20 Jahre Torfkurier, der Film






Zugfahren

Kurz- und Langstreckengesprächspartner.

Von Götz Paschen

Foto: Marlies Schwarzin/pixelio.de

Kopfhörer, wippendes Knie und 'Irish Folk'. Groß, mittleres Alter, Instrumentenkoffer. Wir kommen ins Gespräch. Er ist Berufsmusiker im Orchester. Bratsche. Kommt just vom Folk-Workshop: Auswendig nachspielen nach Gehör. Wie schwer das ist mit zunehmendem Alter. Dass die Jungen da wesentlich flotter sind. Zumindest was die 'mechanische' Aufnahme und Speicherung angeht. Wo und wie das im Gehirn funktioniert. Ob man als Anfänger am Instrument erst Verknüpfungen 'frei räumen' müsse, damit die Speicherung mit der Zeit leichter geht. - Wie wichtig ein Instrument für Kinder ist. Zur Schaffung von kulturellem Hintergrund. Aber auch der Form halber. Im klassischen Orchester sei alles minutiös aufeinander abgestimmt. Schon in Kinder- und Jugendorchestern disziplinierten sich die Kinder gegenseitig. Im Übrigen sei ein Instrument auch immer Rückzugsmöglichkeit, Kraftquelle und Drogenprophylaxe. Die 'Fideler' spielten wilder. Da seien vier Sechzehntel nie gleich lang. Wenn er als Profi unbekannte Noten vom Blatt spielen sollte, könne er die alle an die Wand spielen, aber nicht bei Folk nach Gehör.

Immigration
Oder die 60-jährige. Mit ihrem schlichten Fahrrad und unmöglicher Kurzhaarfrisur. Wache Augen, Deutschrussin, satt Akzent. Vier Kinder. Zwei mitten im Leben. Zwei in der Ausbildung. Alle im Bereich künstliche Intelligenz. Dass ihr erster Mann sich damals in Russland das Leben genommen hat mit Mitte Dreißig. Und ihr zweiter Mann war gar nicht ihrer. Sie war nur Geliebte auf 200 Kilometer Distanz: Zwei Kinder. Der nicht oft genug zu Besuch kam. Seine Ehe angeblich schon kaputt. Als sie mit den beiden Kleinen hingefahren ist, sei er das Wochenende zu seiner anderen Familie geflüchtet. Da ist sie nach Deutschland ausgereist. War Programmiererin, hat hier dann in der Logistik angefangen und die Kinder jetzt bald alle groß. Der Tochter gefällt das Studium nicht. Sie will lieber eine Ausbildung machen. Interessiert sich zurzeit aber mehr für Partys als für vernünftige Lebensplanung. Und das Vertrauen der Mutter, dass die ihren Weg schon machen wird.

Nahtoderfahrung
Beinprothese, 72, attraktiver Senior, kommt von seiner neuen Freundin. Hatte einen schweren Unfall vor Jahrzehnten und hat sich danach mit Nahtoderfahrung beschäftigt. In einer Arbeitsgruppe von Patienten und Klinikärzten. Keine Esoterik, aber doch jenseits unserer erfahrbaren Vernunftwelt. War ewig verheiratet, bis ihm die Frau an Krebs gestorben ist. Kurz nach dem Tod eines geliebten Menschen solle man ruhig und aufmerksam sein und innehalten. Dann kämen noch Zeichen herüber. Seine Frau habe ihm 'gesagt', dass es ihr gut gehe und er sich keine Sorgen machen müsse. Mitten in der Nacht sei er wach geworden. Das war real und kam von woanders. - Dann die Trauer, das Desinteresse an einer neuen Bindung und dass es dann trotzdem noch einmal losgegangen sei. Die Familie seiner neuen Freundin, in der er vorerst nicht willkommen ist. Dass sie sich im Hotel treffen. Bis die sich an ihn gewöhnt haben. Dass man das mit Fingerspitzengefühl machen müsse und sich trotzdem nicht bevormunden lassen dürfe.

Trittfrequenz
Rennrad 7,2 Kilogramm, Carbonrahmen. Er, groß, blond, 25, in Rennkluft. Sein Kumpel wolle in vier Tagen von Hamburg nach München. Er habe ihm jetzt am ersten Tag von Hamburg bis Hannover Windschatten gegeben. Am Pedalarm ein Kontakt für den Trittfrequenzmesser. Auf grader Strecke 80 Umdrehungen pro Minute. Als er richtig drauf war 90 bis 105. Bei Steigung 50 bis 60. Jetzt sei er aus der aktiven Phase raus. Studium fertig. Sich im Beruf zurechtfinden. Mehr Sauftouren als Radtouren. Aber das volle Potenzial noch da. Das Leben vor sich, voll im Saft. Lässt alles auch auf sich zukommen. Kommt eigentlich aus Süddeutschland vom Land. Da seien die Autofahrer auch freundlicher. Wär auch mehr Platz als hier. Die Radwege hätten keine Qualität, er fährt Straße und schert sich nicht um das Gehupe. Gefährlich wären die pädagogischen Knappüberholer. Party mache er seit Hamburg wegen der vielen Möglichkeiten. Wo hätte er auf dem bayrischen Dorf auch hingehen sollen. Ein sonniger Kerl.

Torftipp: 1) Mit Knöpfen im Ohr und Handygedrücke den Kontakt zu Mitreisenden partout vermeiden. 2) Oder doch mal einen ansprechen, egal wie. Flüchtige anonyme und trotzdem echte Begegnungen genießen.