20 Jahre Torfkurier, der Film






Satt, aber unzufrieden

Verdruss im Überfluss.


Von Götz Paschen

Kühlschrank voll. Schlechte Laune. Magen voll. Verstimmung. Bett kuschelig. Kein Schlaf. Partner neben sich. Mangel an Liebe. Fläzen vorm Fernseher. Schlechte Unterhaltung. Gesunde Kinder um die Füße. Genervt. Volle Bildung, staatlich finanziert. Verblödung. Nur 40 Stunden Arbeit. Übermüdet. Genug Freunde und Bekannte. Keine relevante Begegnung. Weltweiter Informationszugang. Mangel an Reizen. Großer Garten. Nur Arbeit. Kreativer Beruf. Nur Stress. Hütte warm. Keine Geborgenheit. Saufen geht: Abschalten. Kippe im Hals. Kein Genuss. Egal welche Drogen. Schlechtes Gewissen. Zwei Meter CDs. Nichts zum Anhören. Klamotten wie doof. Nichts zum Anziehen. Stundenlang duschen. Keine Erfrischung. Tolle Schminke. Leeres Gesicht. Geliebter für Sex. Nur Theater. Wahnsinnsmedizin. Trotzdem krank. Kirchen überall. Herz leer. Psychotherapie auf Krankenkasse. Seele leer. Überall Konzerte, Theater, geniale Kunst. Kopf leer.

Übergangen
Dankbarkeit. Verlernt. Demut. Nie gelernt. Gnade. Nie erfahren. Sehnsucht. Nie ausgekostet. Trost. Nie gespürt. Hoffnung. Nie gehabt. Mitgefühl. Unterentwickelt. Phantasie. Medienbetäubt. Trieb. Abgestorben. Lust. Eingeschlafen. Wahnsinn. Nie gekannt. Mangel. Nie schätzen gelernt. Trauer. Immer verdrängt. Mut. Selten probiert. Gott. Abgehakt. Angst. Oft zugelassen. Trägheit. Oft gefolgt. Konsum. Viel gelebt. Gier. Ausgetobt. Muße. Nie ausgehalten. Vergnügen. Schon lange her. Humor. Nie erkannt. Kinder. Selten gesehen. Sicherheit. Nicht geschätzt. Wertschätzung. Was ist das? Fülle. Missverstanden. Körper. Nie genossen. Gesundheit. War selbstverständlich. Potenz. Inzwischen egal. Tanz. Geflohen. Zärtlichkeit. Weggevögelt. Schwäche. Übergangen. Innehalten. Überrannt. Selbstkonzept. Verloren. Würde. Selten gesucht. Stress. Gewählt. Glück. Unterschätzt. Wird schon. Überstrapaziert. Warnsignale. Augen verschlossen. Geduld. Nicht geschafft. Sinn. Nicht gefunden.

Gesucht
Betäubung. Gesucht und gefunden. Gefunden. Und immer wieder gefunden. Variabel genutzt und genossen. Aufkeimende Skepsis. Ertränkt. Plattgesurft. Breitgelabert. Doofgeguckt. Weggepennt. Krebs. Tinnitus. Infarkt. Bandscheibenvorfall. Bekommen. Haut. Erkrankt. Allergien. Kennengelernt. Zahnfleisch. Drauf gegangen. Nerven. Aufgerieben. Magen. Verstimmung. Leber. Voll Promille. Hals. Nicht vollgekriegt. Betäubung. Gut bedient: Medien, Nikotin, Alkohol, Macht, Geld, Sex, illegale Drogen, Statussymbole, Spielwut. Fluchtorte: Stadion, Männerrunde, Frauengruppe, Leistungssport, Büro, Baustelle, Kindererziehung, Muckibude, Kosmetiksalon.

Fragen?
Sprachvermögen: Keine Zeit. Kein Geld. Keine Ahnung. Keine Lust. Egal. Macht nichts. Warum ich? Der hat angefangen. Gerne. Muss ja und selbst? Vertagen. Verschieben. Das können wir so nicht darstellen. Da kann ich dir nicht helfen. Da will ich nichts zu sagen. Da bin ich nicht dran schuld. Was geht mich das an. Kann man nichts machen. Was bringt mir das? Lass uns mal telefonieren. Schwamm drüber. Vergiss es. Das haben wir immer so gemacht. Sprachunvermögen: Tut mir leid. Wie geht es dir wirklich? Brauchst du noch Zeit? Geht dir das nahe? Soll ich dir einen Tee kochen? Bist du müde? Kann ich Ihnen helfen? - Und interessanterweise bewegt sich dieses Vokabular überwiegend in der Frageform. Das sollte Ihnen zu denken geben. Wenn Sie Aussagen im Dialog treffen, sind Sie meist bei sich. Was haben Sie da zu suchen, wenn es um Verständigung geht? Wo wollen Sie wirklich sein? Wo aber sind Sie? Wie kommt es, dass Sie sich dort aufhalten, wo Sie gar nicht sein wollen? Was hält Sie davon ab?

Warten
Kühlschrank voll. Kein Appetit. Leerfressen. Bis es am Ende nur noch Graubrot mit Mayonnaise gibt. Und saure Gurken aus dem Glas. Reduzieren: Termine, Vorräte, Medienberieselung, Lärm. Platz schaffen für innehalten und wahrnehmen. Und wahrnehmen, was kommt. Und wenn nichts kommt, das wahrnehmen. Und warten. Warten und innehalten, was kommt, ob etwas kommt und was kommt. Und wenn erst einmal nichts kommt. Das begrüßen und dankbar dafür sein.