20 Jahre Torfkurier, der Film






Starwars bei Ikea

Kunde verursacht Inferno wegen Scannerkasse.


Von Götz Paschen

Alles fing so einfach an. Tom schob wie alle anderen seine Karre durch die Gänge. Links die Kerzen “Rengströ”, rechts die Körbe “Rämäh” auf der Suche nach dem tollen Regal “Orlof”. Es endete damit, dass er verschanzt hinter der Scannerkasse, schießend wie ein Yedi-Ritter sich gegen die Security verteidigt, während ihn die Sprenkleranlage von oben herab anpisste. Aber von vorne:

Bis zur Kasse lief alles prima. Wer nun schon länger nicht da war, wird feststellen, dass man alles selber machen muss. Kram scannen, Geldkarte durchziehen und so. Ist ja auch in Ordnung. Und wäre auch bei Tom gut gelaufen, wenn er nicht aus Jux den Scanner auf eine Lampe gehalten und starwarsmäßig abgedrückt hätte. Sollten Sie mal machen. Oder Ihrem Sohn empfehlen. Helden kämpfen an allen Fronten und jederzeit. Und so ein doofer Scanner ist mit etwas Phantasie locker mal eine galaktische Strahlenpistole und der Besenstiel “Repstro” ein tödliches Laserschwert. Tom zielt also aus Spaß mit dem Scannerding auf die Beleuchtung und die Röhre explodiert, ein Blitz, ein Glasregen auf den Kunden unter der Lampe ... Der ist sauer und fordert Tom nach erstem Schreck auf, sich zu entschuldigen. Kann der gar nicht. Der staunt immer noch den Scanner an, bis ihm die Frau von dem Mann eine runterhaut - ‘ob er überhaupt wach sei’. Wie im echten Western hält Tom den Scanner auf die Fliesen vor ihre Füße und drückt ab. Kacheln spritzen durch die Gegend. Der Warnschuss sitzt. Die Hannelore springt zwei Meter rückwärts und verschanzt sich hinter drei Kartons Billy-Regal. Designmäßig der letzte Schrei und ein großer Wurf skandinavischer 3D-Gestaltung.


Blind am Hotdog-Stand
Von hinten zieht Tom einer einen gelben Sack über den Kopf. Oder einen blauen. Ich weiß es auch nicht mehr. Auf jeden Fall einen, der nicht zum Mitnehmen ist. Tom stolpert, ohne bezahlt zu haben, blind mit Sack überm Kopf und Laserpistole auf den Hotdogtresen zu, fegt blindlings die Röstzwiebeln vom Würstchen-Selberbau-Stand. Auf die sich prompt laut kläffend der Lumpi von einem anderen Kunden stürzt. Was Tom als Angriff wertet. Nächster Schuss blindlings in die Friteuse. Fett spritzt. Der Imbiss fängt Feuer. Die Pommesdamen und -männer ergreifen die Flucht. Die Sprenkleranlage springt an und löscht. Es zischt. Noch hat Tom die Hose voll. Er würde gern sagen: “Ej Leute, war doch nur ein Scherz. Kann jedem mal passieren. Ist ja auch noch nicht viel kaputt gegangen. Das macht meine Haftpflichtversicherung. Lasst mich jetzt mein Regal bezahlen. Ich lass euch meine Adresse hier. Wir regeln das schon.” Aber in der Angelegenheit ist zuviel Schwung. Sie wollen ihm an den Kragen. Die Hannelore von eben. Der Hundebesitzer. Und ein Pommesmann, der sich profilieren will. Karrierechancen haben schon so manchem sein reines Herz versaut. Tom hat sich von dem Tragesack befreit. Es ist ein gelber. Durfte man jetzt die blauen kaufen oder die gelben? Scheiße, ich hab es vergessen. Aber mitnehmen ohne zu bezahlen, darf man beide nicht.

Der Pommesrambo
Der Pommeskämpfer zieht ihm rambogleich eine Ketchupflasche über den Schädel. Die platzt und beide sehen blutverschmiert aus, wie nach einer halbstündigen Pitbullrudelattacke. Die Töle von eben leckt selbstvergessen die Zwiebeln zusammen. Toms Freundin Uschi fängt an zu schreien. Sie denkt, er stirbt. Tom wischt sich das beißende Ketchup aus den Augen und schießt dem Pommesmann in den rechten Arm. Synthetik zischt, es schmort. Wir wollen gar nicht wissen, wie es riecht, ob es weh tut und wie die Wunde aussieht. Ein Ömchen dreht sich weg und kotzt in das Yucca-Plamensonderangebot direkt vor der Kasse. Nichts für zarte Gemüter hier, wussten wir schon vorher. Sie müssen ja nicht weiterlesen. Gucken Sie lieber Tagesschau. Da gibt’s noch mehr Tote, und die sind alle echt.

Bonny und Clyde
Uschi zerrt Tom hinter ein Kassenlaufband in Sicherheit und leckt ihm den Ketchup aus dem Gesicht. Wie Bonnie und Clyde bis zur letzten Kugel 17-mal durchlöchert kämpfen und gemeinsam untergehen. Das ist etwas Tolles, was man auch gut den Freundinnen in der Eisdiele erzählen kann. Jetzt ist die Security da und fordert Tom auf, sich zu stellen. In einem Ton, der etwas Schulung vermissen lässt. So richtig vertrauenswürdig erscheint das nicht. Die Jungs haben auch Hannelore nicht im Griff. Die hat den Billykarton aufgerissen und schmeißt Tom ein Regalbrett an den Kopf. Was da jetzt raussickert ist kein Ketchup. Tom ist sauer und schießt ihr in den linken Fuß. Die lackierten Fußnägel verfärben sich von rot auf phantastisch lila und rollen sich schmorend auf. Sie tanzt ein hitverdächtiges Solo, als hätte sie es bei einem Liveauftritt von Robbie Williams hoch zu ihm auf die Bühne geschafft. Ja Kinder, verdammte Scheiße, und wir sind schon über 4.000 Zeichen/783 Wörter, und die Sache wird doch gerade erst richtig geil. Nichts zu machen. Die Seite ist voll. Tom muss aufgeben. In Ermangelung einer Friedensfahne bindet er fix Uschis weißen BH an seinen Besenstiel Repstro, das ultimative Laserschwert, wedelt hinter dem Laufband und übergibt Sekunden später seine Scannerpistole dem Sicherheitsdienst.






Monatlich 1 x guten Sex. So lautet unsere Devise beim Torfkurier.

Das ist nicht als Empfehlung für Ihre Sex-Frequenz zu verstehen, sondern
ein Hinweis auf unsere Serie in jeder Monatsausgabe auf Seite 46. Aus
verschiedenen Gründen gibt es genug schlechten Sex oder Vermeidung von
Vergnügen. Einer ist: Die meisten Medien berichten in diesem
Zusammenhang verklemmt, voyeuristisch und ungenau. Wir bringen Sex
anders: Sachlich fundiert und humorvoll!

Viel Spaß bei der Lektüre und danach ...

Wir berichten. Sie probieren’s aus.



Wir senden Ihnen dieses Plakat im Format DIN A 3 gern zu, wenn Sie vorab
2,20 EUR in Briefmarken schicken oder überweisen:
Konto-Nr.: 12 22 13 96 • BLZ: 291 526 70 • Kreissparkasse Verden •
Verwendungszweck: 'S.46-Plakat', Name, Anschrift, Telefon.

Dildo und Beckenbodentrainer zugleich.


von Götz Paschen (Text und Foto)
Grafiken: Ernst Otto

„Der Lusttrainer ist ein Übergang zwischen Erotik- und Gesundheitstrainer. Diese Nische wollten wir besetzen“, erklärt der Erfinder Ernst Otto* aus Buxtehude sein erstes marktfähiges Produkt. Er ist Vater von vier Kindern und kennt sich mit medizinischen Dingen gut aus. Sein Lusttrainer ist ein Dildo, eine künstliche Nachbildung des erigierten Penis. Im Gegensatz zu anderen Dildos bietet dieser neben dem Lustaspekt auch den medizinischen Vorteil des Beckenbodentrainers. „Das merkt man, wenn eine Frau trainiert ist. Der Penis wird stärker gegriffen. Die trainierte Scheide kann besser zupacken, am Eingang wie auch tiefer innen. Die Orgasmuschance der Frau wird deutlich größer und die Häufigkeit des Orgamus höher, die Abstände zwischen den Orgasmen kürzer.“ So fasst der Erfinder die erotischen Vorteile für das Paar zusammen. Grob geschätzt verfügten nur etwa 10 % der Frauen von Natur aus über eine sehr kräftig entwickelte Muskulatur im Bereich der Scheide. Selbst sie könnten von einem Training profitieren, durch Geschicklichkeitszuwachs.

Silikon
Über einen normalen Dildo kam Otto auf die Idee, seinen Lusttrainer zu entwickeln. Beim gemeinsamen Ausprobieren war er mit dem marktüblichen Dildo nicht zufrieden. Der Erfinder hat viele Muster seines Lusttrainers von Hand aus Silikon geformt, ein aufwändiges Unterfangen. Dazu nutzte er sogenanntes Trinkwassersilikon, das mit Speisen in Berührung kommen darf. „Das habe ich mir im Baumarkt besorgt. Es ist recht teuer, aber völlig frei von Bioziden, Weichmachern und anderen Bestandteilen, die die Gesundheit beeinträchtigen könnten.“ Es handelt sich um medizinisch einwandfreies Silikon. Schicht auf Schicht hat er das Silikon eigenhändig aufgetragen, aufgestellt und in Gläsern zum Aushärten trocknen. 40 Exemplare als Vorstudien waren es bis zum Protoypen. Die Testprototypen hat Otto an Freundinnen weitergereicht: „Die fanden das gut.“ Warum Silikon? „Silikon ist geschlossenporig und wasserabweisend. Damit gibt es gar keine Probleme. Latex ist offenporig, da setzen sich Keime rein. Das kriegen Sie niemals steril.“ Otto empfiehlt bei der Nutzung des Lusttrainers wasserlösliche Gleitmittel, die latex-, silikon- und hautverträglich sind. „Mit Öl macht man Latex kaputt. Bei Silikon weiß ich es nicht.“ Deshalb ist Öl als Gleitmittel bei der Nutzung von Kondomen tabu. Ansonsten spräche nichts gegen Öl: „Warum nicht Olivenöl aus der Küche? An Pflanzenöl ist nichts schlecht. Beim Essen gelangt es ja auch in den Körper.“ Er rät, den Lusttrainer vor Sonnenlicht zu schützen. Wobei Sonne grundsätzlich kein Problem sein sollte. „Silikon wird auch bei Südfenstern eingesetzt. Das hält ja auch.“ Beim Dildo fehlt Otto der Temperaturaspekt, aber diese Ideen kämen jetzt auch: Dildos mit Wärme. Und die Geschmeidigkeit und Weichheit des Lusttrainers könnte noch entwickelt werden.

Sex im Mittelmaß
Otto sucht 'Sex im Mittelmaß', damit meint er die Einordnung zwischen Prüderie und Sucht nach Extrempraktiken: „Peitsche, Knebel, Taucheranzug - das geht absolut ins Leere, so dass die Leute nie zufrieden sind. Ziel des Mannes sollte sein, der Partnerin ein Höchstmaß an Lust zu bieten. Meine Meinung ist: Ich möchte dieser Frau das geben, was sie haben möchte. Hinspüren. Mich in sie hineinversetzen. Sensibel sein. Bringe ich sie in Fahrt, bekomme ich die Lust 3-fach oder 4-fach zurück.“ Zur Prüderie zählt er Ablehnung von Sexualität. Kinder sexfeindlich zu erziehen. Sich selbst im Weg zu stehen.

Anwendung
„Der Lusttrainer soll nicht geschoben werden. Die Vagina ist die einzige, die am Dildo anfasst. Es ist Training ohne Handberührung. Beim Rausschieben trainieren die Frauen auch mit tieferen Muskelstrukturen, und nicht nur die Muskulatur am Scheideneingang. Über die optische Rückkopplung beim Rausdrücken sehe ich, wie gut die Vagina arbeitet. Die Tantralehre sieht es als hohes Ideal, wenn die Frau in der Lage ist, den Penis einsaugen und rausdrücken zu können.“ Der Männerpart sei entsprechend: Zeit für Vorspiel, Ejakulationskontrolle, Sensibiltät entwickeln … Wenn etwas konusartig (kegelförmig) geformt sei, flutsche es hinter dem Scheideneingang automatisch tiefer. Wenn die Frau Übung habe, könne sie den Gegenstand auch wieder herauspressen. Das kennen Frauen, die entbunden haben. Otto spricht von der geschmeidigen Vagina, im Gegensatz zur untrainierten. Die Dehnungsübungen führen zu einer dehnbar und zugleich stark kontrahierbaren Scheide durch Muskelkraft. Das sei kein Widerspruch, sondern Resultat eines vielschichtigen Trainings. Durch die Länge und die zwei Stufen spricht der Lusttrainer auch tiefere Muskelstrukturen an. Die Bauchdeckenmuskulatur und das Zwerchfell werden mit einbezogen.
Der Lusttrainer ist 19,5 Zentimeter lang und hat einen Durchmesser von 1,7 bis 4,6 Zentimetern. „Wenn eine Frau sagt, der ist zu groß, dann muss sie sich erst einmal lockern. Eventuell durch Masturbation. Vom Alltag her ist eine Frau unten ja zu.“ Für Stufe 2, das tiefe Einführen, ist eine Lockerung nötig. Die normale Scheide hat im Ruhezustand unerregt eine Tiefe von 9 bis 10 Zentimetern. Wenn die Frau Stufe 2 benutzen möchte, ist es gut und sinnvoll, wenn vorher schon eine Erregungssteigerung stattgefunden hat. Die erregte Scheide habe eine Tiefe von 11,5 bis13 Zentimetern. Sie sei dann aber auch noch dehnbar, was individuell sehr unterschiedlich empfunden würde. Frauen haben verschiedene Tiefen und können anatomisch die Stufe 2 verschieden lange durchhalten. Stufe 2 ist mit mehr Muskelanstrengung verbunden, ein Rückwechsel in Stufe 1 sei problemlos möglich.

Medizinischer Test
Im Herbst 2009 hat Otto seinen Prototyp privat testen lassen, ihn optimiert und sich um ein gynäkologisches Zertifikat gekümmert. Testpersonen gesucht, bezahlt, denen in einer gynäkologischen Praxis nach längerem Training ein elektronisches Messgerät einführen lassen, das objektiv misst. Ergebnis laut Zertifikat ist schon nach wenigen Trainingswochen: Stärkung allgemeiner Kontraktionskraft der Vagina, der willkürlichen Kontratkionsfähigkeit, Reaktionsfähigkeit und Ausdauer. Prophylaxe von Gebärmuttersenkung. Förderung der nachgeburtlichen Beckenbodenregeneration. Es darf nicht damit geworben werden, dass das erfolgreiche Training auch vorbeugend gegen Inkontinenz wirken kann. Dafür müsse es den Anspruch eines Medizinproduktes erfüllen. Allerdings sei es nicht unter den medizinischen Auflagen der Produktion für Medizinprodukte hergestellt worden wegen der hohen Prüf- und Dokumentationskosten.

Spaß und Training
Dieser 'Beckenbodentrainer' ist kein Medizinprodukt, aber doch mehr als ein Sexspielzeug. „Eine untrainierte Scheide kann nur den Scheideneingang dicht schließen. Bei Liebeskugeln (Durchmesser ca. 3,5 cm), die eingeführt werden, können Frauen sie nur innen halten, aber nicht innen damit spielen. Kugeln und Lusttrainer ergänzen sich.“ Trainierte Frauen sagten: Sie merken die Männer/den Penis besser. Eine weitere Frauenreaktion ist, sie haben mehr Genuss an der Penetration. „Es geht darum einen Penis zu spüren. Sie kann ihn besser umschließen und deshalb auch leichter zum Orgasmus kommen. Der Lusttrainer trainiert die Fähigkeit zum vaginalen Orgasmus. Die Chance darauf wird verbessert. - Aber: Der Orgasmus ist nie das Maß aller Dinge.“

Torftipp: Den Lusttrainer gibt es für rund 27 Euro plus Versand im Erotikversand unter anderem bei www.orion.de

*Name von der Redaktion geändert.



von Hanna Deutschmann (Text und Foto)

„Ich hatte einen Freier, der Trucker war. Der kam gerade von einer längeren Tour nach Hause. Seine Alte war nicht da. Er hatte ‘nen dicken Hals und dicke Eier. Und dachte sich, er könnte sich eine Professionelle nehmen und die so richtig durchvögeln. Aber so geht das nicht. Zum Glück habe ich eine sehr rigorose Art. Als er sich nicht benehmen konnte, habe ich seine Klamotten aus dem Fenster geworfen und gesagt, dass er sich unten anziehen kann“, erzählt Mara Schröder. Sie ist ehemalige Prostituierte, hat ohne Zuhälter gearbeitet und heißt in Wirklichkeit anders. Gemeinsam mit Sozialarbeiterin Julia von Lengerke (28) engagiert sie sich im Verein Nitribitt e.V. für Prostituierte im aktiven Dienst. Rosemarie Nitribitt war eine Edelhure in den 50er Jahren, die dubios ums Leben kam. Von Lengerke ist das erste Mal in der Schulzeit mit Prostitution in Berührung gekommen. „Eine Klassenkameradin ist anschaffen gegangen, um sich auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur zu finanzieren. Heute wundere ich mich, dass ich gar keine Berührungsängste hatte. Es war eben ein Job – nicht anrüchig oder eklig.“

Das Warum
Es sei das Geld, das die Frauen dazu bringe, ihren Körper zu verkaufen, so von Lengerke. „Die einen finanzieren sich dadurch Bildung, alleinerziehende Mütter wollen ihren Kindern etwas bieten können … Die Gründe sind vielfältig.“ Man müsse unterscheiden zwischen deutschen Prostituierten und Migrantinnen. „Frauen aus Rumänien und Bulgarien haben in Deutschland keine Arbeitnehmerfreizügigkeit. Sie können keine Stelle annehmen, sondern sich nur selbstständig machen, unter anderem als Professionelle.“ Abhängig von Bildungsgrad und Sprachkenntnissen sehen viele der osteuropäischen Sexarbeiterinnen keine andere Möglichkeit, an Geld zu kommen. „Häufig haben sie ihre Familien zurückgelassen und schicken alles Geld, das sie hier verdienen, in die Heimat. Es gibt wenige Frauen, die sagen ‚Ich bin eine Hure und das ist meine Berufung‘. Die bleiben es dann meist auch bis ins Rentenalter.“ Doch weniger als 5 % stehen überhaupt zu ihrer Arbeit.

Zwei Leben
„Es kommt selten dazu, dass eine Sexarbeiterin tatsächlich rechtfertigt, warum sie sich prostituiert. Die meisten führen ein Doppelleben, um Diskriminierung und Stigmatisierung aus dem Weg zu gehen.“ Diese Gefahr besteht nicht nur in der breiten Masse der Bevölkerung. Mitarbeiter des Vereins begleiten die Frauen auf Behördengängen, damit sie das bekommen, was ihnen zusteht. „Dabei sagen wir auch nicht, dass wir von Nitribitt kommen, sondern treten als sozialer Dienst auf den Plan, damit die Frauen keine Nachteile haben.“ Gerade im privaten Bereich aber entstehen die größten und kompliziertesten Lügen. „Ich bin nach wie vor beeindruckt, was die Frauen sich für Geschichten ausdenken. Viele führen Buch, wem sie was erzählt haben. Dabei entstehen ganz phantasievolle, kreative Lügenkonstrukte. Ich kenne eine Frau, die sich nach wie vor prostituiert. Ihr Ehemann glaubt aber immer noch, sie arbeitet bei der Post.“ Eine andere Geschichte: „Häufig wechseln die Frauen für die Arbeit die Stadt, um unerkannt zu bleiben. Aber viele Freier auch! Und dann steht plötzlich der Nachbar vor ihr …“ Wenn die Prostituierten die Anerkennung bekämen, die ihnen zustehe, bräuchten sie dieses Doppelleben nicht. Es sei die Angst vor scheelen Blicken. „Das Bild, das von der Gesellschaft geprägt wird, ist immer noch, dass Prostituierte minderwertig sind. Entweder stellt man sie als Opfer hin – das spricht ihnen die Selbstbestimmung ab. Oder sie könnten nichts anderes. Oder ‚Die hat ja Spaß daran, die Sau‘. Keine Prostituierte macht das zum Spaß“, so von Lengerke mit Nachdruck. „Es ist ein Geschäft. Aber selbst ich werde schräg angeguckt, wenn ich sage, dass ich mit Prostituierten arbeite.“

Freifick zum 18.
Es komme auf die Frau selbst an, ob sie sich ihre Kunden aussuchen könne oder nicht, meint Mara Schröder vage. „Wenn sie unter Druck steht, nimmt sie wohl alle. Wenn ich einen nicht wollte, habe ich den Preis einfach so hoch gesetzt, dass er nicht mehr wollte.“ Deeskalation ist das Stichwort. Eine Prostituierte würde einem Freier nicht ins Gesicht sagen, dass sie ihn nicht will. Schröder weiter: „Die Migrantinnen ziehen anderes Publikum an. Freier, die deutsche Prostituierte ablehnen würden.“ Die Bandbreite reiche von 18 bis 80 Jahren. „Es gibt Väter, die ihren Söhnen zum 18. Geburtstag einen Freifick schenken und das dann für eine tolle Idee halten. Ich wurde einmal auf eine Geburtstagsfeier bestellt. Dem Junior war das mehr als peinlich. Nach einem Gespräch unter vier Augen ist es zum Geschlechtsakt nicht mehr gekommen.“ Das sei gar nicht so selten. „Viele Männer wollen Zärtlichkeit, ein Gespräch, Verständnis und dass ihnen zugehört wird. Das geht über den eigentlichen Akt hinaus.“ Und es gibt jene, die eine Prostituierte wie ein Stück Fleisch betrachten. „Die meinen, sie legen ein paar Euros auf den Tisch, und die Frau gehört ihnen. Da braucht man Selbstbewusstsein.“ Fairer Preis für faire Leistung. Höflichkeit und Respekt. Das wünschen sich die Sexarbeiterinnen von ihren Kunden.

