20 Jahre Torfkurier, der Film






Dampf im Kessel

Spieler mit 6, Schiri mit 16 Jahren.

Text: Götz Paschen
Fotos: Ute Lüdemann/TuS Rotenburg

„Oft ist es das Knie, das bei mir entscheidet, wie lange ich spiele. Mein Orthopäde sagt: Warum machen Sie Handball? Gehen sie schwimmen!“ Felix Zudse (23) ist Jugendwart und Schiedsrichter beim TuS Rotenburg und spielt als Kreisspieler in der zweiten Herren.„Üblich am Kreis ist Kneifen in die Seite gerade bei Männern im Jugendbereich. Dann verpult man ihm beim Gegenangriff einen – ich natürlich nicht. Das ist menschlich, wenn man sich den anderen merkt. Und nach dem Schiri gucken, was er sieht und was nicht. Als Verteidiger stellst du den Körper dazwischen mit allem was du hast, aber im Rahmen. - Wo ist die Grenze zwischen Verteidigung und umputzen? Es ist kreativ, was Spieler alles machen können.  Ein Foul ist, sich auf den Fuß vom Gegner zu stellen, dass er nicht loslaufen kann. Dann liegt er da. So etwas ist schwer zu sehen. Wir Schiris gucken zum Ball und nicht auf den Boden.“ In seinem zivilen Leben studiert Zudse Geschichte und Theologie auf Lehramt. In der Halle sorgt er als Schiedsrichter für Frieden und Gerechtigkeit.

Schiri
Nach den Schiedsrichter-Lehrabenden kommen eine theoretische und eine praktische Prüfung. „Dann wirst du ins kalte Wasser geschmissen. Wenn Dampf im Kessel ist, macht es schon Spaß, aber das musst du mögen. Viele hören im ersten Jahr auf. Die können nicht ab, dass die Trainer oder das Publikum meckern.“ Zudse geht das zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. „Wenn du mit dir selbst im Reinen bist, macht das nichts. Als Schiri musst du aufrecht dastehen. Ein Platzverweis gehört dazu. Ich sehe das Thema nüchtern, dann geht es ganz gut.“ Wenn es richtig persönlich wird, nimmt er ein Spiel auch mal mit nach Hause. Meist nicht.

Volle Woche
Bei Zudse ist Handball Familiensport. Seit er sechs ist, ist er in der Halle, direkt nach der Einschulung. 2012 war Zudse Meister in der Landesliga A-Jugend. Als Spieler trainiert er heute zweimal die Woche und hat fast jedes Wochenende ein Spiel. Als Trainer trainiert er die 12-jährigen Mädchen, D-Jugend weiblich; auch zweimal die Woche plus Spiel am Wochenende. In Summe: Viermal Training, zwei Spiele plus Schiri – Samstag selber spielen, Sonntag früh die Mädels, Sonntagnachmittag pfeifen. „Volle Möhre, wenn schon, denn schon! 2016 habe ich 30 Spiele gepfiffen, 2017 nur 12. Wenn nicht mehr geht, dann geht nicht mehr. Dann ist die Woche voll.“

Ausstattung
Zwei Schiedsrichter: ein ‚Feld‘, ein ‚Tor‘ plus Zeitnehmer und Sekretär betreuen ein Spiel. Der Zeitnehmer bedient die Hallenuhr. Zweimal 30 Minuten bei Erwachsenen, 10 Minuten Pause. Der Sekretär arbeitet mit Laptop und notiert alles im Spielberichtsbogen: Spieler, Tore, Strafzeiten … „Früher war das alles Zettellage. Das ist einfacher geworden.“ Ein Protokoll mit zwei Durchschlägen: ein Heim, ein Auswärts. Der Staffelleiter tippt das in Tabelle, wenn es keinen Einspruch gibt.

Rangehen
Was macht Handball aus? „Die Härte ist schon ganz geil. Ich spiele eher fair als hart, aber das körperliche Durchsetzen macht Spaß. Man kann ordentlich aufs Mett geben. Beim Basketball muss das Spiel kontaktfrei sein. Ich bin 1 Meter 89 groß und habe 90 Kilo. Das passt gut. - Ein blauer Fleck oder ein Brandfleck gehören nach dem Spiel dazu. Wenn man doof fällt oder im Wurf gestoßen wird, kommt die Landung nicht immer so gut.“ Für Zivilisation sorgen die Schiris, zu denen Zudse gehört, seit er 16 ist. „Wir pfeifen zu zweit. Jugend kannst du auch alleine pfeifen, aber die Übersicht ist zu zweit besser.“ Einer steht direkt neben dem Tor, einer an der Mittellinie in einer Diagonale wegen des Überblicks. Der Torschiedsrichter kümmert sich um Kreisthemen: Tore und Kreis übertreten. Der Feldschiedsrichter kümmert sich um den Rest. „Mal eben mit jemand anderem zu pfeifen, ist nicht so einfach. Man muss sich auf einander einspielen. Beim Gegenangriff wird der Feld zum Tor und der Tor zum Feld. Handball ist unheimlich schnell geworden.“ Zudse hat auch schon Landesklasse gepfiffen. „Da muss man schon rennen.“

