20 Jahre Torfkurier, der Film






Wahrnehmung entschärfen

Oder die Kunst des intuitiven Verarschens.

Von Götz Paschen

Foto: W. Broemme_pixelio.de

Wer kennt sie nicht, die wachen berechnenden Typen. Sie sagen selten viel, nie alles. Sie sind immer wach dabei, Situationen auf Vorteile abzuscannen. Informationen speichern, Daten auswerten, auf der Lauer liegen. Zugreifen, wenn es sich lohnt. Menschen, bei denen man sich so richtig wohl fühlt. Denen jeder gern sein Herz ausschüttet, weil sie es ihrerseits selten bis gar nicht tun. Kalte Zocker sind nicht gut für das eigene Seelenheil. Gehört man nicht zur selben Seilschaft, schaden Sie auch dem Portemonnaie.

Warme Zocker
Viel anders geht es einem da doch mit den fröhlichen Zeitgenossen, die unbeschwert in den Tag hinein leben. Die alles nehmen, wie es gerade kommt. Spontan wie ein Flummi. Offenherzig wie ein Dreijähriger. An die können Sie sich halten. So scheint es. Und dann tun Sie es und fallen mit diesen Kameraden genauso auf die Fresse wie mit den Berechnenden. Nur eben heftiger, weil Sie kein Argwohn schützt. Bei kühlem Kontakt fahren Sie die Tore nicht so weit auf. Da bleibt jeder vernünftige Mensch reserviert. Ganz anders dagegen bei den Fröhlichen. Da wollen wir unsere Sehnsucht nach Geborgenheit leben, uns öffnen, uns fallen lassen. In der Hoffnung getragen zu sein. Aber spätestens nach dem realen Aufprall geht diese Illusion in Scherben. Kein funktionierender Organismus überlebt ohne Berechnung des eigenen Vorteils. Das muss selbst jede hirnlose Amöbe im Rahmen ihrer Möglichkeiten als Grundkonzept drauf haben. Kein aufrecht stehender Mensch, der am Leben teilnimmt - wenn auch nur am Rande - besteht ohne Vorteilsorientierung im Alltag. Perfide wird es nur, wenn Menschen den Eindruck erwecken wollen, als gäbe es in ihrem Leben genau das nicht.

Drei Typen
Wir alle sehen Situationen, die uns nutzen könnten, während der Vorteil auf der Gegenseite geringer ist. Wie gehen wir mit der Situation um: 1) Berechnend kalt prüfen? Erlaubt dem Gegenüber die nötige Distanz. 2) Klar prüfen und bei ernster Übervorteilung kommunizieren? Entspricht einem fairen Miteinander. 3) Intuitiv kalt prüfen, aber die warmherzige Berechnung als solche negieren?

Typ 3

Es verlangt schon ein solides Maß an Frechheit, sich für Konzept 3 zu entscheiden. Während Ihnen Typ 1 ein Bein stellt und Sie einen Verantwortlichen haben, wenn Sie auf die Nase fallen, ist es bei Typ 3 undurchsichtig. Der lässt auf dem Weg, über den Sie gleich kommen, 'versehentlich' im Halbdunkeln etwas liegen, über das Sie fallen. "Tschuldigung, war keine Absicht." Ja und? Prüfen Sie die Ergebnisse des Miteinanders: Geht es Ihnen dreckig oder gut mit jemandem. Glauben Sie der Situation, nicht der Ausstrahlung des Gegenübers. Ob Sie Schaden systematisch anziehen, bleibt davon unberührt. Ob einer Sie absichtlich oder unbewusst zu Fall bringt, ist Ihrer gebrochenen Nase egal. Typ 3: Wer mit Absicht regelmäßig seine Wahrnehmung entschärft, hat die bessere Ausrede. Aber nicht die Ehrlichere. Das deutsche Recht kennt einen gnadenlosen Grundsatz: 'Unkenntnis schützt vor Strafe nicht.' Wer nicht weiß, dass er 100 Stundenkilometer in einer 70er-Zone fährt, zahlt trotzdem. Das Pendant hieße: 'Fehlendes Bewusstsein schützt vor Verantwortung nicht.'

Die Ahnungslosen
Nehmen wir die leidige deutsche Geschichte: "Wir haben von alledem nichts gewusst." Wer glaubt das wirklich? Übertragen auf die Klimakatastrophe und Ihre Flugreisen werden auch Sie das in 30 Jahren nicht behaupten können. Bewusstsein heißt, die Wahrnehmung zu schärfen. Warme Zocker verschleiern Wahrheiten. Die Wahrheiten springen einen ja oft direkt an. Wer nicht rechtzeitig auf die Seite geht, hat sie im Arm. Typ 3 weicht den Wahrheiten aus und damit der Verantwortung: Der Vorteil wird wahrgenommen. Der voraussehbare Schaden beim Gegenüber auch. Die Wahrheit wird verschleiert. Das Verhalten, als unbewusstes Handeln, ist programmiert und kann agieren. Und wenn der andere seinen Schaden meldet, für den Typ 3 verantwortlich wäre, folgt blankes Erstaunen.