Berufsrisiken
„Wir haben hier kaum Probleme mit Krankheiten – mit AIDS ohnehin nicht. Es gibt keine erhöhte Statistik bei Prostituierten“, weiß von Lengerke. Frauen, die professionell arbeiten, machen nichts ohne Schutz. „Die Freier fragen aber ganz verstärkt danach. Manche Frauen machen das mit. Einige bieten Oralverkehr ohne Kondom als ‚Französisch Natur‘ sogar an. Das ist leichtsinnig.“ Andere wiederum schießen bei der Intimhygiene über das Ziel hinaus: „Die Scheide ist im Grunde selbstreinigend“, weiß die Sozialarbeiterin. „Sie hat ein leicht saures Milieu. Die meisten Intimseifen und -lotionen sind aber basisch und machen bei zu intensiver Anwendung die Scheidenflora kaputt.“ Die größte Gefahr sei es jedoch, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Die wenigsten gehen zur Polizei, wenn Freier übergriffig wurden. „Sie haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Berechtigterweise.“ Sobald die sexuelle Handlung den Rahmen der Freiwilligkeit verlässt, sei die Bezeichnung Prostitution nicht mehr angemessen. „Wenn ein Zuhälter im Spiel ist, der die Frau zu dieser Arbeit zwingt, ist das sexualisierte Gewalt. Im Klartext: Vergewaltigung.“

Feste Standpunkte
Die wenigsten Frauen gehen ihrem Gewerbe auf dem Straßenstrich nach. „Ab 19.00 Uhr dürfen sie in Bremen an der Cuxhavener Straße stehen. Der Vorteil hierbei ist, dass sie keine Grundkosten haben.“ Die Mehrzahl der Sexarbeiterinnen arbeitet in Bars. Bekannt dafür ist die Helenenstraße. Oder in sogenannten Modellwohnungen. „Für viele sind diese Wohnungen reine Geschäftszimmer. Es sind eher Migrantinnen, die auch dort wohnen.“ Häufig teilen sich zwei bis drei Frauen eine solche Wohnung und dementsprechend auch die Arbeitszeit. Wie läuft die Begegnung mit dem Freier ab? Mara Schröder erinnert sich: „Man bespricht genau, was gemacht werden soll. Für wie viel. Ob mit oder ohne Kondom. Wenn alles passt, kommt man ins Geschäft. Wenn die Frau schlau ist, kassiert sie vorher ab und deponiert das Geld an einem sicheren Ort. Danach wird vollzogen, was vereinbart wurde. Und nur das!“ Lust und Leidenschaft gehen anders. Ein ungewaschener Freier wird auch gern vorher unter die Dusche geschickt. Und die Frauen tricksen. „Verkehr muss schon genau definiert sein“, schmunzelt Mara. „Auch eine Handmassage mit Öl gilt als Verkehr. Und mit Öl am Penis gibt es keinen Geschlechtsverkehr.“ Dann ist die Benutzung von Kondomen unsicher.

Andere Zeiten
Die Entwicklungen, die das Gewerbe genommen hat, seien frappierend, findet von Lengerke. „Früher sind die Damen ab 50 DM erst eingestiegen. Heute bekommt ein Freier für 50 Euro fast alles.“ Relativ neu sei die Idee des Flatrate-Puffs. „Das kostet dann 150 Euro für einen Tag. In Zeiten von Viagra und Co finde ich das sehr bedenklich für die Frauen“, äußert sich die Sozialarbeiterin. Mara weiß, dass sich auch zwischen ihren ehemaligen Kolleginnen einiges geändert hat. „Früher haben die Frauen aufeinander geachtet, wer mit welchem Freier mitgeht, und sich im Zweifel gegenseitig gewarnt. Wir haben uns auch nicht gegenseitig auf Teufel komm raus unterboten. Heute herrschen ja wahre Dumpingpreise.“

Ausstieg und Chancen
Die meisten Sexarbeiterinnen wollen aussteigen, wenn ihre Kinder in die Schule kommen. Oder wenn sie dem Druck des Doppellebens nicht mehr gewachsen sind. „Das schwierigste ist zunächst das Geld. Einige Frauen im Sexgewerbe verdienen nicht schlecht. Danach zunächst mit Hartz IV auszukommen, ist schwer. Der Biorhythmus muss komplett umgestellt werden. Kaum oder keine Kontakte außerhalb des Milieus, der Behördenmarathon … Dabei knicken viele ein. Es bedarf einer langen und intensiven Betreuung, um den Weg in ein solides Leben zu schaffen.“ Dabei hilft der Verein. Lebensläufe werden aufgehübscht. „Wenn eine Aussteigerin vor dem potenziellen zukünftigen Arbeitgeber ehrlich ist, sind ihre Einstellungschancen gleich null.“ Mara ergänzt lakonisch: „Oder er ist ein Mann und erwartet spezielle Dienste nach Feierabend.“ Dabei haben gerade diese Frauen wertvolle und vielfältige Kernkompetenzen: „Sie sind Geschäftsfrauen, können zuhören, besitzen häufig psychologisches Wissen und Menschenkenntnis, sind sicher im Kundenkontakt …“ Die Liste ist lang. Trotzdem müssen sich die Frauen über ihre Arbeit ausschweigen, wenn sie eine Chance haben wollen. „Dabei waren Prostituierte schon immer eine Notwendigkeit“, stellt von Lengerke fest. „Im Dritten Reich wurden sie an die Front geschickt, um die Soldaten bei Laune zu halten. Vom Dom in Bremen führen geheime unterirdische Gänge ins Schnoor-Viertel – vormals Bremens Vergnügungsmeile. Wofür wohl?! Es wurde immer geduldet. Ohne Sexualität geht es wohl nicht.“

Torftipp: 1) Überdenken Sie Ihr Bild über Prostituierte. 2) Unterstützen Sie den Nitribitt e.V. mit Ihrer Mitgliedschaft. Kontakt: Julia von Lengerke, nitribitt_ev@web.de oder 04 21 – 44 86 62.

von Kristin Albrecht (Text und Foto)

„Den meisten europäischen Quellen über das Kamasutra ist nicht zu trauen. Mit der indischen Liebeskunst wird bei uns viel Blödsinn betrieben.“ Blödsinn, der viel aussage über unseren eigenen Umgang mit Sexualität, Erotik und Sinnlichkeit. Anna Gönna Pezely leitet seit zwölf Jahren die Massagepraxis ‚Namyo‘ in Bremen. Zwar werde bei uns offen über Sexualität geredet – im Grunde seien die Menschen jedoch sehr unsicher in ihrem sinnlichen Erleben. „Ich kenne junge, gutaussehende Männer, die ihren beruflichen Alltag ohne größere Probleme meistern. Sobald sie sich aber im sinnlich-sexuellen Bereich bewegen, geht es nicht weiter“, weiß Pezely. Hinter dem großen, aufgeblasenen Thema ‚Sexualität‘ herrschen Scheu und Angst. „Für viele Menschen ist es schwierig, mit dem Druck und den Erwartungen umzugehen. Sie kommen in meine Praxis, weil sie einfach eine sinnliche Erfahrung machen möchten. Ohne den Stress, gleich etwas leisten zu müssen“, erzählt die Masseurin. Mit dem bloßen Auge betrachtet bedeutet auch das Kamasutra Stress: „Normalerweise berichtet der Westen oberflächlich über Praktiken, Stellungen und Technik. Das Kamasutra wird auf seine Abbildungen reduziert. Das funktioniert aber nicht. An solchen Verrenkungen haben wir im Leben keine Freude. Das kann keiner, das ist Akrobatik! Deshalb sind die Bilder so spektakulär. Wer das macht, bricht zusammen. Oder kriegt zumindest Rückenschmerzen. Wir können die Positionen nicht genießen. Selbst in Indien können das nur wenige.“ Wenn es also um das reine Nachahmen von Stellungen geht, ist das Kamasutra nichts für unsere westliche Kultur. „Das Feld aber ist viel weiter. Es geht um eine neue Sichtweise“, erklärt Pezely.

Sehnsucht
In anderer, tieferer Hinsicht ist das Kamasutra durchaus auch für uns praktizierbar. „Die Annäherung an die fernöstlichen Weisheiten kommen nicht von ungefähr. In der westlichen Welt herrscht ein tiefes Bedürfnis nach Intensität. Uns fehlen das Wissen und die innere Haltung, die das Kamasutra eigentlich vermitteln will. Nicht bei der Sexualität müssen wir anfangen. Sondern bei der Spiritualität.“ Um Präsenz gehe es. Nicht nur, wenn wir mit unserem Partner oder unserer Partnerin schlafen. Sondern in jedem Moment. „Worauf es ankommt, ist die innere Haltung. Bevor ich als Masseurin angefangen habe, habe ich in psychosozialen Einrichtungen als Kulturpädagogin gearbeitet. Dort habe ich erkannt, dass es die tiefste Sehnsucht des Menschen ist, gesehen und berührt zu werden. Und zwar ganz.“ Stichwort Urvertrauen. „Die Menschen sehnen sich nach der Verbindung mit der universellen Energie. Mit jener pulsierenden Kraft, die alles miteinander verbindet. Wir sind ein Teil vom Ganzen und möchten diese Verbindung auch spüren. Das ist nur natürlich.“ Sex, Kunst und Meditation seien Wege, um diese Verbindung zu erfahren. „Eine große Rolle spielt dabei das Atmen. Bewusstes Atmen beruhigt den Geist. Und fördert die Präsenz. Präsenz wiederum intensiviert den Kontakt zur universellen Energie. Und damit auch den zu unserem Partner, mit dem wir schlafen.“ Bilder hingegen stören den Kontakt. „Kopfkino halte ich für kontraproduktiv. Bilder fördern die sexuelle Suchtstruktur, die hier im Westen ohnehin sehr verbreitet ist. Wir neigen dazu, Ideal-Bildern hinterher zu jagen. Wir steuern auf die Erregung zu, sie flacht ab und wir brauchen eine neue. Wir haben Sex, ohne ihn wirklich in allen Zellen zu spüren. Im Kamasutra und auch im Tantra geht es hingegen um Nachhaltigkeit. Die erreichen wir, wenn wir einen Moment vollständig erleben. Ganzheitliches Erleben wirkt nach“, so Pezely.

Gemeinsame Höhepunkte
Es brauche viel Lebenserfahrung und Übung, um Präsenz und Verbundenheit mit dem gesamten eigenen Körper spüren zu können. „Die Anleitung durch einen Lehrer ist unabdingbar“, ist Pezely überzeugt. „Die Verbindung lässt sich nicht über ein Video lernen. Auch hier geht es um wirklichen Kontakt. Deshalb arbeiten in meiner Praxis auch ausschließlich reife Frauen.“ Wichtig für die Verbundenheit sei immer das Zusammensein mit anderen Menschen. „Mit anderen zu musizieren, hat eine andere Qualität als ein Solo. Gemeinsamkeit ist wichtig. Das wird gerade in der Sexualität ganz deutlich. Das männliche und das weibliche Prinzip wollen sich ergänzen. Sonst wären wir androgyn und könnten uns selbst befruchten.“ Dem Partner oder der Partnerin mit allen Zellen zu begegnen, erfordere Kraft und Stärke. Ein Weg, der sich am Ende aber lohnt: „Erfüllte Sexualität wirkt wie ein Lebenselixier. Sie ist neben Meditation und Kunst eines der vielen Boote, um den vollen Lebensfluss zu genießen. Und sie ist eines der Schönsten.“

Eine Übung
Fangen wir mit einer ganz einfachen Übung an: Atmen Sie tief und bewusst durch die Nase ein. Stellen Sie sich dabei vor, wie Energie an Ihrer Wirbelsäule hochsteigt. Atmen Sie nun durch den Mund wieder aus. Dabei stellen Sie sich vor, wie die Energie im vorderen Teil Ihres Körpers wieder hinabsinkt. Nehmen Sie den inneren Kreislauf wahr, der durch diese Atemübung in Ihnen entsteht.

Stellung und Haltung
Vermutlich haben Sie schon jetzt mehr Kamasutra erlebt, als jemand, der sämtliche Stellungen aus dem Buch durchprobiert hat. „Akrobatische Meisterleistungen aus dem fernen, exotischen Indien versprechen mehr Lust. Dabei geht es nicht um die äußere Stellung – sondern um die innere Haltung.“ Die 52-Jährige führt unter anderem auch tantrische Massagen durch. „Tantramassagen dienen dazu, in eine tiefe Entspannung zu kommen, damit auch die sexuelle Kraft frei fließen kann. Sie wirken vitalisierend für den ganzen Körper. Sowohl im Tantra als auch im Kamasutra geht es um viel mehr als um den reinen sexuellen Akt, wie wir ihn im Westen verstehen. Die fernöstlichen Philosophien integrieren die Sexualität viel mehr in das Leben. Auch das Kamasutra geht davon aus, dass einer erfüllten Sexualität eine lebensverlängernde Wirkung innewohnt.“

Indische Ursprünge
Das Kamasutra ist vermutlich in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts nach Christus entstanden. „Es richtete sich in Indien an die Adelsklasse, an die Brahmanen. Die mussten sich nicht so sehr um weltliche Dinge kümmern. Für das Überleben war gesorgt. Die hohe Kaste* konnte es sich leisten, das zu erforschen, was das Leben noch sein konnte.“ Die Adligen sollten durch ein erfülltes Sexualleben auf vitale Weise alt werden, so Pezely. Dabei ging es auch um Machterhalt: „Die hohe Kaste wollte dank des Kamasutra länger leben als das gemeine Volk. Sie wollte gar nicht, dass die niederen Kasten auch über dieses Wissen verfügten.“ Das Wort Kamasutra setzt sich aus den Begriffen ‚Kama‘ und ‚Sutra‘ zusammen. ‚Kama‘ meint sämtliche sinnliche Freuden. Als ‚Sutra‘ werden einprägsame Lehrtexte in Versform bezeichnet. In seiner Schrift beschreibt der Autor Mallanaga Vatsyayana systematisch das Wesen und die unterschiedlichen Arten der Liebe. Was der Westen als exotisches, buntes und erotisches Bilderbuch versteht, hatte im alten Indien jedoch ganz andere Hintergründe. Zumal das Kamasutra die Liebe sehr detailliert behandelt. So thematisierte Vatsyayana unter anderem abweichend vom reinen Geschlechtsverkehr die richtige Partnerwahl und die Brautwerbung. Eine der grundlegenden Aussagen, auf der das Kamasutra aufgebaut ist, ist jedoch die, dass Sex eine entscheidende Rolle für das menschliche Wohlbefinden spielt. Indische Liebeskunst kann demzufolge nicht nur von nackter Technik bestimmt sein, sondern muss darüber hinausgehen.

Zwischen den Kulturen
Einzug in unsere westliche Kultur erhielt das Kamasutra Ende der 70er Jahre. „Das war die Zeit, in der die Menschen anfingen, nach Indien zu pilgern. Der Geist strebte nach Exotik. Und die Pille erlaubte Geschlechtsverkehr, ohne gleich an Familiengründung denken zu müssen“, führt Pezely aus. Günstige Bedingungen für das Wissen aus der östlichen Welt, auch bei uns wirken zu können. Der Gedanke, dass es mehr gibt, als nur zu funktionieren, hatte eine große Anziehungskraft auf die Menschen. „Die Trennung von Sexualität und Spiritualität sollte auch bei uns aufgehoben werden. Entscheidend war dabei unter anderem auch die schwindende Macht des Christentums. Das Leben diente nicht mehr nur dazu, gottgefällig zu sein. Der Machterhalt der Kirche wurde in vielen Fällen durch Schuld und Sühne gesichert. Sexualität als wichtigen Bestandteil des menschlichen Wohlbefindens zu betrachten oder ihr gar eine vitalisierende Kraft zuzugestehen – das gab es nicht. Eine erfüllte Sexualität stärkt den Menschen zu sehr und macht ihn viel weniger anfällig für Manipulation.“ Doch trotz aller Bereitschaft, den östlichen Lehren mit Offenheit zu begegnen, scheint die westliche Interpretation des Kamasutra gründlich danebengegangen zu sein.


Torftipp: 1) Tief atmen. 2) Infos: Anna Gönna Pezely, 0 421 – 72 473, www.namyo.de

*Das Kastensystem in Indien gliedert die Gesellschaft auf hierarchische Weise in unterschiedliche soziale Gruppen.

von Kristin Albrecht
Fotos: Kristin Albrecht und Jutta Wieland/pixelio.de

„Sex während der Schwangerschaft ist sehr ratsam! Auch noch bis kurz vor der Geburt!“ Baharieh Hoffmann legt werdenden Eltern ans Herz, nicht nur trotz, sondern gerade wegen des kommenden Babys miteinander zu schlafen. „Solange Frau und Mann gesund sind, wirkt sich Sex sehr positiv auf die bevorstehende Geburt aus. Die Durchblutung des Beckenbodens wird gefördert und die Gebärmutter auf die Geburt vorbereitet. Beim Sex und beim Orgasmus werden genau die Muskeln in Anspruch genommen, die später für die Wehen verantwortlich sind. Lediglich wenn die Fruchtblase geplatzt ist, sollte es nicht mehr ins Bett, sondern ins Krankenhaus gehen.“ Hoffmann hat drei Kinder und arbeitet als Hebamme in Rotenburg und begleitet viele Frauen und Männer auf dem Weg in ihr Leben als Familie. „Viele Frauen scheuen sich davor, in der Gruppe offen über Sex in der Schwangerschaft zu sprechen. Leider reden auch die Paare untereinander oft nicht über ihre Bedürfnisse im Bett. Das kann zu Missverständnissen führen, die nicht sein müssen.“ Und ein erfülltes Liebesleben verhindern.

Andere Umstände
„Während der Schwangerschaft sind die Sexualorgane der Frau besonders gut durchblutet. Das führt dazu, dass Scheide und Vulva sehr empfindlich sind. Auch kann die Scheide trockener sein als vorher. Vor allem ab Mitte bis Ende der Schwangerschaft empfinden viele Frauen den Sex daher als unangenehm und lassen lieber die Finger davon“, erklärt Hoffmann. Für den Mann hingegen kann der Sex mit seiner schwangeren Partnerin als sehr lustvoll empfunden werden: „Die Scheide ist wie ein Schwamm, der voll Blut gesogen ist. Die Organe der Frau sind deshalb viel weicher als sonst. Das ist für den Mann sehr angenehm.“ Die Lösung liegt in einem behutsamen Umgang miteinander, eventuell unterstützt durch Gleitmittel. Während die physischen Gegebenheiten der Frau die Sexualität in einigen Fällen schwierig werden lässt, erfährt die Seele hingegen oft eine Erleichterung. „Gerade, wenn Paare sich sehnlichst ein Kind wünschen, fällt der Druck von den Partnern ab, wenn die Frau endlich schwanger ist. Das ‚Muss‘ fällt weg und Mann und Frau können sich entspannen. Das schlägt sich auf die gesamte Sexualität nieder. Der Orgasmus wird dadurch oft wesentlich intensiver erlebt.“

Vorteile für die ganze Familie
„Die Charité hat herausgefunden, dass ein aktives Sexualleben während der Schwangerschaft das Risiko einer Fehl- oder Totgeburt senkt. Durch den Sex wird die Gebärmuttermuskulatur aufgebaut. Und kann dann bei der Geburt richtig gut arbeiten“, betont Hoffmann. Außerdem komme die Gebärmutter durch den Beischlaf in die richtige Position. Und damit auch das Kind. „Eine starke Gebärmutter kann das Kind natürlich besser halten.“ Zirka zwei Wochen vor der Geburt verkürzt sich der Gebärmutterhals. Aber selbst jetzt ist Sex noch möglich. „In dieser Zeit kann der Muttermund durch den Kontakt mit dem Penis geöffnet werden. Der Zeitpunkt der Geburt kann also im Prinzip durch den Geschlechtsverkehr bestimmt werden.“ Vorsicht ist allerdings geboten, wenn die Frau von Anfang an unter einer Verkürzung des Gebärmutterhalses (Zervixinsuffizienz) leidet. „Diese wird vom Arzt früh festgestellt. Um den Muttermund befindet sich ein Ring, der ihn bis zum Ende der Schwangerschaft verschlossen hält. Zwei Wochen vor der Geburt ist es ganz natürlich, dass sich der Gebärmutterhals verkürzt. Wenn er jedoch bereits zu Beginn der Schwangerschaft sehr kurz ist, kann es durch den Sex zu einer Früh- oder Fehlgeburt kommen. In diesem Fall sollten die Partner auf keinen Fall miteinander schlafen!“

Lust
Auch wenn Sex während der Schwangerschaft noch so gesund ist: die Lust bleibt bei einigen Paaren auf der Strecke. „Von Anfang der Schwangerschaft bis zur 26. Woche haben die Frauen wegen der Hormonumstellung oft sehr viel Lust auf Sex. Es werden mehr Sexualhormone als gewöhnlich ausgeschüttet“ Allerdings: Unwohlsein und Übelkeit können den zweisamen Spaß zu Beginn der Schwangerschaft gründlich verderben. Hier helfen zwei gesunde Hände, um dem Mann in seiner Lust nicht allzu sehr leiden zu lassen. In der zweiten Schwangerschaftshälfte verlieren einige Frauen schließlich ihre anfängliche Lust. „Übergewicht kann die Sexualität hemmen. Die Östrogene in den Eierstöcken werden träge und hemmen die Lust auf Sex. Vor allem in den letzten vier Wochen denken Frauen kaum noch an Sex. Man fühlt sich wie vollgefressen und möchte lieber schlafen als erotische Spielchen starten. Hinzu kommt, dass einige Frauen sich wegen ihres Bauchumfangs unattraktiv fühlen. Sie haben Hemmungen, sich vor ihrem Partner auszuziehen. Manche Frauen lehnen aus diesem Grund sogar Sex von Anfang an ab oder können sich nicht richtig entspannen.“ Solche Gedanken, die häufig mit der Realität nichts zu tun haben, lassen der Lust wenig Freiraum. Beim Mann passiert hormonell nichts. Dafür aber psychisch: „Am Anfang empfindet der Mann seine Frau als vollkommen. Er sieht ihr die Schwangerschaft noch nicht an, weiß aber, dass sie schwanger ist. Der Gedanke ‚Ich habe mein Ziel erreicht‘, lässt den Mann den Sex in vielen Fällen als sehr entspannt und erlösend empfinden.“ Ein Lusttöter kann der veränderte Geruchssinn sein, der bei Schwangeren aufgrund der hormonellen Umstellung sehr intensiv ist. „Zirka 60 % der Frauen können ihren Partner tatsächlich nicht mehr riechen. Das muss der Mann aushalten. Aber das normalisiert sich mit der ersten Regel nach der Geburt wieder“, so Hoffmann.

