20 Jahre Torfkurier, der Film






Sprengstoff mischen aus Shampoo

Sicherheitskontrollen am Flughafen.

Von Götz Paschen

Fotos: Marcel Klinger/pixelio.de und Sandro Almir Immanuel/pixelio.de

Wir sitzen in einem obskuren Keller im Bremer Viertel. Vierte Kursstunde: Flüssigsprengstoff. Die IS-Sektion Norddeutschland hat eingeladen zum Chemieunterricht mit Praxisteil. Ich mische aus einer Tube Zahnpasta, einer Deorollerfüllung und 200 Millilitern Schuppenshampoo in einer Einwegglasflasche eine Splitterbombe. In einem schäbigen Hinterhof werfe ich aus zwölf Metern Entfernung die Bombe gegen eine Hauswand. Mit Kreide ist dort eine Tür aufgezeichnet auf der steht ‚Cockpit‘. An der Wand läuft literweise Hygieneschmiere runter. Gelegentliches Glasklirren, Scherben, sabbernde Rossmannsoße wandab. Es stinkt, als wollte ein Rudel Pubertierender auf seine erste Flaschendrehparty. Wir sind knapp dreißig Leute. Viele Dunkelbärtige plus europäische Sympathisanten. Schon unsere Autofahrten aus ganz Norddeutschland in das Schulungszentrum bedrohten die innerdeutsche Sicherheit mehr als unser Sprengstoff.

Am Flughafen
Testflug – fünfte Kursstunde. Wir stehen am Sicherheitspunkt im völlig überfüllten internationalen Bremer Großflughafen. Alle legen ihr Handgepäck aufs Laufband, ziehen die Gürtel aus den Hosen und legen auch die neben Intimpiercings, Schlagringe, Nagelscheren, Springmesser und Schlagstöcke aufs Band. Mit rutschenden Hosen hoppeln wir durch die Absperrung. Das Ablenkmanöver funktioniert. Wir versuchen zu fünft genug Hygieneflüssigkeiten in den Flieger zu schmuggeln, um eine Bombe bauen zu können: Creme, Parfum, Sonnenmilch. Teils in der durchsichtigen Reißverschlusstasche, aber unter 100 Milliliter nach Vorschrift. Teils versteckt. Dazu kleine Wasserflaschen, die sie aber konfiszieren. Wir hatten gedacht, unterwegs aus dem Wasser den Sauerstoff herauszutrennen und eine Wasserstoffbombe zu bauen.

Einstein
Wir bringen auf dem Fliegerklo im Luftraum zwischen Osnabrück und dem Sauerland nichts zustande. Ein wildes Geschmiere. Einer hat Bio-Zwiebelschmelz und ein Feuerzeug reingeschmuggelt. Aber es hilft nichts. Außer Drogeriegestank und Sauerei auf dem Ruckelklo erzeugen wir keinen nennenswerten Schaden. Absolute Gewaltbereitschaft bei null Wirksamkeit. Ganz im Gegensatz zu dem verwirrten Pazifisten Einstein, der federführend an der Atombombe mitgearbeitet hat. Zwei resolute Flugbegleiterinnen treten die Klotür ein und überwältigen uns durch ihren Charme und einige geschickte Handgriffe. Am Frankfurter Flughafen werden wir der Leiterin der Putzkolonne übergeben, müssen das Klo putzen und die Tür reparieren.

Frankfurt
Jetzt können wir uns nach missratener Mission wenigstens die Stadt angucken. Der Palmengarten steht in voller Pracht. Im Grüneburgpark in Bockenheim lungern wir zwischen hübschen Studentinnen von der nahen Goethe-Uni rum. Nachmittags ziehen wir nach Sachsenhausen und schütten uns mit Äppelwoi zu. Dann lernen wir ein Rudel ehemaliger US-Soldaten kennen. Die besuchen ihren alten Stützpunkt. Wir saufen gemeinsam Leichtes und Hartes. Nach der dritten Runde, die auf Kosten der Amis geht, haben wir einen Pakt geschlossen. Gemeinsam werden wir das zivilisierte Europa destabilisieren. Was Strategie und Waffenbau angeht, können wir von den Amis noch einiges lernen. Laut grölend schmieden wir im nächtlichen Sachsenhausen auf offener Straße Kriegspläne, bevor wir von der Polizei davongejagt werden.

The day after
Ich werde völlig verkatert am Mainufer wach. Die Sonne brennt. Schweiß und Alkoholgestank erinnern an einen gelungenen Abend. Die Flugbegleiterinnen hatten wir dann spät noch in einer Kneipe getroffen. Es ist uns nicht gelungen, sie unter den Tisch zu trinken. Aber wir hatten nach misslungener Weltrevolution noch gehörig Spaß. Von einer habe ich die Telefonnummer bekommen. Sie hat sie mir auf die Stirn geschrieben. Ich wasche mich dürftig am Mainufer und vermisse Shampoo, Deo und Zahnpasta. Auf einem öffentlichen Pissoir versuche ich die spiegelverkehrte Nummer in mein Handy einzutippen. Verwähle mich zweimal, gebe es auf, finde ein paar Euro in der Hosentasche und suche mir die nächste Kneipe für den aufkommenden Nachdurst.

Torftipp: Revolutionen vernünftig vorbereiten.