20 Jahre Torfkurier, der Film






Zeit ist ein Muskel

Wenn man ihn nutzt, wird sie stärker.

Von Götz Paschen

Foto: uschi dreiucker /pixelio.de

Nerven sind auch Muskeln. Wer sie trainiert, kann mehr tragen. Muskeln werden dichter, nicht mehr. Zeit auch. Je näher ich an der Zeit bin, umso dichter ist sie. Je dichter Zeit ist, umso mehr schafft sie. Wenn ich Zeit habe, gönne ich mir Stress. Stress ist, sechs Sachen gleichzeitig zu machen, aber keine davon richtig. Das ist fröhliches Diffundieren. Wer Stress nicht genießen kann, sollte ihn vermeiden. Eins zurzeit. Stetig und immer ruhig und sinnig. Langsam ist schnell. Schnell ist langsam. Die Paradoxien haben oft Recht. Zeit ist ein Muskel. Wer Diffusion und Zerstreuung trainiert, ist darin gut. Wer seinen Fokus trainiert, ist in einem Thema. Reizoffenheit ist geringe Fokussierung. Mitmenschlichkeit lebt von fehlenden Scheuklappen. Vertiefung davon, dass Umwelt und Mitmenschen bedeutungslos werden. Je dichter die Zeit ist, umso weniger Luft ist drin.

Ziele schaffen
Orientierung. Je klarer die Orientierung ist, umso näher ist der Plan. Je klarer der Plan ist, umso lästiger sind Umwege. Wer aus einem klaren Plan, ruckartig in den Genuss eines Umweges kippen kann, ist spontan. Wer seinen Plan stur einhält, ist eher am Ziel. Und an der Frage: Was kommt danach? Wo soll die Aufmerksamkeit des Satten hin? Wie schade, wenn der Dispo beglichen ist. Wie lebendig ist das unbequeme Leben. Und dann kommt die fettleibige Müßigkeit. Das Besitzstandswahren. Die Verteidigung der Pfründe. Verschwunden ist die geile Angriffslust, der Schaffensdrang, die Energie der Zeit des Gründens. Wir klappen den Liegestuhl auf, greifen zur Zerstreuung und benebeln unsere Sinne mit Wohlstand.

Wind
Wer gehen muss, ist in Bewegung. Wer warten muss, kämpft gegen die Zeit. Wer sich abrackert, kennt seinen Schweiß. Wer es warm und trocken hat, wird lahm und müde. Und: Ideenlos. Werfen Sie Ihren Mitmenschen vor, was Sie wollen. Ideenlosigkeit ist die größte aller Sünden. Träge, müde, lahmarschig, humorlos ist sie. Ich meine nicht Muße. Muße ist harter Tobak. Mit sich selber etwas anzufangen zu wissen, ohne dass einem der Arsch brennt. Sich auszuhalten ohne Ablenkung – egal welcher Art. Einfach mal dösen, abhängen, sich erholen. Aber ohne Klimpergeräte, Technik, Buch. Nackt der Mensch im Raum, ausgeliefert seiner Wahrnehmung reizarmer Umgebung. Und im dramatischsten aller Fälle reizarmer Innenschau.

Fülle
Wenn da drin nichts ist. Was ja nicht sein kann. Wer selten die Betonplatten über dem Innenleben gehoben hat, sieht eine wüste Fläche. Mit welchen Mitteln sie durchbrechen. Warum auch überhaupt? Abgründe ausblenden. Schätze ebenfalls. Das Geklingel jedweder Art anschalten und die Muße meiden. Sich selber meiden. Wollten Sie Ihr eigener Freund sein? Könnten Sie mich sich etwas anfangen? Sind Sie sich selber zu vertraut? Dass Sie Angst hätten, Sie wären sich selbst als Freund zu vertraut und damit zu nah? Wie erschreckend ist die Intimität der Zweisamkeit mit sich im direkten Spiegel.

Zurück
Aber Zeit als Muskel. Dimensionen umbewerten. Vom Zeitstrahl in den Zeitkreis gehen. Die Erde ist auch keine Scheibe, sondern eine Kugel. Und die Tage wiederholen sich, die Jahre auch. Vieles gleicht sich. Es liegt nahe, dass der Zeitstrahl schlicht eine gedankliche Vereinfachung ist. Vielleicht Zeit besser als eine kreisförmige Schichtung denken. Und leben. Und sehen wohin die Kraft sich verlagert. Aus dem Schaffensdrang in die Schaffenssouveränität. Und der Humor: Mit dem wir uns von der straffen Haut, dem Haupthaar, der Körperspannung, der Potenz, dem Augenlicht … und von was auch immer verabschieden sollten. Die hohe Würde, die Genügsamkeit kennt. Und die reizlose übersteigerte Gier des Gegenteils. Zeit vermeiden. Zeitlosigkeit leben. Auf die Gefahr hin da zu sein, wo Sie jetzt gerade sind.

Torftipp: Das machen, was Sie jetzt gerade mache. Das ganz machen.