In fast jeder Lage
„Bis zur 25. Woche ist jede von beiden gewollte Stellung möglich. Danach gibt es Unterschiede.“ Die Seitenlage/Löffelchenstellung sei am angenehmsten und sehr bequem für die Frau. „Die Gebärmutter liegt geschützt und wird durch die Matratze gestützt. Auch für den Mann ist diese Position gut. Viele Männer empfinden die Seitenlage als sehr lustvoll. Gerade wenn die Blockade im Kopf noch da ist – der Mann hat das Gefühl, dass seine Frau nicht schwanger ist und dass er seine alte Partnerin wieder hat. Das entspannt ihn.“ Ebenfalls empfehlenswert sei der Vierfüßler, der übrigens auch die beste Methode zur Entbindung sei. „Die Gebärmutter liegt frei und wird nirgends eingeengt. Und der Mann kann seinen Penis von hinten besonders gut in die Scheide einführen. Er hat sozusagen ‚Freie Bahn‘“, weiß die Hebamme. Weniger zu empfehlen sind hingegen die Rückenlage/Missionarsstellung und der Akt im Stehen. Liegt die Frau während des Sexes auf dem Rücken, drückt das Kind auf den Ischiasnerv, führt Hoffmann aus. „Außerdem ist ab dem zirka siebten Monat der Druck durch das Gewicht des Mannes zu groß. Die Fruchtblase könnte platzen. Beim Sex im Stehen zieht der Kopf des Kindes nach unten und drückt auf das Becken. Durch die Bewegungen kann es gestört werden. Frühzeitige Wehen können die Folge sein.“ Ungünstig ist auch die Position, wenn sie obenauf ist. Hier besteht die Gefahr, dass die Fruchtblase platzt.

Weibliche und männliche Ängste
Sowohl Mütter als auch Väter möchten ihr ungeborenes Kind schützen. „Die Angst, dem Baby beim Sex wehzutun ist weit verbreitet. Und blockiert den Sex.“ Die Sorge, der Mann könne das Kind mit seinem Penis beim Geschlechtsverkehr verletzen, sei unbegründet. „Das ist ein großer Irrtum. Der Mann ist noch weit vom Kind entfernt. Der Penis ist zu kurz“, versichert die Hebamme. „Ein weiteres Problem ist die Empfindlichkeit der weiblichen Geschlechtsorgane während der Schwangerschaft. Der Mann spürt, wenn der Sex schmerzhaft für sie ist, möchte seiner Frau aber natürlich nicht wehtun.“ Die Sorge um Frau und Kind verhindert, dass der Mann sich entspannen und konzentrieren kann. „Ohne diese Blockaden im Kopf hätte der Mann immer noch genau so viel Lust auf seine Frau wie vorher. Und hätte wunderschönen Sex“, ist sich Hoffmann sicher. Frauen hingegen mache der Orgasmus zu schaffen: „Nach dem Sex zieht sich die Gebärmutter zusammen, was sich aber schnell wieder gibt. Dieses Ziehen erleben aber nur Schwangere, weil Beckenboden und Gebärmutter vermehrt mit Blut versorgt sind. Viele Frauen erleben den Orgasmus wie eine kleine Wehe. Sie haben dann Angst, dass sie eine Fehlgeburt haben werden. Allerdings völlig unbegründet.“ Generell sei die Frau während der Schwangerschaft seelisch empfindlicher als sonst. Sie fühle sich schneller vernachlässigt und habe Angst, ihren Partner zu verlieren. Ein idealer Nährboden für Missverständnisse: „Es kommt vor, dass eine Frau die sexuelle Ablehnung ihres Mannes völlig falsch interpretiert. Dabei ist sein merkwürdiges Verhalten vielleicht nur das Resultat seiner Sorge um sie und das Kind.“ Wenn beide Partner gesund und treu sind, sollte auch die Angst vor Infektionen kein Hinderungsgrund für ein erfülltes Liebesleben sein.

Torftipp: 1) Ab in die Kiste! 2) Der Orientalische Tanz sorgt für eine gute Durchblutung des Beckenbodens und der Gebärmutter. Das ist sehr einladend für das Sperma, das sich besser in der Gebärmutter einnisten kann. Und wenn die Frau erst einmal schwanger ist, bereitet der Tanz die Gebärmutter auf die Geburt vor.

Von Götz Paschen
Fotos: Eberhard Wildung/Götz Paschen

Mareike Koch stammt aus Oberbayern. Sie lebt in Bremen und war am Kreiskrankenhaus Osterholz-Scharmbeck als Ärztin in der Gynäkologie tätig. Aktuell arbeitet sie in einer Frauenarztpraxis in Bremerhaven und bei der Beratungsstelle 'Cara' für Pränataldiagnostik in Bremen. Wieso spielt das Thema aber immer wieder eine Rolle? "Weil sich anscheinend alle wünschen, Frauen wie Männer, dass es einen Punkt gibt, auf den man drauf drückt, und dann kriegt die Frau einen Orgasmus. Und dann drückt man noch einmal drauf und sie kriegt noch einen." Das ist ihr zu technisch gedacht. Es gehe an dem vorbei, worum es geht: Zusammen Dinge zu tun, die einem gut tun.
   
Ernst Gräfenberg
Der Arzt Ernst Gräfenberg hatte 1950 in einem Artikel über den G-Punkt, auch 'Gräfenberg-Zone', berichtet als einer besonders erogenen Zone, die rund fünf Zentimeter vom Scheideneingang entfernt an der Vorderwand der Scheide liegt. Mareike Koch: "Die Fachwelt sagt, es gibt keine entsprechende anatomische Struktur, die regelmäßig nachweisbar ist." Sie findet an Herrn Gräfenberg relevanter, dass er derjenige ist, der die erste Spirale erfunden hat. Bei gynäkologischen Untersuchungen in ihrer Berufspraxis habe Koch den G-Punkt weder durch Sehen noch durch Tasten wahrgenommen. Aber die Verfechter des G-Punktes sagten auch, dass man ihn nur bei sexueller Erregung feststellen und tasten könne, weil er nur dann anschwillt.

Frauenbewegung
"Das Thema G-Punkt ist mehr ein Thema der 80er Jahre, aus der Zeit der Frauenbewegung." Die Frauenbewegung habe gesagt: 'Es geht nicht nur um seine Befriedigung, sondern auch um ihre.' In diesem Zusammenhang sei die Diskussion um den G-Punkt als intravaginalen Stimulationspunkt aufgekommen. Und entsprechend die Diskussion um den klitoralen und vaginalen Orgasmus. "Den Klitoralen gibt es. Da sind sich alle einig. Da gibt es auch gar keine Diskussion. Dass Frauen auch ohne direkte Stimulation des sichtbaren Teils der Klitoris einen Orgasmus haben können, ist auch unbestritten. Hier ist allerdings das Thema, ob es eine Frage der Übung ist, oder eine Frage der richtigen Stimulation." Die Debatten darüber haben immer wieder den Charakter der Dispute um alle Mythen. Sie halten sich hartnäckig, weil es mindestens genauso schwer ist, das Gegenteil zu beweisen. Der Yeti, der legendäre Schneemensch, geistert ja auch immer wieder in den Köpfen der Menschen herum. Es ist nun einmal unmöglich zu beweisen, dass man ihn nicht gesehen hat. Koch bringt ein anderes bekanntes Beispiel: "Es kann auch schlecht jemand beweisen, dass es das Ungeheuer von Loch Ness nicht gibt. Ich kann mich mit der Idee schon eher anfreunden zu sagen: Es gibt eine Zone, die bei manchen Frauen sehr sensibel ist." Was ja für Nacken und Ohrläppchen genauso gilt ... Dazu die Ärztin: "Ich glaube, es ist unwahrscheinlich, eine Frau zu finden, die einen Orgasmus kriegt, weil man sie am Ohr streichelt. Das ist in der Vagina anders."

Sexuelle Probleme
"Nur weil ich Frauenärztin bin und mich mit den Organen auskenne, bin ich nicht gleich eine Expertin für Sexualität. Trotzdem fragen die Frauen mich." Themen seien unter anderem Schmerzen beim Sex und mangelnde Feuchtigkeit. Koch weist auf ihre medizinische Ausbildung und den entsprechenden Hintergrund hin. Sie sei keine Sexualpädagogin. "Weiß der Teufel, was Herr Gräfenberg damals gefunden hat. Man kann ja gerne den G-Punkt stimulieren. Möglicherweise fühlt sich eine Massage dort für einige Frauen besonders angenehm und erregend an. Wenn Paare aber sowieso mit der Sexualität Probleme haben, ist es sicherlich nicht besonders zielführend, zuerst nach dem G-Punkt zu suchen. Wenn ich eine erfüllte Sexualität habe, und alles ist fein, dann kann ich mich gerne auf die Suche nach dem G-Punkt machen, und vielleicht finde ich ihn. Wenn ich ein Problem habe, würde ich den Frauen und Männern raten, sich zuerst mit der Klitoris zu beschäftigen und nicht mit dem G-Punkt, der vielleicht irgendwo ist oder auch nicht." Die Lustorgane der Frau lägen eher an der vorderen Vaginalwand, also zum Bauch gewandt. "Viel interessanter finde ich die nachgewiesenen anatomischen Strukturen von der Klitoris und Schwellkörpern rund um die Harnröhre." Von der Klitoris sei nur der geringste Teil sichtbar. Sie habe zwei paarig angelegte Schäfte, die seitlich vom Scheideneingang nach hinten Richtung After führen. Zusätzlich liegen zwischen Klitorisschaft und Scheideneingang zwei Schwellkörper, die bei Erregung anschwellen.

Eingriffe
Es gibt gewisse Operationen bei Gebärmutter- oder Blasensenkung, bei der die vordere Scheidenwand reduziert wird oder Bänder hineingelegt werden. Mareike Koch: "Man weiß gar nicht genau, wie die Nervenbahnen und Nervengeflechte verlaufen. Manche Frauen haben deshalb nach einer Operation große Probleme beim Sex: Die Scheide ist zu kurz oder nicht elastisch genug. Oder es fühlt sich einfach anders an. Manche Frauen empfinden den Sex nach der Operation als besser." Fragwürdige Institute bieten unter anderem an, den G-Punkt mit Hyaluronsäure zu unterspritzen. Diese Säure benutzt man auch zur Unterspritzung von Gesichtsfalten. Koch: "Das Ziel sind beeindruckendere und multiple Orgasmen. Der Eingriff ist eine totale Katastrophe. Das halte ich für Körperverletzung und unwirksam."

Orgasmuszwang
"Frauen mit einem starken Beckenbodenmuskel haben eine dreifach größere Chance, zum koitalen Orgasmus zu kommen", behauptete Karl Stifter, ein Wiener Sexualtherapeut in der 'Zeit'. Er ist Verfasser des ersten Buches über die weibliche Ejakulation. Stifter erforscht seit Jahrzehnten den G-Punkt und meint: "Vielen Frauen fehlt ein vaginales Bewusstsein." Gegen diesen Zwang zum Orgasmus wehrt sich im selben Artikel die Psychotherapeutin und Sexualwissenschaftlerin Ulrike Brandenburg: "Orgasmus ist zum Kult geworden. Es ist wichtig, ihn wieder ein ganz klein wenig tiefer zu hängen. Dieses bedeutungsschwangere Monster, zu dem er teilweise schon verkommt, hat mit der sexuellen Wirklichkeit von Frauen wenig zu tun." Brandenburg war bis zu ihrem Tod 2010 Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Koch ergänzt: "Der Mythos G-Punkt lebt ja davon, dass Sex umso besser ist, je öfter und schneller Frauen einen Orgasmus kriegen. Da kann man sich fragen, ob das der Sinn von Sexualität ist. Er setzt beide, Frauen und Männer, noch mehr unter Druck, als dass er entspannend wirkt."

Torftipp: Ulrike Brandenburg, "Frauen, Sex und Liebe", Ratgeber, ISBN 978-3-89740-611-7, 144 Seiten, 8,90 EUR.


Von Götz Paschen
Foto: © Warner Bros. Entertainment

"Die jugendliche Potenz spiegelt sich nur in der Mannigfaltigkeit ihrer Bewegung wider, nicht in ihrer Intensität", Hubert K.* weiß wovon er redet. Er ist 73 Jahre alt und immer noch sexuell aktiv. Hubert schätzt am Älterwerden, dass er souveräner und stärker reflektiert ist. "Mit 57 konnte ich noch zweimal hintereinander. Aber ich muss mich nicht mehr beweisen. Beischlaf ist kein 100-Meterlauf. Es geht um die Wertschätzung. Dass man stundenlang nebeneinander liegen kann …" Leistung und Druck spielen im Alter bei reifen Männern keine entscheidende Rolle mehr. Es geht um Genuss und Erfüllung: "Beim Sex ist es wie beim Kuchen. Zwei Stücke schmecken auch nicht besser als eins. Aber du kannst dir den Magen verderben beim zweiten. Es zählt nicht die Häufigkeit vom Sex, sondern die Intensität. Sie ist im Alter stärker. Der Druck ist nicht mehr so groß." Mit anderen Männern könne man sich über Sex nicht unterhalten: "Die Männer protzen meistens drüber. Jeder ist der Beste und der Stärkste. Die reden viel zu selten über Sex. Sprüche ja, aber sonst …" Die Frauen seien im Paargespräch über Sex aber auch nicht viel besser. Meist wüsste die Freundin mehr darüber, wie es der Frau im Bett gehe, als der eigene Mann. "Bei meiner Elterngeneration waren Gespräche über das Vögeln nicht drin. Das wurde mit zu viel Scham gehandhabt. Selbst bei Ehepaaren." Das sei bei Paaren heute auch noch oft so.

Junge Spritzer
"Ich laufe nicht mehr mit erigiertem Glied rum wie vor 20 Jahren. Geduld spielt eine wichtige Rolle. Die hast du mit 20 oder 30 nicht." Hubert erwähnt den Spruch 'Wenn der Schwanz steht, steht der Verstand.' "Viele Männer glauben, wenn sie losrammeln, wäre das das Höchste für die Frau. Das kann dir jeder Gynäkologe sagen: Es gibt keinen vaginalen Orgasmus. Die jungen Spritzer meinen, wenn sie selbst einen Orgasmus haben, hat die Frau auch einen. Aber der weibliche Orgasmus läuft nur über die Klitoris ab mit Zunge oder Finger." Und auch beim Beischlaf dürfe die Klitoris stimuliert werden. Dass Petting Pubertierenden zugeschrieben wird, hält Hubert K. für falsch: "Hau ruck zählt nicht. Petting und Vorspiel spielen auch im Alter eine große Rolle. Die Zeiten sind vorbei, wo wir sofort ins Bett gegangen sind, wenn wir uns getroffen haben." Spaziergänge, gemeinsame Zeit im Garten, Kochen - ein Treffen mit seiner Freundin findet heute anders statt, bevor es intim wird. Den Älteren würde die Sexualität von den Jüngeren oft nicht mehr zuerkannt: "Ich konnte mit 68 Jahren meinen Orgasmus eine Stunde lang zurückhalten. Wenn die jungen Frauen wüssten, wie viel besser der Sex mit älteren Männern ist."

Zärtlichkeit
Der Verdener hält Zärtlichkeit im Bett für wichtig. "Es gibt ja viele Frauen und Männer, die können mit Zärtlichkeit nichts anfangen. Da musst du funktionieren wie ein Auto. Ich war immer schon ein Schmuser. Viele Frauen sagen: 'Das kenne ich so gar nicht.'" Eine schöne Rückenmassage bis zu den Füßen, sich fest in den Arm zu nehmen, Körperaustausch, Hautgefühl - das alles sei etwas Schönes. "Viele haben Angst vor der Haut und der Nacktheit." Er habe Viagra einmal aus Interesse probiert: "Ich hatte keinen Pimmel, sondern einen Prügel. Der war knochenhart. Das war uns sehr unangenehm. - Wenn du mit einem nicht ganz erigierten Glied einsteigst und im Schoß der Frau erigierst, das ist wunderschön." Die Standfestigkeit kriegt im Alter auch einen anderen Stellenwert. Wer dann immer noch hinter Leistungsidealen hinterherläuft, kann nur verlieren. Treue spielt für Hubert eine Rolle. Eroberungen keine. "Flirten tu ich gern mit vielen Frauen: beim Einkaufen, im Café …, aber ohne sexuelle Absichten. Manchmal ist ein Flirt schöner als ein fürchterlicher Beischlaf. In einer Nacht kannst du eine Frau doch gar nicht kennenlernen."

Weiblicher Orgasmus
Hubert K. will seine Freundin nicht überreden oder über den Haufen rennen: "Ich möchte ihre Bereitschaft haben. Sonst ist es für viele Frauen eine Qual." Zeit, Gespräche, Unternehmungen, Schmusen, Massagen - sich aufeinander einstimmen, bevor es intim wird. Eine Bekannte um die 30 habe sich bei ihrer Mutter beschwert: "Ich hatte noch nie einen Orgasmus." Darauf habe die Mutter (64 Jahre, 4 Kinder) geantwortet: "Was bist du für eine Träumerin. Ich hatte auch noch nie einen Orgasmus." Wo die Frau mit ihrem Orgasmus bliebe, das wüssten viele Männer gar nicht. "Ich habe beim Orgasmus immer den Frauen den Vortritt gelassen. Wenn sie eher dran ist als du, ist das etwas Wunderschönes. Der Druck ist bei den Männern viel stärker. Aber man kann die Orgasmusverzögerung mental steuern." Viele Frauen legten selber Hand an oder massierten sich die Klitoris. Manche meinten: "Ich brauche den Kerl gar nicht dazu." Diese Aussage ist sicherlich ein Ergebnis frustrierender Beziehungserfahrung. "In Orgasmusfülle und -bereitschaft sind uns die Frauen überlegen." So schätzt sich ein reifer Mann realistisch ein. Für erfüllte Sexualität müsse man die Frauen länger kennen: "Das geht nur in einer Liebesbeziehung." Auch Freundschaften mit Frauen wären leichter möglich im Alter. Eine erotische Stimmung könne in Ordnung sein, aber es müsse nicht zum Sex kommen. "Ich habe viele Freundschaften zu Frauen. Da läuft nichts. Mit Sex kann man da viel kaputt machen." Gegenseitige Wertschätzung spielt eine Rolle. Das Programm Fortpflanzung darf weichen. Die Kinder sind erwachsen. Der genetische Auftrag ist erfüllt.

