20 Jahre Torfkurier, der Film






Wer hat die Deutungshoheit?

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?


Von Götz Paschen

Foto: Katharina Scherer/pixelio.de

Wirklichkeit als messbares Phänomen. Wissenschaftliche Prinzipien als Grundlage der Lebenswirklichkeit. Nur Fakten, die überprüfbar sind, haben Bestand. Milliarden von Menschen beschäftigen sich mit Religion und den Aspekten von Nächstenliebe. Aber die Humanbiologie kommt zu dem schlichten Ergebnis, dass Individuen in Gruppen besser konkurrieren können. Gemeinschaft als Konkurrenzvorteil gegenüber Dritten. Fürsorge nur nach innen in die Gruppe. Nach außen erbarmungsloser Wettbewerb und Ausgrenzung. Der Fremde als Bedrohung im Rahmen des biologischen Konzeptes. Oder der Fremde als religiöse Herausforderung im Kontext kultureller Lebensgestaltung. Eine Liebesbeziehung als romantische Rahmenbedingung für die erfolgreiche Reproduktion. Sicherung der genetischen Präsenz für die nächsten Jahrhunderte. Die Ehekrise in der Midlifecrisis als manifestes Drama humanbiologischer Auftragserfüllung. Zweckgemeinschaft ohne weiteren Auftrag.

Doppelleben
Oh, du lieber Augustin. Was hast du da für ein heimliches Konto? Und was soll dieser Dauerauftrag mit den Unterhaltszahlungen? Und wofür diese vielen Geschäftsreisen über das Wochenende? Und wie anstrengend ist es denn, eine Zweitfamilie zu unterhalten und zu betreuen? Nur weil du im falschen Nest das Nesthäkchen hast brüten lassen. Und wenn die ganze Sache rauskommt, fliegt dir daheim - wo immer das inzwischen auch sein mag - alles um die Ohren. So eine Riesenscheiße. Nur weil dich der Hafer sticht und deine Hormone dir einen Streich gespielt haben. Im Zenit der Karriere den ganzen Lebenserfolg aufs Spiel setzen. Der eigenen Flotte eine fette Breitseite verpassen. Und jetzt heizt du da über die Autobahn und versuchst zwei Frauen und vier Kinder unter einen gemeinsamen Hut zu bringen. Du arme getriebene Sau. Oh, du sanfte gehörnte Inge. Was lässt du dich da schön belügen nur um deines lieben Friedens willen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Aber hast du nicht unbewusst diesem sturen Erfolgsmenschen den Auftrag erteilt zu gehen? Und folgt er nicht mit schlafwandlerischer Sicherheit deinem Distanzwunsch, ohne das zu reflektieren?

Heilen oder übersehen
Haust du den Kindern ordentlich 'was an die Fresse, sind sie im Erwachsenenalter weniger kompetent in der Lebensgestaltung. Beschädigungen in frühen Entwicklungsphasen ziehen ihre brandschatzende Spur durch den gesamten Lebensverlauf. Fehlende Linientreue, überhöhter Drogenkonsum, Sprunghaftigkeit, mangelnde Bindungsfähigkeit … Ein Erklärungsmuster. Keine Entschuldigung. Das würde Schuld voraussetzen. Eine ohnehin fragwürdige Konstruktion zur Bewertung von Handeln.
Vielschichtigkeit vermeiden. Konzept eins: Lebensdramen ausräumen und im Dialog Traumen heilen bis in die Ahnenreihen zurück und in alle Vorleben. Blödgelabert. Glühende Ohren von ewigen Telefonaten. Seminare und Workshops zur Seelenrettung kosten satt Wochenenden und Euros. Hoher Aufwand, ungewisser Erfolg. Konzept zwei: Schlucken und Fresse halten als Chance, mit dickem Fell und gesunder Verdrängung durchs Leben zu kommen. Fernsehen als wichtigste Form gemeinschaftlicher Freizeitgestaltung für Paare. Maximal 30 Minuten Gespräch täglich bei Paaren. Davon 20 allein für die Klärung alltäglicher Organisation. Recht hat, wer Erfolg hat. Die Definitionshoheit von 'erfüllter Zweisamkeit' liegt im intimen Rahmen der beiden Partner. Außenbewertung als unzulässige Einmischung.

Reiselise
Liselotte, wo fährst du hin? Was sitzt du schon wieder im Zug? Wieso immer in Tagungshäusern und auf Socken und in bequemer Freizeitkleidung? Rettet dich das gemeinsame vegetarisch-biologisch-faire Mittagessen in der Seminarpause vor der Einsamkeit am Sonntagabend in deiner Zweizimmerwohnung? Und wann wird da wirklich 'was draus? Hechelst von einer Wiedergeburt zur nächsten und die Scheidung ist im Namen des Volkes, des Vaters und des heiligen Geistes trotzdem nicht ungeschehen zu machen. Viel besser geht es deinen Nachbarn übrigens auch nicht. Hocken da ein Stockwerk tiefer. Silberhochzeit schon hinter sich gelassen. RTL regiert. Rolf und Uschi haben schon so viel unter den Teppich gekehrt, dass das Zimmer eine Deckenhöhe von 104 Zentimetern hat. Gerade einmal hoch genug, dass der schöne Plasmafernseher noch aufrecht drin stehen kann. Sie robben um den Couchtisch. Unter dem Teppich gut gepflegte Dramen, unverziehen, die auf dem Sprung sind, alles über Kopf zu werfen.