20 Jahre Torfkurier, der Film






Provianthaus Glückstadt

Kulturnacht Sa., 7.9.: Grenzgang wagen und zeigen.

Text: Götz Paschen
Fotos: Götz Paschen, Petra Bergerhoff

Die Publikumsmeinung nach einem Ausstellungsbesuch im Provianthaus Glückstadt schwankt zwischen Abscheu und Ergriffenheit: Im Gästebuch stand auch schon ‚voll krank‘ oder ‚sowas hätte man in Berlin oder in einer Kunsthalle erwartet‘. „Bei ‚voll krank‘ denke ich, wir sind auf dem richtigen Weg. Bei unseren Veranstaltungen kommen viele, weil wir etwas Krasses zeigen. Wir haben ja immer sperrige Themen. Das ist jetzt im September auch wieder so.“ Der Bildhauer und Maler Arnold Gietl kommt ursprünglich von der Aquarellmalerei „aber die gute Schule lässt nur Schönes zu. Ich will ja was in meine Arbeit bringen, das weit weg vom Schönen ist.“ Gietl nennt sich einen Bilderhauer, der 45 Jahre zu spät zu seiner Kunst gekommen ist, „aber dennoch.“ Zusammen mit der Malerin und Objektkünstlerin Petra Bergerhoff betreibt er die ‚Provianthaus Ateliers – platzfürkunst Glückstadt‘. Die beiden sind ein Paar. Bergerhoff: „Einige sagen, wir sind für Glückstadt eine Institution geworden. Es hat sich herumgesprochen, dass eine gewisse Qualität hier eingezogen ist. Manche haben 2012 noch gemeint ‚Das Provianthaus ist ein totgerittenes Pferd‘.“ Davor hatte eine andere Künstlergruppe versucht, das Haus mit Leben zu füllen. - Für den 7. September ist hier eine Veranstaltung geplant mit dem Titel ‚Ego te absolvo‘ (Lat.: Ich spreche dich frei). Es geht um Schuld und Vergebung. Laut Gietl sind die Exponate in der Provianthaus-Ausstellung vielen Besuchern oft zu hart am Thema. Bergerhoff: „Im September geht es mir auch etwas so. Tendenziell ist es eher mal zu krass. Bei der Vergebung geht es hier um den hochgradigen Zynismus, der oft darin steckt. Es geht eben nicht um Vergebung, sondern um die zynische Vergebung – und das stellen wir dar. Die armen Menschen kriegen bei dem sehr harten Thema schon ein Schock.“ - Die Kulturnacht findet am 7.9. in ganz Glückstadt mit Lesungen und Musik an verschiedenen Orten statt. Das Provianthaus ist eine ihrer Stationen.

Provianthaus
Auf 250 bis 300 Quadratmetern befinden sich über zwei Etagen die Ausstellung, Bilderlager und Ateliers der beiden Künstler. Die Malerin Helga Kaufmann hat hier ebenfalls ihr Atelier und eine Dauerausstellung. Originell sind auch die beiden Räume des ‚Kunstlaboratoriums‘, einer Installation der Künstlerin Margarete Olschowka. Erfreulich für die Künstler ist der wohlgesonnene Eigentümer und Farbenfabrikant Michel Wilckens aus Glückstadt. Gietl: „Wir bespielen die Räume wunderbar und halten sie in Schuss.“ Die Stadt steht dem Kunstprojekt aufgeschlossen gegenüber. Bergerhoff: „Die Bürgermeisterin Manja Biel kommt zu den Vernissagen und ist unserer Kunst sehr wohlgesonnen. Sie hat wechselnde Leihkunst von mir bei sich im Büro. Drei Arbeiten hängen hinter ihrem Schreibtisch. Ich habe dadurch gute Resonanz.“

Der Anfang
Die Künstlergemeinschaft, die bis 2012 hier gearbeitet hat, beschreiben die beiden als völlig anders: Keine Profis. Künstler, die nur am Wochenende Kunst machen. Bergerhoff: „Es war dunkel hier und gruftig. Wir haben es mehr nach außen geöffnet und sind übrig geblieben.“ Gietl: „Man muss mehr zeigen als nur Schönheit.“ Fließend Wasser ist da. Eine Heizung fehlt. Die Künstler versorgen sich mit Gasöfen. Frieren geht nicht. Bergerhoff: „Ich unterrichte ja auch hier und habe gutes Feedback als Kunstlehrerin und -vermittlerin. Sehr beliebt ist auch, dass Arnold bei meinen Seminaren kocht.“ Neben Ateliers und Ausstellung gibt es einen Seminarraum mit Tischen und Staffeleien. Und neben der Dauerausstellung der Hauskünstler  werden auch Kollegen eingeladen.