Potenz
Die Zeugungsfähigkeit bleibt beim Mann bis zum Lebensende erhalten, während sie sich bei der Frau mit den Wechseljahren verabschiedet. Hubert K. ist seit 30 Jahren sterilisiert. Seiner Erektion habe das nicht geschadet. Zeugungsfähigkeit und Fähigkeit zum Geschlechtsverkehr hätten nichts miteinander zu tun. "Vitalität und Bewegung - auch mentale - sind gut für die Potenz." Nicht saufen, nicht rauchen und eine gute Haltung zum Leben ebenfalls, meint er. Fressen und Saufen sei oft Kompensation von Unzufriedenheit. "Wenn man nicht mehr neugierig ist, dann beginnt das Altwerden. Ich habe das Gefühl, dass dumpfe Menschen schneller altern. Älter werde ich seit meiner Geburt. Alt werden ist etwas anders. Die Geisteshaltung ist entscheidend dafür, wie jung man bleibt. Die Falten machen noch keine Menschen alt. Ein langweiliger Mensch hat auch langweilige Falten. Aber man schaut in die Augen. Wenn du mental gut drauf bist, hast du auch eine längere Potenz. Ich bin mit meinem Alter zufrieden trotz meiner Krebskrankheit. Die Nebenerscheinungen von der Chemo sind weg. Aber ich muss mit dem Radsport auf Rekonvaleszenz fahren." Hubert K. hält sich mit seinem Rennrad fit. "Radfahren ist motorisches Meditieren. Probleme lösen sich in Luft auf. Andere fangen an zu saufen. Ich bin aufs Rad gestiegen. Das ist das Perpetuum mobile: Du gibst Energie und kriegst sie zurück. Bis letztes Jahr habe ich noch versucht, 250 Kilometer die Woche zu fahren."

Der Sexprofi
Bernie Zilbergeld, promovierter Sexualpsychologe aus New Jersey (USA): "Alle Männer lassen es im Laufe der Jahre langsamer angehen. Mit ihrer Sex-Besessenheit, ihrem unkontrollierten Wesen und der Leistungsfähigkeit des Penis lässt die jugendliche Sexualität (zwischen 13 - 25 Jahren, Anm. d. Red.) die meisten Männer so nahe wie sonst nie mehr in ihrem Leben an das sexuelle Phantasialand herantreten." Das sei das vorherrschende Modell, das viele Männer als Maßstab anlegten. Zilbergeld weiter: "Und das ist ziemlich verhängnisvoll, da die Jugend schnell vorbeigeht und der größte Teil des Lebens noch vor uns liegt."

Unvermeidliche Fakten
Zilbergeld zählt Fakten zur männlichen Sexualität im Alter auf und kommentiert sie sympathisch:
1. Es dauert länger, eine Erektion zu bekommen.
"Warum schließlich sollen wir eine spontane Erektion höher einschätzen als eine, die durch die zärtliche und liebevolle Zuwendung unserer Partnerin erzielt wird?"
2. Die Erektionen sind vielleicht nicht mehr so voll oder so hart.
"Die bedauerliche Konsequenz ist, dass man sich über das Nichtvorhandensein (der 100%igen Härte, Anm. d. Red.) Sorgen macht, anstatt das Existierende zu genießen."
3. Es dauert länger, nach einer Ejakulation eine Erektion zu bekommen (längere Refraktärzeit).
Gute Zeit für Schmusereien.
4. Man braucht länger, um zu ejakulieren.
"Sie können eine Erektion relativ lange aufrechterhalten und müssen nicht jedes Erlebnis mit einer Ejakulation beenden. Nur wenige Männer sehen darin ein großes Problem, aber viele sind überrascht und auch ein wenig beunruhigt. Sex ohne Orgasmus ist für sie ein ganz neuer Gedanke, an den sie sich erst gewöhnen müssen."
5. Die Ejakulation ist weniger kraftvoll.
"Das bedeutet nicht, dass der Orgasmus nicht lustvoll ist."
6. Man hat seltener Sex.
"Einige Männer sind mit 70 genauso oder fast genauso häufig sexuell aktiv wie mit 20. Und eine Studie berichtete, dass ungefähr 15 % der Leute über 65 in der untersuchten Gruppe sagten, dass sie öfter als je zuvor Sex hätten."
7. Automatisches Funktionieren ist vielleicht nicht länger möglich.
"Erregung, Bedingungen, richtige Stimulierung werden entscheidend."
Der Sexualtherapeut zitiert eine Reihenuntersuchung, die feststellt, "dass der Mann zu keinem Zeitpunkt die Fähigkeit zur Erektion verliert." Und er schließt versöhnlich: "Das Älterwerden verändert vielleicht einiges, aber zerstört nichts."

Torftipp: Bernie Zilbergeld "Männliche Sexualität - Was nicht alle schon immer über Männer wussten", ISBN: 3-922686-64-8.


Von Götz Paschen
Fotos: kalu-kunst.de und Götz Paschen

“Da kommt eine Mutter in die Beratung und berichtet weinend ‚Meine Tochter hat schon mit 13 Sex’”, erinnert sich Reinhard Dietrich (58), Vater von vier Kindern und Sexualpädagoge bei pro familia Bremen, an ein Gespräch. Die Mutter, selbst rigide erzogen, erzählt weiter: “Meine Tochter sagt zu mir ‚Das erste Mal war schön, und wir haben auch mit Kondom verhütet.’” Der Freund des Mädchens ist der ehemalige Sandkastenkumpel und langjährige Spielgefährte. Dietrich: “Ich dachte, beide 13 ist schon ein bisschen früh.” Aber andererseits lief bei genauerem Hinsehen ansonsten alles bestens: Die beiden haben einen liebevollen Umgang miteinander. Der Bursche tat dem Mädchen gut und umgekehrt. Sie haben verhütet und vorher darüber gesprochen, also Verantwortung füreinander übernommen. Und das Mädchen hat es nachher sogar noch der Mutter erzählt. Dietrich: “Da freut man sich doch.”

Eltern an erster Stelle
Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) waren 2010 die Eltern die Hauptquelle für sexuelle Aufklärung. Das gilt nicht für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Hier sind es die Lehrer, die auch bei deutschen Kindern auf Rang zwei folgen. Vor allem die Mütter spielen eine zentrale Rolle: Mädchen 68 %; Jungen 44 %. Die Väter sind leider nicht so wichtig: Mädchen 12 %, Jungen 37 %. Auch relevant sind die beste Freundin/der beste Freund. Dietrichs Kommentar: “Wenn sich zwei Ahnungslose zusammentun, wird es ja nicht besser.” Bei den Medien stehen Jugendzeitschriften bei den Mädchen auf Platz eins. “Die Bravo spielt immer noch eine Rolle.” Bei den Jungen das Internet. Dietrich: “Ich glaube schon, dass Pornokonsum im Internet eine große Rolle spielt.” Er erklärt den Jungen seiner Schulklassen immer: “Pornofilme sind Fiktion. Eine Frau, die im Porno hart rangenommen wird, empfindet die Lust dabei nur gespielt. Das wirkliche Leben sieht anders aus.”

Vertrauen statt Kontrolle
“Wir müssen Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein so gut ausbilden, dass unsere Kinder gut für sich sorgen können. Kontrolle hilft nicht. Spätestens beim Sexualakt sind die Jugendlichen alleine. Es nutzt auch nichts zu sagen ‚Du bist um 10 Uhr abends zu Hause.’ Sex findet doch nicht nur nachts statt.” Er unterscheidet praktische Handhabung und Persönlichkeit: “Eine Frage ist: Habe ich das Gefühl, dass das Kind ausreichend aufgeklärt ist in technischer Hinsicht.” Das zweite Thema ist das Selbstbewusstsein: “Gut ist, wenn ein Mädchen zu einem Jungen sagt ‚Ich verlange von dir ein Kondom beim Sex. Und ich lasse mich da nicht bequatschen.” Die Kinder müssen ihren eigenen Weg gehen. “Ich als Elternteil signalisiere ‚Wenn ihr mich braucht, bin ich für euch da.’” Dass Eltern sich Sorgen machen, hält Dietrich für normal. Sie dürfen sie aber auch für sich behalten: “Na klar darf meine Tochter Sex haben, aber muss es jetzt gerade der sein ...”

Ehrlichkeit zählt
In Familien, in denen Zärtlichkeiten und Küssen zum alltäglichen Anblick gehören, wird auch Sex für die Kinder etwas eher Natürliches sein. “Wenn das Leben der Eltern von den Kindern als steril erlebt wird ohne Zärtlichkeit und Berührung, wirken sie eher wie eine Zweckgemeinschaft und nicht wie ein liebendes Paar. Viele Jugendliche können sich nicht vorstellen, dass die Eltern Sex miteinander haben.” Dietrich empfiehlt den Eltern, authentisch zu sein: “Verlogenheit ist das Hauptproblem. Dafür haben Kinder und Jugendliche ein sicheres Gespür. Falsche Freizügigkeit hilft nicht. ‚Sei locker’, und du bist es nicht, hilft keinem.”

Klartext statt Geschwafel
“Es nutzt doch nichts, wenn ich das Gefühl habe, ich habe alle meine Sätze gesagt, aber sie sind nicht angekommen. Jugendliche wollen oft kurze, schlüssige Erklärungen.” Eltern müssen Informationen abliefern, die auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen zugeschnitten sind. “Ein paar klare Sätze sind besser als Rumgeschwafel, bei dem von den Jugendlichen auf Durchzug geschaltet wird.” Zum Thema Verhütung/HIV und Alkohol könnte der Hinweis an den Junior kernig formuliert ungefähr so aussehen: “Sieh zu, dass du dir nicht so die Rübe zuknallst, dass du kein Kondom benutzt, wenn du noch einen hoch kriegst.” Rumeiern liefert keine schlüssigen Informationen, aber auf die kommt es an. Andererseits müssen Eltern auch die Schamgrenzen ihrer Kinder akzeptieren. “Es geht auch um Abnabelung. ‚Ich kann das schon selber.’” Viele Eltern reden auch miteinander nicht über Sex. Und diese Sprachlosigkeit ist dann die Basis einer fehlenden Aufklärung. Im Bereich Sexualität und Intimität gibt es Grenzen der Besprechbarkeit. Eigentlich möchte man, dass es ohne reden klappt.”

Doktorspielchen
“Ich versuche, bei den Eltern für die Grundhaltung zu werben, dass Sex im Leben ihrer Kinder eine Rolle spielt. Die Sexualerziehung beginnt nicht mit der Pubertät, sondern mit der Geburt: Stillen, Wickeln ...” Anlass: Doktorspielchen. Bei den Elternabenden im Kindergarten begegnet Dietrich oft das Tabuthema ‘kindliche Sexualität’. Umgekehrt ist die Frage, wo Eltern ihren Sex hinpacken, damit die Kinder nicht darüber stolpern. Hat man die Kleinen pünktlich abends um acht im Bett, ist das kein Thema. Wenn Eltern sich vor den Jugendlichen scheinheilig gähnend ins Schlafzimmer verabschieden, ist Geräuscharmut angesagt, um die Szene glaubwürdig zu komplettieren. Die Nummer sonntags vor’m Frühstück muss leider auch fertig sein, bevor die Legokiste langweilig oder der Hunger groß wird. Einen flotten Obstteller hingestellt und entwicklungsfähige Spielideen und dann wieder zurück in die Federn, können die Frist nützlich verlängern. “Wenn die Kinder dann in das Schlafzimmer stolpern, fühlt man sich ertappt, sollte aber locker damit umgehen. Dann ärgerlich und gefrustet zu sein, finde ich auch schade.” Kinder eine halbe Stunde vertrösten, rausschicken und gemütlich fertig machen, hält Dietrich für illusorisch. Ausprobieren! Vielleicht haben Kinder ja mehr Verständnis, als wir ihnen zutrauen. Was gibt es Lohnenderes als zufriedene Eltern. Da läuft der restliche Tag doch ganz von alleine.

Gummi & Co.
Rund 95 % der Schwangerschaftsabbrüche von 2010 betreffen 18- bis 45-Jährige, so das Statistische Bundesamt. “Die Jugendlichen verhüten heute so gut wie nie zuvor.” Den Weg zum Frauenarzt ebnet gewöhnlich die Mutter der Tochter und so auch rechtzeitig den Zugang zur Pille. Wegen Aids aber nur die halbe Lösung. Dietrich zum Thema Kondome: “Entscheidend ist, dass Jugendliche wissen ‚Ich darf Kondome haben, in der Schublade, in der Handtasche ...’ Und: Es ist cool, sie zu haben und uncool, sie nicht zu haben.” Frei zugänglich für alle im Badezimmer wie andere Hygieneartikel macht Sinn. Eltern müssten ihre moralischen Bewertungen zurücknehmen, loslassen und vertrauen. “Das können Eltern unterschiedlich gut.”

Anknüpfungspunkte
Jede Situation, in der Information Not tut, aber nicht fließt, ist eine verpasste Chance. Dietrich spricht von Anknüpfungspunkten. Schwierig, weil Eltern vermutlich nicht am Küchentisch ihren letzten oder den nächsten Verkehr miteinander besprechen oder vorplanen. “Wenn ein Anknüpfungspunkt da ist, sollen Eltern ihn nutzen.” Wenn das Familienleben sich als unergiebig erweist, bieten ausnahmsweise einmal die Medien ein breites Volumen an Ansatzpunkten. Strauß-Kahn und das Zimmermädchen wären hier beispielsweise eine lohnenswerte Quelle für die Erklärung eines DNA-Tests, der ja nicht nur im strafrechtlichen Rahmen als Textilprobe stattfindet. Dietrichs Hinweis für die Eltern: “Versucht es, die Medienanlässe zu nutzen.”

Torftipp: 1.) Pro familia, Holleralle 24, 28209 Bremen, 04 21 – 340 60 30, 2.) ‚Mädchensache(n) – alles über Liebe, Lust und Frust, Freundschaft, Sex und das erste Mal’, 67 Seiten A 5, nette Zeichnungen, flott gestaltet, Bestell-Nr. 70450000, Tel. 02 21 – 89 92-257, order@bzga, 3.) ‚Aufregende Jahre – Jules Tagebuch’, 100 Seiten A 5, detailliert geschrieben, gute medizinische Zeichnungen, sympathische Fotos. Bestell-Nr. 13040000, Tel. 02 21 – 89 92-257, order@bzga, 4.) ‚Wie geht’s – wie steht’s?!? Wissenswertes für Jungen und Männer’, 102 Seiten A 6, auch für Erwachsene interessant, gut textlastig mit einzelnen kernigen Fotos; Bestell-Nr. 13030000, Tel. 02 21 – 89 92-257, order@bzga und endlich die Information, dass Sperma beim Samenerguss Tempo 50 erreichen kann.

Von Götz Paschen
Fotos: Eberhard Wildung/Ottersberg und Götz Paschen

Maike Keßler (45 Jahre) ist Diplom-Volkswirtin und hat Jahre lang als Produktmanagerin bei Sony-Music in Hamburg gearbeitet. Nach ihrem Burn-out hat sich einiges geändert. Heute bietet sie in Scheeßel Tantra- und Yoga-Massagen an: „Wenn du dich nicht freiwillig veränderst, verändert dich das Leben.“ Mit den Vorurteilen über Tantra räumt sie gerne klar auf: „Tantra hat zum Ziel, den Sex wieder als heiligen Akt zu begreifen, entgegen dem Beliebigkeitsdenken. Es geht um universelle Liebe und nicht um universellen Sex.“

Yoni-Massage
Eine Yoni-Massage fängt zum Aufwärmen, Einstimmen und Herantasten mit Rückenmassage an. „Direkt ans Eingemachte zu gehen, wäre für die meisten erschreckend.“ Yoni ist Sanskrit/Alt-Indisch und beschreibt den weiblichen Genitalbereich. Entsprechend Lingam den Männlichen. „Ich verwende diese Begriffe, weil mir die meisten Bezeichnungen zu hässlich oder anatomisch sind.“ Die Massage des Intimbereichs findet in halbaufrechter Sitz-/Liegeposition statt. „Es ist eine Massage mit Blickkontakt, bei der kommuniziert werden darf: ‚Da länger.‘ ‚Da mehr von.‘ ‚Das tut weh.‘ ‚Da ist etwas.‘“ Sie löst häufig Emotionen wie Lachen oder Weinen aus. Die Theorie dahinter sei, dass Körperzellen schlechte Erfahrungen speichern. „In den Genitalien ist ein entsprechend gutes Versteck, weil da so schnell keiner rankommt. Viele Ereignisse werden dort gespeichert. Die Yoni-Massage spürt schlechte Erfahrungen auf, die sich dort verstecken, und löst sie auf.“ Selbstbefriedigungsverbote aus der Jungend und andere Schuldgefühle und daraus resultierende sexuelle Blockaden würden sich entsprechend festsetzen. „Teilweise kommen bei Müttern auch Gebärerinnerungen hoch.“

Erdung
„Ich persönlich bin ein Familienmensch und sehr für Treue und Partnerschaft. In meiner Ausbildungsgruppe waren intimere Übungen ausschließlich mit dem Partner gewünscht.“ In die Ecke reiner sexueller Befriedigung will sie nicht gesteckt werden. „So etwas mache ich nicht. Mein Ziel ist, dass Paare kommen und ich den Männern Yoni-Massage beibringe. Es ist auch für das Sexleben bereichernd, wenn bei ihr alles gelöst ist.“ Nach der Aufwärmphase tastet Keßler sich mit Griffen von außen an die Scheide heran. Die Massage innen sei das Entscheidende. „Auf Stellen, an denen es hart oder besonders heiß ist oder bei der Frau kribbelt, lasse ich den Finger ruhig liegen, bis sich die Spannung löst. Da muss ich sehr sensibel vorgehen.“ Bei hochkommenden Emotionen greift sie nicht ein. „Die dürfen die Frauen rauslassen, ohne dass jemand eine Lösung bietet.“ Keßler ist bei ihren Massagen auf die Rückmeldung der Frauen angewiesen. Sie wandere in der ganzen ‚Höhle‘ im Kreis herum und erkunde dann den G-Punkt* von außen und innen.

Für Paare
Eine Massage dauert eineinhalb Stunden und kostet 100 Euro. Die Kundinnen sind zwischen 30 und 60 Jahren alt. Für ‚jüngere Mädels‘ sei das eher ein Kicherthema. Maximal zehn Massagen seien nötig, um alles aufzulösen, was an Erinnerungen dem Genuss im Wege steht. Für 350 Euro unterweist Keßler in Paarseminaren Partner in der Yoni-Massage. Ab der dritten oder vierten Massage geht es auch darum, die eigene Lust zu entdecken. „Später kommt ein Spielteil mit einem Steinei. Das wird eingeführt und ‚ausgespuckt‘. Das ist Teil des Beckenbodentrainings.“ Schlussendlich will Keßler, dass die Männer ihre Frauen massieren. „Intimmassagen sind erdend. Geerdete Leute haben eine gute Basis, auch in Beziehungskrisen.“ Erdung betrifft Themen wie Familie, Kinder, Haus, Hof und Finanzen. Wurzelchakrathemen. Es geht dabei um ein Energiezentrum von insgesamt acht Zentren im Körper, das im Beckenboden sitzt und bei der Frau seinen Druckpunkt auf dem Damm hat. Die Scheeßeler seien traditionsgemäß schon sehr geerdet. „Scheeßel ist eine sehr bodenständige Gegend.“ Die Übersiedlung 2009 tue ihr gut, meint Keßler. „Hier in Scheeßel habe ich noch keine Yoni-Massage gemacht.“ Sie ist hier mehr mit ihren Yoga-Massagen zugange. Das sind zweistündige meditative Massagen nach einem ritualisierten Ablauf. „Yoga-Massage ist vergleichsweise harmlos, wobei da auch nackt massiert wird. Ich ziehe mich dafür auch aus.“ Obwohl sie sowohl Frauen als auch Männer massiere, habe sie noch keine sexuellen Aufdringlichkeiten erlebt.

Von hinten
Die Beckenbodenmassage bei der Frau ist eine Massageform, die über den Anus stattfindet. Sie entspricht im inneren Teil der Yoni-Massage. „Den G-Punkt von hinten zu entdecken, kann sehr lustfördernd sein. Das trauen sich viele Frauen nicht als Wunsch ihrem Partner gegenüber zu äußern, dass er seinen Finger hinten einführt. Oder er war beim ersten Mal möglicherweise zu unvorsichtig.“ Die Blockaden hier rührten oft aus der Sauberkeitserziehung in der Kindheit her. Verklemmungen werden über Generationen weitergereicht. Intimmassagen bei Männern bietet Maike Keßler nicht an. „Prostatamassagen sind für Männer sehr lustvoll. Anfangs ist die Prostata von einer Schleimschicht bedeckt. Offen fühlt sie sich wie ein Hirn an. Bei Schwulen ist die dagegen ganz frei. Schleimfreiheit beugt auch Krankheiten vor, wie Prostatakrebs.“

Treue und Geduld
Klingt alles sehr freizügig. Aber: „Seit ich Tantra mache, werde ich immer keuscher. Eine sexuelle Verbindung ist eine sehr intensive Verbindung, die auch nicht so leicht aufzulösen ist. Die Absicht einer Zukunft sollte beim Sex erkennbar sein.“ So hat Keßler ihren Maßstab festgelegt. „Sich auszuprobieren und die Hörner abzustoßen, gilt für junge Männer wie auch Frauen und ist wichtig. Junge Mädchen sollten aber länger selbstbewusst ‚Nein‘ sagen, wenn sie meinen, sie brauchen noch Zeit. Auf sich selbst hören und nicht auf die anderen. Die Spannung länger zu genießen, würde ich, wenn ich eine Tochter hätte, ihr raten. Die Kindheit ist schnell genug vorbei.“ Keßler steht auch dem Patnerverschleiß skeptisch gegenüber. Sie war in ihrer Jugend in der evangelischen Kirche aktiv. Da galt der Spruch: „Wer zu oft wechselt, wird zu Kleingeld.“ Ihr geht es darum, den eigenen Wert zu erkennen und keine Perlen vor die Säue zu werfen. Bei Schieflagen rät sie Männern: „Anstatt, dass er sich eine andere Blüte sucht, sollte er mal seine eigene daheim zum Blühen bringen.“

Torftipp: Noch Fragen? Maike Keßler, 0 42 63 – 48 198 12. www.atelier42.com

G-Punkt* - auch Gräfenberg-Zone: Von dem deutschen Arzt Ernst Gräfenberg 1950 beschriebene erogene Zone, die zirka 5 Zentimeter vom Scheideneingang entfernt innen an der Vorderwand der Scheide, zur Bauchdecke hin, liegt. Die Existenz des G-Punktes ist wissenschaftlich umstritten.

