20 Jahre Torfkurier, der Film






Solarstrom für Haiti

Entwicklungshelfer Hajo Olfs aus Kirchtimke war 20 Monate vor Ort.

Text: Götz Paschen, Fotos: nph

„Ich suche jemand der für drei Jahre nach Haiti geht.“ So stand es in der Rundmail von Willi Ernst. Er ist Photovoltaikpionier, der seine Solarfirma verkauft und eine Stiftung gründet hat. 2010 ging Willi Ernst nach dem Erdbeben nach Haiti, um zu helfen. Er spendete Photovoltaik-Anlagen und installierte sie. Auf Haiti herrschten damals chaotische Verhältnisse: 316.000 Tote, 310.000 Verletzte, knapp 2 Millionen Obdachlose, 5 Milliarden Euro Schaden, die Hauptstadt lag teilweise in Schutt und Asche. Zu der Zeit lebte Hajo Olfs (67) in der Nähe von Tarmstedt. Er gibt am Institut für Technik und Bildung der Uni-Bremen Kurse zu ‚Erneuerbaren Energien‘ für Gewerbelehrer. Olfs ist Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, Gründer der Solarfirma Olfs & Ringen und Erfinder des ‚Alfa-Mix‘, eines Warmwassermischgerätes für Wasch- und Spülmaschinen mit Solarwärme. Der schlanke stille Mann wohnt beschaulich und zufrieden mit seiner Frau in einer Hofgemeinschaft in Kirchtimke als ihn die Anfrage erreicht. „Willi Ernst kannte ich über den Verband ‚Nordsolar‘, den wir vor 30 Jahren gegründet haben. Ein Verband von Pionieren der Solartechnik, als es noch ganz wenig bis gar nichts zum Thema gab“, erinnert sich Olfs. - Eigentlich ist er Rentner. Im August 2014 folgt Olfs der Anfrage von Willi Ernst. Er geht als Entwicklungshelfer für die AG Entwicklungshilfe (AGEH) nach Haiti und kommt erst im März 2016 zurück. „Die Helfer, die am längsten da waren, waren ein Jahr da. Das war unglaublich viel. Ich habe ein Jahr und acht Monate durchgehalten.“ Die ökonomische, ökologische und soziale Situation Haitis ist prekär, die Sicherheitslage inakzeptabel. „Kurz bevor wir kamen hat ein Entwicklungshelfer, ein Holländer, Geld von der Bank geholt und ist vor dem Haus erschossen und ausgeraubt worden.“ Geld abzuholen wie hier, das geht auf Haiti nicht. Für Olfs und seine Frau hat die Organisation mit Spezialisten das Geld mitgebracht. Für die Fahrt zur Arbeit wurde ihm das Mitarbeitertaxi dringend empfohlen. „Das wären zehn Minuten zu Fuß gewesen. Auf die Fahrt hat man überhaupt keinen Bock. Dafür extra anzurufen ... In 90 % der Fälle habe ich fahren müssen.“ Schon die Fahrt im eigenen Auto in der Stadt ohne Haitianer auf dem Beifahrersitz ist kritisch. Als Weißer alleine im Stau vor der Ampel … „Es sind öfter Leute angeschossen und erschossen worden dort. Gottseidank bin ich nicht in so eine Situation gekommen.“ Olfs wurde gelegentlich schützend von seinen jungen farbigen Begleitern oder Auszubildenden eskortiert, die ihm Annäherungen vom Leib gehalten haben. Die hohe Kriminalität rührt daher, dass seit der blutigen Vertreibung der französischen Kolonialherren um 1800 Haiti erfolglos versucht, eine stabile demokratische Regierung zu bilden. „Das ist ehrlich gesagt bis heute nicht gelungen.“