Davor Südtirol
2008 hat Gietl vom Kühlanlagentechniker zum Künstlerberuf gewechselt. „Als Jugendlicher wollte ich die Bildhauerschule besuchen, aber das Geld war nicht da. Seit 1988 bin ich intensiv neben dem Brotberuf in der Kunst.“ 1999 war für ihn ein großer Schritt bei der ‚Salzburger Sommerakademie‘. Die Akademie wurde von Kokoschka 1953 ins Leben gerufen, als ‚Schule des Sehens‘ für Künstler. Die Zhou-Brüder als Dozenten aus China hatten Gietl dort stark beeindruckt. Auch Bergerhoff: „Da ist bei mir der Knoten geplatzt. Da habe ich verstanden, was es heißt, Kunst zu machen.“ Dort haben sich die zwei kennengelernt. Gietl war damals von der handwerklichen Ausbildung her ein „recht guter Aquarellist. Aber ohne hinein zu spüren, was da noch daneben ist. Dass man viel mehr zulassen muss.“ Eine Freundin sagte damals zu ihm: „Du hast deine Aquarelle doch gut verkauft. Mit den neuen Bildern kannst du kein Geld verdienen.“ Bergerhoff erinnert sich an „freie supertolle Landschaftsaquarelle. Er hat wie blöde schöne Aquarelle verkauft. Im Gasthof vom Zaun weg für 200 bis 500 Mark. Das war beeindruckend. - Damals wurde sowieso viel mehr verkauft. Das ist heute schwieriger.“ Gietl erinnert sich, wie bei einer seiner Aquarellausstellungen hinter einem Hügel eine Prozession mit Heiligenfiguren daherkommt. „Die kamen aus dem Nichts. Da war Schluss mit braven Aquarellen. Ich habe das gespürt. Ich wollte an etwas Größerem von meinem Inneren arbeiten.“

Die Berge
Bergerhoff kommt aus Remscheid, hat als Grafikerin und Artdirector gearbeitet. „Es war ein Kraftakt, von der Werbeschiene in die freie Kunst zu kommen. Das ist unheimlich schwer. Freie Kunst ist nicht auf Eyecatcher aus, sondern soll eine Auseinandersetzung provozieren. Das macht Werbung nicht unbedingt.“ Danach war sie in Hamburg und von dort aus bei Gietl in Südtirol. Sie erinnert sich, an den künstlerischen Umbruch dort: „Ich habe an einer Plastik als Wandobjekt gearbeitet. Draußen waren die Straßenarbeiter mit frischem Teer bei der Arbeit. Dann haben wir die Skulptur rausgetragen und die Straßenarbeiter sind da mit Teer drüber.“ Gietl hat früher auch Kunst gekauft, aber jetzt war er selber Künstler: „Plötzlich war ich für meine gekauften Künstler Konkurrenz.“ Die Konkurrenz erleben beide als befremdlich. „2017 war eine 400-Jahr-Feier in Glückstadt. Wir hatten die Idee, in dem Jahr offene Werkstätten mit Künstleraustausch zu organisieren, als Vernetzung und Belebung. Gemeinsam ist man doch viel stärker, aber das war von den Kollegen überhaupt nicht gewünscht“, erinnert sich Bergerhoff. - Vor Glückstadt waren die zwei in Südtirol auf 1.400 Metern Höhe, direkt in den Dolomiten. Dann ging es aus den Bergen direkt an die Elbe. Bergerhoff: „Extremer geht es nicht. Aber wir brauchen das Extreme.“ Zurück nach Hamburg kam nicht in Frage. Bergerhoff: „In Hamburg gehst du unter, aber Glückstadt ist für uns ein toller Platz. Die Plattform, die wir hier haben, hätten wir in Hamburg nicht.“

Zusammenarbeit
Beide arbeiten sehr viel. Trotzdem gibt es keinen Rhythmus für einen Ausstellungswechsel im Provianthaus. Bergerhoff: „Wir wechseln viel, komplett ungefähr vierteljährlich.“ Normal malt jeder in seinem Atelier. Der Austausch besteht aus Kritik, Meinungsabfrage, Unterstützung. Bergerhoff: „Manchmal ist es so, dass man reingeht und gleich wieder rausgeht. Dann geht es gar nicht.“ Sie haben schon Filme zusammen gedreht und erinnern sich gern an Kunstprojekte wie den ‚Fönixx‘ in Dortmund: Einer malt auf einer großen Fläche und der andere guckt zu. Ohne Absprache übernimmt nach ein paar Minuten der andere, ohne Rücksicht auf das, was auf der Leinwand ist. Bergerhoff: „Du darfst alles zerstören, und der andere darf nicht eingreifen. Wir haben es hier als Jamsession gemacht. Es entstehen superspannende Arbeiten eines dritten Künstlers, Fönixx eben.“ Sie kennen die gegenseitigen Qualitäten: „Arnold hat Kraft und einen freien Pinselstrich. Diese Kraft der Freiheit nimmt der sich von innen heraus. Selbst das Mischen macht er aus dem Bauch raus oder gar nicht. Wenn ich ihm einen Ton mischen soll und ihm das erklären will, dann hört er einfach nicht zu.“ Und Gietl: „Mit Petra in eine Ausstellung zu gehen, ist nicht so einfach. Wir sind uns nicht immer einig. Sie ist da noch strenger als ich.“ Manchmal sagt Bergerhoff dann über die ausgestellten Werke: „Der macht doch nichts – wieso ist der so bekannt?“

