20 Jahre Torfkurier, der Film






Venezuela

Monolog zur Verteidigung des Fernwehs.

Von Götz Paschen

Foto: Chris/pixelio.de

„Entschuldigung, wann waren Sie zum letzten Mal in Venezuela? Sie waren da noch nie? Haben Sie denn gar keine Sehnsucht nach neuen Erfahrungen und fernen Ländern? Das eröffnet einem doch ungemein Horizonte. Auch für die Allgemeinbildung gibt es nichts Besseres. Wie wollen wir auf dieser Welt zu Toleranz finden, wenn wir Fremdes meiden?“ – „Was für ein Blödsinn! Die Ausländer und Flüchtlinge hier zu erleben, ist doch etwas ganz anderes, als sie in ihrer Heimat kennenzulernen. Was ist denn von so einem Flüchtling kulturell übrig, wenn er hier mit 1.000 anderen in einem Lager oder einer Turnhalle zusammengepfercht lebt? Da können Sie doch von der Ursprungskultur nicht mehr viel wahrnehmen. Dem geht es nur darum, dass er Handyempfang hat, frische Jeans, was zu essen und ein Dach über dem Kopf.“ – „Wie, das ist in seiner Heimat nicht anders? Denen geht es da doch gut. Das ist eben eine andere Mentalität. Die sitzen gern beim Bus auf dem Dach. Die sind da viel unkomplizierter als wir. Das hat Charme. Das ist Freiheit. Wann sind Sie denn zuletzt geflogen?“ – „So lange ist das her? Fehlt Ihnen denn gar nichts? Da schneidet man sich doch jeden Lebensnerv ab, wenn man sich das nicht gönnt. Man muss doch auch einmal ausbrechen und die kleinen Fluchten genießen.“ – „Sie meinen 19 Stunden bis Venezuela sei keine kleine Flucht?“ – „Nein, für die Schwarzafrikaner, die meisten Inder und Chinesen nicht. Aber hier in Mitteleuropa machen das alle. Bis auf die Flüchtlinge natürlich. Und die Hartz Vierer. Und die Familien mit kleinen Kindern. Aber die könnten das auch. Das ist alles eine Frage, wo man im Kopf seine Grenzen zieht.“ – „Das ist doch ganz egal, ob es einem Kleinkind reicht mit einem Stöckchen in einer Pfütze rumzurühren. Da können Sie mir dreimal erzählen, dass sich schon da für ein Kind Welten auftun. Aber doch nicht für einen Erwachsenen. So beschränkt will doch keiner sein, dass er sich nur neben sein Kind stellt und vor Ort verblödet. So einen Unsinn liest man vielleicht in Elternzeitschriften.“ – „Und was soll das mit Lebensphasen zu tun haben? Die Frage ist doch, wie Sie sich Ihr Leben einrichten. Wer meint, mit 30 hört das Leben auf, hat doch keine Idee von Flexibilität.“ – „Und was soll ich jetzt unter monetärer Flexibilität verstehen? Wer schränkt die ein? Das Haus? Die Kinder? Das fehlende zweite Einkommen? Wo ist da der Zusammenhang? Das ist noch lange kein Grund, in den Ferien nur im Sauerland wandern zu gehen. Oder an der Nordsee zwischen Sandeimern, Schaufeln und Windeln zu vergammeln. Pommes und Milchreis – der kulinarische Erfahrungshorizont des deutschen Normalurlaubers. Und wem die Nordsee nicht reicht, der fliegt nach Malle. Die beliebtesten Kneipen sind die mit deutschsprachiger Bedienung. Exportiertes deutsches Einerlei an fremdem Ort.“ – „Was soll der Blödsinn, da könne man immerhin hinfliegen. Nur weil man fliegt, ist doch der Urlaub nicht gleich aufregend.“ – „Wie, das hätten Sie eben ja auch gesagt. – Ihnen ist schon Bayern so fremd wie echtes Ausland? Das kommt davon, wenn man nichts gewohnt ist.“ – „Hören Sie doch auf mit, das Fremde gibt es schon vor der Haustür. Ich habe keine Lust, in ein Flüchtlingsheim oder Obdachlosenasyl zu gehen, um Fremdheit kennenzulernen.“ – „Nein, Ihre CO2-Werte interessieren mich nicht. Und meine interessieren mich auch nicht. Leben ist immer umweltzerstörend. Fahrradreifen werden nicht aus Jute hergestellt. Und Züge fahren auch nicht mit Windkraft und Solarantrieb.“ – „Aber mit grünem Strom? Das ist mir scheißegal. Stellen Sie sich lieber wieder neben Ihre Kinder mit dem Stöckchen an die Pfütze.“ – „Die sind schon volljährig? Ja, dann eben nicht! Wenn die schon volljährig sind, können Sie ja wieder fliegen.“ – „Es ist aber auch keinem verboten zwischen seinen gedeihenden Naturschutzgebieten regional zu verblöden und auf die Enkel zu warten, damit man wieder jemanden hat, mit dem man zusammen Pfützen umrühren kann.“

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