Haiti pur
In der Landeshauptstadt ‚Port-au-Prince‘ ist es unheimlich staubig. „Die meisten Straßen sind nicht geteert. Fährst du hinter einem LKW, siehst du nichts mehr.“ Es ist brüllend heiß. Abends wird es kühler, dann kommen die Mücken. Und überall Müll, für den keiner zuständig ist. „Die Mengen an Plastikmüll siehst du dort mehr, weil man keine Müllabfuhr hat. Der Müll kommt dir, wenn es regnet, auf der Straße entgegen geschwommen. Dann siehst du das Wasser nicht mehr vor lauter Müll. Du kommst vielleicht nicht mehr nach Hause. Auf den Feldern schwimmt die Ernte weg. Das ist deprimierend, und der Gestank, der dazu gehört. In dem Müll wühlen auch Kühe und Schweine herum. Die Sanitärverhältnisse sind beschissen …“ Die Cholera hat wieder eine Chance, seit sie durch UN-Soldaten eingeschleppt wurde. Olfs hat in mutlosen Minuten manchmal gedacht, ob es nicht einfacher wäre, die 9 Millionen Menschen zu evakuieren, als Haiti zu entwickeln. Er war nicht der einzige Entwicklungshelfer mit diesem Gedanken. - „Auf dem Land ist es teilweise wunderschön.“ Aber es ist großflächig entwaldet durch den ökologischen Ausverkauf regierender Kleptokraten und heute durch den Umsatz in Holzkohle. „Das hat mich betroffen gemacht. Die Natur ist völlig hin. Es stehen nur noch 5 bis 10 % des ursprünglichen Baumbestandes.“ Daneben ist die Sicherheitslage angespannt. Als Entwicklungshelfer in der Stadt ist man abends eingesperrt in der Wohnanlage. „Ein Spaziergang oder raus, das ging nicht. Wir haben mit den Nachbarn abends zusammengehockt.“ Wer das Areal verlässt, wartet, bis am Tor das Sicherheitspersonal die Situation überprüft hat. „Das knabbert auf Dauer an der Substanz. Du kannst ja auch nicht immer arbeiten.“ Das Feierabendprogramm ist schmal. In der Summe eine ziemlich extreme Situation. Ganz anders als bei dem Kollegen von ‚Ingenieure ohne Grenzen‘. „Der war immer mal vier Wochen da. Der war lockerer.“

Die Aufgabe
Olfs Aufgabe war der Aufbau des Berufsschulunterrichtes in der Sparte ‚Photovoltaik für Elektriker‘. Seit er da war, ist das Fach mit im Angebot. Er hat sowohl Schüler ausgebildet, als auch Lehrer angeleitet. Seine Berufsschule lag am Rande von ‚Port-au-Prince‘. Olfs Arbeit lief unter dem Dach der gemeinnützigen Organisation ‚nph‘ (nuestros pequenos hermanos = unsere kleinen Brüder und Schwestern). Die deutsche Sektion sitzt in Karlsruhe. Gegründet wurde nph vor 60 Jahren von einem Padre Wasson in Mexico. Sie ist überwiegend in Mittelamerika präsent. Ein weiterer Finanzgeber seiner Maßnahme war die Biohaus-Stiftung aus Paderborn. nph hat 1.200 haitianische Angestellte, über 30 Schulen, Waisenhäuser, Krankenhäuser, Kliniken … „Sie ist auf Haiti ein Riesending als selbständige NRO.“ (Nichtregierungsorganisation) Beispielsweise der italienische Tenor Andrea Bocelli ist einer ihrer populären Unterstützer.

