Der Unterschied

Mehr Zuwendung in VHS-Kursen.

Text/Foto: Götz Paschen

„Wenn du in der Scheiße auf dem Boden sitzt, haben die Lehrer in der VHS sich dazugesetzt und sind dann mit dir aufgestanden. Das ist besser als in der normalen Schule. Klar kriegst du auch Noten, aber du wirst menschlicher behandelt. Die Lehrer haben gesagt: ‚Ja komm, das packst du.‘ Die waren näher an dir dran und haben sich um dich gekümmert. Sie sind vor der Prüfung trotzdem entspannt. Das macht dir ein besseres Gefühl. Du bist nicht so ganz alleine.“ Chiara Schramm (19) aus Mulmshorn hat 2018 den Tagesrealschulkurs an der VHS Rotenburg absolviert und die Prüfung bestanden. Inzwischen sitzt sie in der Kivinan-Berufsschule Zeven und macht ihr Abi im Zweig Gesundheit und Pflege. Der Stoff ist anstrengender. Es werden mehr Klausuren geschrieben. Die Lehrer sind anders. „Die rattern das runter, und wir müssen es in der Prüfung abliefern können. Jetzt bin ich nur eine Schülerin. Vorher bei der VHS war ich auch der Schützling der Lehrer.“

Motivation
Nach zwei Jahren Berufsfachschule im Bereich Hauswirtschaft hatte Schramm wiederholt keine 3,0 erreicht. „Das war immer noch kein Realschulabschluss. Ich wollte meinen Realschulabschluss machen. Mit einem Hauptschulabschluss kommst du nicht sonderlich weit. Die Schulsozialarbeiterin hat mir die VHS empfohlen.“ Da hat Schramm ihren erweiterten Realschulabschluss erreicht, mit dem sie auf dem Gymnasium weitermachen durfte. Die monatlichen VHS-Kosten hat ihre Mutter bezahlt. „Der Deal war: Sie zahlt, es sei denn ich scheitere, dann muss ich ihr alles zurückzahlen, rund 600 Euro.“

Ziele
Schramm will ihr Abi schaffen und Politik und Geschichte auf Lehramt studieren. Sie interessieren Gesichte, Tagesaktuelles und Sachbücher. Plan B ist Gesundheits- und Krankenpflegerin. Auch dafür braucht man den Realschulabschluss. „Sogar als Mc Donald’s-Schichtführer brauchst du den.“ Schramm hat nebenbei in Bockel an der Autobahn Burger montiert. Aktuell arbeitet sie zusätzlich in Gyhum in der Küche der Rehaklinik. „Ich bin in der Gastronomie geboren. Meine Eltern haben ein Restaurant.“ Ab 14 hat sie regelmäßig bei ihrem Vater geholfen und zu Hause ein bisschen den Haushalt geschmissen. - Schramm guckt zum Halbjahr, wie das mit den Noten aussieht, und entscheidet dann, wohin die Reise geht.

Selbstwert
In dem Kurs Tagesrealschule saßen Leute von 16 bis 23 Jahren, mehr Frauen als Männer, ein geringer Ausländeranteil, insgesamt eine bunte Mischung aus dem Landkreis Rotenburg. „Einige haben das auch nur gemacht, um ihr Selbstwertgefühl zu erhöhen. Viele fühlen sich jetzt besser, sind selbstbewusster. Der Bildungsstand ist höher. Ich denke, es kann auch ein Hauptschüler schlau sein und ein Gymnasiast komplett dämlich. Menschlich sagt der Bildungsstand nichts aus.“

Prüfung und dann
Wichtig sind die Schulanteile zur Berufsplanung: Bewerbungshilfe, Praktika-Anbahnung, Kontakte herstellen, Ausbildungsmessebesuch, konkrete Ansagen zu Bewerbungsgesprächen … Die Prüfung ist voll gültig. Das Halbjahreszeugnis findet keine Berücksichtigung. Schramm hatte vier schriftliche und drei mündliche Prüfungen für den ‚Erweiterten‘, weil sie zwei Schriftliche vergeigt hatte. Zur letzten Mündlichen am Hurricane-Donnerstag ist sie schon mit vollgepacktem Festivalauto gefahren. „Ich wusste die Noten und hatte meinen Erweiterten schon in der Tasche.“

Torftipp: „Der Tagesrealschulkurs ist kürzer als der Abendkurs. Es ist einfacher, weil man im Normalrhythmus bleibt. Beim Abendkurs braucht man mehr Selbstdisziplin.“