Von Götz Paschen
Foto: Menzel

Den lautesten Vibrator, den ‚Zauberstab‘, führt Frauke Menzel aus Nordenham wie folgt vor: ”Da lege ich meine Hand drum, mach ihn an und nehme die Hand dann weg, und die Mädels sagen ‚Oah.‘ Der brummt so laut wie ein Rasierer. Da sage ich dann immer ‚Erst einführen und dann anmachen.‘” In ihrer Gewerbeanmeldung steht ‚Freie Handelsvertreterin für Erotikartikel‘. Für die Firma ‘Pepperparties’ aus Köln ist sie auf Achse. ”Ich bin im Direktvertrieb schon zehn Jahre unterwegs. Früher war ich bei Bofrost: Kundenakquise am Telefon, Mitarbeiter Anlernen, von Tür zu Tür …” Durch neue Gesetze ist Kaltakquise am Telefon verboten. Frau Menzel sattelte um auf Dildos. Sie hat es nicht bereut. Und Pepperparties auch nicht. Menzel ist eine Frau mit Unterhaltungswert. ”Es ist immer lustig. Man lernt viele ‚Mädels‘ kennen. Die einen sind ruhiger, die anderen flippiger. Du gehst da hin und weißt nie, was dich erwartet. Es wird auch nach vier Jahren nicht langweilig.”

Erotikshop
Viele Frauen fühlten sich im Erotikshop unwohl. Es könnte ja auch mal passieren, dass der Nachbar da reinmarschiert. Scheele Blicke von Männern muss eine Frau bei einer Dildo-Party nicht fürchten. ”Wir kommen ja auch diskret. Wir haben keine Aufkleber auf Auto, Taschen … ” Die Kontaktaufnahme erfolgt über Direktanrufe, Stammkundinnen oder Online-Visitenkarte übers Internet. ”Es sollten immer zwischen 10 und 15 Mädels sein. Also Erwachsene wegen des Jugendschutzgesetzes. Dann machen wir einen Termin ab und gestalten die Party.” Freitag oder Samstagabend: Gemütliche Runde, Sekt und Knabbereien. Menzel bringt dazu noch ‚Flüssige Körperschokolade‘ mit. Zum Probieren. Oder Körpermalfarbe. ”Die ist ableckbar. Und man darf sie auch essen.” Manchmal habe sie eine ‚Horde‘ da sitzen, die waren noch nie auf einer Dildo-Party. Andere hätten schon ihre dritte oder vierte hinter sich und keine Berührungsängste. ”Man muss Gespür haben. Bei den einen helfen flottere Sprüche. Bei denen ohne Erfahrung bringe ich Feingefühl rein und erkläre intensiver. Wenn die Mäuse auf dem Tisch tanzen, muss ich mich auch schon mal durchsetzten. Das klappt aber immer ganz gut.”

Einführpreise
Was ist der Unterschied zwischen Dildo und Vibrator. Beide kann frau als Penisersatz einführen, aber der Vibrator lebe, und der Dildo sei tot. ”Vibratoren gehen mehr: Meistens mögen die Mädels, wenn es brummt.” Menzel holt dann verschiedene Formen und Farben aus ihren Taschen und baut sie auf dem Couchtisch auf. Kunterbunt, mit Gesichtern oder ohne. In Tierform … Das Bedienfeld besteht aus Kunststoff. Der Vibrator selber ist aus Silikon. Die Preise reichen von 20 bis 30 Euro bei Dildos. Bei Vibratoren von 20 bis 90 Euro. Einstiegsmodelle gibt es für 9,95 Euro. Daneben zeigt sie Massageöle und Gleitmittel. ”Auch Gleitmittel mit Geschmack. Ich muss ja wissen, ob ich das mag. Wenn es schmeckt, schön ist und kribbelt, wird es auch gekauft.” Sie präsentiert den Spaß im Wechsel: mal einen Vibrator, mal Gleitgele, mal Öle. Ausprobiert werden die Vibratoren an der Nasenspitze. ”… weil die auch empfindlich ist. Dann können die Frauen sich vorstellen, wie es nachher zuhause ist. Direkt ausprobieren gibt es nicht. Das ist unseriös. Da fragt auch keine nach.” Die Vorführung dauert zwei Stunden. Nachher heißt es, noch mal an den Tisch gehen, gucken, anfassen. Bestellungen nimmt Menzel unter vier Augen entgegen. ”Meistens ziehe ich mich dann in die Küche zurück. Wenn es ins Detail geht, müssen die Freundinnen das nicht wissen.” Die Herstellerpalette reicht von ‚fun factory‘ in Bremen über ‚joydivision‘ in Hannover bis ‚Shunga Erotic‘ aus USA/Kanada.

Spaß mit Ernst
Auf dem Couchtisch steht beispielsweise auch Lipgloss für Oralverkehr mit kühlendem Effekt. Der prickelt auf den Lippen bei der Frau. Oder erotische Scherzartikel: Penispush, der Hausschuh für den Dödel. Luftballons in Busenform als Wanddekoration. Backformen in Penisform. Klopapier mit Sexwitzen oder Kamasutrastellungen … Neben verkäuferischem Geschick ist die beratende Tätigkeit wichtig.
”Wenn man Frauen hat, die ihr Problemchen schildern: Von Orgasmusschwierigkeiten bis Beckenbodenmuskelschwäche.” Bei letzterer empfiehlt Menzel beispielsweise Liebeskugeln. ”Die sind das Fitnesscenter für innen. Das ist Training. Da kriege ich keinen Orgasmus von. Die dienen der Stärkung des Beckenbodens.” Sie werden paarweise eingeführt, wie Tampons mit Rückholschnur. Durch die Bewegung wird der Beckenbodenmuskel stimuliert. Bei Schwäche ist das Halten das Training. Preis 25 Euro.

Männer sind raus
”Männer möchten gerne mal Mäuschen spielen, was da los ist.” Aber: Der Mann des Hauses wird verbannt und muss zum Freund oder sonst wohin. Danach wird angerufen. ‚Sind fertig, darfst wiederkommen.‘ ”Im Allgemeinen finden die Männer das gut und sagen ‚Bring was Schönes mit‘”, berichtet Menzel. Die Gruppen seien meist Freundinnen, oder Nachbarinnen, Kolleginnen, Mütter und Töchter … 18 Jahre ist unterste Altersgrenze: ”Wenn ich meine, die sieht mir zu jung aus, lasse ich mir auch schon mal den Ausweis zeigen. Meine älteste Kundin war 83. Die Hauptgruppe ist 20 bis 40/50 Jahre alt.” Frauke Menzel selbst ist 41 Jahr alt, Mutter von drei Kindern von 14 bis 21, verheiratet und hat Verkäuferin im Drogeriefachhandel gelernt. Sie selbst hat ein ungezwungenes Verhältnis zu Sex: ”Meine Mutter ist da offen mit uns umgegangen. Entsprechend sieht es mein Mann und findet die Kindererziehung statt.”

Prämien und Provisionen
Die Einladende kriegt als Sachprämie 10 % vom Umsatz des Abends. ”Je mehr Mädels da rumsitzen, umso besser für die Gastgeberin. Jede Kundin kauft Waren im Wert von 30 bis 50 Euro. Ich bin mit den Provisionssätzen zufrieden und fühle mich bei ‚Pepperparties‘ pudelwohl.” Sonntags oder montags trägt Menzel die Bestellungen online ein. Alles Weitere macht Köln. Vorabrechnung – also Vorkasse, Überweisung. ”Die Frauen kriegen dann ihre Pakete direkt nach Hause geschickt im neutralen Karton.” Viele Beraterinnen arbeiten abends, wenn die Kinder im Bett sind. Mit 10 Stunden die Woche ist sie dabei. Am Anfang musste Menzel Präsentationsware als Starterpaket kaufen. ”Ohne Paket kann man nicht starten. 119 Euro kostet das kleinste Starterpaket. So bin ich auch angefangen und habe dann immer aufgestockt. Das hat man locker mit zwei Partys wieder drin. Das ist keine große Investition.” Und sie arbeitet auch Kolleginnen ein, auf deren Umsätze sie danach eine anteilige Provision erhält. ”Ich betreue Neue. Dass die nicht wie der Ochs vorm Berg stehen.” Später läuft das auf Augenhöhe. ”Wir telefonieren auch mal privat …”

Feuchtfröhlich
”Ich hatte mal eine Party mit 27 Frauen in einer Gastwirtschaft. Das war schon Schmerzgrenze. Superlustig, aber die Hölle. Da hätte man schon mit zwei Beraterinnen stehen können. Schnader, schnader …” Gibt es dumme Sprüche? ”Zu Anfang wurde getuschelt. Mittlerweile ist es ruhig. Selbst die Arbeitskollegen von meinem Mann wissen Bescheid. Hier in Nordenham bin ich beim Einkaufen angesprochen worden, ob ich eine Visitenkarte dabei habe.” Sex ist eben doch auch Alltag. Und Erfolge? ”Für mich ist es schön, wenn ich fertig bin mit der Vorführung und die Mädels klatschen und sagen ‚Supi, hast du toll gemacht.‘ Oder wenn ich Anrufe kriege ‚Ich möchte gern eine Party machen. Meine Freundin fand es ganz toll bei dir.‘” Wie bei einem Junggesellinnenabschied. Hier kriegt die Braut die Sachprämie. Die wusste aber nichts von der Überraschung, guckt durchs Küchenfenster als Menzel kommt und: ”‘Oh juhu geil, ihr habt Frauke eingeladen.‘ Da freut man sich dann schon, wenn man aus dem Auto aussteigt.”

Torftipp: Immer der Nase nach! Frauke Menzel, 0 47 31 – 20 85 93, frauke.menzel@pepperparties.de
berhard Wildung/Ottersberg

Wenn ich für die Sexseite eine Tantra-Lehrerin interviewe, erwarten Sie und ich als Ergebnis keine keuschen Informationen. Umso interessanter, was Hasina Gabriele Hegner zu den Themen Tanzen und Warten zu sagen hat. Frau Hegener dürfte Insidern noch aus der Achimer und Bremer Tantra-Szene bekannt sein, bevor sie nach Hildesheim zog. Sie sieht in Themen, die Konfliktpotenzial in sich bergen, immer gute Möglichkeiten zur seelischen Dehnung, zum Wachstum: ”Ich sehe Dehnung als Erweiterung um neue Konzepte und Möglichkeiten. Wenn du die Dehnung nicht halten kannst, weil in der Dehnung kein Zuwachs entstanden ist, dann rutschst du wieder zurück. Da ist dann nichts, was die Dehnung stabilisiert.” Ein Beispiel: Zwei frisch Verliebte. Der erste Kuss … und dann die Trennung. Beide müssen wieder nach Hause. Wann wird das nächste Wiedersehen sein? ”Der Zeitraum bis zum nächsten Treffen kann unterschiedlich wahrgenommen werden. Einem dauert es zu lange. Dem anderen ist der Abstand angenehm: Es kommt zu Sehnsuchtsschmerz, wenn der Zeitpunkt zu weit hinten liegt. Der Zeitraum wurde überdehnt. Oder: Es kommt zu Langeweile, wenn der Zeitpunkt zu früh ist, weil die Spannung noch nicht wieder da ist.” Entsprechendes gelte für Paare, die getrennt leben, Wochenendbeziehungen und längere Auslandsaufenthalte. ”Der eine findet die Dehnung anregend. Der andere empfindet sie als belastend. Daraus ergibt sich die Begegnung. In der Zwischenzeit kreiert sich, wie sich das Treffen dann gestaltet.”

Ein Geschenk an Zeit
Einen optimalen Termin auf beiden Seiten nennt Hegener ‚Flow‘. ”Dehnung findet dann statt, wenn zwei verschiedene Terminbedürfnisse da sind. Der eine ist bei 20 Uhr noch im Fluss und der andere schon in der Dehnung.” Hegener empfiehlt, ehrlich mit den eigenen Gefühlen zu sein. Eine interessante Frage sei: Wissen beide, warum die Dehnung stattfindet? Für den Wartenden stellen sich, laut Hegener, die Fragen: ”Was mache ich mit dem Zugewinn an Zeit? Wie gestalte ich ihn? Mit Vorbereitungen auf das Date? Oder bereite ich mich auf andere persönliche Interessen vor? Gehe ich zu einer Freundin, meiner Mutter oder Bummeln? - Dieser geschenkte Zeitraum ist etwas Belebendes. Empfindet der Wartende das Geschenk als Geschenk oder als Belastung? Die Zeit ist dann duster, wenn ich meine, da müsste der andere drin sein.” Der andere sei im Fluss und der eine in Erwartung, und daraus ergäben sich Beziehungskrisen. ”Wenn zwei, die sich treffen, sich dessen nicht bewusst sind, kommen sie nicht zur Klärung. Einer zickt rum. Und der andere wundert sich über die schlechte Laune. Es sollte doch ein schönes Treffen werden, und beide sind pünktlich.” Sie hinterfragt die Beziehung: Haben beide ein eigenes Leben? Ist einer von beiden auf den anderen fixiert? Oder besteht bei einem Partner Bindungsangst?

Testfahrt
An dieser Stelle fahre das Paar einen Test mit sich selbst. Beide testen sich, ob sie füreinander reif seien. ”Die Dehnungssituation sehe ich als Reifungschance. Wenn das häufiger vorkommt, zeigt sich: Ist das Paar bereit, daran zu arbeiten? Oder scheitern sie daran? Schon ist man mitten in der Beziehungsarbeit. Und manchmal weiß das Paar gar nichts davon.” Eine Parallele kann man bei Alleinstehenden sehen. Wissen sie diese Phase zu genießen oder nicht. Hegener: ”Der Mensch ist dazu gemacht, in Beziehung zu leben. Was macht er mit dem Zeitraum?”

Dramen beim Tanz
Als zweites Beispiel für ein Dehnungsfeld außerhalb des experimentellen Tantrarahmens führt Hegener einen Tanzabend an: ”Das funktioniert: Entweder ist das Paar völlig dicht und lässt niemand anderen ran. Oder aber sie sagen, es ist ja ein toller Spaß, auch mal Kontakt zu anderen Leuten zu haben und zu schauen, wie sich das anfühlt.” Sie stellt zwei Varianten vor: ”Variante 1 - Das Paar hat festgestellt, alle anderen, die da waren, können dem anderen das Wasser nicht reichen. Das ist doch das Nonplusultra. Variante 2 - Beide hatten einen netten Abend und viele schöne Begegnungen auch mit anderen. Eifersuchtsfrei.” Variante 3 und 4 sehen weniger rosig aus: ”Variante 3 - Völliges Drama. Beide wollten sich danach nicht mehr angucken. Alle anderen Tanzpartner waren besser als das Paar im Duett. Lösung: In die Tanzschule gehen oder die Beziehung an den Nagel hängen. Variante 4 - Einer sitzt frustriert in der Ecke und schaut zu. Und der andere beglückt sich mit irgendjemandem auf der Tanzfläche. Die Frage ist, willst du nach diesem Tanzabend mit deinem Partner noch etwas zu tun haben oder nicht?”

Eifersucht und Dehnung
Da gebe es ganze Bücher, die zu diesem Zustand geschrieben wurden. ”Sie hat mit dem Playboy getanzt, und es sah toll aus, und sie sagt trotzdem, dass du der Richtige bist. Das muss sie dann nach der Zeit überzeugend darstellen. Und du musst dich auch überzeugen lassen wollen und nicht trotzig werden. Dein Herz ist völlig zusammengeschnürt. Der andere muss mein Herz wieder öffnen und Liebesbeweise liefern. Es scheint ja eine Verletzung vorzuliegen.” Sie stellt die Frage: ”Wie kommt ihr jetzt aus diesem Schmerzzustand wieder raus? Nur durch Vertrauen auf beiden Seiten. Woran scheitert das Selbstvertrauen der einen Person? Eifersucht macht eng. Der andere ist in seinem Selbstwert aufgeblüht. Wie kriegt der jetzt die andere Person wieder gedehnt? Das funktioniert mit Liebesbeweisen. Und es funktioniert nur, wenn der Frustrierte die Liebe überhaupt noch empfangen möchte. Der Geweitete darf sich jetzt aber nicht trotzig vom anderen abwenden. Du sollst jetzt den anderen in die Dehnung bringen, ihm die Liebe wieder geben und ihm beim Blühen helfen.”

Zuwachs
Dehnung sei Zuwachs an Fläche, Gefühlen, Seinszuständen, Horizonten, Emotionen ... Sie werde begünstigt durch Wärme, großen Raum und Vertrauen. Durch Glaube, Liebe, Hoffnung. Klingt ja alles sehr positiv. Und was sagt der Alltag zu diesem Modell und der Wahrnehmung der Mitmenschen? Hegener abschließend: ”Manchmal fällt mein Menschenbild in sich zusammen. Dann baue ich es wieder auf.”

Torftipp: Dehnen.
Von Götz Paschen

“Sorgen bremsen Sex. Paare verlieren sich, und mit dem Dialog geht der Sex verloren”, erklärt Susanne Wolter (52), Paartherapeutin aus Oyten. “Man hat sich harmonisch nett eingerichtet. Es ist ruhig, und es passiert nicht mehr so viel zwischen den beiden.” Grundsätzlich ist sie nicht zu bewegen, in Bezug auf Sex pragmatische Tipps zu geben. Einer der wenigen Konkreten ist: “Menschen sollen sich 20 Minuten hinsetzen und fragen: Bin ich noch zufrieden mit meiner Sexualität? Nehme ich mir genug Zeit dafür? Ist es das, was ich mir erhofft habe?”

Flimmerkisten
Sexkiller Nummer eins sei Berieselung: Bei Männern der Computer, sagen die Frauen. Bei Frauen der Fernseher, sagen die Männer. “Geräte auslassen, auf den anderen zugehen und ‘Sex’ machen. Das ist wichtig. Ich sage das mal so ganz salopp. Ich meine nicht nur den Geschlechtsverkehr. Das fängt ja schon beim Blickkontakt an. Wo ist der andere eigentlich? Wo kann ich ihn abholen? Das kann auch heißen, ihr/ihm vorher beim Aufräumen zu helfen.” Es sei einfacher abends die Füße hochzulegen und den Fernseher anzuschalten. “Da müssen wir ja nichts Kreatives machen. Wir lassen uns berieseln, hören uns Geschichten an und leben nicht unsere eigene Geschichte. Wir nehmen an Liebe im Fernsehen emotional teil, aber nicht körperlich und seelisch.” Nacktszenen im Fernsehen drückten einem Bilder vom Sex auf, wie es gehen müsse. Wer lebe schon seine eigene entwickelte Sexualität? - “Wie kann man auf die Idee kommen, ins Schlafzimmer einen Fernseher reinzustellen? Der soll da raus.” Manchen Paaren rät sie das ganz konkret. Und nach drei Wochen stehe das Gerät immer noch im Schlafzimmer. Schlechte Gewohnheiten aufzugeben, sei nicht einfach.

Kinder, Hausbau, Arbeit
‘Am Anfang sehen wir den anderen so, wie Gott ihn gemeint hat’, zitiert Wolter Verena Kast. “Aber wir sind vielleicht nicht so, wie Gott uns gemeint hat. Jetzt haben wir die Möglichkeit, die negativen Aspekte durch den anderen zu sehen und zu ändern.” In der Anfangszeit sieht man Paare beinahe gar nicht. Sie tauchen erst einmal für maximal zwei Jahre ab, weiß die Therapeutin. Dann werden die Schwerpunkte verlagert. Es kommen neue Ziele: Haus, Kinder und Beruf. Manche Paare nähmen die Kinder mit ins Bett. In der Stillphase nachvollziehbar. Danach aber sextötend. Selbst dann ist der Julius interruptus allen Eltern bekannt. “Wenn Kinder schreien, muss man abbrechen, zum Kind hin und dann wieder zum Partner ins Bett.” Neues Spiel, neues Glück. Oder: Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Eine Frau mit kleinen Kindern kriegt den Kopf nicht frei. Er kommt geschafft von der Arbeit und will seine Ruhe. “Es zählt die hohe Kunst, im Hier und Jetzt zu leben. Es ist nicht einfach, abzuschalten, sich einzulassen und sich auf Sex zu konzentrieren.”