Kontakt aufnehmen
Bergerhoff: „Mich interessieren feministische Themen. Und dass die Welt ihre Kinder nicht gut behandelt. Das frisst mich total an. Ich gucke mit einem zutiefst persönlichen Blick. Die Darstellung ist in meiner Geschichte begründet. Natürlich spiegeln sich die Verletzungen in der Kunst wider.“ Bergerhoff findet es gut Themen ausdrücken zu können, ohne es konkret benennen zu müssen. „Ich bin dankbar für die Ausdrucksfähigkeit. Aber auch für die Fähigkeit zu unterrichten. Das macht mich finanziell unabhängig.“ Bergerhoff und Gietl haben schon originelle Kunstprojekte und –ausstellungen organisiert. Bergerhoffs Malschülerinnen haben 2007 in der ‚Ritze‘, einer Szenekneipe auf der Reeperbahn, unten im Boxring ausgestellt. „Es war rappelvoll. Da hat schon Klitschko geboxt. Eine Oma mit 84 Jahren ist am Stock zu ihrem Bild runtergegangen, das am Boxsack hing.“ Der Gerätewart Peter hat berichtet, welche Kiezgröße sich an dem Boxsackhaken schon aufgehängt hat. Von der Oma bis zur 18-Jährigen, die Bergerhoff durchs Kunstabitur begleitet hat, haben alle dort ausgestellt. Das war vor Südtirol. „Eigentlich sollte die Ausstellung in das ‚Erotik-Art-Museum‘ auf dem Kiez, aber das ging leider pleite, als die Einladungskarten schon im Druck war.“

Verschüttete Themen
Wie kommt man an diese Härte in der Darstellung. Gietl meint, das seien Themen, von denen er gar nicht wusste. „Ich hatte eine tolle Kindheit. Aber im Sommer mit schwerer Arbeit als 9-jähriger bei den Bauernhöfen der Nachbarn. Wir waren fünf Brüder und wurden ausgeliehen für Essen und ein paar Schuhe. ‚Könnt ihr mir im Sommer den Arnold leihen?‘ Mit Blickkontakt zum Heimathof. Mein Vater war bei der Wehrmacht gewesen. Die Südtiroler haben sich bewusst für den deutschen Nationalismus entschieden. Es gab immer noch lebendigen Faschismus dort.“ Viele fragen ihn: Warum arbeitest du so dunkel und hast so sperrige Motive? Geht es dir schlecht? „Das habe ich immer verneint. Aber es ist doch was dran. Das Politische und Soziale – Eindrücke, die mich antreiben. - Andererseits möchte ich auch provozieren.“ Oder: ‚Was hast du dir dabei gedacht?‘ „Ich habe mir nichts dabei gedacht. Viel ergibt sich aus der Grundform beispielsweise eines Stammes. - Hier sind Leute schon weinend rausgegangen oder weil sie keine Luft mehr gekriegt haben. Eine Frau hat mir in zehn Minuten ihr ganzes Leben erzählt. Was wir schon erlebt haben ... Das erlebst du nicht, wenn du brave Kunst machst.“ Bergerhoff: „Jeder geht anders mit den verschütteten Themen um. Wir haben die Möglichkeit des Ausdrucks. Menschen, die das nicht zulassen und wegdrücken, können kein zufriedenes Leben führen. Du musst dich selbst kennenlernen. Du musst dich entwickeln, bis zum Ende.“

Torftipp: 1) ‚Ego te absolvo‘ - Installation: Textcollage gelesen von Angelika Achinger, Schauspielerin; Skulpturen: Arnold Gietl; Objekte: Petra Bergerhoff. Beginn: Samstag, 7. September, 19 Uhr, um 19.00 und 21.15 Uhr je eine halbe Stunde Lesung; Provianthaus, Am Proviantgraben 1/Ecke Königstraße, 25348 Glückstadt; Eintritt: 13,- / Vvk: 12,- Euro; 2) Kulturnacht Glückstadt, Beginn ab 19 Uhr, stadtweit; 3) Dauerausstellung Provianthaus zu den Öffnungszeiten: Sa./So., 14 - 17 Uhr, Dezember und Januar geschlossen. Grundsätzlich auch nach Vereinbarung möglich: 01 57 - 543 824 17 oder 01 57 - 33 122 441; Eintritt frei; 4) www.bergerhoff.net