20 Jahre Torfkurier, der Film






Rattenschaf

Wer gab ihm einen Fiskuß?


Von Götz Paschen

Kürzlich kam ich an eine Kreuzung. Was ich dort traf, war ein Rattenschaf. Hatte ich vorher auch noch nie gesehen. Laut Vererbungslehre ein Ding der Unmöglichkeit. Plötzlich kommt ein Finanzbeamter dahergerannt und will die Erbschaftssteuer eintreiben. Das Rattenschaf nimmt es gelassen. Vorne Schaf hinten Ratte, spricht der Finanzbeamte natürlich mit dem Schafteil. Der meint aber, er wäre nur für die Steuer auf seine Hälfte zuständig. Daraufhin redet der Mann auf den Hintern mit dem langen grauen Schwanz ein. Bis auf einen trockenen Furz erhält er von dort keine ergiebige Information. Währenddessen kaut das Schaf stur an den Rabatten des nächstgelegenen Parkplatzes.

Rabatten
“Apropos”, fragt es den Beamten, “wie wäre es mit Rabatten?” Der will davon nichts hören. “Entschuldigung, haben sie denn gar keinen Verhandlungsspielraum?” Man hört ja nicht selten von Finanzbeamten, dass sie einen bei Unklarheiten schätzen. Vorher will er wissen, wie viel Erbgut das Rattenschaf denn nun vom Schaf mitbekommen hat. Dann könne er wenigstens die vordere Hälfte besteuern. Geht es nach Gewicht, Genvolumen oder Gesamteindruck? Wie wiegt man ein halbes Schaf, ohne es zu schlachten? Und genetisch spielt der Charakter des Tieres doch sicherlich auch eine große Rolle? Wie soll so ein armer Beamter das denn nun gewichten? Dazu ist der überhaupt nicht ausgebildet. Und beim Gesamteindruck wären wir wieder in der Zone des Schätzens. Sicherlich nicht die schlechteste Grundlage für den fiskalischen Zugriff. “Ich schätze sie”, sagt er trocken und leidenschaftslos. “Ich sie auch”, erwidert das Schaf und wundert sich über den wechselhaften Verlauf des Dialoges. Er nennt ihm den Preis. Wir sprechen im Fachjargon von Steuerschuld. Aber die meisten denken dabei sicherlich an einen Unfall. Und das auch ganz zu Recht. Denn gerade ereignet sich auf dem Parkplatz ein folgenschweres Unglück.

Der Rüde
Beim Ausparken fährt ein rüder Fahrer dem Rattenschaf über den langen grauen Schwanz. Und nicht nur das! Er fährt ihm mit Schwung hinten rein. Da es ein rüder Fahrer ist, wundert es niemanden, dass ihn das Rattenschaf mit “Dummer Hund!” beschimpft. Warum immer die Rüden so unachtsam fahren, kann dem Finanzbeamten auch keiner erklären. Dass das Schaf schimpft, wundert nun den Finanzbeamten. Schließlich hat es den hinteren Rattenteil getroffen und nicht den Schafsteil vorne. “Wenn sie für die Rattenhälfte schimpfen, trifft sie auch die zweite Hälfte der Steuerschuld.” “Die Steuerschuld trifft eindeutig den Rüden”, blökt das Rattenschaf den Finanzbeamten an. Der Rüde winkt ab. “Mich trifft keine Steuerschuld. Ich bin pauschal versteuert.” Den Eindruck könnte man haben. Was keiner weiß, ist, dass der Rattenschwanz nicht sein erstes Opfer ist. Auf sein Konto gehen diverse Katzen, Igel, Kaninchen, zwei Radfahrer, ein Dreiradfahrer und drei Fußgänger.

Die Leiter
Fragen wir doch einmal beim Leiter der Kreissparkasse nach: “Entschuldigung, gibt es bei ihnen Konten, auf die man Katzen, Igel, Kaninchen und Dreiradfahrer einzahlen kann?” “Nein, wir haben nur Konten für Giralgeld und Sparkonten.” Schade, die Antwort befriedigt hier keinen. Richten wir die Anfrage doch einmal an den Leiter der Volkspunk: “Entschuldigung, haben sie Konten für Katzen, Igel und Dreiradfahrer?” Der Volkspunk erwidert: “Logisch. Nur sind zur Zeit die Zinsen tierisch im Keller.” Da kann der Dreiradfahrer nicht folgen. Schließlich sind Dreiradfahrer nicht tierisch. Und strafmündig sind sie auch nicht. Daher trifft sie bei Unfällen auch nie die Steuerschuld. Es sei denn, sie sind älter als 14 Jahre. Das bringt den Hund auf eine Idee: “Wird meine Steuerschuld nach Menschen- oder Hundejahren errechnet?” Er will darauf hinaus, dass er mit seinen 70 Hundejahren umgerechnet in 10 Menschenjahre noch gar nicht strafmündig ist. “Schafmündig?” fragt das Schaf. Es hat nicht richtig zugehört. Wieder kaut es träge an den Rabatten. Dem Finanzbeamten ist das alles langsam zu doof. Er will irgendwo abkassieren. Wer abends beim Pförtner im Amt nichts vorzuweisen hat, verliert seine Stelle. “Ich schätze jetzt ihre Steuerschuld”, sagt er “und ziehe Ihnen zum Begleichen das Fell über die Ohren.” Was er vergisst zu sagen, ist, dass er nur dem vorderen Teil vom Rattenschaf das Fell über die Ohren zieht.

Das Ende
Fleischnackt steht das arme Tier im zugigen Winterwind. Hinten angefahren, vorne gänzlich entblößt. Was ist das für ein Scheißleben, denkt sich das Rattenschaf und humpelt über den Parkplatz in die hinterletzte Ecke. Der Finanzbeamte schultert das halbe Fell und macht sich auf den Weg. Das Blut läuft über seinen Anzug und tropft ihm von hinten in die Schuhe. Der Rüde startet seinen Wagen und fährt den Finanzbeamten an der nächsten Ecke über den Haufen. Wir fragen den Volkspunk: “Und auf welche Konten zahlt man Finanzbeamten ein?” Da hat der keinen blassen Schimmer von. Hinter seinem Schlips lugt eine weiße Ratte hervor. Auf dem Schlips sind Nieten. Umnieten denkt der Rüde, bevor er erneut auf die Tube drückt. Colgate würde ich sagen. Oder wie hieß noch der Berg, auf den Jesus das Kreuz getragen hat?