20 Jahre Torfkurier, der Film






Punk mit 13 Jahren

Eine Frau blickt zurück auf ihre Rotenburger Jugend.

Text: Götz Paschen
Fotos: Götz Paschen; Birke

„„Ich war voll das Küken. Die anderen Punks waren ja alle älter als ich. Wir hatten unser Juz (Jugendzentrum, Anm. pas) in der Goethestr. Da haben wir mehr oder weniger viel rumgehangen und geprobt, aber keine Randale geschoben. Unsere erste Band hieß ‚Anonym‘ mit einem Kreis ums A als Symbol für Anarchie. Ich war 14 und habe gesungen. Proberaum-Uftapunk mit schlechten Texten. Das war witzig. Es gab ein bis zwei Konzerte im Juz.“ Marlene Arrasz-Zehl (38) aus Verden lebte damals bei ihren Eltern in Scheeßel. „Ich will Punk nicht definieren. Es ist schwierig zu sagen: Ich bin Punk oder nicht. Punk ist, aus der Reihe zu tanzen, gegen Regeln und Normen, gegen das Klassische. Heute bin ich Mutter, verheiratet, habe ein Haus gekauft, fahre einen Bus und ein Auto, plus Hund … Ich führe ein normales Leben, bin aber trotzdem anders. - Ich begegne auch Punks, die Scheiße sind und mich anpöbeln. Die klassische Schublade funktioniert nicht mehr. Heute gibt es viel mehr bunte, tätowierte und gepiercte Menschen außerhalb der Punkszene.“

Kinder Kinder
„Ich habe mich schon immer mit Händen und Füßen gegen die Norm gewehrt, auch vor der Punkszene.“ In der vierten Klasse war sie schon unterwegs mit Cowboystiefeln. Ihr erster Freund hatte einen Irokesenhaarschnitt mit aufgestellten Haaren. „Ich bin da eher durch die Extravaganz reingerutscht. Wir waren ein Superpulk von Freunden, die ganz viel Scheiße und coole Sachen zusammen gemacht haben. Ich habe die Art verinnerlicht: anders zu sein und aufzufallen. Mit 12 Jahren hatte ich schwarze Dreadlocks bis auf den Arsch. Dann habe ich sie abgeschnitten und die Haare blau gefärbt.“ Arrasz-Zehl und ihre drei Geschwister „waren alle speziell. Ich habe mich mal letztens bei meiner Mutter entschuldigt.“ Für die wilde Zeit, die die Eltern ungewöhnlich tolerant begleitet haben. Arrasz-Zehls Tochter Luca (16) wirkt nicht ausgeflippt. Sie sei zwar auch etwas extravagant und experimentell, aber „voll schicki“. Arrasz-Zehls Vorgabe für Luca: „Du kannst alles sein, aber Nazi wirst du nicht, und die bringst du mir auch nicht nach Hause. Das ist inakzeptabel.“

Gegen rechts
In Scheeßel und im Raum Rotenburg gab es laut Arrasz-Zehl schon ein paar Faschos, die die Punks nicht so gerne mochten und entsprechende Auseinandersetzungen. „Wir waren ganz klar gegen rechts und auch mehr oder weniger aktiv.“ Es gab gemeinsame Fahrten zu Demos. „Aber wir waren eher in Rotenburg. Das war auch nicht so der Nabel der Welt. Achim, mein Mann, kommt aus Süddeutschland: Die haben sich nur gebeult, hatten nur Action und haben die Läden auseinandergerissen …“ Arrasz-Zehl erlebte die Nazis hier als friedlicher. Die hätten damals auch nie Mädchen angegriffen. „In Süddeutschland haben die Nazis auch die Mädels angegriffen und einer Schwangeren das Baby im Bauch totgetreten.“ 1996 Provinzpunktreffen am 1. Mai bei einer Party am Bullensee. „Ich war 15 Jahre. Und wir sind da aufgelaufen in einem Riesenpulk.“ Mit dabei Dosenbier von Karlsquell, die Dose 45 Pfennig, zwei Einkaufswagen voll. „Danach nachts haben die Faschos uns mit Autos eingeholt. Wir haben dann Hackengas gegeben. Es gab Zoff, aber mich haben die völlig ignoriert. Das war so ein Frauen-Männer-Ding.“ In Hemsbünde gab es drei Punk-WGs: „Einmal kamen die Faschos und haben uns mit Leuchtpistolen beschossen. Ich habe meinen Vater angerufen: ‚Micha, du musst mich abholen. Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, komme ich nicht an.‘ Die Älteren sind aktiver gegen rechts losgefahren. Wir Kleinen waren doch nur bunte Pupsis.“

Eltern
„Meine Mutter hat mir mit 13 meinen Iro rasiert, so ein breiter, wie bei Bela B. von den Ärzten. Für meine erste Liebschaft aus der Szene. Mit schwarzem Spray habe ich ihn hochgesprüht, dazu kaputtes T-Shirt, kaputte Hose. Ich habe früh geraucht und war echt Scheiße.“ Bei der Waldorfschule Kakensdorf wurde die Mutter dann zum Elterngespräch eingeladen. „Meine Eltern waren krass tolerant.“ Arrasz-Zehl hatte eine Freundin. „Die war vor mir nicht Punk. Ich habe ihr die langen blonden Haare abrasiert und dann einen Iro rasiert und den im Sommer mit Zuckerwasser hochgestellt.“ Die Mutter der Freundin hat Arrasz-Zehl damals verflucht.

