20 Jahre Torfkurier, der Film






‚Probierstadt Verden‘ ab 1.10.

Konzepte und Mittel gegen leere Schaufenster.

Text / Fotos: Götz Paschen

Der ‚Brockhoff‘-Einzelhandelsmietspiegel liefert klare Fakten wenn es um Mietpreise in Fußgängerzonen geht. In Verden lagen 2011 die Mieten für Ladenlokale von 60 bis 120 Quadratmeter bei 25 bis 30 Euro pro Quadratmeter. 2019 nur acht Jahre später lagen sie nur noch bei 18 bis 20 Euro. „Die Eigentümer müssen runtergehen mit den Mieten, um den Besatz zu halten. – Oft ist das ja die Altersversorgung der Eigentümer. – Es wird auch noch niedriger vermietet, weil die Umsätze nicht mehr so da sind.“ In ungünstigen Lagen geht es auch schon einmal runter bis auf 8 Euro pro Quadratmeter. Birgit Koröde ist die Fachbereichsleiterin der Stadtentwicklung in Verden. Dazu gehören neben Planung, Bauaufsicht, Denkmalschutz, Tourismus … auch die Wirtschaftsförderung. „Es kann ja nicht das Ziel sein, dass ich in der Fußgängerzone in den ersten Lagen später Wohnnutzung habe.“

Mietfreier Ladentest
„Etwas ausprobieren kann ich nicht erst, wenn die halbe Stadt leer ist. Das müssen wir jetzt schon anschieben und austesten: Welche Möglichkeiten hat man, wenn mehr online eingekauft wird? Wie können künftig zentrale Lagen und Fußgängerzonen aussehen?“ Das Amt hat den Handlungsbedarf erkannt und bereits im August 2019 reagiert. „Da war Corona noch weit weg.“ Das Probierstadtkonzept liefert drei Ansatzpunkte für die Innenstadtbelebung: Erstens die mietfreie Testnutzung von Leerständen durch Unternehmer befristet auf einige Monate. – „Bei langfristigen Mietverträgen ist das Risiko für den Ladenbetreiber höher. Wir wollen eine Innenstadtbelebung und auch Start-ups eine Chance geben, sich auszuprobieren. Nach der Testphase haben sie einen ersten Eindruck: Nach drei Monaten Test und Erfolg mache ich einen Laden eher auf Dauer. Unser Ziel ist, eine verstetigende Nutzung aus der Testphase zu entwickeln.“ Zielgruppe sind Neugründer und alte Hasen aus den Bereichen Handel, Handwerk, Dienstleistung und Kreativbranche. Ein bis drei Monate Test für die Alten, sechs Monate Test für Neugründer. Die Projektphase eins läuft vom 1.10.2020 bis 31.7.2021. Insgesamt dauert die Probierstadt bis Mai 2023. Viele Hürden sind schon aus dem Weg geräumt. „Die Immobilieneigentümer müssen bereit sein, sich auf die Befristung einzulassen. Die wollen grundsätzlich langfristig vermieten. Wir sind dankbar für Eigentümer, die das Projekt unterstützen.“ Die Stadt tritt also als Mieter auf und gibt die Ladenlokale an die Nutzer kostenlos weiter.

Gemeinschaftsbüro
Aktionspunkt zwei ist, ein Kreativzentrum zu gründen. Im Rathaus sprechen sie auch von ‚Co-Working-Space‘. Das ist ein Gemeinschaftsbüro. Mit gemeinsamer Nutzung von Büro- und Ladeninfrastruktur von verschiedenen Kreativen, Freiberuflern, Gründern … „Wenn der Einzelhandel geht, ist die Frage, welche Nutzungen füllen diese Flächen sinnvoll, damit man Frequenz bekommt.“ Ein Büro für Kreativdienstleister hätte in diesem Fall auch ein Schaufenster. Das funktioniert in leerstehenden Bürogebäuden, aber warum nicht auch in einem ehemaligen Fischgeschäft.

Regalflächen vermieten
Die dritte Idee ist eine Lokalität, die den Namen ‚Marktplatz Verden‘ tragen soll, mit Präsentations- und Verkaufsflächen für verschiedenste Anbieter. „Vom Kunsthandwerker, oder theoretisch auch dem Marmeladenhersteller bis zu Verdener Fabriken ohne Fabrikverkauf. Oder aus der Umgebung.“ Man kann sich Regalflächen mieten, um seine Ware zu präsentieren, steht aber nicht selber im Laden. Den Verkauf übernimmt Ladenpersonal. „In Stade wird ein fester Obolus bezahlt pro Fläche. Das läuft nicht umsatzabhängig. Es wird gut angenommen. Aber das Konzept gibt es auch in anderen Städten.“ In Stade übernimmt das DRK den Betrieb des Ladens. „Die Kooperation mit einem sozialen Träger schwebt uns auch vor. Das Gesamtkonzept muss vernünftig sein, damit es sich trägt.“