Im neuen Dialog
“Partner sprechen zu wenig ehrlich über Sex. Da kommt sehr viel Scham hoch.” Sie rät, einen konkreten Wochentermin zu fixieren: Kinderfrei, etwas unternehmen, oder es sich schön machen. Paare sollen sich Zeit nehmen, einen Ort auswählen, Geräte ausschalten, auch Telefon und Handy, und ihre Phantasie spielen lassen. “Über den Kontakt kommen Themen hoch, die auf der Seele brennen. Spätestens nach dem Geschlechtsverkehr in der Entspannung kommen oft heikle Themen.” Wenn ich feststelle, dass ich in Bezug auf meinen Partner überhaupt keine sexuelle Energie mehr spüre, ist es höchste Zeit für Gespräche. Zu den Sexfragen gehören dann zum Beispiel: “Was würde ich gern einmal machen und ausprobieren? Wünsche äußern. Phantasien austauschen. Welcher gemeinsame Sex war besonders klasse? Was war gut daran? - Liebende Sexualität mit allem drum und dran ist ein Grundbedürfnis. Erfüllter Sex gehört in den Alltag und ist eine unglaubliche Quelle von Energie. Es ist sehr schade, wenn sich Paare davon entfernen.”

Sex, Macht, Angst
Sexsucht, mit der die Wirklichkeit weggevögelt wird, ist nicht die bestimmende Realität in deutschen Schlafzimmern. “Wir können ja mit Sex einiges verdrängen. Sexsucht ist da die pathogene Form.” Oft gehe es eher um Desinteresse oder Verweigerung. Schon bei der aktuellen Sexfrequenz des Paares gibt es Uneinigkeit: “Er meint dazu ‘Viel zu wenig, 3 x im Monat.’ Und sie spricht von ‘2 x die Woche’. - Jemanden in die eheliche Pflicht zu nehmen, geht nicht. Vorwürfe, Betteln und Herunterspielen bringen nichts. Es geht nur auf einem zarten, ehrlichen, vorsichtigen Weg. Nicht: Einer gibt vor, was gemacht wird. Beide Pole müssen befriedigt werden.” Sexuelle Verweigerung sei ein Machtmittel. Das nutzten inzwischen auch Männer. “Ich bestrafe meinen Partner und im Grunde genommen auch mich selber.” Wenn man Sex nicht lebe, kämen Aggressionen hoch. “Die richten sich auf den Partner und entladen sich auf anderer Ebene: ‘Du bist langweilig, uninteressant ...” Andererseits haben sich die Frauen verändert: “Ich glaube, das dreht sich. Dass Frauen weniger Sex haben wollen, ist Geschichte. Diese Lust macht den Männern Druck. Und unter Druck funktioniert es bei Männern nicht.”
Und nach Trennungen sei Schmerz da. Der müsse gefühlt werden. “Viele gehen los, suchen sich Sex und wollen gar nicht mehr. Und zwar Sex ohne Herz, weil sie sich nicht mehr verletzen wollen. Sex findet man, aber Sexualität und Liebe. Das ist nicht so einfach.”

Einander wieder sehen
Ehrlich zu sein, tue richtig weh. Auch zu sehen, wie lange man auf Sex verzichtet habe. Viele Paare berühren und küssen sich nicht mehr. Manchmal fängt es mit einem Blickkontakt wieder an. Oder man merke: “Das war kein Routinekuss. Der meint mich. So fängt diese Erweckung an. Zu merken: Der ist ja gar nicht so weit weg. Der begehrt mich ja noch. Das sind kleine Momente, die dann größer werden können. Der Sex wird automatisch mit erweckt. Und wenn der Sex erst wieder da ist, ist im Bett auch wieder alles möglich.”

Torftipp: 1) 20 Minuten Zeit für Sexanalyse. 2) Abends Fernseher/PC auslassen. 3) Schlafzimmer kinder- und TV-frei. 4) Fixen Wochentermin zu zweit. 5) Dialoge. 6) Sahnespritze und Handschellen im Bett stehen hier nicht ganz vorne auf der Liste.
aschen (Text und Foto)

“Ich glaube nicht, dass man auf Bierdeckeln seelische Nöte besprechen kann. Ich habe auch keine Ahnung, was in einem abgeht, der vorsätzlich eine Frau vergewaltigt.” Birte Hinz (43) ist Heilpraktikerin in Achim und hat jahrelang in Berlin gelebt. Eine der alten Freundinnen hat 20 Jahre dort im ‘Mädchenhaus’ gearbeitet. Sie machte sie auf die Kampagne ‘antisexistische Kneipen’ aufmerksam. Anlass für diese Bierdeckelkampagne war die Vergewaltigung einer Frau in Göttingen, die schon mit Belästigung in einer Kneipe angefangen haben soll. Wir fragten Birte Hinz zu ihrer Meinung zu den Themen Anmache oder Flirt im öffentlichen Raum.

Nachfragen
Sie beschreibt eine Situation. Abends am Achimer Bahnhof begegnen zwei Mädchen zwei Jungen. Einer rempelt ein Mädchen an. “Ich habe das Mädchen gefragt, ob sie die Jungs kenne. Sie sagt ‘ja’, aber es tat ihr sichtlich gut, dass jemand nachfragt.” Die Kampagnenbetreiber wollen vermitteln, “dass Vergewaltigung oft schon niedrigschwellig beginnt, was in der Regel nicht als handlungsrelevant eingestuft wird.” Eher als Flirt, beziehungsweise Privatsache. Hinz: “Sensibilisierung für die Atmosphäre von Situationen ist wichtig. Das kann man üben.” Grundsätzliche spreche nichts gegen einen netten Flirt. “Ich finde auch ‘plumpe’ Kontakte nicht schlimm. Das kann witzig sein. Schlimm wird es, wenn Gewalt im Spiel ist. Oder wenn sich jemand aufbaut und ein Machtgefälle entsteht. Ein netter Flirt dagegen mit Augenkontakt und sympathischen Gesten kann angenehm sein.” Die Verknüpfung von Gewalt und Sex gehe oft nach hinten los, auch wenn sie durch Werbung oder Sprachgebrauch begünstigt werde. “Es geht dabei oft um Hierarchie- und Machtfragen.”

Einschreiten
“Anmache ist ein privatisierter Bereich und damit Tabu für Dritte.” Die Bierdeckel werden in Kneipen vermutlich zu Diskussionen führen. “Beim Thema Vergewaltigung an sich besteht gesellschaftlicher Konsens. Aber wie es dazu kommt, da sind die Grenzen schwierig zu erkennen.” Die Kampagne will fördern, dass Beobachter eher einschreiten. “Wer will schon Stress haben, sich die Arbeit machen und nachher selber einen auf den Deckel kriegen? Ich finde eingreifen bei Fremden einfacher als im privaten Umfeld. Auch wenn man befreundete Paare wahrnimmt, bei denen es krass zugeht. Wenn man Einblicke hat, ist eingreifen nicht so einfach.” Da verschwimmen die Täter-Opfer-Grenzen. Was im öffentlichen Raum eindeutiger ist. “Ich habe für mein Eingreifen schon auf den Ärger gekriegt von beiden. ‘Verpiss dich.’ Das heißt ja nicht, dass ich falsch gelegen habe. Danach ist man vorsichtiger.” Heute gucke sie und prüfe, ob beide einander auf Augenhöhe begegnen. Könne die Frau dem Typen Paroli bieten? “Andernfalls ist es sinnvoll die Situation zu klären und zu fragen: ‘Ist alles ok?’”

Bedürftigkeit
Hinz Menschenbild lässt keine schlichten Verurteilungen zu. “Ich glaube, dass Menschen sich eigentlich wohlfühlen wollen und nicht andere niedermachen. Sex ist ein heißes Eisen. Es wird viel über Scheinwelten geredet und Fassade gezeigt. Selten wird darüber geredet, was Menschen wirklich bewegt.” Laut Hinz gehe es um Körperkontakt, Nähe, den Wunsch, nicht allein zu sein, Sex wollen, aber keinen haben und Mangel an Ideen, Kontakte herzustellen. Daraus resultieren - je nach Begabung und Training - dumpfe Anmache oder gutes Flirten. Sicherlich auch eine Frage des Selbstbewusstseins. Hinz: “Darf ich flirten? Bin ich attraktiv genug? Könnte ich einen Korb aushalten?” Zum Beispiel sei die Qualität mit jemandem einen Smalltalk halten zu können, nicht jedermanns Sache. “Ein guter Flirt zeigt Sympathie. Du merkst, dass dich jemand attraktiv findet. Das Freundliche, was dahinter steckt, muss durchschimmern. Wenn es durchschimmert, kannst du jeden Scheiß machen, und es ist trotzdem in Ordnung.”

Bindung oder Kurzkontakt?
“Die Frage bei langfristiger Bindung ist nicht nur, wo ist die Attraktivität? Sondern auch: Wer passt zu mir?” Anmache oder Flirt wollen immer Kontakt. “Du kannst zwar in die Singledisco gehen, aber da lernt man keine Menschen kennen. Und: Willst du einen Partner kennen lernen? Oder willst du nur eine nette Nacht verbringen? Das wird ganz oft verwechselt. Oder zwei wollen etwas Unterschiedliches.” Wer es ernst meint stolpere, über den Mangel an Konventionen: “Wenn es keine gesellschaftlichen Konventionen gibt, die die Anbahnung moderieren, haben es die Zurückhaltenden schwieriger.” Schulveranstaltungen, Bälle, Tanzkurse ... Früher habe es viele institutionalisierte Gelegenheiten gegeben, bei denen sich Leute kennen lernen konnten. “Die sind heute weg. Ein ernsthaftes gepflegtes kennen Lernen gibt es heute nicht mehr. Es fängt bei Geburtstagen an. Du wirst vom Gastgeber einander nicht vorgestellt. Das klingt altmodisch. Aber es ist etwas, woran du dich festhalten kannst. Du kennst den Namen und hast oft eine Zusatzinformation über den Menschen, an die du anknüpfen kannst.” Das Gleiche treffe auch für Gruppentreffen zu, beispielsweise im Schulverein. Vorstellen erleichtere viel, und man habe die Gelegenheit, jemanden einzuordnen im positiven Sinne.

Gute Idee
Eine gute Idee hatte eine von Hinz’ Freundinnen, die einen Partner suchte. Jene hat einen großen Freundeskreis und allen Freundinnen gesagt, dass sie einen passenden Mann suche. Zu ihrem kommenden Geburtstag, hat sie die Freundinnen eingeladen und darum gebeten passende Singlemänner mitzubringen. “Und es hat geklappt. Originell, oder? Das nannte man früher ‘Hof halten’. Das hat mir gut gefallen.” Hinz wünscht sich, dass Menschen Spaß miteinander haben und sich gut tun. “Beim Flirt, als Pärchen, überall. Wenn ich Signale empfange, dass etwas komisch ist, werde ich wachsam. Wer einschreitet, wird auch hier aus Fehlern lernen. Themenbierdeckel in der Kneipe können helfen, dass über das Thema geredet wird.”

Torftipp: 1) 2. Auflage 100.000 Stück. Jeder Bierdeckel kostet 4 Cent + Versandkosten auf Rechnung. Versanddauer 1 - 4 Wochen. Mindestbestellmenge: 400 Stück. Die Bestellmenge kann in 400-Stück-Schritten variiert werden. Bestellungen/ Nachfragen: antisexistischebierdeckel@yahoo.com mit Anschrift, Bestellmenge usw. 2) Alle Motive anschauen: www.flickr.com/photos/trouble_x/5219426246/

Kneipenwitz
Ein Typ und ein Mädel lernen sich in der Disco kennen, flirten, trinken, gehen zusammen zu ihm nach Hause. Beide total blau, es wird rumgemacht wie verrückt. Dann muss sie auf’s Klo. Stellt fest: “Mist, hab meine Tage gekriegt. Was mach ich’n jetzt?” Sie überlegt ... “Ach egal, der Typ ist so besoffen, der merkt eh nichts mehr.” Also zurück und weitergemacht wie die Wilden. Am nächsten Morgen wacht er auf und ist alleine. Schlägt die Bettdecke zurück - alles voller Blut. “Oh mein Gott, was hab ich getan?!” Er springt aus dem Bett, rennt zum Waffenschrank, zählt seine Gewehre durch: alle noch drin. “Gott sei Dank, erschossen hab ich sie nicht.” Der Messerblock! Er rennt in die Küche, zählt die Messer durch - alle Messer noch drin. “Gott sei Dank, erstochen hab ich sie nicht.” Dann muss er auf’s Klo. Geht zur Toilette, guckt im Vorbeigehen in den Spiegel: “Scheiße. Ich hab sie gefressen!”

Paschen

Freitagabend Ölaktion: 10 Männer und 14 Frauen im Alter von 30 bis 72 Jahren krabbeln nackt in ein Becken von fünf mal zweieinhalb Metern, werden mit warmem Öl übergossen und glitschen eine Stunde lang über- und umeinander. Kontakt erwünscht, Körperöffnungen tabu. Schweigen, Halbdunkel, Augen verschlossen. “Mal hast du einen Busen in der Hand, oder du berührst einen Hintern oder mehr. Du denkst nicht darüber nach, wem was gehört.” Alfred Donis spricht von einer tiefen körperlichen Erfahrung und davon, dass es einigen Mut gekostet hat, mitzumachen. 60 % der Teilnehmer sind zum ersten Mal hier, haben aber oft schon Erfahrung mit Tantra oder Körperarbeit. Tantra ist eine Strömung innerhalb der indischen Philosophie, die im Westen fälschlicherweise nicht selten auf Sexualpraktiken reduziert wird. Seit vier Jahren fährt Alfred regelmäßig von Verden in das Zentrum für experimentelle Gesellschafts-Gestaltung, kurz ZEGG, südwestlich von Berlin. Das Zentrum ist gleichzeitig Lebensgemeinschaft und Tagungszentrum. Seit zehn Jahren besucht Alfred Tagungen zu den Themen Männerarbeit, Väter und Söhne, Arbeitswelt, Geld, Kunst und Kultur. Seit vier Jahren nimmt er auch Seminaren zu den Themen Liebe und Sex teil.

Grenzerfahrung
“Das ZEGG ist ein Tummelplatz für Singles, Neugierige und Paare, die ihren Horizont erweitern wollen.” Die Stimmung unter den Öligen ist offen und herzlich. Keiner ist verklemmt oder sucht zu sehr seinen Partner. “Innere Schranken und Programme musst du dabei loslassen. Du hast auch Menschen im Arm, die du normal nicht anfassen würdest vom Ansehen her. Es ist auch eine Chance für Leute, die lange nicht im Kontakt waren.” Reden verboten, Grunzen erlaubt. Einige sitzen und liegen aufeinander, die Masse ‘schwimmt’ umher. Bei manchen wird es heißer. Eifersuchtsthemen kommen hoch. Die Jahrestagung befasst sich mit Liebe, Beziehung und Sexualität von Mittwoch bis Sonntag. 560 Euro für Seminar, Vollpension und Unterkunft im Einzelzimmer. Der geringste Teil der Veranstaltung ist so hautnah wie die Ölaktion. Es geht um Bewusstsein und Kommunikation. In der Selbstdarstellung erklärt das ZEGG: “Wo Vertrauen entsteht, kann sich Liebe – auch die erotische und sexuelle Liebe – ausweiten und immer mehr Menschen einbeziehen. Wir pflegen die Kommunikation über die Liebe. Das unterstützt uns, sie mehr und mehr von Verlustängsten, Unwahrheit und Verstellung zu befreien.” Das heißt, es wird in Gruppenarbeit umfangreich reflektiert und geredet. Überwiegend in geschlechtsgetrennten Gesprächsforen mit zwei bis drei Teamleitern: “Die Forumsarbeit ist ein wirksames Kommunikationsmittel. Bei Hickhack zwischen zwei Leuten wird interveniert. Nur was einen selbst beschäftigt, hat Geltung. Wir haben doch oft Angst, offen zu sagen, was los ist. Im Forum merkt man regelrecht, wenn sich etwas öffnet. Die Themen sind Parallelthemen bei Leuten. Die haben eine andere Färbung, sehen aber ähnlich aus. Sie kommen aus der Tiefe eines einzelnen und haben Allgemeingültigkeit. Man hat im Forum nie das Gefühl, dass um etwas drum herum geredet wird, wenn es gute Forumsleiter sind. Im Forum waren von der Ölaktion nachher alle begeistert.”

Grenzen überprüfen
Die Tagung startet am Mittwochabend mit dem Vortrag eines Paares über sein Beziehungskonzept. Eine der Fragen ist, was gibt es über Ehe und feste Beziehung hinaus? Alfred: “Die Frage ist, was ist ‘frei’? Frei heißt nicht ‘ohne Beziehung’.” Erörtert wird auch das Konzept von fester Partnerschaft mit verschiedenen Geliebten. “Das Paar ist in einer sehr starken Kommunikation darüber, und sie sind sich gegenseitig die Nr. 1.” Paare, die jahrelang monogam leben, wollen hier ihre persönlichen Grenzen im Kontakt mit anderen kennen lernen: “Zwei sagten: Alles darf, nur keine Vereinigung. Wer sich zu der Tagung mit Partner hintraut, der will natürlich ‘was.” Aber was? Am zweiten Tag untersuchen Männer und Frauen getrennt in Form von Aufstellungsarbeit ihr inneres Bild und ihre innere Haltung zu dem Thema. Abends ist Tanz. Verabredet ist, dass der Abend danach keusch verläuft, um einen ‘offenen Raum’ freizuhalten. Am dritten Abend Ölaktion, am vierten Abend steht nach den täglichen Foren, Tanz und ‘blauer Salon’ auf dem Programm. “Das ist ein Experimentierraum. Du kannst dich zu einem erotischen Bedürfnis für andere bekennen und einen Korb riskieren.” Die Hälfte der Teilnehmer sitzt im blauen Salon, andere verziehen sich in Zweier-, Dreier- und Vierergrüppchen. Ein Mann lehnt eine Dreierkombination ab und kommuniziert offen sein Konkurrenzthema. Einige gehen leer aus: “Das sind Punkte, die sehr weh tun. Die Angst der Leute ist an diesem Abend stärker zu spüren.” Nichts ist Muss. “Natürlich gibt es immer auch das Recht, ‘Nein’ zu sagen. Die Frauen können sich im ZEGG im Rahmen einer Tagung angstfrei bewegen und haben Rückhalt. Du kannst dir auch Hilfe und Unterstützung holen. Aber es gilt das Prinzip der absoluten Selbstverantwortung. Das musst du vorher unterschreiben. Die Tagung ist keine Therapie.” Der letzte Tag gilt der Nachbereitung. Wieder werden die Erfahrungen in Foren thematisiert.

Gründe
Warum fährt Alfred Donis nach Belzig? “Das ZEGG ist für mich ein Ort, um Kraft zu tanken und mich selber kennen zu lernen. Man kommt als Mann an seine Gefühle ran. Erlebt in den Foren Männer, die vor Rührung oder Schmerz weinen. Und erlebt dabei starke Solidarität. Ich komme dort auch an meine persönlichen Grenzen: Was will ich in einer Beziehung? Was mit Frauen? Wo will ich beruflich hin? - Je nach Seminar. Und ich kann immer gut abschalten, weil alles da ist: Essen, viele Menschen, tolle Frauen und tolle Männer.” Warum fahren andere hin? “Paare können ihre Grenzen neu definieren. Manche trennen sich dort auch und lassen sich los. Du kannst dort üben, Affären anzubahnen, wenn die Leichtigkeit auf beiden Seiten da ist.”

Gruppe
Neben den Seminaren ist das ZEGG auch eine Lebensgemeinschaft von 93 Erwachsenen und Kindern. Arbeitsorte auf dem Gelände sind der Tagungsbetrieb, eine Großküche für 20 bis 300 Leute, das Heizwerk, eine Gärtnerei, eine Computerfirma neben verschiedenen anderen. Viele arbeiten auch außerhalb des Geländes. “Die Verwaltung läuft in völliger Selbstverwaltung in Ausschüssen. Viele Ehemalige sind in die Nachbarschaft gezogen. Das war denen zu anstrengend.” Hier finde man Strömungen wie die schamanistisch-indianische, ökologische, politische (attac, Anti-AKW), spirituelle, kulturelle und köperbezogene. “Im Lauf der letzten zehn Jahre ist das ZEGG einfühlsamer und weicher geworden”, stellt Donis fest. Seminarthemen wie Schwitzhütten, (Lebens-)Lust, gewaltfreie Kommunikation, ekstatischer Tanz mit Übernachtungen in Gruppenschlafräumen oder im Sommer in Zelten stehen im Kalender. Klingt alles wild, ist aber Regeln unterworfen: “Offener Sex wird nicht gern gesehen.” Was auch mit der Außendarstellung zu tun hat. Schon öfter musste das Zentrum Anfeindungen abwehren, eine Sekte zu sein. Was meinen Freunde und Bekannte zu Alfreds Ausflügen? Die Reaktionen seiner Umwelt reichen von “Klingt interessant, erzähl mal. Bis zu schlichter Ablehnung.” Irgendwo zwischen Kopfschütteln, Amüsement und Ernsthaftigkeit, findet man sich da wieder. Immerhin werden echte Themen wie Eifersucht bearbeitet. Die bürgerliche Affäre und das Fremdgehen, wovon wir alle schon gehört haben, werden hier offen probiert und thematisiert. Befremdlich. Intime Heilung oder erneute Verletzung? Ob es die Paare stärkt oder Beziehungen zerstört? Ausprobieren? Es gibt Erfahrungen, die man nicht machen muss. Einblicke in eine fremde Welt. Lesen und fertig. Nicht jeder, der im Fernsehen einen Krimi guckt, möchte nachher in eine wilde Schießerei verwickelt sein.

