Do., 4.10.: Open Ears Jam Session

Musikalische Überraschungen im Bergwerk Quelkhorn.

Text: Götz Paschen
Fotos: www.andrea-keuk-fotografie.de

Je bunter umso besser, so das Konzept. Blues gefolgt von einem Deutsch-Rapper. Der haut seine Reime raus und geht spontan auf das Publikum ein. Das Ganze kriegt fett Druck und will nach vorne. Dazwischen wankt ein Angeschossener herum und liefert unterhaltsam schräg mit ab. Kriegt seinen Teil, bevor er wieder im Publikum verschwindet. Dann Gesang mit einem Frauenduo am Mikrofon. Plötzlich stehen verdammt viele Zwanzigjährige da, Teil einer Band und hauen in die Saiten. Erstaunlich, wie gut oft das Zusammenspiel klappt, obwohl sich viele Musiker zum ersten Mal begegnen.

Steuerung
„Ich gebe viele Einsätze mit Kopfnicken vom Keyboard aus. Ab und zu ein Blickkontakt für ein Gitarrensolle. Denne zeigt mit dem Bass, wo es lang geht. Der Bluesharpspieler fragt schon mal nach der Tonart: A-moll oder H-Moll? Es gibt die ganze Bandbreite: Stücke, die laufen, das sind die Höhepunkte, aber manchmal muss man auch einschreiten.“ Holger Lechterbeck (54) aus Narthauen spielt E-Piano, Keyboard und Orgel. Bei der monatlichen Jam Session im Bergwerk ist er daneben „ungewollt“ der „Chorleiter“ der Veranstaltung: „Ich mache die harmonische Begleitung, gebe Stütze, Richtschnur und harmonisches Gerüst.“ Er bestimmt die Reihenfolge, in der die Musiker auftreten. Kümmert sich darum, dass die Session ihren Spannungsbogen hält. „Einerseits muss man die Gitarristen bändigen, andererseits Leute ermutigen, auch mal mitzuspielen.“

Gründung
„Unser Konzept bei der Gründung war stil- und instrumentübergreifend. Von Akkordeon bis Geige. Von Heavy Metal, Blues, Jazz, Jazzrock bis Folk. Wir dachten, in dieser lebendigen Gegend müsste das passen, sich halten und weiterentwickeln.“ So beschreibt Frank Mattutat (54), Schlagzeuger aus Narthauen, das Konzept. Er kümmert sich um die gesamte Technik, Kontakte in die Bremer Szene, Einladung der Eröffnungsband, Presse, Rundmails und verteilt auch mal Kleinpercussion im Saal, um das Publikum anzuregen, mitzumachen. Zusammen mit dem Saxophonisten Daniel Gebauer und Lechterbeck hat er im Mai 2012 die Session gegründet. Zehn Termine im Jahr mit zwei Monaten Sommerpause. Ab 2015 ohne Gebauer und seit 2018 mit dem Bassisten Thomas ‚Denne‘ Denzin (56) aus Wilstedt. Die Bühne war erst vorne in der Gastwirtschaft. Mit wachsender Musiker- und Gästezahl wurde die Session dann nach hinten in den Saal verlegt.

Band vorweg
Vor dem Abend wissen die drei Organisatoren nur, wer der ‚Opener‘ ist. Um Schwung reinzubringen, spielt ab 20 Uhr immer eine Stunden eine Band, oft aus dem Bekanntenkreis der Veranstalter. Und es scheint so reizvoll zu sein, dass auch aus Hamburg oder Bremen Bands kommen und hier Gitarre und Saxophon auspacken. Mattutat: „Die Opener-Bands melden sich ziemlich von selbst. Wir sind mit einem halben bis dreiviertel Jahr Vorlauf ausgebucht.“ - Was danach auf der offenen Bühne passiert, ergibt sich spontan. Um den Übergang von Band zu Session geschmeidig zu gestalten, kommen dann die drei Veranstalter auf die Bühne. Mattutat: „Wir haben Stücke in Petto, um Schub zu geben, dann räumen wir das Feld.“ Session ist nicht Auftritt mit klarer Abfolge, Regieplan, Choreografie und konstruiertem Spannungsbogen. „Manchmal muss sich das ergeben. Vielleicht hat das Publikum das Gefühl, nach der Opener-Show bricht die Spannung zusammen, weil die Leute sich erst finden müssen. Das ist nicht schlimm, wenn die Session in Gang kommen muss. Natürlich wollen wir das Publikum halten, das meist von der Band schon ein fantastisches Konzert gesehen hat.“ Thomas Denzin ist der ‚Jugendtrainer‘ im Team: „Ich versuche, Jugendliche weg vom Rechner und rein in die Session und in die Musik zu kriegen. Denn mit jungen Leuten wird das nicht so ein Rentnerheimmusikkreis.“ Denne lädt talentierte junge Leute ein, mischt die Stilrichtungen, holt sie aus ihrer Komfortzone raus und schubst sie auf die Bühne.

