20 Jahre Torfkurier, der Film






DJ und Veranstalter

Komplette Partys organisieren.

Text: Götz Paschen
Fotos: Lars Fischer/www.weltwunder.com und www.weltwunder.com

„Als Zivi in Bielefeld hatte Jörg Gebauer (60), DJ aus Fischerhude, den ‚Falkendom‘ 1983 für sich entdeckt. Der war eine nichtkommerzielle Freizeitstätte der Falken, einer sozialistischen Jugendorganisation. „Dort gab es drei Teams: Kasse, Zapfen, DJ – du musstest alles machen – auch die Fässer rollen und anschließen.“ Das DJ-Team ist freitags los, Singles kaufen. Und als Verdienst gab es 20 Mark die Nacht für jeden. 1985 ist Gebauer als Soziologiestudent nach Hamburg. Diplomarbeit und Lebensplan war das Thema Kommune. Gebauer hat eine Biobäckerei angefangen „halblegal, Vollkornbrote ohne Meister“, dann einen Bioladen eröffnet „drei Jahre ‚Panino‘ in Eimsbüttel“ und „parallel kam die DJ-Karriere in Gang.“ Im Eineweltzentrum, der ‚Werkstatt 3‘ hat er Partys für „Normalos, gemischtes Publikum, im Wesentlichen studentisch“ durchgeführt, knapp zwölf Jahre. Daraufhin kamen auch private Aufträge. „Mein Lebensunterhalt ist seit der Werkstatt 3 und der Fabrik Veranstalter und DJ.“ Seit 35 Jahren.

Aller Anfang
Seine nächste eigene Veranstaltung hieß ‚Danceteria‘, in einem Saal neben einer Cafeteria. Entwurf, Plakate drucken lassen, aufhängen … Gebauer ist ein zäher Bursche: „Beim ersten Mal waren nur 22 Leute da. Trotzdem kam das in Gang, Beim zweiten Mal waren es 40 Leute und nach einem Dreivierteljahr 400 bis 500, und der Saal war gut gefüllt.“ 1988 wurde er – wie er selbst sagt – größenwahnsinnig und wollte monatlich einmal in die ‚Fabrik‘ in Altona-Ottensen. Die Fabrik ist eine große Konzerthalle, 500 Meter neben der Werkstatt 3. Gebauer stieß auf offene Ohren. „Das waren keine Studentenpartys in der Fabrik. Das war de facto eine Ü30 Party. Aber den Begriff gab es damals noch nicht.“ Das Stammpublikum aus der Werkstatt 3 zog mit, und die Fabrik zog durch Konzerte weitere Kreise. „Von anfangs 500 Leuten waren wir schnell auf 900 und später auf 1.700 Leute.“ 15 Jahre hat Gebauer die Fabrik bespielt. „Ich bin durch Fabrik, Jungbrunnen und Worpswede erfolgsverwöhnt.“

Produktionen
„Beim DJ bewegte sich die Abendgage damals zwischen 150 und 400 Euro pro Auftritt. Bei drei bis vier Terminen im Monat ist das knapp. Ich hatte gleichzeitig ab 1999 noch drei Jahre einen Plattenladen: ‚Weltrecord‘ in Hamburg-Eppendorf.“ 20 Jahre hat Gebauer auch mit ‚Weltrunder‘, seinem eigenen Plattenlabel, Weltmusik produziert. Anfangs Trommelplatten, später gab es auch CDs, die 10.000fach verkauft wurden. Seit iTunes und Spotify ist mit Produktion fast kein Geld mehr zu verdienen. Die Veranstaltungen stehen im Vordergrund. DJ-Honorare für Privatpartys liegen heute pauschal bei rund 500 Euro pro Nacht, Hochzeiten bei 600. „Es gibt Kollegen, die sind reine Hochzeits-DJs mit 800 bis 900 Euro pauschal oder Abrechnung pro Stunde. Amerikanisiert mit Hochzeitsplaner: Zehn Seiten Briefing, was du zu spielen hast. Beamer, Leinwand, zwei schnurlose Mikros, alles im Fünfminutentakt durchgeplant – das ist nicht mein Ding.“

Termine aktuell
Sein Gewerbe lautet auf ‚Durchführung von Musikveranstaltungen‘. Gebauer veranstaltet einmal im Monat den ‚Jungbrunnen‘ im Bürgerhaus Weserterrassen und den ‚Tanz im Glück‘ im Roten Salon/Speicher XI in der Bremer Überseestadt. Fünfmal jährlich beschallt er jeweils die ‚Music Hall‘ Worpswede und das ‚Bergwerk‘ in Quelkhorn und alle acht Wochen das ‚Zollhaus‘ in Leer. Im Sommer gibt es mehr private Aufträge, im Winter mehr öffentliche Auftritte. Gut fünf Termine im Monat. „Es gibt nur vier bis fünf Samstage im Jahr, an denen ich nicht aktiv bin.“ Die wirtschaftlichen Modelle der Partys sind verschieden.