Torftipp: 1) www.zegg.de, 033 841 - 595-100, 2) Die Meinungen zur ‘Sexseite’ sind kontrovers. Wie ist Ihre: Weitermachen? Abbrechen? Sporadisch? Leserbriefe an info@torfkurier.de oder Mühlenstr. 44, 28870 Otterstedt.
“Es gibt Phasen, da ist der Alltag stark belastet und schwierig und der Sex auch. Schwingt es bei einem Paar nicht, schwingt es in allen Bereichen nicht. Der Sex spiegelt wieder, was im Alltag gelingt oder nicht.” Petra Drössler-Hoffmann (57) ist integrative Paartherapeutin und Sexualtherapeutin mit eigener Praxis in Buchholz. “Die Sexualität ist nie losgelöst von der Beziehung. Sie ist Ausdruck ihrer Tiefung und Intensität.” Drössler-Hoffmann beobachtet verschiedene Beziehungsphasen. In der Verliebtheit sei Sex ein ganz tragender Bestandteil der Beziehung. Interesse, Wertschätzung, Dialog und Zugewandtheit bestimmen die gemeinsame Zeit. “Körper und Seele öffnen sich in dieser ersten Phase.” Nächtelanges Reden, Händchenhalten, in die Augen schauen ... “Das Paar hat nur drei Stunden geschlafen und ist trotzdem entspannt und glücklich. Das sind die Verliebtheitsressourcen.” In der zweiten Stufe stellt das Paar die Beziehung auf ein Alltagsfundament: Zusammenziehen, Kinderwunsch, berufliche Entwicklung, Hausbau ... “Nur drei Stunden geschlafen mit Kindern, Hausbau etc. - das wird schwierig. Der Paarblick ist nicht nur aufeinander gerichtet. Er weitet sich aus auf Eltern, Kinder, Freunde ... Die Zeit füreinander und die Fokussierung wird weniger. Dabei geht es auch in eine Tiefung  wenn man Alltag miteinander hat.” Aber Paare schliefen einfach aus Zeitnot nicht mehr so oft miteinander, oder weil sie müde seien. “Anfangs fällt es nicht so auf, weil man immer noch miteinander schläft. - Wenn Paare auch schon mit 40 keinen Sex mehr haben, dann haben sie sich oft aus den Augen verloren. Die Paarzeit ist für Karriere und Kinder draufgegangen.” Spätestens ab Mitte 40 bis Mitte 50 nähert sich das letzte Kind dem Ende der Pubertät. Phase drei beginnt: “Die Wechseljahre verstärken oft das Fehlen von Sex. Der Mann ist weniger hormongesteuert.” Laut Autor Jed Diamond entwickelten Paare in den Wechseljahren unterschiedliche Kräfte: Männer entdecken ihren Wunsch nach Häuslichkeit. Frauen haben die Kinder groß und wollen aktiv nach außen. Paare driften häufig weiter auseinander. In der dritten Phase kommen die Fragen auf: Wer bin ich? Nicht mehr nur Mutter/Ernährer. Wo stehe ich? Beispielsweise in beruflicher Perspektive. Wohin geht mein Weg? “Es ist eine Phase der Neustrukturierung oder Trennung. Und in der Neustrukturierung ist auch die Erotik wichtig.” Eine Frage ist auch: Was ist das gemeinsame ‘Dritte’, statt der Kinder? Kunst, Reisen, Spiritualität, die gemeinsame Firma ...

Paardialog
Mit dem Abriss des Dialoges zum Partner reiße oft auch die beglückende Sexualität ab. “Erst der fehlende Dialog führt zur Entfremdung und Nicht-Sexualität.” Michael Lukas Möller (1937 - 2002), Professor für medizinische Psychologie, schreibt sinngemäß: “Das Erotisierendste in einer Paarbeziehung ist das intime Gespräch, bei dem Partner Wesentliches von sich mitteilen.” Es ginge immer um die Berührung der Seele, erklärt Drössler-Hoffmann. ‘Du machst, tust, sollst ...’ seien oft Sätze, die wie Angriffe wirkten. “Die weiche Seite wird dem Partner zu wenig mitgeteilt. Der Sex geht, wenn der Dialog im Sinne von ‘in Resonanz mit dem Partner gehen’ aufhört.” In der Sexualität könne man dem anderen etwas mitteilen von seinen Sehnsüchten, Ängsten und Peinlichkeiten. “Wir sind ja in der Sexualität ungeschützt und können wenig mogeln. Liebe und Leidenschaft können wir nicht machen. Wir können sie nur zulassen. Und Zweifel und Verlustängste gehen mit ihnen Hand in Hand. Gefühle treten immer polar und paarweise auf, wie beispielsweise das Bedürfnis nach Hingabe und das nach Autonomie.” Im Widerspruch zu der weichen Seite der Beziehung steht der ‘harte’ berufliche Alltag. “Welcher Mann soll beruflich schon sinnlich, einfühlsam, zärtlich und weich sein? Das wird ja im Beruf nicht abgefragt, außer in einigen Nischen. Daheim kann er dann nicht auf Knopfdruck umschalten. Der Beruf schwappt in das Privatleben hinein.” Eheberater Dr. Hans Jellouschek rät: “Das Paar muss sich im Alltag immer wieder ‘Inseln der Liebe’ einrichten, die Zeit brauchen.” Räume, an denen es vor dem Alltag geschützt ist: Tanzen gehen. Im Bett liegen und sich erzählen ... Drössler-Hoffmann: “Paarzeit ohne Kinder, Freunde, Eltern ... Abgrenzung ist auch da wichtig. Die Liebe muss geschützt werden. Kinder respektieren das, ist meine Erfahrung.” Kinder hätten intuitiv ein Eigeninteresse an intakter Paarbeziehung der Eltern.

Selbstreflexion
Drössler-Hoffmann: “Vor dem Abriss des Dialoges mit dem Partner kommt der Abriss des Dialoges mit mir selbst.” Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878 - 1965) erklärt: “Man muss bei sich selber angekommen sein, um zum anderen ausgehen zu können.” Es gehe immer vom ‘ich’ zum ‘du’ zum ‘wir’, erklärt Drössler-Hoffmann. Wer eine intakte Paarbeziehung will, kommt an sich selbst nicht vorbei. “Selbstreflexion ist nicht leicht. Sie kann auch Unglück, Traurigkeit und Erschöpfung offenbaren. Ich begegne meiner ganzen Bandbreite an Gefühlen.” Man könne dem Partner nur soviel anbieten, wie man von sich selber wisse. Jeder habe die Wahl, Gefühle zu deckeln, damit er funktioniere oder in die Auseinandersetzung mit sich selbst zu gehen. “Selbstreflexion schließt die Fähigkeit zur Selbstfürsorge mit ein. Der Dialog mit sich selber öffnet das Herz. Und für beglückenden Sex brauche ich ein offenes Herz.” Wer sich selber begreife, gewinne an Intimität mit sich. Das sei Selbstliebe. Wer den Partner begreife, gewinne an Intimität in der Partnerschaft. Entscheidend sei auch, die eigenen sexuellen Wünsche zu entdecken und zuzulassen. “Es ist wichtig, dass Männer und Frauen sich ihre Wünsche und Ängste mitteilen und einander zuhören. Als zärtlicher Liebhaber wird man nicht geboren. Das braucht Entwicklung. Dafür muss er ihre Wünsche kennen.” Oft störten Missverständnisse. Frauen verstünden Erektionen oft als Notwendigkeit zum Beischlaf und nicht als Ausdruck von Wohlbefinden und Lust. Und Männer wollten viel öfter Zärtlichkeit, Berührung und Nähe. Ihre Annäherung würden aber häufig als Aufforderung zum Sex missverstanden.

Projektionen
In der Paarbeziehung suche man oft unbewusst die Wiederholung alter Strukturen, um etwas heilen zu können, meint die Therapeutin. “In der frühen Kindheit findet die Hauptprägung des Bindungs- und Konfliktverhaltens statt. Das ist eine Phase absoluter Ohnmacht und Abhängigkeit.” Eine Frage sei häufig, was lebe ich an unbewussten Projektionen aus der Kindheit auch in der Paarbeziehung. Wer beispielsweise über frühkindliche Trennungserlebnisse wie Frühgeburt und Brutkasten ein Verlassenheitsgefühl und Mangel an Urvertrauen entwickelt hat, hat möglicherweise auch in Liebesbeziehungen Angst davor, zurückgewiesen zu werden. Daraus entsteht häufig eine Suche nach Nähe, die der Partner nur begrenzt befriedigen kann. Wer diese Struktur erkennt, kann durch Selbstfürsorge Abhilfe schaffen. Hilfreich sei in allen Fällen der Grenzdialog, bei dem die Partner an einer Grenze in Kontakt treten. “Ich muss als Mann den Mut haben, meiner Frau zu zeigen, wie es in meinem Herzen aussieht. Ich definiere Grenzdialog als Form größtmöglicher Nähe. Paare müssen lernen, solche Dialoge zu führen. Die gibt es auch im Bett.” Paare stoßen bei dieser Form des Austausches an Kraftquellen und Grenzen. “Wenn Paare resignieren, wird es schwer. Schweigen und Rückzug sind Indikatoren für Erstarrung, weil nichts mehr schwingt.”

Anfangen
“Immer mehr Männer fühlen sich nicht begehrt. Sie verzichten lieber auf Sex. Oft wollen sie auch mehr Zärtlichkeit und nicht nur Sex. Wenn der Mann gefragt wird, ob er auch gestreichelt wird, so verneinen dies die viele Männer. Das Streicheln ist den Frauen oft ungewohnt. Männer fordern es meist auch nicht ein.” Wünsche nach Zärtlichkeit müssen geäußert werden. Sexuelle Wünsche dürfen erforscht werden. Grenzdialoge muss man sowohl innen als auch außen wagen. Das sind Lernprozesse. “Der Erotik wieder Raum geben, heißt auch, dass ich mit der eigenen Frau/dem Mann flirte.” Worte der Liebe gehören dazu. Oder man macht sich wieder füreinander hübsch, wie in der Phase der Verliebtheit. Elemente davon kann es auch in langjährigen Paarbeziehungen geben. Im Zweifelsfall können Paare sich Hilfe holen. Drössler-Hoffmann: “Die Paare kämpfen hier in der Paartherapie um Millimeter. Viele sagen, das hat alles Sinn und Zweck gehabt, sonst wären wir schon längst auseinander.” Und mit diesen Themen stehen die meisten Paare nicht allein da. Ein Beispiel: “Alle, die bis 1955 geboren wurden, haben Eltern mit Kriegserfahrung. Die haben nicht gelernt über Gefühle zu sprechen. Die hatten andere Sorgen. Oft geht es um gesamtgesellschaftliche Probleme, nicht um persönliche.” Das zu wissen entlaste. Langjährige Paarbeziehungen müssten nicht unerotisch sein. Im Gegenteil. Drössler-Hoffmann: “Nach meiner Philosophie wird der Sex mit der Zeit besser, weil er an Tiefe gewinnt. Wenn Sex diese innige Verbindung zur Seele bekommt, geht er weit über den Akt hinaus.”

Torftipp: 1) Esther Perel ‘Wild Life - Rückkehr der Erotik in die Liebe’, ISBN 978-3-492-25037-5, 9,20 EUR. 2) Jed Diamond ‘Der Feuerzeichen-Mann - Wenn Männer in die Wechseljahre kommen”, ISBN 978-3-406-59315-4, 12,95 EUR.

Von Götz Paschen

“Die Zunge ist das Organ mit der größten Empfindungsdichte. Die Klitoris und die Eichel sind beispielsweise im Gehirn nicht so stark abgebildet. Vielleicht, weil sie nicht so oft aktiv sind. Die Zunge ist permanent aktiv.” Es geht um Sinnlichkeit im zentralen Wortsinn: “Im Mundbereich liegen drei Sinne dicht beieinander: schmecken, fühlen und riechen. Und das Gehör ist auch nicht weit.” Das Zuschauen des verwöhnten Partners spreche den fünften Sinn an. In Singapur ist Oralverkehr angeblich noch strafbar. Es wird aber aktuell geprüft, ob man ihn in festen Beziehungen erlauben solle. Alle Religionen sagen nach Wissen unserer Allgemeinmedizinerin nichts dazu: “Das ist doch schon mal schön. Ich schließe daraus: Es ist erlaubt.” Allerdings schweigen sich auch fast alle Sexratgeber zu diesem Thema aus. Vor uns auf dem Tisch liegen zwei Stapel Bücher mit Fotos und Zeichnungen von Stellungen und nur in zweien werden wir fündig. “Lou Paget ist die einzige Autorin, die sich in ihren Büchern seitenweise mit Oralverkehr auseinandersetzt.” Die ist dafür umso gründlicher und gibt beispielsweise auch Tipps wie man den Partner ernährt, dass sich der Geschmack des Ejakulats verändert.

Hemmungen
“Es gibt ganz viele Frauen, die Hemmungen haben, sich oral verwöhnen zu lassen, weil sie meinen, sie schmecken oder riechen schlecht. Ich empfehle jeder Frau zu probieren, wie sie schmeckt.” Was sicherlich auch Männer an sich testen dürfen. In der Periode sei es Geschmacksache, ob man sich ranwage oder nicht. Männer dagegen meinten nicht, sie schmeckten oder röchen schlecht. “Die meinen ja oft, sie müssten sich nicht mal waschen. Damit wären wir beim Thema Hygiene. Es gibt keine Frau, die zum Allgemeinmediziner geht, ohne sich gewaschen zu haben. Aber es gibt fast keinen Mann, der hingeht und sich gewaschen hat.” Dass die oft direkt von der Arbeit kommen und in den Büros recht wenig Duschen aufgestellt sind, lässt die Ärztin als Argument gelten. Eine grundsätzliche Frage und nicht nur im Zusammenhang mit Oralverkehr ist: “Wie soll der Partner riechen? Nach Seife oder nach sich selbst. Das heißt ja nicht, dass einer dreckig sein muss.” Napoleon schrieb seiner Josephine zwei Tage, bevor er nach Hause kam. ‘Bitte waschen Sie sich nicht. Ich komme bald.’ Der empfand den individuellen Geruch seiner Angebeteten offensichtlich als aphrodisisch, oder antörnend, wie das neudeutsch heißt.

Hygiene
Ein pauschaler Tipp der Ärztin an die Herren lautet: “Waschen wäre schön und zwar auch unter der Vorhaut. Der Dreck, das Smegma, kann beim normalen Sex Gebärmutterhalskrebs hervorrufen. Ich denke, Wasser und Waschlappen reichen. Seife muss nicht sein. - Hauptsache sauber.” Frauen mit Beckenbodenschwäche im fortgeschrittenen Alter könnten bei Erregung Urin verlieren. Beckenbodentraining wäre hier die Empfehlung. Nachdem wir jetzt schon einige Zeilen oral-genital unterwegs sind, drehen wir den Partner doch einmal auf den Bauch. “Der Anus ist auch mit dem Mund erreichbar. Also sollten wir darüber reden.” Wenn er sie anal leckt, dann sollte er nachher die Scheide meiden, dass keine Kolibakterien hineingelangen. Die könnten dort eine massive Scheidenentzündung hervorrufen. “Er gehört in der Nacht nicht mehr in ihren Intimbereich mit seinem Mund.” Besonders trockene Scheiden (in den Wechseljahren) seien gefährdet. Thema Miniverletzungen und Entzündungen. Letzter Hinweis zum Oral-Anal-Kontakt: “So tief reingehen, wie es schmeckt.” Schließlich geht es um Spaß und nicht um Ekel. Gut ist, was beiden gefällt.

Oralverkehr im Alter
“Ich finde Oralverkehr ist für Ältere ganz perfekt, weil du es bis ins hohe Alter unabhängig von der Erektionsfähigkeit machen kannst. Und weil du ihm als Frau bei der Erektion helfen kannst. Selbst wenn er seinen Penis dann nicht hoch kriegt, hat er angenehme Empfindungen.” Diesen Tipp gibt sie besonders dann, wenn es medikamentös bedingte Erektionsprobleme bei älteren Männern gibt. Alle Betablocker könnten Erektionsstörung nach sich ziehen. Das ‘Hochlecken’ sei auch eine Empfehlung für Frauen, die ihren jüngeren Mann in die zweite oder dritte Runde locken wollen. “Ich finde, dass Oralsex auch eine Form für langsamen Sex und Zärtlichkeit ist, nicht für wilden Sex.”

Der Mund-Rachenraum
“30 % der Frauen mögen es, ihren Partner oral zu befriedigen. Und zwar scheint es darum zu gehen, wer führt. Wenn er in ihrem Mund Sex macht und einen Würgereiz hervorruft, ist das Gewalt. Entscheidend für den Genuss der Frau ist, dass sie in dieser Konstellation die Führung übernimmt.” Der typische Mund-Rachen-Bereich der Frau ist 5 bis 8 Zentimeter tief. Der typische Penis 12 bis 15 Zentimeter lang. Das passt nicht ganz. Es könne Probleme geben, wenn der Mann zu stark erregt sei. Als Lösung empfiehlt die Ärztin, mit Daumen und Fingern einen Ring um die Schwanzwurzel zu bilden und dadurch das Glied zu ‘verkürzen’. Man könne sich an den Penis im Mund gewöhnen. Prostituierte erzählten, dass der weiche Rachenraum elastischer werde. “Jede Frau entscheidet: 1. was passiert. 2. ob er im Mund kommen soll oder nicht. 3. ob sie den Samen schlucken will oder nicht.” Oralverkehr solle angeblich dazu führen, dass das Krebsrisiko im Mund-Rachenraum um 1/30 erhöht wird. Trotzdem wird nicht empfohlen, ihn deshalb zu vermeiden.

69er-Stellung
Die gleichzeitige oral-genitale Stimulation beider Partner ist im Optimalfall ein schöner Dialog ohne Worte. “Das Gesichtsfeld ist weg. Du kriegst eine ziemlich starke Erregung und eilst dem Orgasmus entgegen. Aber die Hingabe und das Spüren sind geringer. Ich würde sagen, der Genuss ist nicht ganz so groß.” Andererseits seien dabei durch die Schenkel die Ohren oft taub und die Augen ohnehin geschlossen, die Leistungssinne also ausgeschaltet. Vielleicht könne man sich dann doch voll einlassen: “Es geht um etwas Langsames, Meditatives.”

Bandbreite
Die Hauptlust sind bei diesem Thema Eichel und Klitoris, die mit Mund und Zunge “umspielt” sein wollen. ‘Ballspiele’ an den Hoden könne man mit einbeziehen. Die hätten allerdings wenig Rezeptoren. Wer üben will, probiert Lecktechniken und -variationen an einem Eis. Nicht jeder Eislecker ist ein Übender. Zügeln Sie Ihre Phantasien beim Besuch der Eisdiele. Oralverkehr sei eine gute Nummernverlängerung durch viele Variationsmöglichkeiten nach dem Motto ‘wieder wenig geschlafen, dafür aber gut und entspannt.’ Manche Männer hielten es für eine schnelle Spannungsabfuhr, zu der sie nichts beitragen müssen. Andere ließen sich gerne den nicht erigierten Penis langsam hochsaugen. “Oralverkehr vom Mann bei der Frau ist mit Sicherheit das intensivste Vorspiel. Und wenn man Herrn Clinton glauben darf, muss es umgekehrt Frau bei Mann nicht nur Vorspiel sein.”

Torftipp: Lou Paget ‘Perfekt lieben!: Zwei Bücher in einem Band - Die perfekte Liebhaberin - Der perfekte Liebhaber’, ISBN 978-3442170142

Von Götz Paschen

”Wer ohne Leiden Kinder missbraucht, ist nicht krank, sondern ein Verbrecher”, so Susann Perkovic. Sie arbeitete vier Jahre in der Forensik* im Krankenhaus Bremen Ost. ”Der Grundtenor ist Entwarnung. Die Ängste in der Bevölkerung entsprechen in keiner Weise dem real existierenden Risiko. Die Statistik zeigt, dass Sexualdelikte seit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre abnehmen.” Verstärkte Aufklärung, gute Präventionsarbeit der Polizei und mehr Verurteilungen als früher seien die Gründe dafür. ”Vergewaltigung ist kein Kavaliersdelikt mehr, bei dem man heute noch sagen kann ‘Die hat einen kurzen Rock angehabt’. Die Rechtsprechung ist heute im Zweifel gegen den Angeklagten. Im Gegensatz zu den 70er Jahren, als der Straftäter noch eher mit einem blauen Auge davonkam.” Nach Meinung der Ärztin gehen die Medien sehr verantwortungslos mit dem Thema um. Vergewaltiger und pädophile** Straffällige werden seltener. Die Medienrealität entspricht nicht der Wirklichkeit. ”Die Spitze der pädophilen Sexualstraftaten mit Tötungsdelikten an Kindern war Ende der 60er, Anfang der 70er.”

