20 Jahre Torfkurier, der Film






Produkte im Selbstversuch

Das Drama mit der Distanz.

Von Götz Paschen

Foto: Dennis Schlender/pixelio.de

Wer hat schon immer klar vor Augen, was er schafft, wenn er arbeitet. Mein Vorschlag: Alle Produzenten vom Arbeiter über die Sekretärin bis zum Vorstand müssten die Produkte, die sie herstellen, über einen angemessenen Zeitraum selber nutzen.

Gesundheit
Die Krankenschwester darf selber mal auf ihrer Station eine Woche im Bett liegen. Der Oberarzt wird von einem entsprechend flotten und kernigen Kollegen beraten und operiert. Der Gesundheitspolitiker liegt drei Monate im Krankenhaus und guckt, zu was die Fallpauschalen konkret führen. Jeder wird so zugeordnet, wie er es selber handhabt. Der Rüpel zum entsprechenden Kollegen. Der Einfühlsame zum Einfühlsamen. Und die Pharmaindustrie testet alle Produkte immer über den üblichen Verschreibungszeitraum am gesamten Vorstand und Aufsichtsrat, vom Hustenbonbon bis zur Strahlentherapie.

Unterhaltung
Dieter Bohlen muss sich 48 Stunden am Stück sein Programm angucken. Der Programmleiter von Radio Energy kriegt als ausschließliche Lektüre für vier Wochen die redaktionellen Wortbeiträge von seinem Sender. Ob die überhaupt verschriftlicht vorliegen, wage ich zu bezweifeln. Und die Spiele-Programmierer müssten auch mal ein paar Monate Pokémons jagen. Alle Smartphone-Herstellenden und ihre Kinder müssen den Technikramsch täglich fünf Stunden als Pflichtspielprogramm bedienen, bis zur völligen Verblödung. Stört die das überhaupt?

Ernährung
Toastbrothersteller dürfen ein Jahr lang nur noch Toastbrot essen. Filialleiter von Fast-Food-Restaurants müssen sich entsprechend lange mit ihrer Familie nur noch in der Filiale ernähren. Tabakhändler und Zigarettenproduzenten sind verpflichtet täglich mindestens eine Schachtel wegzuqualmen. Und das über den Zeitraum ihrer gesamten Lebensarbeitszeit. Damit hätten wir in den Chefetagen schon mal keine erfolgreichen Freizeitsportler und ein gewisses Unbehagen gegenüber dem eigenen Produkt. Durch den Lungenkrebs aber auch keine exorbitanten Rentenzeiträume von Spitzenverdienern.

„3. Welt“
Spritzmittelhersteller von Monsanto müssen selber in Lateinamerika in den Feldern arbeiten, während sie vom Flugzeug aus mit Pestiziden besprüht werden. Goldminenaktionäre und -funktionäre trinken das ungefilterte Wasser aus den Flüssen in der Nähe ihrer Minen. Während alle Textilhändler und -verkäufer mit ihren Kindern aus den Industrienationen zum halbjährlichen Praktikum in den Nähfabriken in Bangladesch antreten dürfen: 14 Stunden täglich, keine Klimaanlage, Hungerlöhne … Im Umkehrschluss kommen die Regenwaldureinwohner nach Deutschland, brennen uns Zivilisierten die Häuser und Arbeitsstätten nieder und versklaven uns für einen Hungerlohn in den Slums rund um Hamburg, Dortmund und Stuttgart.

Rüstung
Die Tretminenhersteller (Arbeiter, Verwaltung und Familien) stellen sich jeder einmal auf eine scharfe Tretmine, um zu erfahren wie wirkungsvoll das Ergebnis ihrer Arbeit ist. Danach werden sie medizinisch so notdürftig versorgt, wie es in entsprechenden Kriegsgebieten üblich ist. Putin, Erdogan und Obama/Trump müssen bei jedem bewaffneten Konflikt vorne in die erste Reihe in die Schützengräben. Die Mitarbeiter von Rheinmetall dürfen einmal mit einem ihrer schicken Panzer das eigene Haus in Schutt und Asche legen, während die Familie friedlich darin schlummert. Die Schusswaffenhersteller von Heckler & Koch können sich die Handfeuerwaffe nach Wunsch aussuchen, mit der sie auf ihre Angehörigen und nachher auf sich selber schießen. Vielleicht wären sie dann doch lieber Masseur, Musiklehrerin, Clown oder Kindergärtnerin geworden.

Torftipp: Verantwortung übernehmen. Weiterdenken.