Modelle
Music Hall: „Im Oktober 2003 durfte ich meine Discokugel zur ersten ‘Ü30 Party‘ mitbringen. Wir hatten ohne Anlauf gleich 500 Leute. Das war mir klar. Ich suche mir die Locations schon sehr genau aus.“ Nach Kostenabzug (Plakate, Werbung, Gema) wurden anfangs die Erträge geteilt. Jetzt gibt es ein anderes Abrechnungsmodell. Je nach Ort gibt es anteilige Umsätze: mal den vollen Eintritt (6 Euro) oder anteilig. Mal ist ein Gastronom vor Ort, mal nicht. „Dann bin ich DJ, Veranstalter und Gastronom.“ Vom Kisten schleppen bis zum polizeilichen Führungszeugnis … Wenn er als Veranstalter auftritt, hat Gebauer die vollen Kosten: Raummiete, Personal für Einlass, Sicherheit, Gastro und Garderobe, Werbung, Plakatierung, die Kosten der Gema. Die richten sich wiederum nach Raumgröße und Eintrittshöhe. „Wenn ich nicht Veranstalter bin, nehme ich einen Sockelbetrag und einen Eintrittsanteil. Es muss letztlich mindestens beim Ertrag einer Privatparty rauskommen.“ Neue Projekte wie ‚Tanz im Glück‘ im Roten Salon geht er strategisch an: „Da haben wir am Anfang die Tanzfläche mit dem Vorhang verkleinert, bei geringerer Pacht. Zu Beginn 2017 lief die Party alle acht Wochen, jetzt monatlich.“

Technik
„Meine Locations haben ihre Technik. Ich komme mit dem Mischpult und fertig. Die Doppelrolle als Veranstalter und DJ wird anstrengend, wenn eine Box nicht funktioniert, oder ein Mitarbeiter nicht auftaucht. Manchmal beneide ich die DJs, die nur Einstöpseln und sich ganz auf die Musik konzentrieren. - Auf Privatpartys bringe ich die Technik mit.“ 15 Jahre Schallplatten, 15 Jahre CDs und jetzt 5 Jahre iPad. „Die meisten nehmen ein Laptop. Ich hasse Laptops.“ 500 Gigabyte Musik, rund 8.000 Stücke hat er auf dem iPad. „Das stecke ich in den Controller. Eine Software simuliert zwei bis vier Plattenteller. Spotify ist in die Software integriert. So kann ich Spontanwünsche der Gäste integrieren. Was fehlt, hole ich mir aus dem Netz.“

Musikwünsche
„Auf öffentlichen Partys gebe ich vor: Keine Helene Fischer, kein Pur, nicht Andrea Berg.“ Bei Privatpartys gibt es ein Vorgespräch. „Bei Schlager- oder Mallorca-Partys bin ich raus. Im Einzelfall spiele ich solche Titel zwischendurch.“ Fingerspitzengefühl ist am Mischpult wichtig: „Ich als DJ werde dafür verantwortlich gemacht, wenn die Tanzfläche leer ist. Was du auflegst, musst du gut überlegen: Metallica und Guns & Roses erst nach Mitternacht, auch wenn er seine Freundin mit tiefem Ausschnitt schickt. - Da geht sonst die Hälfte von der Tanzfläche. - 90 % der Wünsche kenne ich – sonst höre ich kurz rein. Es ist nicht alles für die Tanzfläche geeignet. Ich spiele gerne auch mal die B-Seite von einer Platte. Du musst eine Menge abwehren mit Kommentaren wie ‚Wenn nur du tanzt, das nützt ja nichts.‘“ Wenn mehrere Flächen beschallt werden, überlässt Gebauer den Kollegen die Sonderzonen und übernimmt den Hauptflur. „Meist decke ich den Mainstream ab.“ Er gibt Idee und Form vor. „Ich verstehe meine Aufgabe auch in der Kommunikation mit dem Publikum. Manche ziehen ihren Stil durch. Andere spielen nur auf Wunsch – ich liege dazwischen.“

Perlentaucher
„Ich verstehe mich als ‚Perlentaucher‘, der praktisch lebenslang nach den musikalischen Edelsteinen fahndet. Ich ‚scanne‘ mindestens zehn monatliche Printmagazine, dazu Radiosendungen, Spotify-Playlists, bin mit Kollegen im Austausch, Blogs, Facebook und höre dutzende Alben jede Woche.“ Die Ergebnisse liefert er dann am Wochenende: „Den Jungbrunnen mit Rammstein anzufangen, wäre fatal. Bei Flaute auf der Fläche muss mehr Leben rein. Dann spielst du Ankerstücke wie ‚Play the life‘ von Safri Duo oder ‚Blurred Lines‘ von Robin Thicke, und die Fläche ist voll. Dann musst du mit den Anschlüssen die Leute halten.“ Was räumt die Fläche? „Deine Parov Stelar-Wünsche – das ist für viele schon zu weit weg vom Mainstream.“ - Eine Party fängt um 17 Uhr mit der Deko an und endet um 4 Uhr mit der Heimfahrt. „Ich trinke keinen Alkohol und bin fahrfähig. Eine halbe Stunde ist gut. Eine Stunde Fahrt ist grenzwertig. Drüber übernachte ich vor Ort.“ Der Tag danach ist oft trotz Familie kein richtiger. Die Woche ist dann gefüllt mit Vor- und Nachbereitung, Buchhaltung, Werbung über Face­book, Instagram, Newsletter, Zeitschriften und Plakate. Wenn seine Frau Elke auf einer seiner Partys ist, kommt Gebauer zu längeren Stücken auch mal mit auf die Tanzfläche. Und dienstags geht er mit ihr ganz privat zum Westcoast-Swing tanzen.

Torftipp: Losziehen! Torfkurier-Kulturkalender Seite 30 = Ü 30!