, Behandlung von Alten, Schwangeren, frisch Entbundenen, oder nach einer Brust-OP. Die Generation um die 70 hat ihre Schwangerschaften oft ohne Rückbildungskurse erledigt.“ In der Neurologie begegnen einem Schlaganfallpatienten, deren schwache Hälfte man gemeinsam wieder aufbauen muss. „In der Akut-Reha  machen die stationär in drei Wochen krasse Fortschritte. Danach sind sie ein- bis zweimal die Woche zur Wiederherstellung der Beweglichkeit hier.“ In der Schule ging es auch um innere Medizin und Physiologie. Das wären Patienten nach Herz-OPs. Auch diese Behandlungen laufen mehr in der Reha als in der ambulanten Praxis. Deswegen sind Physiotherapeuten auch häufig in Kliniken angestellt, um dort die Kranken aufzupäppeln.

Empathie
Rückenschule, Hausbesuche, Sportphysio, Rückbildungsgymnastik, Lymphdrainage … das klingt jetzt alles sehr konkret und körperlich. Aber: „Man muss körperlich behandeln, aber auch empathisch und seelisch präsent sein.“ Im Regelfall siezt Moll die Patienten mit einzelnen Ausnahmen. „Man ist immer nah am Patienten, aber die professionelle Distanz muss trotzdem bleiben.“ Viele tauen im Laufe der Behandlung mit den sechs Terminen auf. Zuhören und Tipps geben gehört zum Beruf. Traurige Geschichten muss man in der Praxis lassen. „Den einen drückt es auch auf der Seele. Andere haben einfach nur Schmerzen. Aber körperliches Leiden kommt auch nicht von irgendwo.“ Das Gros der Patienten ist älter, hauptsächlich ab 60. „Aber wir haben auch Jüngere: Im Berufsleben entstehen die Rückenbeschwerden. Und die meisten Bandscheibenvorfälle passieren beispielsweise zwischen 25 und 50.“

Taktung
Diese Praxis hat von 7 bis 19 Uhr geöffnet und für die Mitarbeiter verschiedene Schichten. Moll hat eine 40-Stunden-Woche: Zwei Tage spät bis 19 Uhr und drei Tage früh 7 bis 15.30 Uhr. Ihre Termine findet sie in dem Wochenplan in ihrer Spalte. „Normal ist der Plan voll. Wenn einer absagt, kann man einen anrufen und vorholen.“ Es gibt eine Reserve: alle die noch bräuchten, für die aber nichts mehr frei war. Fällt einer spontan aus, heißt das eine halbe Stunde rumsitzen? „Ich kann desinfizieren, der Bürokraft Sachen abnehmen, Berichte für die Ärzte schreiben …“ Warum ist sie hier und nicht in einer Klinik? „Weil es nah ist. Und wir arbeiten im 30- und nicht im 20-Minutentakt. Mir gefallen auch das Team und die Räumlichkeiten.“ 20 Minuten ist die Kassenregelzeit für Krankengymnastik. Wer drei davon in der Stunde ansetzt, hat eine sehr straffe Taktung inklusive An- und Ausziehen. Bei 30 Minuten-Taktung ist mehr Luft. „Man behandelt auch mal drei Minuten länger, ohne dass der nächste die drei Minuten abgezogen kriegt. Das ist schon humaner und eigentlich Luxus.“ In Coronazeiten kann man mit kleiner Zeitreserve auch besser Stoßlüften und die Bank desinfizieren. Zu dem Besuch gehören Termine klären, Rezepte eintragen, gegebenenfalls den Eigenanteil zahlen. „Ohne Rezeptionskraft geht das nicht in 20 Minuten.“

Gefragte Leute
Jana Moll ist eine fröhliche junge Frau mit frischem Schwung und positiver Ausstrahlung. Nach ihrem Klinikpraktikum wurde ihr gesagt, dass sie sich später auch bewerben könne. „Die Kollegen haben mich nach der Ausbildung angeschrieben: ‚Melde dich mal bei unserer Chefin.‘ Aber ich wollte nicht ins Krankenhaus, weil ich Handball spiele und meine Wochenenden für die Spiele frei halten wollte.“

Perspektive
Seit der gestrichenen Schulkosten sei Physio im Kommen. „Viele konnten es sich bisher nicht leisten. Die Ausbildung ist jetzt wieder interessanter geworden.“ Gesund sollte man sein, Sportler nicht unbedingt. Es ist ein körperorientierter Beruf für Leute, die Lust auf Menschen und helfen haben. Von dem Gehalt kann man keinen Palast bauen. Dafür ist die Vereinbarkeit mit einer Familie möglich. „Halbtags geht bei meinen Kolleginnen mit Kindern. Entweder Teilzeit vormittags oder zwei volle Tage, und die Kinder sind bei Oma und Opa.“ Abends wechselt sie die Arbeitsjogginghose gegen die private. Dann ist Feierabend, Verwandtschaft hin oder her. „Ich massiere wenig zu Hause, nur wenn es sein muss.“ Tagsüber ist schon gut was los. „Man muss sich alle halbe Stunde auf einen neuen Menschen einstellen.“ Mit Gespräch und allem. Das Autoradio lässt Moll auf dem Heimweg aus. „Ich hatte den ganzen Tag Beschallung. Tagsüber stört es mich nicht, aber abends sitze ich gerne ohne Fernsehen oder Radio.“

Torftipp: Machen. „Es gibt zu wenig Physiotherapeuten. Überall wird gesucht.“ Auch Molls Praxis sucht noch Kollegen.