20 Jahre Torfkurier, der Film






Workaholic

Selbstverarschung als Chance.

Von Götz Paschen

Foto: Uschi Dreiucker/pixelio.de

Für alle, denen stoffliche Drogen nichts geben. Denen Macht, Geld, Status, Sex, Rhythmus, Co-Abhängigkeit, und Leistungssport nicht reichen. Die richtig geil sind auf ‚Arbeit‘. Nicht die zum Geldverdienen für den Lebensunterhalt. Nicht die zur Befriedigung ihrer vitalen Schaffenskraft. Oder die als Form der Meditation, der Einkehr. Nein, Arbeit um der Arbeit willen. Deren Ziel es ist, nie aufzuhören. Nicht um 17 Uhr, nicht um 20 Uhr. Überall präsent über Notizzettel, Mails, Handy. Permanent verfügbar.

Sinnlosigkeit
Für alle, die in tiefe Löcher fallen, wenn sie nichts zu tun haben. Die sich frühmorgens, spätabends, samstags und sonntags auch an den Schreibtisch setzen. Weil ihnen nichts Besseres einfällt und aus Gewohnheit. Die auch keiner mehr fragt, ob sie mitkommen wollen. Die ein Lebenswerk verfolgen, dessen Zweck vielleicht sogar ehrenhaft ist. Für die Krankenscheine Versagerzeugnisse sind. Konzentrationsmangel Ziellosigkeit bedeutet. Solche, denen der Inhalt der Arbeit auch schon manchmal egal ist. Selbst wenn es Waffen, Geldgeschäfte und Produkte sind, von denen die Welt nichts hat.

Partner
Deren Partner ihnen dauernd in den Ohren liegen, sie mögen doch bitte früher nach Hause kommen. Die ihre Kinder seltener sehen, als getrennte Eltern es tun, obwohl sie mit ihnen permanent unter einem Dach leben. Die gar nichts, aber auch gar nichts mitkriegen. Außer eben: die Auftragslage, die Probleme auf der Baustelle, die Reklamationsquote und die Liquiditätssituation. Denen auch die kleinste Scheiße im Betrieb wichtiger ist als ein Nachmittag am See oder ein Spaziergang zu zweit mit Sonnenuntergang. Die im Stau stehen und das als verträglichen Lebensort empfinden. Die nicht schreien könnten, wenn draußen grandios die Sonne scheint und die Natur ruft, und sie nicht weg können von ihrem Arbeitsplatz. Die sich eine der vier anerkanntesten stofflosen Drogen ausgesucht haben: Brutal Sport, exzessiv Kunst schaffen, exorbitant Geld verdienen und Arbeiten bis zum Umfallen.

Auswege
Die irritiert sind, wenn ihnen jemand einfach so einen Roman in die Hand drückt. Sie auffordert, ein Bild zu malen. Ihnen rät, sich hübsch zu kleiden. Sie motiviert, den eigenen Frustspeckbauch zu bekämpfen. Die sich wundern, wenn sie Geschenke erhalten, die keinen Zweck verfolgen. Die nicht ins Theater wollen, nicht in die Oper, nicht aufs Konzert und in keine Ausstellung. Die lieber noch eine Rund im Büro machen als eine auf dem Sportplatz oder im Bett. Die seit fünf Jahren weder in einer Hängematte lagen, noch auf einer Wiese geschlafen oder im Bett gefrühstückt haben.

Idee
Für die sich alles der Arbeit unterzuordnen hat: die Familie, der Urlaub, das Wochenende, die private Liquidität, die Lebensplanung … Und denen man mit folgender Idee kommen kann, der sie dann eventuell etwas abgewinnen: Dass das wichtigste Werkzeug im Betrieb genau sie selbst sind. Die Ressource Mensch. Und dass alle Werkzeuge regelmäßig und sogar nach Plan gepflegt werden. Von der CNC-Fräse bis zum Datensicherungssystem. Und das einzige Werkzeug, das nicht gepflegt wird, sind sie selbst. Und dass das dem Werkzeug schadet und die Nutzungsdauer und Ergebnisqualität erheblich einschränkt. Also dass es rein aus betrieblichen Effizienzgründen sinnvoll wäre, sich selbst zu pflegen. Und das heißt Grillen, Wanne, Tanzkurs, Kinderausflug, sich pflegen, abhängen, Urlaub, Sonne tanken und überhaupt die gesamte Batterie wieder auftanken. Wer aus frühkindlichen Gründen sich selbst nicht genug wert ist, sich zu pflegen, dem hilft vielleicht dieser Umweg.

Torftipp: Verarschen Sie sich auch mal selbst, wenn es hilft.