Forensik
”Wer entscheiden kann, ob er ein Sexualverbrechen begeht, gehört in den Knast und nicht in die Forensik**. In der Forensik muss eine psychiatrische Krankheit vorliegen. Die muss ursächlich dafür stehen, dass jemand Sexualstraftaten begeht.” Psychotiker und Persönlichkeitsgestörte mit Sexualdelikten machen in der Bremer Forensik 10 - 20 % aus, gut zwei Dutzend Männer. Frauen keine. ”Mir ist keine Sexualstraftäterin bekannt. Was nicht bedeutet, dass Frauen keine Kinder missbrauchen. Es ist vermutlich so subtil, dass es außerhalb des strafrechtlichen Rahmens liegt.” § 63 ist der Unterbringungsparagraph im Maßregelvollzug und in Bremen Teil des Psychiatrischen Krankengesetzes, kurz Psych KG. ”Der § 63 bedeutet eine unbefristete Zwangsunterbringung in einem geschlossenen psychiatrischen Krankenhaus. Unbefristet heißt im Prinzip lebenslänglich.” Forensische Psychiatrie ist Maßregelvollzug mit Gefängnischarakter. ”Patienten in der Forensik stammen meist aus der Unterschicht: keine Bildung, desolate Familienverhältnisse ...” Ein missbrauchter Junge. Prügel, Zigaretten ausdrücken auf der Haut ... Er wird als Erwachsener vom Opfer zum Täter, wodurch er eine Kompensation der Demütigung für sich erreicht. Perkovic: ”Von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sprechen wir beispielsweise, wenn jemand andere herabsetzt, um sich selbst aufzuwerten, in unserem Fall in Form einer Vergewaltigung.”

Persönlichkeitsgestörte
Die narzisstische Störung gehört neben der emotional-instabilen und der dissozialen Störung in den Bereich der Persönlichkeitsstörungen. ”Dissoziale Persönlichkeiten sind emotional nicht an die gängigen Moralvorstellungen angeschlossen.” Ihnen fehlen tatverhindernde Hemmschwellen. Verrohung liegt hier vor. Susann Perkovic weist in diesem Zusammenhang auf eine literarische Arbeit über Dissozialität bei Managern hin: ”Snakes in suites” (Schlangen in Anzügen). Andere Folgen, entsprechende Ursachen. In Bremen Ost machen die Persönlichkeitsstörungen 25 % der Sexualstraftäter aus. Alle übrigen sind Psychotiker.

Psychotiker
”Das Gros in der Forensik sind Psychotiker.” Menschen mit Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen, Wahneinfällen und solche, die imperative Stimmen hören. ”Psychotische Sexualstraftäter sind in der Regel schneller draußen, wenn die organische Ursache medizinisch-medikamentös behandelt und eingestellt ist. Wer im psychotischen Zustand ein Sexualverbrechen begeht, ist anders zu bewerten, als ein Persönlichkeitsgestörter. Psychotiker, die über Medikament die Kontrolle zurückgewinnen, sind wieder entscheidungsfähig.” Ein gesunder Mann kann zwischen gut und böse unterscheiden und die Entscheidung verantwortlich treffen. Straftäter mit Entscheidungsvermögen sind Verbrecher, solche ohne findet man in der Forensik.

Psychotherapie
In der forensischen Psychiatrie gibt es für die Patienten einmal in der Woche eine Stunde Einzeltherapie. Neben der Arbeitstherapie spielt die Gruppengesprächstherapie eine Rolle. Dabei unterscheidet man die allgemeine in Bezug auf die Persönlichkeitsstörung und die spezialisierte in Bezug auf die Straftat, wie beispielsweise die sexuelle Devianz der Pädophilie. Sexuelle Devianz ist synonym für Perversion. Susann Perkovic: ”Sexuelle Devianz muss nicht klinisch relevant sein. Wenn alle erwachsen, damit einverstanden und glücklich sind, was ja auch meistens der Fall ist, dann wird nicht behandelt.” Sadomasochismus wäre eine typisches Beispiel hierfür: Schlagen und Freiheitsberaubung als Spielarten sexueller Aktivität bleiben strafrechtlich irrelevant bei freier Absprache. Zurück zur Forensik: ”Die Devianz kann auf dem Boden der Persönlichkeitsstörung entstehen. Ein Beispiel hierfür ist der Mann, der beim Onanieren ausschließlich mit extremen Gewaltphantasien oder mit der Vorstellung von Kindern zum Orgasmus kommen kann. Gelegentlich haben wir Patienten mit intellektueller Einsicht bei fortgesetzter Phantasie. Das ist ein Idealpatient für uns. Jemand der ganz offen darüber spricht, was in seinem Kopf und seinen Emotionen so vorgeht.”

Chemische Kastration
Der medikamentöse Eingriff erfolgt über ein Medikament mit dem Handelsnamen ‘Androcur®’ (Cyprteronacetat). ”Androcur® ist ein Gegenspieler zum Testosteron, dem männlichen Geschlechtshormon. Das Ziel von Androcur® ist, den Testosteronspiegel auf 0 runterzufahren. Das entspricht einer chemischen Kastration und führt meist zu Impotenz und der Erektionsstörungen.” Androcur® kommt historisch aus der Prostatakrebsbehandlung. Allerdings gibt es keine gesicherten Erkenntnisse dafür, dass Androcur® Sexualstraftaten verhindert. Man weiß nicht genau, ob Testosteron der einzige Botenstoff ist, der für die männliche Sexualität zuständig ist. ”Ein veränderter Testosteronspiegel wandelt nicht die Persönlichkeit. Androcur® ist keine Lösung des Problems. Es kann eine Hilfe sein. Viele Patienten wollen kein Androcur®. Die wollen ihre Therapieerfolge ohne dieses Mittel erreichen.” An der Berliner Charité gibt es eine Ambulanz für Pädophile. Androcur® könne für Betroffene außerhalb der Forensik eine Hilfe sein. Androcur® spielt auch nur bei Nicht-Psychoseerkrankten eine Rolle. Die Psychotiker werden mit Neuroleptika behandelt, die ohnehin  erregungsdämpfend wirken. ”Mit Heilung der Psychose schwindet meist das Risiko für sexuelle Übergriffe”, so die Ärztin.

Genesung
”Laut Gesetzgeber steht Besserung vor Sicherung. Aber bei Sexualstraftätern liegt die Rückfallquote sehr hoch: 50 - 60 %. Bei Tötungsdelikten, dem einfachen Mord, liegt sie bei 5 %. Da ist die Prognose besser. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei persönlichkeitsgestörten Straftätern sind 7 bis 8 Jahre. Sexualstraftäter sind in der Regel immer länger drin als Mörder.” Das Problem der forensischen Fachärzte ist, jemanden überhaupt oder zu früh rauszulassen. ”Bei jedem rückfälligen Sexualstraftäter ist der Psychiater, der seine Unterschrift da drunter gesetzt hat, das Arschloch der Nation.” Bei Lockerungen und Entlassungen geht das Team ein gewisses Risiko ein, das von Therapeuten und Pflegern in Lockerungskonferenzen diskutiert wird. Darf ein Straftäter beispielsweise ein Firmenpraktikum antreten, begleiteten Freigang haben, unbegleiteten Freigang ... Hierbei kommen auch Szenarioentwürfe zur Sprache, was schlimmstenfalls passieren kann. Es werden Alarmindikatoren besprochen. ”Lockerungen und Entlassungen gibt es öfter. Die Forensik in Bremen ist bundesweit die lockerungsfreudigste. Und sie hat nicht mehr Rückfälle als andere Bundesländer. Der Chefarzt der forensischen Klinik Herr Schwerdtfeger will Prognosen erstellen aufgrund von Verhaltensbeobachtung bei geringerer Kontrolle.” Man hat die Männer im Lockerungsrahmen stärker im Blick und weiß eher woran man ist, als wenn sie sich jahrelang im engen Rahmen der Forensik angepasst zeigen.

Torftipp: 1) Präventionskurse der Polizei für Kinder. 2) Schlagzeilenwütigen Medien keinen Glauben schenken.

* Forensik: 1) Klinik für psychisch kranke Straftäter. 2) Gerichtsmedizin.
**Pädophilie: auf Kinder gerichteter Sexualtrieb Erwachsener.  Götz Paschen

“Der Beckenboden bewahrt den Inhalt des Unterleibs davor, auf die Straße zu fallen:” Katharina Sykes (43), freiberufliche Hebamme aus Verden, gibt Beckenbodenkurse für Frauen und kann anschaulich erklären: “Die Frau hat im mittleren Beckenboden Schwellkörper, die bei sexueller Erregung und nach dem Orgasmus anschwellen. Der mittlere Beckenboden ist auf der Höhe, wo ein Tampon sitzen würde.” Der Beckenboden unterteilt sich in drei Schichten. Der unterste umschließt bei Mann und Frau die zwei/drei Schließmuskel: Blasenausgang, Anus und Scheide. “Der untere Beckenboden reagiert bei plötzlichen Belastungen: Niesen, Husten, Lachen, Trampolin hüpfen ...” Der mittlere ist der Sicherheitsgurt mit der Haltefunktion als Hauptfunktion. Der oberste Beckenboden ist ein U-Muskel. Er umschließt den Mastdarm und hält ihn quasi zu. Nur für das letzte Stück ist der Schließmuskel zuständig.

Mittlerer Beckenboden
Welcher ist für den Sex relevant? Sykes: “Wir brauchen nur den mittleren Beckenboden beim Sex. Außer du willst beim Sex auf jemanden pinkeln.” Männer können mit ihm beim Sex den erigierten Penis steuern und anheben. “Manche können das nicht, weil sie sich dessen nicht bewusst sind.” Der Beckenboden einer Frau kann weich werden und Platz machen bei der Geburt. Er kann auch ganz eng werden. Orgasmuskontraktionen finden in der Beckenbodenmuskulatur statt. “Sie verengt sich bei sexueller Erregung. Oder eben nicht, wenn ein Paar keine Phantasie hat. Die Frauen verengen die Vagina nicht bewusst, sondern automatisch, weil die Schwellkörper anschwellen. Dadurch verengt sich die Scheide. Die Vagina der Frau schwillt an, weil es gut ist, oder weil sie sich einbildet, dass es gut ist. Natürlich kannst du als Frau den Beckenboden auch bewusst verengen. Du könntest einen Kuli nehmen und mit der Vagina deinen Namen schreiben, wenn du trainiert bist.” Angeblich können die Prostituierten das in irgend welchen thailändischen Puffs.

Bewusstsein, Inkontinenz, OP
Jenseits vom Sex ist das Muskel- und Bindegewebe des mittleren Beckenbodens den ganzen Tag über in Aktion. Wenn wir etwas Schweres heben, drückt die Bauchmuskulatur nach innen. Dadurch steigt der Innendruck im Bauchraum. Würde der mittlere Beckenboden nicht gegenhalten, drücke der Bauchinnendruck die Gebärmutter von oben auf die Harnblase. Das führe zu Blasenschwäche und Tröpfeln, so Sykes. Wenn Frauen in ihre Beckenbodenkurse kommen, hat das meist drei Gründe: Sie wollen ihren Beckenboden bewusst wahrnehmen und nutzen. Der Gynäkologe hat eine Beckenbodenschwäche entdeckt oder die Frau als fortgeschrittene Folge davon eine Inkontinenz. Drittens: Vor und nach einer Operation wollen Frauen ihr Muskelgewebe aufbauen und stärken. Thema Gebärmuttersenkung und Anhebung durch eine OP. “Wenn du 70 bist, kannst du einen papierdünnen Beckenboden haben. Um bei einer OP die Gebärmutter im Bauchraum ein Stück höher vernünftig annähen zu können, muss die Muskulatur vermehrt werden, zum Beispiel durch Training.”

Verspannte Lippen
“Du verengst den Beckenboden auch unbewusst, wenn du die Lippen anspannst. Dann hast du einen verspannten Beckenboden.” Inkontinenzursache können sowohl ein verspannter als auch ein erschlaffter Beckenboden sein. Verkrampfungen des Beckenbodens können auch zu Verstopfung führen. Sykes trainiert mit ‘ihren’ Frauen den Beckenboden auch, indem sie Lippenübungen macht. “fffff” oder “ssss” schließen die Lippen und den mittleren Beckenboden. “Ahh, ohh und uhh” öffnen ihn. Diese Öffnung wird eingesetzt bei der tönenden Wehenatmung (ein gestöhntes ‘Ahh’), in der Pressphase der Geburt. “Beim Gesangsunterricht trainierst du mit den Lippen auch das Zwerchfell”, beschreibt sie eine entsprechende Übung aus einem anderen Kontext.

Keine oder mehr Lust
“Wenn die Frau mit verkniffenen Lippen abends im Bett liegt, wird nichts laufen.” Für den Mann eine wichtige Information. Verspannte Lippen = Beckenbodenverspannung. “Ein verspannter Beckenboden ist nicht gut durchblutet. Und dann hat man auch keinen Bock.” Lachen lockert die Muskulatur. Wer viel lacht, habe eine elastische Gesichtsmuskulatur und damit einen elastischen Beckenboden. Durch Beckenbodentraining hat die Frau eine zusätzliche Stimulationsmöglichkeit für den Mann. Sie kann den Penis rausdrücken, reinsaugen, mehr oder weniger oder rhythmisch umschließen. Die Stellung ist dabei egal. Im Hohlkreuz sei der Beckenboden geöffnet, mit rundem Rücken verengt. Wieder nur was für ihn? Exkursbesucherinnen aus ihren Kursen in Düsseldorf, dem vorherigen Wohnort, berichteten: “Natürlich macht das auch den Frauen mehr Spaß. Wenn sich der Penis in der Scheide wegen fehlenden Kontakts verliert, spürt eine Frau den Mann viel weniger in sich.” Männer im Erstkontakt mit trainierten Frauen kriegten Angst oder freuten sich. Der Beckenboden schwillt bei der Frau mit dem Orgasmus an und verengt dadurch die Vagina. “Es könnte also klüger sein, wenn die Frau vor dem Mann kommt.”

Fazit
“Wenn der Beckenboden stimuliert wird, weinen Frauen manchmal nach dem Sex, auch wenn er gut war. Sie sind seelisch berührt.” Manche sagten, ‘die Seele der Frau liegt im Beckenboden’. Der Einsatz des Beckenbodens sei eine Variation beim Sex, die ganz lustig ist. “Aber diese Variation ist auch zu wenig für 20 Jahre guten Sex. Für eine Frau fängt guter Sex beim Frühstück an, Stunden vorher.” Sykes abschließend: “Wenn zwei sich lieben, muss der Sex nicht gut sein, auch technisch nicht.”

Torftipp: Noch Fragen? Katharina Sykes, 0 42 31 - 9 39 22 39, www.hebamme-sykes.de

Von Götz Paschen

“Es gibt kein Kondom, das so gut anliegt und so ein gutes Gefühl macht. Die passen einfach. Ich frage mich, warum da nicht eher jemand drauf gekommen ist”, erklärt Hans Dampf aus dem Landkreis Verden. Er hat Sex mit dem ’54N’ und seitdem keine Probleme mehr mit Kondomen. Das Gefühl sei wie beim Anzugkauf: “Mensch, der passt ja. Der ist wie für mich gemacht. Wer also zufällig genau in das Fromms-Standardkondom reinpasst, hat auch das Maßkondomgefühl.” Alle anderen nicht. 14,5 Zentimeter ist die Länge vom erigierten deutschen Durchschnittsschniedelwutz. 18 die vom Durchschnittkondom. Schlappe 15 Cent kostet einen dieser Spaß beim Maßkondom mehr pro Gummi, erklärt Nico Müller von Möschen & Müller, dem Erfinderduo dieser Geschäftsidee. Ein gutes Markenkondom mit Standardgröße von Durex koste auch 1,- Euro. Die Coripa-Kondome liegen bei 1,15 Euro, beziehungsweise 6,90 Euro im Sixpack und sind nur im Versandhandel erhältlich. Der Name kommt von Condom richtig passend. Der Erfinder: “Vom Aufwand her müsste man das Doppelte nehmen. Ein Maßanzug kostet auch erheblich mehr. Aber wir wollen die Jugendlichen als Zielgruppe auch erreichen.” Problem: Welcher Jugendliche kann per Vorabüberweisung, Nachnahme, Kreditkarte oder Paypal im Onlinehandel bezahlen? Maßkondome sind für alle Männer interessant. Hans Dampf: “Das Maßkondom sitzt, passt, und du wirst beim Sex nicht von der Kondomfrage abgelenkt. Du musst weniger aufpassen und hast entspannteren Sex.”

Überfällig
“Maßkondome sind als Entwicklung längst überfällig. Pessare gibt es für Frauen in vielen verschiedenen Größen. Das geht auch nicht anders, weil sie sonst abrutschen. Sie werden vom Frauenarzt von der Größe her an den Muttermund angepasst”, so Hans Dampf. Scheidenpessare, auch Diaphragma, sind Gummi- oder Silikonkappen, die zur Verhütung über den Muttermund gelegt werden und ein Eindringen der Spermien verhindern. Für die Maßkondome sind sowohl Schwanzumfang und -länge wichtig. Wer misst beide, der Urologe? Hans: “Selbst ist der Mann. Das Problem ist, das Glied muss voll erigiert sein. Wer will sich schon vor seinem Urologen so zeigen? Sobald der sein Maßband anlegt, geht die Lust doch flöten.” Also geht man auf die Coripa-Internetseite, lädt sich die Messschablone als pdf herunter und druckt sie aus. So mancher Drucker macht dann mal aus dem Kontrollmessstreifen der Schablone, der eigentlich 10 Zentimeter lang sein soll, nur 9 oder sogar 11 Zentimeter. Schon passt das schönste Maßkondom nicht mehr. Man kann aber beim zweiten Ausdruck (Eigenschaften > Effekte > Größenänderungsoptionen) die passende Größe einstellen, dass die Schablone stimmt. Wer brav der Anleitung folgt, kommt klar.

Lustgewinn
‘Kondome zu benutzen, ist wie duschen mit Regenmantel’, so oder ähnlich lauten Männersprüche über Gummis. Hans: “Männer sprechen auch nicht so viel über Kondome. Die meisten wissen gar nicht, dass es Maßkondome gibt.” Es geht um Lustgewinn: “Verrutschende Kondome erzeugen schnelle Oberflächenirritationen auf Schaft und Eichel. Das ist unangenehm. Schnelle Bewegungen führen zu Stressreaktionen. Die langsamsten Bewegungen lösen die größte Lust aus. Deswegen ist Sex mit rutschenden Kondomen nicht so erregend.” Und es geht um Sicherheit: “Unten an der Schwanzwurzel gibt es bei zu langen Kondomen Fältchen, und die sorgen dafür, dass der obere Teil vom Kondom beim Hin und Her im Laufe des Verkehrs nach oben rutscht. So wird aus dem Reservoir ein schlabbernder Sack, der da vorne rumhängt.” Und gleichzeitig eine Lustbremse.

Herstellung
Nico Müller aus Moers hat mit seinem alten Schulfreund Oliver Möschen schon seit Jahren nach einer guten Geschäftsidee gesucht. Beide frische 31 Jahre jung. Müller als extrovertierter Vertriebler, Möschen als ruhiger EDVler - ein gutes Duo. Maßanzug, Maßschuhe, ‘mein Müsli’ selbst online zusammengestellt im Versand. Müller: “Warum gibt es alles als Maßanfertigung, nur das nicht?” 600 Millionen Kondome werden allein in Deutschland jährlich verliebt. Müller: “Kein Hersteller hat gesagt ‘Das Konzept ist Unsinn.’ Die Großindustrie sagt, für uns rechnet sich das nicht. Es ist zu aufwändig.” Seit fünf Jahren stricken Möschen und Müller an ihrem ersten Maßkondom. Seit Februar 2009 sind verschiedenste Größen im Online-Handel erhältlich. Die beiden Westfalen haben einen Hersteller befunden, der von sich sagt: “Ich bin verrückt genug, das mit euch durchzuziehen.” ‘Richter Rubber Technology’ in Malaysia baut mit deutscher Technologie, dlf-geprüfte und CE-zertifizierte Lümmeltüten und ist gleichzeitig Hersteller von Kondomproduktionsmaschinen. Kondome werden hergestellt, indem entsprechende Zylinder in flüssiges Latex getaucht werden. Maßkondome verlangen vom Hersteller erhebliche Investitionen. Müller: “Pro Fertigungsstraße sind das 800 Zylinder. Die Länge ist kein Thema. Aber wir haben 13 verschiedene Umfänge im Programm. Und bei der Umrüstung auf eine andere Zylindergröße entstehen jeweils zwei Stunden unproduktive Zeit.”

Im Dunkeln
Unklar ist noch, welche Größe wie oft produziert werden muss. Der Erfinder: “Es gibt nahezu keine Studien, welche Größen der Markt verlangt. Am Anfang produzieren wir 50 % am Markt vorbei. Pro Familia meinte zu der Maßkondomidee: “Was Sie machen, ist das Sinnvollste, was je im Kondombereich passiert ist.” Entsprechend fördert Coripa auch den Kondomführerschein an Schulen. Nico Müller erläutert die vier Hauptprobleme: Ist das Gummi zu eng, reißt es eher. Ist es zu weit, neigt es abzurutschen. Ist es zu lang und wird nicht ganz abgerollt, rollt es sich von der Wurzel Richtung Eichel wieder auf. Ist es zu kurz, ist das das geringste Problem, kann aber auch wieder abrutschen. Der Umfang ist entscheidend für die Sicherheit. Letzte Frage, was bedeuten die Produktnummern: 61W, 36J, 54N ... “Es ist ein fiktiver Code. Wir wollten vermeiden, dass ein direkter Größenvergleich möglich ist. Wenn jemand sagt ‘Ich benutze 61W.’ weiß keiner, was das für eine Gliedgröße ist. Und das ist auch gut so.”

Torftipp: www.coripa.de, 0 28 41 - 781 93 41.