Besetzung
Die drei Macher liefern die Basis, können sich aber auch zurückhalten. Denne: „Wenn Leute schwächer sind, geht einer von uns mit rein und stützt das Ganze.“ Die Gastmusiker kommen bis zu drei Stücken lang auf die Bühne. Manchmal auch länger, je nach Instrument und Andrang. Nicht jede/r bringt gleich Erfahrung mit. Mattutat: „Wenn drei von sechs das zum ersten Mal machen, dann muss man die auch an- oder ausschalten.“ Guckt man sich die Steuerung der drei an, wirkt sie auf den Außenstehenden gekonnt, sympathisch, zurückhaltend und zugewandt. Klingt jetzt alles sehr liebevoll, zeitgleich geht aber auf der Bühne oft auch die Post ab.

Motivation
Mattutat: “Wir drei sind die Startbesetzung und als Markenzeichen ein Anhaltspunkt, ohne dem Ganzen den Stempel aufzudrücken. Wir wollen da nicht dominieren.“ Sie versuchen ihren Übergang kurz zu halten. Denne: „Wir wollen Bock auf mehr machen. Meistens klappt das auch gut. Die sollen glücklich nach Hause gehen und das Gefühl haben, sie haben toll gespielt. Dramaturgisch macht es schon Sinn nach dem Opener noch zwei Stücke von uns zu bringen.“ Die Botschaft der Macher ist Funk , Soul, Jazz und Fusion, eine Mischung aus Jazz, Funk und Rock. Sie nehmen in der Region viel klassischen Jazz, Rock, Blues, und Singersongwriter mit Folkeinflüssen wahr, sowie „Esoterisches mit Harfe. Hier in der Gegend fehlte unser Groove: Die Metrosession in Altona war da ähnlich. Da trafen sich auch verschiedene Kulturen. Das sind bestimmte Harmonien und Bassläufe, die da kommen“, erklärt Lechterbeck.

Teilnehmer
Noten gibt es auf der Session selten. Notenkenntnisse sind nicht erforderlich. Aber es hilft, wenn Musiker Akkordsymbole erkennen. Das ist ein großer Vorteil. Mattutat: „Aber es ist möglich, dass Leute nach Noten vorspielen und wir sie begleiten.“ Wer Stücke mitbringt, soll mindestens einen Zettel mit den Akkorden liefern. Lechterbeck „Man muss dafür sorgen, dass die anderen es begleiten können. Wir sind keine Wunderknaben, aber wir sind offen für Experimente. Irgendwas geht immer.“ Es kommen auch gelegentlich Musiklehrer und melden vorher ihre Schüler an. Oder es rufen Schlagzeuger an, und fragen, was steht denn da an Instrumenten. - Verstärker, Mikrofone, Kabel, Schlagzeug und Keyboard – alles ist da. Die Musiker müssen oft ergänzend nur das nackte eigene Instrumente mitnehmen. Lechterbeck: „Das ist ja auch ein Service für die Musiker, wenn sie ohne Lkw anreisen können.“ Einmal kamen auch Berufsmusiker, die im Studio Hire in Ottersberg Aufnahmen gehabt hatten. Die Jungs wollten eigentlich nur in der Gaststube vorne ihre Pizza essen. Dann sind sie hinten im Saal in der Session gelandet. „Das ging ruckzuck sehr geil los, und sie haben die Session aufleuchten lassen.“

Open Ears
Der Titel ‚offene Ohren‘ ist auch Programm. Mattutat: „Im Radio wird man ja permanent angebrüllt. Wir wollen Musik eher zur emotionalen als zur Körpererfahrung machen. Es gibt ja auch Grenzen des guten Geschmacks. Aufeinander zu hören beim Musizieren, steht im Vordergrund. Wir spielen nicht stumpf nach Noten. Die Teilnahme erfordert hier zuzuhören.“ Interveniert wird subtil, nicht lehrerhaft. Wenn plötzlich der Bass weg ist, weil er nur noch ein Drittel der Lautstärke spielt, gehen alle mit runter und werden leiser. Zwischendurch geht einer ans Mikrofon und fragt, ob anderer Bassisten da sind. „Bei uns muss man nicht lange am Rand sitzen.“ Lechterbeck: „Bei Brei und Lautstärke schreitest du ein.“ So haben die drei alle die Doppelrolle von Organisatior und Musiker. Denne: „Wir schwimmen nicht, wenn andere schwimmen. Wir sind ältere Hasen.“ Und Mattutat haut nichts um: „Für mich ist das langjährige Gewohnheit. Ich habe auch schon Konzerte vom Schlagzeug aus gemischt, wenn es anders nicht ging.“ Da sind also drei, die viel Einsatz zeigen, um anderen und deren Musik ein Podium zu bieten, das von Spontanität geprägt ist. Drei, denen es wichtig ist, dass Musik ein Gespräch mit Instrumenten ist und Teilnahme nicht in Pose erstarrt. Drei, die andere zum Leuchten bringen wollen. Die die Jugend von der digitalen Welt loseisen und in der analogen verorten wollen. Talente ranholen, ausgraben oder wecken wollen. Bühnenarbeiter mit Intentionen wie Wachstum, Entwicklung und Kommunikation. Und das im ländlichen Rahmen, mit Ambition und dem Anspruch, dass das Publikum zeitgleich gut unterhalten wird.

