20 Jahre Torfkurier, der Film






Hundertwasserbahnhof Uelzen

Bothel und die Avantgarde der Architektur.

Text: Götz Paschen
Fotos: Dietmar Lehmann / pixelio.de; Birgit Ahlswe; Simone Smeilus

„Wir schöpfen den Rahmen unserer Gestaltungsmöglichkeiten nicht aus. Der Bahnhof war interessant und toll anzugucken. Ich fand ihn sehr imposant. Die Führung hat auch allen gefallen.“ Sonja Reimann arbeitet in der Gemeindeverwaltung der Samtgemeinde Bothel, Abteilung Kasse. Tagsüber buchhalterisch eckig, aber nach Feierabend kommt bunter Schwung in ihre Gedanken. „Ich bin kunstinteressiert. Ich hatte mir den Bahnhof so vorgestellt wie Antoni Gaudis Architektur in Barcelona. Die hatte ich auch schon gesehen. Man kann Parallelen ziehen.“ Eine Freundin hatte ihr von Uelzen erzählt. Reimann organisierte daraufhin den Kulturteils des Betriebsausfluges 2016.
Nach einem Vorjahresausflug nach Helgoland mit solidem Wellengang, waren alle einverstanden. „Da meisten hingen über der Reling. Mir hat es nichts ausgemacht. Wir waren nur zu dritt, die seefest waren.“ Also Uelzen. – „Wir sind als Gruppe mit dem Zug gefahren. Das hat sich angeboten.“ Samtgemeindeausflug heißt Verwaltung, Reinigungskräfte, Kläranlage … 30 bis 40 Leute. Nach der Führung in zwei Gruppen gab es in Uelzen noch Angebote wie den ‚Weg der Steine in die historische Altstadt‘, die Marienkirche, Bummeln, Biergarten, Café oder mit dem Leihrad in die nähere Umgebung. „An so einem Betriebsausflug hängt immer einiges dran.“

Führungen
Was sagen andere Besucher? „Die finden das hier alle gut, weil es so schön bunt ist. Es gibt nur wenige, denen es nicht gefällt.“ Ariane Schmäschke aus Uelzen ist Vorstandsmitglied im Verein Bahnhof 2000 Uelzen e. V. Sie organisiert die Führungen. - Und die Nachahmung daheim? „Bei inspirierten Besuchern findet man Gestaltungselemente in Uelzener Gärten und an Häusern wieder. Gäste zeigen auch Fotos, wie sie ihr tristes Badezimmer aufgepeppt haben. Ein normales deutsches Bad ist doch öde und langweilig.“ Von Hundertwassers radikaler Art ist Schmäschke begeistert: „Hundertwasser war Künstler, heilte aber auch gruselige Architektur. Er nannte sich Architekturdoktor und war hier der ‚Behübscher‘. Seine Meinung war: ‚Normale Architekten bauen Häuser, die die Menschen krank machen.‘ Er wollte Individualität, organische Formen und Rücksicht auf Mensch und Natur.“ So weit würde sie ihm folgen, aber bei seinem ‚Verschimmelungsmanifest‘ hört es auch bei Schmäschke auf: „Alles dem Lauf der Zeit zu überlassen, hieße, auch dieses Kunstwerk nicht zu unterhalten.“

Schön schräg
Der Bahnhof in Uelzen ist nicht so funktional steril wie andere. In zieren bunte Säulen, Falten in den Wänden, unebener Boden – aber ebene Hauptlaufflächen als Kompromiss -, Baummieter – Mitbewohner auf dem Dach, goldene Kugeln und insgesamt die Farbenpracht eines Märchenschlosses. Ästhetisch ansprechend, aber kein Grund für exorbitante Begeisterung. Worin steckt also der besondere Reiz? Schmäschke: „Es ist kein Museum, sondern eine ganz normale Eisenbahnverkehrsstation. Täglich benutzt, aber trotzdem ein Ort mit Wohlfühlcharakter. Der macht gute Laune. Die künstlerisch Umgestaltung kombiniert mit dem Baustil von 1887 ist das, was man hier sieht: Gut gelungen. Er ist ein Kunstwerk, das täglich genutzt wird.“ Schmäschke erwähnt auch Hundertwassers Postulat zum ‚Fenster-Recht‘. Es ist das Recht jedes einzelnen, sich aus seinem Fenster zu beugen und – so weit seine Arme reichen – das Mauerwerk zu bemalen. Bei seiner ‚Nacktrede für das Anrecht auf die dritte Haut‘ 1967 in München wetterte der Künstler gegen die Versklavung des Menschen durch das sterile Rastersystem der Architektur und durch die Serienfabrikation einer mechanisierten Industrie. In seinem ‚Architektur-Boykott-Manifest‘ rief er gegen sterile Architektur und tödliche Eintönigkeit auf. Er fordert  schöpferische Baufreiheit, das Recht zur individuellen Bauveränderung, Fensterrecht und Baumpflicht (Dachbewaldung/-begrünung). – Hundertwassers Mutter war Jüdin. Den Naziterror erlebte er als Jugendlicher mit Angst. Die Ablehnung gegen die Geometrisierung belegt ein Brief von 1954. Hier assoziiert der Künstler Form mit Militär und beschreibt „in geometrische Rechtecke gepresste Marschkolonnen“.