ReMini
Die Vereine sind strengen Regularien unterworfen: Für jede spielende Mannschaft muss der Verein bei der Jugend einen Schiri stellen und bei den Erwachsenen ein Gespann, also zwei. Alternativ kostet es Strafgeld. Das geht an die Handballregion Mitte-Niedersachsen (ReMiNi). Das Prinzip ist einfach und ungerecht. Die Strafe wird an der Zahl der gemeldeten Schiedsrichter bemessen und nicht an der Zahl der gepfiffenen Spiele. Das ist einfacher als die Spiele zu zählen. „Hast du zu wenig Schiris, pfeifst aber trotzdem genug Ansetzungen (= Spiele), zahlst du trotzdem Strafe. Wenn du viele Jugendmannschaften hast, wird es halt teuer.“ Die Schiedsrichter geben vor und in der Saison die Daten ein, wann sie zur Verfügung stehen. Dann teilt die Handballregion Spiele zu. Tauschen ist besser, als nein zu sagen. Eine Schiribörse hilft dabei. „Wenn einer ein Spiel abgeben will, kann ich übernehmen. Man hilft sich gegenseitig.“ 30 Cent pro Kilometer plus eine Aufwandsentschädigung von 18 bis 25 Euro pro Spiel erhält der Schiri. Spielwünsche anzumelden ist nicht möglich. „Es kann passieren, dass ich meine eigene Liga pfeife. Ich pfeife grundsätzlich nicht den eigenen Verein. Da springe ich nur ein, falls der Schiri nicht kommt. Und dann habe ich nicht die Vereinsbrille auf.“

Perspektivwechsel
„Du siehst die Kleinigkeiten besser, wenn du sie vom Spiel her kennst. Als Schiri bin ich in der Regel nüchtern. Ich bin inzwischen auch als Spieler ruhiger, weil ich sehe, wie gepfiffen wird.“ Zudses Gespannpartner hat nie selber gespielt. Der geht es noch kühler an. „Ich sehe Fouls auch an der Situation, selbst wenn ich sie visuell nicht gesehen habe. Aber ich kann nur das pfeifen, was ich gesehen habe. Auf Vermutung pfeife ich nicht. Und in dem Moment, in dem du gepfiffen hast, denkst du manchmal: Ob das jetzt richtig war?“ Ein Schiribeobachter, eine Art Kontrolleur, attestiert ihm wiederholt gute Leistung. Im Feld pendelt Zudse mit hin und her und kommt ordentlich in Schweiß. „Bei höheren Ligen wird es schon anstrengend. Dann pfeifst du nur ein Spiel. Vom Kopf her ist dann auch gut. - Zwei Stunden Einsatz plus Anfahrt. Das weiteste ist Sulingen mit 90 Minuten Fahrt. Das ist gefühlt kurz vor NRW.“

Klassische Fouls
Stoßen (schubsen) in der Luft birgt ein großes Verletzungsrisiko. Schlagen passiert beim Ausholen mit dem Arm. Oder ins Gesicht greifen. „Beide bewegen sich schnell, da trifft man schon mal.“ Zwei Strafminuten gibt es für Gesichts- und Halstreffer oder stoßen in der Luft. Die rote Karte, wenn man jemanden über die Klinge springen lässt. „Die Hüfte raustellen oder das Bein ein bisschen – das sollte man nicht machen. Oder in den Wurfarm greifen. Das kann böse Schulterverletzungen nach sich ziehen. Wenn man den Arm des Angreifers nach hinten wegreißt. Das tut schon beim Hingucken weh.“ Erst gibt es drei gelbe Karten pro Mannschaft, danach nur noch Zeitstrafen. Einer der sich dreimal zwei Minuten einfängt, kassiert die rote Karte und ist raus, gesperrt für das Spiel. Aber ein Neuer darf rein. Die Mannschaft bleibt vollzählig. Das ist anders als beim Fußball. Als Schiri denkt Zudse manchmal: „Wie blöd bist du eigentlich? Willst du unbedingt runter vom Feld?“ Die Fassade bleibt aber sachlich. Schwierig sind knappe Spiele, bei denen es um etwas geht: „Wenn es eng wird, wird es hibbelig, aber meistens ist es fair.“

Torftipp: 1) Zuschauen:
1. Herren Rotenburg,
Sa., 3.2., 19.00 Uhr
gegen Habenhausen, oder
Sa., 17.2., 18.30 Uhr
gegen Neerstedt
Halle Rotenburg, Pestalozzi-Schule, Gerberstr. 18, 27356 Rotenburg. „Volle Hütte, 300 Zuschauer. Das ist heiß, die spielen gut, kleiner Eintritt.“; 2) www.handball-rotenburg.de; 3) Sponsorentelefon: 0 42 61 - 63 764.