20 Jahre Torfkurier, der Film






2050: Andere Qualitäten

Frische Luft, Bewegung, Erlebnis, Musizieren …

Text: Götz Paschen
Fotos: Götz Paschen, Anette Meyer

„Unseren materiellen Lebensstandard zu halten, geht nicht. Das wollen aber viele nicht einsehen.“ Franziska Meyer (18) ist Mitglied im NABU Rotenburg. Ihr Vater ist dort erster Vorsitzender. „Viele haben Angst vor der Beschränkung, weil sie nicht wissen, wie es ist, wenn man weniger hat. Ich kann auch mit weniger und muss beispielsweise nicht immer erreichbar sein. - Unser Wohlstand wird sinken, wenn die Ausbeutung in Afrika aufhört. Gerechtigkeit ist auch wichtig, nicht nur die Umwelt. Wer frustriert ist, denkt, man kann nichts ändern. Es fehlt der Blick: ‚Eigentlich geht es mir gut.‘ Man wird nur durch Menschen glücklich, nicht durch Geld.“

In 30 Jahren
2050 will Meyer Kinderärztin sein oder Lehrerin für Biologie und Werte und Normen. Die Diskussionen im Politikunterricht und im Fach Werte und Normen haben sie immer interessiert. Und ohne Sensibilisierung kein Wandel, weiß die angehende Abiturientin. Im Studium will sie in Richtung Biologie oder Ökologie gehen. Aber vorher hat Meyer ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) geplant. Wunschort dafür wäre die Hallig Hooge. „Wenn Land unter ist, hat man Zeit zum Nachdenken.“ Orientierungszeit. Die Schülerin will bis 2050 vernünftig weiterleben, konsequenter werden, etwas für die Umwelt tun, andere sensibilisieren. Der Veggiday beispielsweise funktioniere nicht ohne die Einsicht der Notwendigkeit. Sie ist selbst Vegetarierin. Einsicht kommt von innen, nicht von oben. In ihrem Jahrgang erlebt Meyer schon viel Einigkeit in dieser Frage. Gleichzeitig bemerkt sie ein zweigeteiltes Deutschland: die einen, die es leben und die anderen, die es nicht umsetzen. „Wir brauchen nicht so viele Autos und auch keine so großen. Es macht Riesenspaß sich mit mehreren Leuten in einen kleinen Wagen reinzuquetschen.“ Ganz ohne Auto geht es schon wegen des Cellos nicht immer, obwohl dann oft in Fahrgemeinschaften. Sie rechnet zwangsläufig mit massiven materiellen Einschränkungen. Neu an ihrer Schule sind IPads als Lehrmittel für alle: „Das ist eine ganz furchtbare Sache. Meine Schwester muss eins haben. Da geht in den Pausen viel Miteinander flöten. Das ist die falsche Richtung.“

Kultur statt Materie

Trotz aller Verzichtsideen gibt es auch in ihrem Leben Bereiche, die nicht fehlen dürfen: „Cello spielen ist ein Muss. Es macht besonders Spaß mit anderen zusammen, die dasselbe fühlen, wenn man spielt.“ Man muss nicht immer miteinander reden. Als Beispiel für Lebensqualität außerhalb von Material ist Musizieren vorbildlich. „Ich nehme mir die Zeit für Musik und danach ist alles schöner. Ich habe ein bis zwei Stunden am Tag gespielt. Aber jetzt ist es im Schnitt abibedingt nur eine halbe Stunde pro Tag. Ich mache es oft nicht, obwohl es mir gut tut. Eine doofe Eigenschaft von Menschen ist Bequemlichkeit.“ Grundsätzlich heizt Musizieren den Körper ein. Das bestätigen viele Musiker. Sicherlich ist es auch die Bewegung dabei. Das spart Heizung. In dem Gespräch wird deutlich, dass grüne Energien weiter ausgebaut werden müssten. Eine der undiskutierten grünen Energien ist vielleicht das aktive Musizieren. Es wärmt Körper und Seele und reduziert die Notwendigkeit für Ersatzbefriedigungen wie überflüssigen Konsum und Statussymbole.