Fördersumme
170.000 Euro sind im Topf für die Probierstadt Verden. Die Stadtentwicklung lässt sich nicht lumpen und gibt monetär ordentlich Schub: 102.000 Euro stammen aus dem Landesprogramm ‚Zukunftsräume Niedersachsen‘. 68.000 Euro sind Eigenmittel der Stadt. Das Geld dient den Miet- und Investitionskosten, wenn etwas hergerichtet werden muss. Enthalten sind auch Versicherungen etc. Allerdings keine Personalkosten für die Koordination. Die übernehmen der Wirtschaftsförderer Fabian Fortmann im Rathaus, der sich schwerpunktmäßig mit diesem Thema beschäftigt und ein externer Berater. „Wir müssen es hemdsärmelig angehen. Das Projekt ist sehr arbeitsintensiv. Das macht man nicht nebenbei. Es tauchen immer wieder neue Fragen auf.“ Gespräche sind das A und O. Es gibt eine Arbeitsgruppe mit Grundstückseigentümern, Immobilienmaklern und dem Kaufmännischen Verein Verden e. V. „Man muss alle mitnehmen.“ Die Arbeitsatmosphäre sei angenehm, weil die, die sich einbringen, auch etwas bewegen wollen.

Verden heute
Bei schönem Wetter ist der Rathausplatz voll. Die Gastronomie ist gut besucht. Friseure, Akustiker, Optiker halten sich gut – alles, was nicht online funktioniert. Das Rathaus stellt strategisch die Weichen: „Ein Schuhgeschäft im Gewerbegebiet wird es bei uns nicht geben. Das ist ein typisches Marktsegment einer Innenstadt. Genauso Bekleidung, Bücher …“ Eine positive Coronafolge sind mehr Kleinstadtbesuche anstelle der Großstadtbummelei. „Man weiß wirklich nicht, wie viele bis Jahresende weitermachen. Wie lange laufen die Mietverträge? Wie lange halten sie durch?“ Ziel ist es, im Innenstadtbereich das Niveau zu halten und keine Vermietung um jeden Preis. „Anfragen von Spielhallen wollen wir dort nicht. Diese Nutzungen schließen wir in der Fußgängerzone aus. Dem Tradingdown begegnen wir mit unserem Verdener Vergnügungsstättenkonzept aufgrund unserer Planungshoheit.“

Vermieterstruktur
Es geht um Große Straße, Herrlichkeit, Ostertorstaße plus Nebenstraßen. Der Bestand ist überwiegend in der Hand von Privateigentümern und ihren Gesellschaften. „Viele Eigentümer sind noch erreichbar.“ Aber Leerstand ist nicht gleich Leerstand und der subjektive Eindruck kann täuschen. „Der Betrachter von außen nimmt nicht belegte Flächen wahr, die aber trotzdem nicht am Markt sind: Entweder laufen alte Mietverträge noch. Oder der Eigentümer ist aus verschiedenen Gründen nicht an Vermietung interessiert. Offene Flächen, die wirklich am Markt sind, haben wir nicht so viele.“ Koröde zeigt mir eine Besatzliste mit der kompletten Innenstadtbelegung. Interessenten suchen teilweise größere Flächen. Aber die Eigentümer sind bei der unsicheren Marktlage oft nicht zu Investitionen bereit. „Wir müssen schon mutig und kreativ vorangehen und Geld in die Hand nehmen.“ Viel geht, aber nicht alles. „Sehr viel steht unter Denkmalschutz. Ich kann nicht einfach die Häuser beiseiteschieben und neu bauen.“

Die Käufer
Die Kaufkraftkennziffer in Verden liegt bei 108,7 % (2020) und das Verdener Einkaufspotenzial über dem Bundesdurchschnitt. „Aber die Frage ist, wo gebe ich mein Geld aus?“ Und die Zentralitätskennziffer von 118,5 % (2020) belegt, dass immer noch mehr Leute auch von außerhalb in Verden einkaufen als Kaufkraft nach außen abfließt. Die lag aber auch schon höher. „Die Einzelhandelszentralität sinkt. Es kaufen weniger Leute in Verden ein.“ Aktive Akquise zur Einzelhandelsansiedlung wird im Rathaus nicht betrieben. Es findet aber ein Abstimmung mit den Maklern statt, was Sortimentslücken angeht. „Die Immobilienmakler sind da sehr intensiv unterwegs, fehlende Unternehmen anzusiedeln.“

Wohlfühlen
„Stadtfeste wie ‚Mattjesfest‘ und ‚Verden frühstückt‘ bringen Menschen in die Stadt und dienen der Frequenzsteigerung. Dann sehen die Gäste den Besatz. Ich locke so andere Menschen in die Stadt, die sonst hier nicht einkaufen würden. Das hat Auswirkungen auf den Einzelhandelserfolg.“ Wir reden auch über Aufenthaltsqualität in der Fußgängerzone: Gastronomieplätze, Bepflanzung, Ausschmückung und die Atmosphäre. „Ich glaube, zu bummeln ist wieder vermehrt angesagt.“ Probierstadt, Fördermittel und Ideen hin oder her. Das, was zählt sind die Kunden. Wer lebendige Innenstädte will, muss dort einkaufen. Reden nutzt nichts, kaufen schon. „Was es braucht, sind vor allem Einwohner, die gerne, oft und stationär einkaufen.“

Torftipp: 1) Das Rathausportal www.einkaufen-verden.de; 2) Leerstände testweise anmieten. Informationen: www.verden.de/probierstadt, Wirtschaftsförderer Fabian Fortmann, 0 42 31- 12 375, fabian.fortmann@verden.de