20 Jahre Torfkurier, der Film






Dein Schweinehund und du

Ein Gespräch über Adipositas und Abnehmen.

Text/Fotos: Götz Paschen

‚Wenn ich hinfalle, komme ich selber nicht mehr hoch und mir kann keiner aufhelfen.‘ Es gibt Menschen mit massivem Übergewicht, die parken mit dem Auto direkt am Einkaufswagen. Dann fahren sie mit dem Einkaufswagen rollatorähnlich durch den Supermarkt. Das ist auch ein Grund, nicht viel zu laufen. Hilfe, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist Rosita Harders (54) Aufgabe. Die Diplom-Öcotrophologin führt für die AOK in Zeven Beratungsgespräche zu Ernährung , unter anderem zu Fettleibigkeit. „Ich bin hier seit 30 Jahren in der Ernährungsberatung und es macht mir immer noch richtig Spaß.“

Erste Schritte
„Wir vereinbaren, fünf oder zehn Minuten am Tag mehr zu laufen.“ In einer Minute geht man 100 Schritte. Im Flur erprobt sie das mit den Kunden. Zehn Minuten gehen sind 1.000 Schritte mehr als sonst. Auf Einwände gegen Aktivitätsvorschläge reagiert sie mit angepassten Mikroschritten: ‚Zuhause ist es zu eng und raus kann ich bei Regen nicht.‘ „Man kann auch auf der Stelle laufen.“ – ‚Ich habe ein Fahrrad, aber es hat einen Platten.‘ „Sie können das Fahrrad fertig machen lassen und in Sichtweite hinstellen.“ – „Wer schwimmen will, soll das Badehandtuch über das Treppengeländer hängen – auch das motiviert.“

Schweinehunde
Wer sich zwingt, erzeugt innere Widerstände. Harders Kuscheltierkollegen sind die Schweinehunde. „Man muss seinen Schweinehund als Freund mitnehmen. Was sagt der Schweinehund immer? - Wir müssen Glaubenssätze auflösen und sollten ihn dabei als Freund behalten.“ Also: Nicht eine halbe Stunde spazieren gehen, sondern nur zehn Minuten. „Die Veränderung soll Spaß machen: Das Wurstbrot sieht mit Kohlrabi oder Gurke besser aus. Das tägliche Käsebrot mit Salatblatt auch.“ Abwechslung bringt Vergnügen. Nicht alles auf der Treppe deponieren, bis man hochgeht. Für jedes einzeln extra laufen. Das bringt Schwung. Und an die frische Luft. „Das tut zusätzlich der Seele gut. Auch bei Regen. Es schafft einen klaren Kopf.“ Bedürfnisse unterscheiden lernen. Oft reiche es, eine Freundin anzurufen statt zu essen. Die Lösung liegt nicht im Verzicht, sondern in der spaß- und lustorientierten Alternative.

Methodik
Harder konkretisiert gemeinsam mit den Kunden Ziele. Zum Beispiel: 1) 20 Kilo weniger: Deshalb zweimal am Tag Gemüse. 2) Beweglicher sein: Deshalb Dienstag schwimmen und einen Ersatztag festlegen, wenn der Dienstag nicht geht. Oder täglich fünf Minuten mehr als normal gehen. Manchmal mit Trainingsplan: „Was wollen sie machen? In welcher Häufigkeit? Wann konkret ist der erste Termin? - Immer nur machbare kleine Schritte. Wer jahrelang nicht Fahrrad gefahren ist und dann 15 Kilometer, dem tut alles weh. Es bringt schon was, mit zehn Minuten anzufangen.“ Wenn Langeweile, Kummer und Stress zu essen führen, sollte man stattdessen erst einmal eine Runde um den Block gehen. „Jeder kann etwas finden, das ihm Spaß macht.“

Familie
Die Ernährungsgewohnheiten sind ein Teil der Ursache. „Kinder lernen nur durchs Vorbild. Der Vater ist mittags nicht da. Dann entscheiden die Kinder über die Mahlzeit.“ Kinder neigen zur Angst vor Neuem. Mittags bleibt es bei Nudeln mit Tomatensoße. „Das ist falsche Rücksichtnahme und einseitige Ernährung. Der Geschmack ändert sich bei Kindern. Ab 12 bis 14 Jahren festigt er sich. Dann wird es schwieriger, etwas zu verändern. – Viele Familien kochen nicht mehr selber. Eine gemeinsame Mahlzeit am Tag wäre schon gut. Stattdessen macht sich jeder ein Brot. Oder es gibt einen Teller Essen vor dem Fernseher.“ Ist es Desinteresse oder Zeitmangel? „Eltern bringen schon gerne die Kinder zum Kurs und holen sie ab, aber für vier gemeinsame Termine ist kein Zeitfenster da.“ Es helfen Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Zuwendung. Gemeinsam zubereiten, Tisch decken … „Was sie selber mitgemacht haben, essen Kinder auch viel lieber.“

‚Prost, Mahlzeit‘
Jedes dritte Kind ab 15 hat Adipositas und jeder zweite Erwachsene (2009). „Vielen Familien fehlt die Struktur. Es ist das viele Fastfood täglich. Zwei bis drei Hamburger, plus Pommes, plus Chicken McNuggets® – und nach einer halben Stunde hat man wieder Hunger. Es sättigt einfach nicht.“ Eine Tiefkühlpizza hat rund 750 Kalorien. „Lieber eine halbe Pizza und Salat dazu. Sonst ist es zu hochkalorisch. Und dazu fehlt oft die Bewegung.“ Und es sind die süßen Getränke. „Manche Mütter behaupten, ihr 5-Jähriger trinke nichts anderes als Eistee. Ich frage immer: Wer kauft denn bei Ihnen ein?“ In 1,5 Litern Eistee sind 33 Stücke Würfelzuc­ker. 8 Stückchen Würfelzucker enthält eine Capri-Sonne oder ein Sunkist-Trinkpäckchen. Vom Müll mal abgesehen.