Unter Strom
Die Stromversorgung auf Haiti ist im Vergleich zu Deutschland unterirdisch: Nur jeder vierte Haushalt ist ans Stromnetz angeschlossen. „Es gibt wohl ein rudimentäres Netz. Zwei Stunden am Tag hast du Strom. Wenn einer Glück hat, hat er vier Stunden Strom.“ Jeder, der wirklich kontinuierlich Strom haben will, hat einen eigenen Diesel-Generator mit einem schlechten Wirkungsgrad und ganz selten auch Solar. Der Strom, der übers Netz kommt, kommt aus großen Dieselkraftwerken. Das Krankenhaus auf dem Gelände von nph hat 2007 seinen Netzanschluss gekappt und komplett auf eigene Stromversorgung umgestellt. „Das geht, wenn man genug Geld für den Tankwagen alle paar Tage ausgeben kann.“ Die Dieselaggregate stinken wie die Pest und machen Lärm. „Haiti wäre mit Solar- und Windstrom zu 100 % mit so einem Netz wie unserem hier vergleichsweise total simpel zu versorgen.“ In Deutschland holen wir pro kW installierte Leistung (rund 8 Quadratmeter) 800 kWh im Jahr vom Dach. Auf Haiti sind es 1.400 bis 1.500 kWh. Die Einstrahlung ist im Maximalwert nicht viel höher, aber die Sonnenscheindauer am Tag und im Jahr wesentlich länger. Die Haitianer nutzen überwiegend Bleiakkus auch bei Privathäusern. „Die haben alle irgendwelche Batterien rumstehen. Der Markt mit Batterien auf Haiti ist groß.“ Bleiakkus sind nach zwei bis drei Jahren in der Hitze Schrott. Bei uns wären es fünf Jahre.

Projektzusammenhang
Olfs Standort war das Kinderkrankenhaus ‚St. Damien‘         in Tabarre, einem Vorort von Port-au-Prince, ähnlich einem Gewerbegebiet. Mit auf dem Gelände zwölf weitere Projekte des nph. UN-Truppen in direkter  Nachbarschaft. „Es ist beängstigend, wenn die mit ihrem Hubschrauber über deinem Kopf kreisen und du weißt nicht warum.“ Die Bio-Hausstiftung hatte Olfs dann als Zusatzaufgabe die Idee mit ins Gepäck gesteckt, die Stromversorgung des Krankenhauses auf Solarstrom umzustellen. 2013 hatten Schüler und die ‚Ingenieure ohne Grenzen‘ bereits 84 kW Nennleistung Photovoltaik installiert, 20 % des Krankenhaus-Strombedarfs. „Ich habe das am Anfang um 20 kW erweitert.“ Die Installation eines smarten Mikronetzes ‚Solar Smart Grid Tabarre’, ein Energiemanagementsystem, war ebenfalls Aufgabe. Das steuert drei Riesengeneratoren abwechselnd an, die an Versorgung ergänzen, was an Solarstrom fehlt. Das nph besteht in Tabarre aus mehreren Institutionen: Schulen, Unterkünfte, Heime, Krankenhäuser … Das Mikronetz bildet stromtechnisch eine Insel. - Und die Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplung: Strom plus Abwärmenutzung? „Wäre Unsinn. Was willst du auf Haiti mit Wärme? Man könnte mit Wärme eventuell kühlen über Absorptionskältemaschinen …“ Neben den Generatoren stehen Speicher mit Lithium-Ionen-Akkus, ein ganzer Container voll. Eine deutsche Firma hat die Energiezentrale geliefert. Sie wird von Deutschland aus per Internet überwacht – wenn Internet vorhanden ist. „Dafür muss man kein schnelles haben.“ Die Wasserchlorierung erfolgt ebenfalls mit Solarstrom, und die Überwachung läuft hier in Deutschland. „Der Schutz hält länger. Trinkwasser, leicht chloriert, schafft auch Hygiene. Zum Beispiel, wenn es im kleinen Kanister transportiert wird, in den mal vorher einer reingepinkelt hat.“ Auf die Hallen des Gewerbezentrums sollen 400 kW Solarstrom: 150 kW sind es bis jetzt. Olfs: „Wir haben 50 bis 70 kW zugebaut. Rund 500 Quadratmeter, eine Riesenfläche. Ziel sind 50 bis 60 % Solarstromversorgung dort in der Institution.“