Energie haben statt kaufen
„Ich finde warme Heizungsluft anstrengend und einen Pulli gemütlich. Ich kuschele mich lieber ein.“ Die beste Isolierung zur Energieeinsparung ist ein Pulli. Im Winter muss man im Haus nicht im T-Shirt herumlaufen. 2050 kann jetzt schon anfangen: Die Heizung etwas runterdrehen, beim Verlassen des Raumes Licht aus … Einschränkung heißt bewusste Nutzung, aber nicht immer Verzicht. „Licht ausknipsen bringt Bewusstsein und Stromersparnis. Bewusstsein führt zu einer Kettenreaktion.“ Meyer zieht auch oft den Stecker an Geräten wegen des Standbyverbrauchs aus der Dose. Oder sie dreht beim Lüften die Heizung runter. – Die sieben Kilometer zur Eichenschule fährt sie mit dem Fahrrad, allerdings einem E-Bike. „Ein E-Bike ist im Vergleich zum Auto die bessere Alternative.“ Und sie ist trotzdem in Schwung, das wärmt. „Ich bin auch entspannt durch die Bewegung an der frischen Luft. Zusätzlich dauert es länger. Dadurch entsteht Zeit. Wenn mich was geärgert hat, habe ich das meistens schon verdaut, wenn ich ankomme. Es ist viel mehr Lebensqualität, wenn man Fahrrad fährt.“ Zeit wird eine der zentralen Qualitäten der Zukunft sein, die uns jetzt fehlt. Zeit, Muße, Konzentration … Wegen der Option Kinderärztin steuert Meyer einen hohen Numerus clausus an. Das Ziel liegt für sie in erreichbarer Nähe. Vielleicht auch wegen weniger Ablenkung, musikalischer Konzentrationsroutine und der Entspannung bei Bewegung an der frischen Luft.

Erlebnis statt Distanz
Im Urlaub paddelt Familie Meyer mit dem Zelt im Boot. Franziska denkt, dass vielen solche Erfahrungen fehlen, „wenn die von ihrem materiellen Lebensstandard nicht runterwollen. Fünf-Sterne-Hotel und fertiges Essen am Tisch sind bequemer, aber nicht schöner. Wir nehmen nicht mal Isomatten mit. Die passen nicht ins Boot. Ich bin damit aufgewachsen. Ich finde es normal. Eine Freundin, die mit war, fand es auch in Ordnung.“ Ob zwei Wochen Wanderpaddeln mit der Familie, Zelt und ohne Handy Verzicht bedeuten? „Einschränkung ist eine Frage der Sichtweise. Ein Kanuurlaub in Ostdeutschland ist nah bei und ein toller Urlaub ohne Fliegen. Es macht Spaß zu campen, nachts Eulen zu hören und Käfer im Gras beim Picknick zu beobachten.“ Keine Hotelmahlzeiten, keine Ortsbindung, keine Regensicherheit. Stattdessen Zeitlosigkeit, Natur ohne Ende und Artenvielfalt. „Die Freundin, die mit war, kannte vorher viele Vögel nicht. Was man nicht kennt, kann man nicht schützen. Dass es fehlt, merkt man gar nicht, weil man nicht weiß, dass es das mal gab.“ Entsprechend funktionierte das Fahrradfahren in den Niederladen. „Das Interesse der anderen an unseren Urlauben ist witzig.“ Am Fliegen schätzt sie allerdings die Chance auf Völkerverständigung. Die war Thema ihrer zweiten Facharbeit. Guckt man sich das letzte Jahrhundert an, ist es aber schon großartig, dass wir uns mit Franzosen, Polen und anderen direkten Nachbarn gut verstehen. Um die zu treffen, muss keiner fliegen. Häufige Flug- und Weltreisen zu Billigpreisen sind schon heute Unsinn und 2050 Geschichte. Eine Autoflotte pro Privathaushalt auch. „Dann gibt es weniger Autos und Teilen mit der Nachbarschaft wird ganz wichtig. Es ist ja auch viel schöner. Dann kommt man miteinander in Kontakt. Immer mehr Leute werden gemeinsam leben. Man lernt auch, sich mit jemandem auseinanderzusetzen. Es sind alles nur Menschen, die Liebe suchen. - Mein Traum wäre, mit vielen Familien zusammen in einem großen Haus zu wohnen. Dann können die Kinder miteinander spielen.“ Klingt alles nicht ganz neu, aber vor dem Hintergrund notwendiger Begrenzung relevanter als früher. Bei sinkendem materiellem Lebensstandard ist bei geschickter Anbahnung eine qualitative Steigerung der Lebenszufriedenheit in den wohlhabenden Ländern möglich. Das rechtzeitig zu vermitteln, dürfte hier Verlust- und Existenzängste relativieren und kollektive Panik und Kriege vermeiden helfen. Die Dimension, um die es bis 2050 geht, ist keine geringere als genau diese.