Beeindruckt Bothel
Birgit Ahlswe vom Ordnungsamt Bothel erinnert: „Bei der Führung hieß es, dass es den Handwerkern ganz normaler Betriebe im Bahnhof zunächst schwer gefallen sein soll, ‚schief‘ zu arbeiten und nicht so exakt, wie sie es gewohnt waren. Sie haben dann aber Gefallen daran gefunden und den Sinn erkannt: Alles kommt in Bewegung und wird lebendig!“ Beeindruckend fanden die Botheler die ‚Keramikabteilung‘. Reimann: „Die Toiletten sind besonders nett gestaltet.“ Technisch funktioniere der Bahnhof normal und einwandfrei. Ist er nun ein Bahnhof oder ein Kunstobjekt? „Beides. Es findet eine funktionale Kombination statt. Das ist immer eine Bereicherung.“ Rahmenbruch und runde Formen erlebt Reimann als einen guten Ausgleich. Hat sie nach Uelzen daheim umgebaut? „Zuhause ist alles beim Alten.“

Expo 2000
Im Rahmen der Expo 2000 (Thema: Mensch – Natur – Technik) wurde in Uelzen die Sanierung des alten denkmalgeschützten Bahnhofs zum Umwelt- und Kulturbahnhof angedacht. Ohne einen Gedanken an Hundertwasser. Die Idee wird wieder eingeäschert. Der kunstinteressierte Stadtdirektor bietet als spontane Alternative eine Ausstellung mit Bildern von Hundertwasser an. Ein Leserbriefschreiber meint in der Lokalpresse: Eine Kunstausstellung reiche für die Expo nicht. Er regt eine Sanierung mit Hundertwasser an. Es entsteht eine örtliche Arbeitsgruppe. Die Hundertwasser-Architekten Peter Pelikan und Heinz M. Springmann führen den Umbau 1998 bis 2000 nach einem maßstabsgerechten Architekturmodell von Hundertwasser durch. Der Bahnhof ist das letzte Bauwerk, das Hundertwasser zu seinen Lebzeiten begonnen hat. Und in der Chronik das 19. von 20. Hundertwasser-Architekturprojekten auf der Welt. Am 19.2.2000 stirbt Friedensreich Hundertwasser. Am 25.11.2000 findet die Einweihung des Bahnhofes statt. Schmäschke: „Ein halbes Jahr vor Fertigstellung wollte er höchstpersönlich von Neuseeland kommen. Er ist auf dem Weg hierher auf dem Schiff gestorben.“

Umweltideen
Der ‚Umwelt- und Kulturbahnhof‘ bietet seine Umweltidee vor allem auf dem Dach. 1997 errichteten die Stadtwerke Uelzen hier Norddeutschlands damals größte Photovoltaik-Anlage. Schmäschke: „Das hat Hundertwasser mit bewogen, sich hier zu engagieren.“ 2017 folgte eine zweite Solarmodulgeneration auf dem Dach. Sie ist ertragreicher und liefert „wunderschön viel Sonnenstrom“. Die Besucher der Führungen kommen mit Zug, Bus oder Auto. „Wir nehmen auch gerne Gäste, die mit dem PKW anreisen. Aber wir präferieren die ökologische Anfahrt.“

Torftipp: 1) Gästeführung: Verein Bahnhof 2000 Uelzen e. V., Friedensreich-Hundertwasserplatz 1, 29525 Uelzen, 05 81 - 389 04 89, info@bahnhof2000-uelzen.de, Mo - Fr: 10.30 - 14 Uhr; Einzelpersonen: 5,00 Euro, Gruppen auf Anfrage. 2) Reimanns zweiter Tipp: www.iserhatsche.de