Bewegungsmangel
„Kinder haben keine Langeweile mehr. Früher kam die Frage auf: ‚Was mache ich? Gehe ich mal raus und fahre Inliner.‘ Die Kinder sind nicht mehr auf dem Spielplatz. In den Wohngebieten in Zeven werden Spielplätze zurückgebaut.“ Zum Sport und zum Kindergarten werden sie gefahren. Es sei praktisch, die Kinder abzuliefern und weiterzufahren zur Arbeit. Alles eine Organisationsfrage. Kinder, die den Schulweg alleine machen, kommen entspannter nach Hause. Wenn sie noch einmal in einer Wiese nach dem Rechten sehen. – Und Erwachsene? „Die schicken den Hund auch nur in den Garten. Wir vereinbaren das Ziel, dass sie einmal mit ihm um den Block gehen.“ Bei Frauen ist die Schwangerschaft sehr häufig der Start ins Übergewicht. Bei Männern ungefähr der gleiche Zeitpunkt. Der Kalorienbedarf sinkt mit zunehmendem Alter. „Männer können mit 30 und 40 nicht mehr so essen wie mit 20. Die kriegen dann automatisch einen Bauch. Der Stoffwechsel verlangsamt sich. Der Kalorienbedarf sinkt.“ Viele rutschen auch über kaputte Gelenke und Sportstopp ins Übergewicht.

Realistisch sein
„Sieben Pfund in fünf Tagen zu verlieren, ist unrealistisch.“ Nicht eine Diät für ein paar Wochen hilft. Es geht darum, die Ernährungsgewohnheiten und den Lebensstil dauerhaft umzustellen. „Ein bis zwei Kilo pro Monat abzunehmen, ist realistisch, mehr nicht.“ Ehrlich sein und bewusst alles wahrnehmen. „Ich fange immer so an: Alles, was man isst, aufschreiben eine Woche lang.“ Ein Ernährungsprotokoll als Istbestand. Nichts verbessern, sondern Selbstbeobachtung. Achtsames und bewusstes Essen. „Was man nebenbei isst, ist auch oft vom Unterbewusstsein her weg. - Es gibt winkende Essen: Wenn ich am Bäckerladen vorbeigehe, wenn ich eingeladen bin, der Süßigkeitenteller. Und es gibt das summende Essen: Jetzt habe ich Appetit auf …, ohne dass ich es sehe. Wir haben ein gutes Gespür dafür, was wir essen sollen oder nicht.“

Tricks
„Das Maß ist nicht: Ich bin satt, wenn der Teller leer ist. Das Maß ist, ich bin satt, wenn ich es spüre. Lieber knapp kochen oder wieder warmmachen.“ In Harders Trickkiste sind viele Vorschläge: Ein großes Glas Wasser vor der Mahlzeit füllt den Magen. Die ‚Tellerregel‘: Die Hälfte Gemüse (Vitamine, Mineralstoffe), ein Viertel Beilagen/Sattmacher: Reis, Nudeln, Kartoffeln (Kohlenhydrate) oder Brot, ein Viertel Baustoff (Eiweiß) Fleisch, Fisch, Käse, Eier, Tofu, Milchprodukte. Bei Vegetariern grob Hälfte Gemüse, Hälfte Sattmacher. Und: „Das Sättigungsgefühl kommt erst nach 15 bis 20 Minuten. Wer schnell isst, ist früher satt, ohne das zu merken. Wer sich Zeit nimmt, merkt es automatisch.“ Die Suppe mit dem Teelöffel essen. Kuchengabel statt Gabel. Viel auf einem kleinem Teller sei psychologisch besser, als wenig auf einem großen.

Konkret
„Ich gucke, was läuft gut, arbeite also wertschätzend und frage: ‚Was würde ihnen leicht fallen?‘“ Dann folgt die Hilfe bei der Lebensstiloptimierung: Das Ziel ist, bunter und breiter und mit mehr Genuss zu essen. 1) Ein Glas Wasser vorweg. 2) Die Tellerregel: Hälfte, Viertel, Viertel. 3) Kein Nachschlag beim großen Teller. 4) Nur im Sitzen essen, auch das Snickers. „Und nicht möglichst schnell mit schlechtem Gewissen runterschlingen, sondern genießen.“ 5) Wenn der Hunger nach der Mahlzeit kommt ein (Heiß)getränk.

Beratung
Die AOK hat rund 45 Ernährungsberaterinnen in Niedersachsen. Für Mitglieder ist der Service kostenlos. Andere Kassen überweisen ihre Übergewichtigen an Honorarkräfte, die freiberuflich arbeiten, zur Beratung auf Rezept. Bei Harder dauert die Anleitung sechs bis zwölf Monate, mit zirka sechs Terminen von jeweils einer Stunde. „Unsere Kunden kriegen innerhalb von 48 Stunden die Terminvereinbarung. Der Termin liegt innerhalb der nächsten vier Wochen.“ Die Motivation muss da sein und es muss passen. „Sie brechen eher ab, wenn diese Baustelle in der falschen Lebensphase kommt.“ Viele nehmen vielleicht nicht genau die Kilos ab, die sie wollten. „Die sind nachher trotzdem fitter und essen abwechslungsreicher und achtsamer.“

Torftipp: 1) Bunt und abwechslungsreich essen. 2) Keine Scham vor Beratung.