Zeit statt Zerstreuung
Meyer spart sich das Smartphone: „Mein Nokia kann nicht smart, es kann nur Telefon und SMS. Ich hatte ein halbes Jahr lang ein Smartphone für die Klassengruppe. Das konnte auch WhatsApp und hat mich viel Zeit gekostet. Das habe ich wieder abgeschafft. Ich spiele lieber Cello. Wenn man ein Hobby hat, hat man weniger Zeit für ein Smartphone. Das gilt genauso für Basketball ...“ Ohnehin unterhält sie sich lieber und daddelt nicht gern. Oder die Schülerin schreibt auch gerne Briefe. „Jeder freut sich, wenn er einen Brief in den Händen hält. Von selbst kommen da wenige Leute drauf. Noch besser ist, sich zu treffen, anstatt zu schreiben. Viele haben ihr Zeitranking anders aufgebaut.“ Seele ersetzt Konsum. Auch dem gemeinsamen Kochen gegenüber einem Restaurantbesuch würde Meyer den Vorzug geben. „Das hat doch mehr Qualität - wenn man es nachher essen kann.“ Von der Schule aus gibt es jährlich Freizeitreisen mit 100 Kindern und Jugendlichen mit dem Rad nach Sprötze. Meyer ist eine der Begleiterinnen. Die AGs der Freizeit liegen in den besprochenen Zonen: Kochen, Backen, Erlebnis, Theater, Musik und Bautrupp, der repariert. „Alle gehen raus und finden es super von der fünften bis zur neunten Klasse.“ Einer, der die ganzen Ferien nur zocken wollte und von seinen Eltern zur Teilnahme gezwungen wurde, ist heute der begeistertste Mitfahrer und jedes Jahr dabei.

Gesund statt schnell
„Auf Klassenfahrt gingen früher alle zu Mc Donald’s und ich saß daneben und habe nichts gegessen. Manchmal habe ich sie auch umgestimmt und wir sind alle zum Bäcker gegangen.“ Heute hat Meyer viele Freunde, die bewusst nicht zu Mc Donald’s und Burger King gehen wegen der Tierhaltung, des Verpackungsmülls, des Plastikspielzeugs … „Über die eingeschweißte Bio-Gurke im Supermarkt ärgere ich mich. Ich wünsche mir mehr Konsequenz im Angebot.“ Oft kauft sie auch lieber naturnah aus der Region ein als Bio von weit weg. Die Äpfel kommen ohnehin aus dem eigenen Garten. – Neben einigen Rotenburger Frackingdemos hat Franziska im Januar 2016 die Demo für Bio-Landwirtschaft in Berlin besucht. „Kein Bauer quält gerne seine Tiere. Wenn er eine andere Möglichkeit hätte, würde er das nicht tun. Die konventionellen Bauern haben das Gefühl: Wir gegen die Umweltschützer. Ich bin für eine Änderung der konventionellen Landwirtschaft, aber nicht gegen die Bauern.“ Demos machen Spaß und Hoffnung und bringen gute Stimmung. „Die Natur ist zurzeit auf der Verliererseite, aber die Ökologie bekommt immer mehr Wichtigkeit. Nach diesem heißen Sommer haben meine Mitschüler plötzlich verstanden, dass das Thema wichtig ist. Dann ist trotzdem jeder wieder Auto gefahren. Es ist nicht das Problem der Einsicht. Aber es fehlen die Kraft zur Umsetzung und die Ideen. Das Verdrängen funktioniert gut, wenn man es mit seinem Gewissen vereinbaren kann.“

Stil statt viel
„Ich hoffe doch, dass wir die Wirtschaft in ihre Schranken gewiesen kriegen. Ein Stück weit bestimmt die Nachfrage das Angebot. Wenn die Nachfrage sich ändert … aber ich weiß auch nicht wie und bis wann.“ Meyer fängt erstmal selber an. Sie trägt auch öfter Second Hand-Kleidung. „Oft tauschen wir unter Freundinnen miteinander.“ In der Familie wird obendrein viel repariert. „Ich lebe schon eingeschränkter als andere und kann auch noch weiter einschränken. Wenn alle das machen, haben wir auch wieder mehr Zeit. Vielleicht zum Fahrradfahren. Wir sind dann alle entschleunigt.“ Franziska Meyer hat viel von ihren Eltern gelernt. „Mein Werte- und Normenlehrer hat mir auch viel gegeben.“ Interessant war für sie auch ein Vortrag des Nachhaltigkeitsprofessors Niko Paech, den sie mit einem Freund in Sottrum besucht hat. Er ist Autor des Buches ‚Befreiung vom Überfluss‘ und wird auch als ‚weltweit eine der Lichtgestalten in der Postwachstumsdiskussion‘ bezeichnet. Paech kritisiert ‚verantwortungslose Selbstverwirklichung durch materiellen Konsum‘ und bezeichnet dies als ‚Konsumverstopfung‘. Franziska Meyer freut sich auf ihr FÖJ nach dem Abi und darauf, aktiv in der Natur zu arbeiten: „Vögel zu zählen, ist der eine Teil. Teil zwei ist Umweltbildung mit Besuchern, die ist auch wichtig. Wir müssen auch andere sensibilisieren. Es nützt nichts, wenn ich alleine viel mache.“

Torftipp: Cello, dicke Pullis, Gemeinschaft.