Wer hat einen Plan?
„Spontan kommt eine Sauerstoffverdichtung fürs Krankenhaus – von einer italienischen Stiftung gespendet. Die Größe ist unklar. Sie ist ein Riesending mit einer extrem hohen elektrischen Bedarfsspitze, wenn sie anfährt … Ich habe dafür plädiert, dass es einen Energiemanager gibt, der alles genehmigen muss, was neu kommt. Dass man draufguckt, dass die Geräte auch in die Stromversorgung reinpassen.“ Die Spender machen sich über die Stromversorgung überhaupt keine Gedanken. Man geht davon aus, dass Strom da ist. „Das sind alles tolle Sachen, ganz klar. Aber da planender Ingenieur zu sein, da wirst du bekloppt. Das hat mich nervlich auch an meine Grenzen gebracht. Theoretisch hätte ich ja nur Lehrer sein sollen.“ - Hajo Olfs wurde eines Morgens aus dem Gottesdienst rausgeholt. Nachts war für eine halbe Stunde Stromausfall gewesen. Es hätte fast Tote im Krankenhaus gegeben. „Ich hatte keine Ahnung von solchen Stromversorgungen. Ich habe auf Haiti bestimmt so viel gelernt, wie die Techniker, die ich ausgebildet habe.“ Es gab dort einige alte Hasen mit viel Praxis an Generatoren.

Die Module
Olfs und seine Haitianischen Mitarbeiter haben an Photovoltaikmodulen alles verbaut, was zu kriegen war. „Die Module kamen zu der Zeit aus ehemaligen deutschen Solarfabriken. Bis 2015 hat Willi Ernst es noch geschafft, Module zu kriegen. Der ist bekannt wie ein bunter Hund. Auf jeder Messe hält er Vorträge und fragt ‚Habt ihr nicht im Lager noch alte Module, die ihr spenden wollt?‘“ Ernst schickte dann containerweise Module von Fabriken, Händlern, Großhändlern, auch aus dem europäischen Ausland. „Gegen Ende der Zeit ging es erst richtig los mit dem Bau. Vorher habe ich etliche Anlagen auf den Schulen gebaut. Und auch Anlagen verbaut für andere NROs und Privatleute, die dann unsere Kunden wurden. - Wir hatten ein Riesenlager mit Containermodulen.“ Viele davon waren Gebrauchtmodule, die in Deutschland nach 20 Jahren Laufleistung im Rahmen des ‚Repowering‘ (Austausch von Alt- gegen Neuanlagen) vom Dach geholt wurden.

Ausbildung
Die Ausbildung für Elektriker ist zweijährig und rein schulisch. Nicht dual in Schule und Betrieb wie bei uns. Olfs hat die haitianischen Lehrer im Fach Photovoltaik qualifiziert. „Seit mir gibt es Solarausbildung als etabliertes Schulfach. Es ist noch nicht alles perfekt, aber die haitianischen Lehrer machen das gut.“ Rund100 Stunden ‚Photovoltaik‘ im Jahr, also 3 bis 4 Stunden pro Schulwoche. „Im Moment noch Theorie mit leider zu wenig Praxis.“ Olfs hatte deswegen 2015 die Photovoltaik-Schülerfirma ‚Start‘ gegründet. „Da konnte man die Schüler praktisch besser einbinden. Kunden sind andere NROs, die eine Solaranlage bauen und Generatoren ersetzen, beziehungsweise streckenweise abschalten wollen. Es geht auch um Wartung: Wechselrichter ersetzen, Batterien prüfen … - Die Zugangsvoraussetzung für die Berufsschule ist sehr hoch. „Das Niveau ist trotzdem sehr unterschiedlich: Von fit und unterfordert mit fast Ingenieursebene bis meist Gesellen- bis Meisterniveau - na ja. Das kannst du nicht mit hiesigem Berufsschulniveau vergleichen.“ Die Berufsschullehrer- und -schülerausbildung findet in ‚Kreol‘ statt. Kreol ist eine Mischsprache aus sehr vereinfachtem Französisch mit englischen Anteilen aus der Sklavenzeit. Haiti wird überwiegend von ehemaligen schwarzen Sklaven bewohnt. Es ist das Land mit der höchsten Dichte an NRO’s und UN-Truppen. Sprachlich kam Olfs halbwegs klar. „Vor 50 Jahren hatte ich Französisch in der Schule.“

