20 Jahre Torfkurier, der Film






Ohr in Hosentasche

Imbiss beim Chinamann.


Von Götz Paschen

“Ja Tom, nee Scheiße, warte mal ... Mir ist gerade Hähnchen auf die Hose gefallen. ... Wie nicht alles gleichzeitig machen?” Nudeln, Gemüse, Sojasprossen ... Multitasking, also alles gleichzeitig und nichts richtig, können auch Männer. Die Nudelschale in der einen Hand, Plastikgabel in der anderen und das Handy. Mit Kinn und halber Hand öffnen, entsperren. Verspannte Akrobatik auf dem Jahrmarkt. Ein Idiot und seine kleinen Ziele. Klemmt sich das Ding zwischen Schulter und Ohr. Telefoniert mit Tom. Packt sich Bambus ins Gesicht und hat keine dritte Hand mehr frei. Um sich die Soße, die runterläuft, vom Kinn zu wischen. Dazu der Lärm vom Autoskooter. Dass er brüllen muss in sein Handy.

Ein Spaß
Gehen wir mal hin. Ziehen ihn am Ohr, das gerade kein Telefon einklemmt. “Ej du Arsch. - Tom, warte mal. - Ej, bist du noch ganz frisch? Lass mein Ohr los ...” Alter, hau ihm doch die Nudelportion in die Fresse. Dann hast du wenigstens die Hände frei. Hält verbissen an allem fest, was ihm lieb und teuer ist: Chinanudeln, Plastikgabel, Handy. Wir ziehen noch stärker an seinem freien Ohr. “Kommst du noch klar. - Ne, Tom, das glaubst du nicht. - Lass mich los du Wichser. Sonst polier ich dir die Fresse.” Klingt mit vollem Mund alles nur halb so bedrohlich. Tritt mit dem rechten Fuß hinter dem Ohrzieher her, der ausweicht. Und balanciert zeitgleich die Nudelschale verlustfrei in der Linken. Sticht mit der Gabel nach der Hand, die ihn am Ohr zieht. Wir lassen rechtzeitig los. Er sticht sich selbst in den Hals. “Scheiße, Tom, ej, ich hab mich verletzt.” Schmeiß die Nudeln weg, leg endlich los. Wir ziehen ihn wieder am Ohr. “Was sagst du, ich hab dich nicht verstanden. Auflegen. Ja.” In seinem Ohr Geräusche von reißendem Knorpel. Noch ist es dran. Sein Kopf gibt nach. Das Handy liegt eine ewige Sekunden auf seiner Schulter, bevor es auf den Boden fällt. “Man, du Arsch, das gute Nokia. Fotoapparat, Internetzugang ...” Brüllt er Nokia-Werbung kompakt formuliert über den Jahrmarkt. Der moderne Mensch an der digitalen Kommunikationsnabelschnur. Rien ne va plus.


Szene 2
Kurz darauf haben wir die Nudeln im Gesicht. Und die Plastikgabel in der Stirn. Nasenbluten vermischt sich mit Sojasauce süß-sauer. Schmerzgrenze überschritten. Wir haben sein linkes Ohr in der Hand und stecken es in die Hosentasche. Tom sitzt daheim auf dem Sofa, weiß nicht, was er jetzt machen soll. Nimmt einen Schluck Bier, schaltet den Fernseher aus und ruft seine Freundin an. Die knutscht gerade mit ihrem Nachbarn im Wohnzimmer rum und nimmt nicht ab. Wieso sollte man vom Knutschen auch abnehmen. Was anderes wäre es, wenn sie mit ihrem Nachbarn zusammen joggen würde. Denkt Tom auch, nachdem er hingefahren ist und durchs Wohnzimmerfenster seine Susi mit einem anderen sieht. - Zurück zum Jahrmarkt: Unser Nasenbeinbruch. Er bückt sich nach seinem taufrischen Nokia. Hält uns vorwurfsvoll das Handy hin. Wütender Blick von unten. Jeansknie trifft Schneidezähne.

Szene 2 neu
Zu brutal, sagt der Werbeproduzent. Na gut: ... Hält uns vorwurfsvoll das Handy hin. Wir: “Cool, das neue Nokia Blue Screen 3.0.” Wir nehmen es und drücken auf Wahlwiederholung. “Hallo.” “Ja, hier Gonzo-Media, mit wem spreche ist?” “Hier ist Tom.” “Es geht noch!”, quiekt der Nudelesser und grabscht nach seinem Handy. “Tom, bist du es?” Auf der Terrasse in Susis Garten liegt aufgeklappt ein zweites Nokia Blue Screen 3.0 aus dem es quakt: “Tom, Tom, sag doch was.” Scheibenklirren. Unser Jahrmarktbesucher macht ein verdutztes Gesicht. Währenddessen kloppt Tom eine Blumenschale nach der anderen durch das gesplitterte Panoramafenster in Susis Wohnzimmer. Neun Stück. Er läuft zu seinem Lada, setzt mit Vollkaracho rückwärts gegen den Stützpfosten unter dem Vordach in den Wintergarten. Ohrenbetäubender Glasbruchlärm. Das halbe Dach stürzt ein und begräbt unter anderem Toms Nokia unter sich. Schnitt. Spot auf das Nokia unter den Trümmern. Es geht noch: “Tom! Tom, was machst du?” Schlussbild. Standbild mit dem Slogan “Nokia. Top quality - small size.”

Kritik
Zuviel Getöse meint der Nokia-Fuzzi am Dreh. Fick dich. Wir gehen zur Chinatante. Die Fooddesigner bauen schon eine neue Schale zusammen. “Einmal Hühnchen süß-sauer.” “Nein, nur für den Film”, sagt die Chinatante. “Wir zahlen auch”, sag ich. Greif in die Tasche und hol mein Kleingeld raus. Dazwischen ein echtes Männerohr. Mit Haaren drin, Knorpel und echtem Blut. Kunstohr rechts war mit der Maske verabredet. Das hier ist ein Linkes. Hat er das Drehbuch nicht beachtet und das Handy ans falsche Ohr genommen. Deswegen ging das diesmal auch so schlecht ab.