20 Jahre Torfkurier, der Film






Stau

Sie stehen im Stau und müssen mal pinkeln.


Von Götz Paschen

Sie sind eine Frau. Sie stehen im Stau und müssen mal. Den letzten Parkplatz haben Sie gerade – Scheiße – ungenutzt an sich vorbeiziehen lassen. Rückwärtsfahren auf dem Randstreifen ist möglicherweise teuer. In den Apfelsaft-Tetrapack pinkeln wäre eine Möglichkeit. Aber der ist noch halbvoll und muss bis Würzburg halten. Oben in ein so kleines Loch? Das wird nichts. Aufschneiden und dann … schon besser. Oder Sie pinkeln direkt auf die Fußmatte. Die ist schließlich aus Gummi. Aber läuft die dann über. Oder erst mal den restlichen Apfelsaft aus dem Fenster schütten. Sie stehen im Stau, müssen ganz dringend und kippen gerade den restlichen Apfelsaft aus dem Fahrerfenster. Ihre Nachbarn gucken erstaunt und interessiert. Jetzt die Hose ausziehen. Beim Fahren. Sie ziehen beim Fahren die Hose aus. Und dabei Schritt fahren, bremsen, Schritt fahren. Hohe Kunst. Oder lieber doch nicht. Sie haben eine bedeutende Idee.

Die Uschi
Sie winken der Beifahrerin im Nachbarauto, die Scheibe runter zu kurbeln. Die kurbelt die Scheibe runter. “Haben Sie einen Führerschein?” “Ja.” “Können Sie meinen Volvo fahren?” “Wieso?” “Ich muss mal raus, pinkeln.” – Pause – Sie kurbelt die Scheibe hoch und spricht mit ihrem Mann. Die beiden Kinder hinten zeigen mit dem Finger auf Sie. Sie kurbelt die Scheibe runter. “In Ordnung, auf ihr Risiko.” Sie steigen aus. Sie steigt aus. “Uschi.” “Britta.”
Sie selbst heißen Britta, laufen um das Auto herum und setzen sich auf den Beifahrersitz. Uschi setzt sich und würgt Ihren Volvo ab. Das interessiert inzwischen fast alle, die in der nähren Umgebung mit im Stau stehen. Ist ja auch sonst wenig los. Ihre Blase platzt fast. “Kein Problem Uschi.” “Rolf meint auch, ich könnte Volvo fahren.” “Bis gleich.” Sie steigen aus und laufen zum Randstreifen. Uschi würgt gerade wieder den Volvo ab. Rolf hat seine Scheibe runtergekurbelt. “Uschi, langsamer kommen lassen”, brüllt er. Der Volvo springt an und hüpft seinem Vordermann beinahe hinten drauf. Ihnen egal, Sie wollen über die Leitplanke. Da erkennen Sie ein Problem, das Sie vorher so nicht wahrgenommen haben. Die Leitplanke ist eine Lärmschutzwand. Drei Meter hoch. Aus Beton. Inzwischen guckt keiner nicht.

Die Lärmschutzwand
Sie laufen vor. Irgendwann ist so eine Lärmschutzwand auch zu Ende. Sie hätten Ihrem Wagen ohnehin hinterherlaufen müssen. Dann laufen Sie ihm jetzt eben vor. Ein Ende ist in Sicht. Sie haben Glück. Trotzdem: Selten so weit gelaufen in den letzten vier Jahren. Und noch nie mit so voller Blase. Ab über die Leitplanke. Die Jeans verdreckt. Und die Böschung runter. Sie rutschen aus, fallen auf Ihren Hintern in den Matsch und könnten heulen vor Wut. Davon wird die Blase aber auch nicht leerer. Hose runter – pinkeln. Oben ‘Tatütata’. Und hält gar nicht in weiter Ferne. Kommandos, die Sie nicht verstehen. Ein kleiner Bach läuft die Böschung runter. Sie sind erleichtert. Mehrere Anlasser. Der Verkehr kommt wieder in Fluss. Sie ächzen die Böschung hoch. An Ihnen fahren Autos vorbei, die Sie alle bereits überholt hatten. Ihr Volvo muss weiter vorne sein. Sie laufen verzweifelt am Randstreifen nach vorne.

Frank
Daumen raushalten. Kein Arsch hält an. Und schon gar nicht dieser fette graue Mercedes. Doch, der hält an. “Kann ich mitfahren?” “Nein, ich halte routinemäßig alle 50 Kilometer auf dem Autobahnrandstreifen.” Gott, ist der witzig. Hat auch geistesgegenwärtig eine Broschüre aufgeklappt und unter Ihren verschmierten Hosenboden auf den Sitz gelegt. ‘Die deutsche Botschaft’. Sie besetzen die deutsche Botschaft. Er im feinen Zwirn. “Diplomat?” “Frank.” Er fragt nichts, also doch Diplomat. Sie erläutern in fünf kurzen Sätzen Ihr Anliegen. Er fährt an dem nächsten Parkplatz raus. Kein Volvo, keine Uschi. Am übernächsten auch nicht. Sie sagen Ihre Nachmittagstermine ab. Immerhin haben Sie das Handy eingesteckt. Frank wohnt in Bonn. Er hat die passende Hosengröße im Schrank. ? – egal. Draußen wird es dunkel. Er kocht gut und später küsst er gut. Den Volvo können Sie morgen bei der Polizei melden.