20 Jahre Torfkurier, der Film






Nienburg

Rhythmus als Droge. Oder von der Kultur des Scheiterns.

Von Götz Paschen

Foto: Juergen Bloch_pixelio.de

Also Nienburg! Ich war noch nie in Nienburg, aber ich würde Ihnen empfehlen hinzufahren. Das ist sicherlich absolut der Ort, den Sie kennenlernen sollten. Ich kann Ihnen nicht sagen warum, aber das ist ja gerade das Spannende. Nennen wir es doch einfach aus Neugier. Kennen Sie das Metronom, das Kasch, die Music Hall, das Haake-Meier, das Berg-Werk …? Sonst sollten Sie sich vielleicht auch dort umtun. Da haben sich schon einige Leute amüsiert. - Da waren Sie überall schon? Dann fahren Sie nach Nienburg.
 
Risiko
Sicherheit ist verlockend. Wer macht, was er kennt, fällt nicht auf die Fresse. Oder wenn er dabei jedes Mal auf die Nase fällt, ist zumindest der Schmerz eine bekannte Größe. Bekannte Schmerzen sind weniger furchteinflößend als neue. Und die Angst vor unbekanntem Glück ist größer als die Angst vor bekanntem Schmerz. Das behaupte ich felsenfest und bitte Sie diese These jetzt einmal 30 Sekunden lang gedanklich zu prüfen – dafür legen Sie jetzt den Torfkurier neben sich „aufs Sofa“. – PAUSE – Stimmt? Scheitern ist die Grundlage für Innovation. Sie müssen Misserfolge nur aushalten oder umdeuten: Sollte also Nienburg ein kacklangweiliger Ort sein, kaufen Sie sich dort eine Badehose und springen in die Weser, oder kaufen Sie Kuchen und klingeln bei irgendwem.

Was will er
Was ich von Ihnen will? Dass Sie sich selbst durch Neues irritieren. Das schadet doch nicht. Und wenn es nichts war, war es immerhin anders. Entwerfen wir mal eine banale Drogentheorie: Droge ist alles, was uns dazu dient, der Lebenswirklichkeit auszuweichen. Alkohol, Kiffen, illegaler Kram? Passt. Zuviel Arbeit, Verantwortung, Leistungssport? Passt. Rhythmus, dass jede Woche aussieht wie die davor und jedes Jahr wie das davor? Passt. – Regt sich jetzt in Ihnen Widerspruch. Ich bin ein großer Freund vom konstruktiven Diskurs. Sprechen Sie mich drauf an, wenn Sie mich treffen.

Vergnügliches Scheitern

Die meisten Leute habe ich letztens nachts um eins neben einem Maisfeld nach einem Open Air-Festival kennengelernt. Ich hatte mich ‚festgeparkt‘. - Lassen wir das mal so stehen. - Ein Diepholzer mit Stirnlampe und Hängerkupplung hat mich rausgezogen. Jens lag unterm Auto und war nachher ein bisschen am Bluten. Seine Freundin Gabisteffi hat mit ihrem Handy geleuchtet. Marvin war stockbesoffen und wollte immer an der falschen Stelle helfen. Die anderen fünf aus dem Auto auch. Das heißt, bei den Mädels ging’s. Ich zu Marvin: „Ej, wie heißt du, damit ich dich wenigstens da wegrufen kann, wenn wir nach vorne rauswollen und du vorne schiebst und nicht hinten.“ - Marvin: „Sie haben ja einen Hund dabei, kann ich den mal streicheln.“ Der Diepholzer: „Nein, sonst beißt der.“ Jens: „Tu den mal weg, der nervt.“ Ich zu dem Rudel Blondinen: „Wem von euch gehört denn Marvin?“ Eine Ilse: „Das ist mein Freund.“ Ich: „Kannst du den mal da wegrufen, der stört.“ Marvin: „Ej, das habe ich gehört. Das finde ich jetzt aber auch Scheiße …“ – Wir hatten einen lustigen Ausklang des Abends und ich habe eine Menge Leute kennengelernt.

Die Botschaft
Sie müssen nicht am falschen Maisfeld parken, um neue Leute kennenzulernen. Aber Sie können. Wir haben die Abschleppöse nicht gefunden. Kostet übrigens 25,90. Linksgewinde! Und der Schaden in der Werkstatt schlanke 55 Euro. Mein letzter Feldweg hat mich vier Wochen vorher 350 Euro gekostet. Und ich hatte mir geschworen: Nie wieder Feldwege. Und da bin ich jetzt mal langweilig. Es ist nicht immer Käse, Prinzipien zu haben und einzuhalten. Das schützt auch vor unnötigen Erfahrungen. Leider habe ich Jens Nummer nicht, aber wenn er Ihnen mal hilft, geben Sie sie mir bitte. Ich schulde ihm noch eine Pizza. Ich könnte gut verstehen, wenn Sie also nicht Maisfeldparken zu Ihrem Hobby machen. Aber sagen Sie mir dann wenigstens, wie es in Nienburg war. Dann fahre ich da auch mal hin.

Torftipp: Doppelte Abschleppöse Golf 4 für 19,90 unter 0 42 05-77 99 66.