Schülerfirma
‚Start‘ ist Olfs zweite Firmengründung rund 30 Jahre nach ‚Olfs & Ringen – Solartechnik‘. Richtig offiziell mit Gewerbeanmeldung beim Amt. ‚Start‘ läuft formal als Betrieb der Organisation ‚St. Luc‘. Wenn die ‚Pequenos‘, die Kinder von Father Rick, größer werden, kommen sie nicht einfach auf die Straße. Dann folgt ‚St. Luc‘, formal als Unterorganisation von nph, die auch jenseits der kinderorientierten Satzung Erwachsene betreuen darf. Wieder mit Krankenhaus, Schulen, Berufsschule ... ‚Start‘ ist entsprechend ein kommerzielles Unternehmen in der Organisation ‚St. Luc‘. Ähnlich wie die Fischfarm, auf der Tilapia-Buntbarsche als Speisefische gezüchtet werden, die Hühnerfarm ... ,Start‘ existiert auch nach Olfs Heimkehr weiter und hat vier bis fünf ehemalige Berufsschüler als Mitarbeiter. „Meine Schüler könnte man schon auch auf ein deutsches Dach lassen. Trotzdem ist es schwer zu sagen, wie es weitergeht.“ Was noch fehlt, ist, dass die Gesellen ihr Praxiswissen an die Schüler der Berufsschule in Praxiskursen weitergeben. Oder sie als Hilfstrupp mit auf Start-Baustellen nehmen. So hat Olfs es gemacht. „Die mussten bezahlt werden, das war zumindest meine Meinung.“ Viele haben auch tagelang umsonst gearbeitet oder zumindest einmal am Tag ein Essen bekommen aus Spenden aus Olfs deutschem Freundeskreis. Dieses Projekt ‚Studentenfutter‘ hat seine Frau Birgit organisiert. „Man müsste die Zusammenarbeit zwischen der Schule und der Firma intensivieren und mehr Außenaufträge ran holen.“ Die ‚Techniker ohne Grenzen‘ hat Olfs jetzt darauf angesetzt. „Die sollen die gespendeten Projekte mit den Leuten von ‚Start‘ machen.“ Das stößt überall auf gute Resonanz. Ein Problem ist, dass die Haitianer sich gegenseitig bei der Qualität nicht über den Weg trauen. „Weil die Kunden denen nicht trauen, trauen die Mitarbeiter sich auch selbst oft nichts zu.“ Den ‚Schwarz-Gesicht-Faktor‘ nennt Olfs das. Das ist anders, wenn ein Weißer dabei ist. „Dadurch, dass ich da als Weißnase dabei war, musste es ja gut sein. Der Haitianer traut seinem Mitbürger nicht über den Weg. Dem Maurer vielleicht schon, aber dem Techniker nicht mehr. Die Außengeschäfte von ‚Start‘ sind etwas zurückgegangen, seit ich nicht mehr da bin.“ So lähmt sicherlich mangelndes Selbstbewusstsein und Vertrauen zu einem relevanten Teil die gesamte Volkswirtschaft.

Die Seele
Father Rick (65) ist seit über 25 Jahren da und die Seele der Einrichtungen in Tabarre. „Unheimlich intelligent, charmant, ausdauernd. Jeden Morgen hält der seine Predigt für alle Kinder, die in der Nacht gestorben sind.“ Morgens ist immer Beerdigung. Kinder und Erwachsene aus den Krankenhäusern werden in Pappsärgen transportiert, die man wiederverwenden kann. „Das alles ist viel Stress, der einen auch psychisch bis an die Grenze bringt. Zusätzlich war das Arbeitsvolumen eine ganze Menge, aber ok. Aber der Gesamtauftrag war sogar für drei Jahre zu groß. Die Zusatzaufgaben sind spannend, aber auch belastend.“ Zwischendurch hat Olfs telefonisch den ‚Daheim-Coach‘ für Entwicklungshelfer in Anspruch genommen. Olfs Frau Birgit Baues hat im ‚Raum der verlassenen Kinder‘ in Tabarre gearbeitet. Es sind überwiegend behinderte Kinder, die die Frauen nach der Geburt einfach dagelassen haben. Mütter, die bei Nacht und Nebel aus der Geburtshilfe verschwunden sind. Auf Haiti sind ihr von Müttern oft Kinder angeboten worden. Die Verzweiflung ist groß. Birgit Baues meint: „Der Reichtum hier in Deutschland ist unglaublich.“

