20 Jahre Torfkurier, der Film






Kreative Radlösungen

Erfolgreich mobil dank unkonventioneller Ideen.

Text: Götz Paschen
Fotos: Götz Paschen, Peter Menke

2017 fuhren Lydia und Peter Menke mit Baby Thea (damals 0 Jahre) mit dem Zug von Rotenburg nach Büsum. Mit dabei Strandmuschel, Stillkissen, Kinderwagen, Lastenfahrrad, vier Packtaschen … „Ich bin mit dem Kinderwagen zu Fuß zum Bahnhof gegangen. In Büsum haben wir uns ein zweites Fahrrad geliehen“, so Peter Menke (38). Im selben Jahr war Lydia Menke (35) einer der ‚Stadtradelstars‘ des Rotenburger Stadtradelns. Stadtradler fahren drei Wochen möglichst viel Fahrrad und nur gelegentlich Auto. Nur Stadtradelstars geben ihren Autoschlüssel ab und fahren alle Strecken mit dem Rad und öffentlichen Verkehrsmitteln. „Autoschlüssel abgeben? Was ich nicht habe, kann ich nicht abgeben. Wir haben kein Auto. Bei mir waren es in drei Wochen 190 Kilometer auf dem Fahrrad nur Versorgungsfahrten: Einkaufen, Arzt … und Freunde besuchen, Freizeitgestaltung … Da war keine einzige Tour dabei. Das hat mich überrascht.“ Mit dabei war immer das ‚KR8‘ von ‚Workcycles‘, einem holländischen Lastradhersteller. Ein Modell mit Elektro-Mittelmotor und Batterie unter der Kindersitzbank. Es wiegt solide 48 Kilo und bei voller Ausstattung bekommt man drei kleine Kinder mit. Sie: „Das Dach schützt vor Regen und kaltem Wind.“

Lösungen
Lydia Menke: „Ganz viel geht – man muss es halt wollen und kreativ sein. Es gibt fast immer eine Lösung, eine Strecke mit dem Fahrrad zu machen“ Viele fragen: ‚ Ihr habt kein Auto, ist das nicht schwierig? Spätestens wenn ihr ein Kind habt, habt ihr ein Auto.‘ Lydia Menke: „Jetzt erst recht nicht.“ Sie empfindet es als Privileg, dass sie alles mit dem Fahrrad erledigen kann. „Irgendwann weiß man, dass man im Hamburger Hauptbahnhof super mit dem Lastrad die Rolltreppe mit angezogener Handbremse hochfahren kann. Bis jetzt hat noch keiner gemeckert. Die Kontrolleure dürfen sonst tragen helfen. Man muss halt einiges ausprobieren.“ Gerade bei den langen Fahrradwaggons des Metronoms kriegt man das KR8 gut rein. Peter Menke: „Die Aufzüge am Bahnhof sind am schwierigsten. Im Aufzug muss du unser Rad hinten hochheben.“ Sonst passt die Gesamtlänge von 2 Meter 50 da nicht rein.

Bequemlichkeit
Klingt jetzt alles nach Aufwand, aber Lydia Menke: „Mit dem Fahrrad komme ich viel dichter an die Geschäfte ran. Bei Obi muss ich nichts tragen. In der Fußgängerzone schiebe ich bis direkt vor die Läden. Am Bullensee schleppen alle ihr Gepäck vom Parkplatz an den Sandstrand und wir fahren einfach vor und packen aus.“ Es gilt das Prinzip: Wo ein Nachteil ist, ist auch ein Vorteil. Peter Menke ist Erzieher und fährt die sieben Kilometer zur Arbeit morgens flott am täglichen Innstadtstau vorbei. „Die Verdener Straße ist morgens bis 8 Uhr 15 immer zu.“ Lydia Menke arbeitet im Krankenhaus: „Die Autostrecke zur Arbeit wäre weiter. Über Parkplatzsuche am Krankenhaus brauche ich nicht zu reden.“ Und das Radwegenetz in Rotenburg sei gut.

Schweiß
Lydia Menke über Langstrecken und Besuche: „Am Anfang gucken die Leute komisch, wenn ich sage ‚Ich geh mal eben bei dir duschen.‘ Es ist alles nur eine Frage der Organisation.“ Lange Radhosen sind schwarz und eng. Mit einem Kleid drüber gehen sie laut Menke als Leggins durch. Ihre Fahrradbluse hat reflektierendes Material, das man tagsüber nicht sieht, sondern nur nachts. Und ein eingenähtes Brillenputztuch an der Innenseite, eine Tasche für Schlüssel und Kreditkarte ... „Der Schnitt schreit nicht von weitem ‚Ich bin Sportler und mit dem Rad unterwegs.‘“ - Ihr Mann hat Kumpels in Hamburg. „Beim letzten Besuch mit dem Zug habe ich Jeans und Turnschuhe bei einem stehen lassen und brauchte von hier nichts mehr mitzunehmen.“ Er fährt öfter mal zum St. Pauli-Spiel, gelegentlich auch mit dem Rennrad: „Das sind auf den Kopp 90 Kilometer. An der ‚Fahrradgarderobe‘ von St. Pauli kannst du dein Fahrrad bewacht stehen lassen mit Garderobenkarte. Das ist ein super Service.“ Besucht er seine Eltern in Rheda-Wiedenbrück, schickt er schon mal Kleidung mit der Post vorweg. Dann geht es mit dem Zug nach Bielefeld. Und die 40 Kilometer von Bielefeld über den Teutoburger Wald nach Rheda-Wiedenbrück mit dem Rennrad. Da gibt es steile Stellen, an denen es gut ist, wenn man nur die Hälfte im Rucksack hat.