Guter Einstieg
Gabi Lechterbeck (Foto rechts), Sängerin und Frau von Holger, beschreibt die Session aus Teilnehmersicht: „Das Gute bei der Session ist, ich kann mich da einfach hinstellen. Ich brauche nichts zu tun und kann sofort singen. Für viele ist es eine Möglichkeit, einfach einmal aufzutreten. Als kleine Band brauchst du sonst immer Gigs. Und das ist ein großer Aufwand. Hier ist das Coole: Du geht einfach ans Mikrofon, stellst dich hin und machst Musik. Jeder bringt was Neues rein. Öfter entstehen geile Ideen für einen neuen Song. Diese ist eine echte Session frei von engen Vorgaben.“

Ansagen
Lechterbeck zählt das Tempo an, bricht Soli ab, um andere Soli zu ermöglichen. Er zeigt die Dynamik und meldet die Schlüsse an: „Dann kommt so ein typisches Riff, an dem man merkt, gleich ist Feierabend. - So wenig reglementieren wie möglich und so viel wie nötig.“ Ein offenes Ohr ist absolut wichtig. „Manchmal werden wir beim Timing penetranter. Und irgendwann sind alle zusammen. Oder wenn wir uns gerade gefunden haben, haben die Gitarristen es nicht gehört.“ Lächeln und weitermachen! Mattutat: „Es ist ein Unterschied, Gitarre solo zuhause zu üben, im Vergleich zum gemeinsamen Spiel. Eine ganz neue Erfahrung. Und dann wollen wir alle noch reizen, etwas Unvorbereitetes nachzulegen.“ Hier spielt eine gesunde Mischung aus Könnern und Frischlingen. Erklärtes Ziel ist es, den Frischlinganteil zu erhöhen und sie zu motivieren, eigene Ideen mitzubringen.

Auf Hut
Das Bergwerk stellt den Saal und die Saal-PA (Anlage) zur Verfügung und dreht die Heizung auf. Für Musiker und Gastronom ist die Session eine Juxgeschichte ohne relevante Erträge. Die liegen in einer anderen Zone. Snorre, Ralf Eberhard einer der Bergwerkinhaber, ist hervorragender Gitarrist und rockt oft im dritten Set mit. Denne: „Vorne im Bistro und hinten am Tresen ist er ja auch gefragt, aber das lässt er sich nicht nehmen.“ Irgendwann geht Lechterbeck mit dem Hut rum. Im September viel zu spät, als schon einige größere Tische wieder gegangen sind. Den Hut teilen sich dann die Opener-Band und die Veranstalter. „Jeder kriegt dann sein Benzingeld.“ Manche packen einen Euro rein, andere Scheine. Lechterbeck: „Die engagierte Band spielt auf Hut und für Essen und Trinken und wir auch. Muckerleben.“ Mattutat: „Geld spielt keine Rolle. Das haben wir uns vorher überlegt. Das machen wir jetzt, weil wir tierisch Bock drauf haben. Und weil es die Möglichkeit gibt, zusammen zu musizieren. Wir müssen nicht ein bestimmtes Produkt abliefern. Wir rollen den Teppich aus und begegnen dem Publikum auf Augenhöhe. Die Atmosphäre ist intim und gemütlich. Die Session ist zusätzlich auch ein Treffpunkt für Musiker.“

Torftipp: 1) Termine sind jeden 1. Donnerstag im Monat: 20 Uhr. Ausnahmen: im Januar der 2. Donnerstag – Juli/August Pause: Also 4.10.; 1.11., 6.12., 10.1., 7.2. … - Bergwerk, Quelkhorner Landstr. 19, 28870 Quelkhorn. 2) Mitmachen? Frank Mattutat, 01 76 - 969 162 46, frank@openears.de