Chaostage
1995 war sie mit einer Freundin bei den Chaostagen in Hannover gewesen. Das Jahr, in dem die Veranstaltung völlig aus dem Ruder lief und die Polizei zeitweilig die Kontrolle verlor. Ihre Mutter hatte noch gesagt: „Ihr fahrt nicht nach Hannover.“ Arrasz-Zehl: „Wir hatten brennende Barrikaden. Die Polizei hat das völlig unterschätzt. Ich hatte meinen Spaß und bin nicht eingekesselt worden und superglimpflich davon gekommen. Ich habe witzige Leute in diesem Ausnahmezustand kennengelernt. ‚ Oh ein geplünderter Penny, lass uns da rein und noch die letzten Sachen holen.‘ Oder in versifften Sachen pennen. Ich bin verdreckt mit Teer nach Hause gekommen. Da war ich gerade 14. Es war cool.“

Bürgerlich
„Punk, das war Familie, Zusammenhalt – ich war jeden Tag mit den Leuten zusammen. Ich habe jeden Geburtstag mit denen gefeiert. Das war das Positivste für mich, der Familiensinn.“ Arrasz-Zehls wilde Zeit dauerte von 13 bis 20. Dann kamen die Ausbildung zur Schneiderin, das Kind … das war der Umbruch. Nach langer Zeit in der sozialen Arbeit ist sie heute wieder Schneiderin mit eigenem Produkt: ‚Bag & Needle‘, Taschen aus LKW-Plane. Geschäfts- und Laptoptaschen, genäht auf der gusseisernen Maschine. Ihr Mann Achim ist nach seiner Punkzeit heute Informatiker, Unternehmer und Arbeitgeber in Karlsruhe. Eine Pendel-Wochenendehe. Stabil, etabliert, staatstragend.

Musik
Ihre Band ‚Anoym‘ gab es nur ein Jahr. Arrasz-Zehl war der Gesang. Sie haben gemeinsam alle Texte geschrieben. Sie beschreibt die Band als laut, trashig (Duden: Trash = Schund, Ramsch) und schlecht, „aber es war witzig.“ Danach kamen eineinhalb Jahre ‚Bösartige Faulbrut‘. Arrasz-Zehl war 16 und hat Geige gespielt. Zwei Mädels: Bass und Geige und vier Jungs. Sie haben auch etwas aufgenommen im Tonstudio. „Aber es gab nur ein Tonband.“ Die Faulbrut hatte zwei Konzerte im Juz Rotenburg, eins in der Punk-WG ‚Kurvenbetti‘ in Hembsbünde, eins im Juz Schneverdingen und eine kleine Tour nach Leipzig und Neubrandenburg. „Eine Gaudi.“ Das letzte Konzert irgendwo hinter Gnarrenburg war ein Sommerpunkfest draußen. „Drei Stunden vor dem Gig war unser Sänger schon breit. Der hat so viel gesoffen, dass die Gigs immer anstrengend waren. Ich habe ihn da ins Schlagzeug geschubst, und danach haben wir keine gemeinsame Musik mehr gemacht.“

Staatsfeinde?
Ladendiebstahl, Sachbeschädigung (Entglasen von Schaufenstern), leichte illegale Drogen und „hinter irgendwelchen Faschonasen herrennen. Unsere Kriminalität hielt sich im Rahmen.“ Subkultur und wilde Zeit. „Wir sind untereinander immer noch befreundet. Das ist cool. Einige wohnen noch hier. In Hemsbünde gab es drei WGs: die Kurvenbetti, Hems zwei vor dem Sägewerk und Hems drei direkt am Sägewerk. Da wohnen noch drei ältere Punks. Ich war letztens da. Das war wie eine Zeitreise. Punker sind genügsame Mieter. Ich bin da gerne mal in Hemsbünde und kann meinen Ordnungssinn dann abstellen. Die WG hat auch ihre Ordnung. Aber ich würde durchdrehen, wenn ich so ein Meute in meinem Haus wohnen hätte.“

Torftipp: „Andres sein und sich freuen. Man darf dabei nur nicht Scheiße sein - heute nicht mehr.“