Stadtradeln
„Das CO2 wird nicht durch die zusätzliche Radtour am Wochenende gespart, sondern bei den Alltagstouren“, so Lydia Menke. Am 26.5.2019 geht es in Rotenburg wieder los. Die Menkes haben seit 2015 jedes Jahr teilgenommen. 2017 hat Peter Menke noch in Bremen gearbeitet und ist die 45 Kilometer zur Arbeit auch öfter mit dem Rennrad gefahren. Nach drei Wochen hatte er 500 Kilometer mehr auf dem Tacho. „Wegen unpassender Arbeitszeiten war ich mit Öffis genauso lange unterwegs wie mit dem Rad, hatte aber mit dem Rad schon Sport.“ Lydia Menke: „Beim Stadtradeln muss man als normaler Teilnehmer nicht auf sein Auto verzichten. Es ist ein Anreiz, mal drei Wochen vermehrt Fahrrad zu fahren.“

Urlaub & Freizeit
Lydia Menke macht oft mit einer Freundin lange Urlaubsfahrradtouren: Die deutsche Ostseeküste lang von der polnischen bis zur dänischen Grenze. Oder 2018 die Elbe runter von Dresden nach Hamburg. Die Menkes waren auch schon mit dem Rad in Westfalen die Ruhr entlang gefahren. Danach gab es Urlaub in Duisburg. Im ‚Landschaftspark Nord‘ kann man im Stahlwerk unter anderem in alten Hochöfen klettern. Peter Menkes Familie kommt aus dem Ruhrgebiet. Die Hotels an den Strecken sind flexibel, haben oft einen Abstellraum oder Lagerräume als sicheren Parkplatz. Sie: „Man muss oft nur fragen. Die machen viel möglich.“

Moneten
Stufenlose Nabenschaltung, Magura Hydraulik-Bremsen, komfortabler E-Motor … Ein flottes Lastenrad ist eine Investition: Mit einfachster Ausstattung liegt man bei 2.000 Euro, mit Motor und Zubehör ist man schnell bei 5.000 Euro. Sie: „Dafür kriegst du einen gebrauchten Kleinwagen, aber die Folgekosten sind viel niedriger: Keine Steuern, Versicherung, Benzinkosten und die Reparaturkosten sind immer geringer.“ Als Peter Menke von der Probefahrt freudestrahlend wieder kam, wusste der Verkäufer: Der Drops ist gelutscht. Die Menkes haben jeder ein Stadtrad, ein Ersatzrad (für Besuch), ein Rennrad und ein halbes Lastenrad. Es geht also auch ohne Auto.

Strecken
7.000 Kilometer hat das Lastrad in seinen ersten beiden Jahren schon auf dem Tacho. Rotenburg – Dodenhof, per Pedale. Zur Freundin nach Beppen „im Niemandsland zwischen Achim und Verden“ per Pedale. „Da brauche ich doch mal ne Dusche, das ist ja nicht um die Ecke. Dann nehme ich in der Packtasche Wechselklamotten mit.“ Auto teilen mit den Nachbar findet nicht statt. Gelegentlich fahren sie auch bei anderen im Auto mit, wenn es sich anbietet. Die Gewohnheiten muss man anpassen: Schuhwechsel bei der Ankunft. Die Regenhose im Rucksack. Etwas Werkzeug dabei. Das Baby damals im Maxi-Cosi mit Federsitz im Lastrad vorne. Er kauft keine hellen Hosen mehr. Sie nur noch Röcke mit Schlitz hinten. „Das ist sonst beim Herrenrad doof.“ Lydia Menke: „Es geht ganz viel, man muss es nur wollen. Es macht kreativ. Wer nicht will, findet immer Argumente dagegen.“

Torftipp: 1) www.stadtradeln.de oder Umweltbüro Rotenburg, Andrea Rieß, Rathaus, Zimmer 1.5, 0 42 61 - 71 104, andrea.riess@rotenburg-wuemme.de
2) BUVKO - Bundesweiter Umwelt- und Verkehrskongress: ‚Mensch und Stadt in Bewegung‘, 15. - 17.3.2019 Hochschule Darmstadt. Mit Fachleuten und Engagierten aus Rathäusern, Planungsbüros, Hochschulen und Zivilgesellschaft: Eröffnungspressekonferenz, Bürger-Projekte, Umweltbundesamt und Wissenschaft, Walkshop, acht Exkursionen … Mehr unter
www.buvko.de