Zeit
Olfs hatte über die AGEH in Köln nicht nur die formale Absicherung, sondern auch die vorgeschriebene Vor- und Nachbetreuung nach dem Entwicklungshilfegesetz. Wie er sagt eine Supervorbereitung mit tollen Kursen und Referenten und unter anderem Sicherheitsübungen zum Thema ‚Wir werden überfallen.‘ „Die haben nichts beschönigt, aber du kannst es dir trotzdem nicht vorstellen.“ Auf Haiti sterben Menschen wegen medizinischer Fragen, die sich in Deutschland nicht stellen würden. „Die Komplexität der Probleme ist belastend.“ Und egal, was man anfasst, es braucht Zeit. Auch Ausbildung: „Lernen braucht Zeit, das ist mir da klar geworden.“ Diese Zeit steht diametral dem entgegen, was Sponsoren und Spendersystem haben wollen. „Die wollen eine flinke Mittelverwendung. Die wollen was sehen.“ Der Fachterminus dafür ist ‚Mittelabflussdruck‘. Es kann sein, dass man in zwei Wochen 100.000 Euro ausgeben soll. „Man muss ja auch danach das Foto zurückschicken mit der Anlage oder dem Krankenhaus und grinsenden Leuten drauf.“ Es gibt gespendete Schulen, bei denen das Geld für die Lehrergehälter fehlt. „Gehälter als Spendenzweck sind aber nicht so sexy wie Gebäude.“

Ausblick
Wie geht es weiter bei Hajo Olfs? Er liefert Unterstützung über deutsche Verbindungen. Die Internetfernwartung dort installierter Systeme. Und: „Ich würde gerne noch einmal hinfahren und die Azubis treffen, aber nicht nur zum Gucken. Ich würde mir einen Auftrag für fünf Wochen vornehmen: Energie sparen als Thema. Die verschwenden sehr viel Strom.“ Die Klimaanlage läuft und die Tür ist offen. Das ist genauso schlimm, wie bei uns im Winter Heizung an und Tür offen. Anfang nächsten Jahres eventuell. „Unsere Kinder waren nicht nur begeistert als wir fuhren. Die Rückmeldungen von uns waren auch nicht so beruhigend. Das hat die schon belastet.“ Erst hat es Hajo Olfs „irgendwie verlockt.“ Jetzt weiß er, was ihn auch erwartet neben den aufgezählten Dramen. „Man kriegt sehr viel positive Rückmeldung. Die Dankbarkeit kommt heute noch. Einer hat seinen Sohn nach mir benannt. Ich war eine Vaterfigur für die Schüler. Die Schätzung alter Leute ist größer als hier. - Ich hatte immer automatisch einen Bodyguard. Das war ein angenehmes Gefühl.“ Menschlich und inhaltlich war es spannend. Zurück in Deutschland meint Olfs: „Hier ist alles entspannt. Du hast Luft zum Durchatmen und kannst gefahrlos spazieren gehen.“ Aber immer wieder melden sich seine Leute aus Haiti und sagen: „Mister Hajo, wann kommst du wieder? Wir warten auf dich.“

Torftipp: 1) Information: nph Deutschland e. V., www.hilfefuerwaisenkinder.de, 07 21 - 35440-0; 2) Teilen - Spendenkonto IBAN: DE06 6602 0500 0000 0120 00, BIC: BFSWDE33KRL, Stichwort: Haiti - Tabarre, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe.