20 Jahre Torfkurier, der Film






Monatlich nur 1.000 Kilometer Auto

Bundesdeutscher Emissionsrechtehandel setzt neue Maßstäbe.


Von Götz Paschen

Foto: Matthias Preisinger/pixelio.de

Jeder Europäer und damit auch jeder Deutsche unabhängig von Alter, Geschlecht und sozialer Herkunft darf ab dem 1.1.2013 nur noch monatlich 130 Kilogramm CO2-Emission (gemäß VO (EG) Nr. 715/2007) durch motorisierten Individualverkehr erzeugen. Darauf einigten sich in Brüssel die Umweltminister der EU-Mitgliedstaaten. Als Sperrfrist für die Veröffentlichung wurde durch den Bundesumweltminister Peter Altmaier der Volkstrauertag am 18. November durchgesetzt. Lediglich Monatszeitungen wie der Torfkurier dürfen schon vorab melden. "Der Volkstrauertag ist der geeignete Termin für diese Nachricht, weil die Deutschen ungern auf die Freiheit beim Autofahren verzichten werden", so Altmaier. Konkret muss aber niemand auf seine Freiheit verzichten. Allein die Fahrten über 1.000 Kilometer pro Monat, beziehungsweise umgerechnet rund 130 Kilogramm Kohlenstoffdioxid-Emission werden teurer.

Praxis
In der Praxis heißt das, dass jeder Bundesbürger über seine Personalausweisnummer oder über die seiner Eltern Emissionszertifikate zugeteilt bekommt. Wer ein schadstoffarmes Auto fährt, kommt weiter als jemand mit einer Dreckschleuder. Fahren zwei oder mehr Personen in einem Auto, werden die Schadstoffe aufgeteilt. Über einen Chip unter der Haut am linken Ellenbogen werden alle Bundesbürger über ein Navigationssystem überwacht und der CO2-Verbrauch anhand der Fortbewegungsgeschwindigkeit, des zugelassenen Autos und der gemessenen Distanzen veranschlagt. Mehrpersonenfahrten, Zugfahrten etc. werden über eine Registrierung am Scanner eines jeden Fahrzeugs umgerechnet oder neutralisiert. Wer fünf minderjährige Kinder hat und zu Fuß zur Arbeit geht, kann also an wohlhabende Dickkarrenfahrer, Firmen oder Vielfahrer seine und die Emissionszertifikate seiner Kinder verhökern. Der Markt bestimmt den Preis. Je höher die Nachfrage, umso höher der Preis. Überschreitungen der Fahrleistung werden mit schweren Geldstrafen belegt, wobei der Preis pro Kilogramm CO2 mit der Höhe der Überschreitung steigt. Nähere Einzelheiten entnehmen Interessierte den Bußgeldlisten auf der Internetseite des Bundesumweltministeriums (www.bmu.de).

Europa unter Zugzwang
Da CO2 zu 64 % für den Treibhauseffekt zuständig ist, ist die Umsetzung des Kyoto-Protokolls eine notwendige Maßnahme im Zusammenhang mit den Bestimmungen der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen. Europa legt so als einer der letzten Unterzeichner seine Konkretisierung mit einiger Verspätung vor. Wie sich die amerikanischen Erfinder des Emissionsrechtehandels Thomas Crocker 1966 und John Harkness Dales 1968 die konkrete Ausformung ihrer Idee vorstellten, war damals noch unklar. Mit den neuen technischen Möglichkeiten ist auf jeden Fall die Überwachung erheblich einfacher. Dass dieses marktwirtschaftliche Instrument mit freier Preisbildung durch Angebot und Nachfrage in kommunistischen Staaten stark umstritten ist, erklärt sich von selbst. Interessant ist, dass Zertifikathandel über Ländergrenzen hinaus untersagt ist. Es kann also kein deutscher Normalverdiener für einen Appel und ein Ei Rechte in Uganda einkaufen, wo ohnehin kein Schwein ein Auto hat, geschweige denn ein Fahrrad.

Lücken
Künftig ist es also vernünftig, Europa nicht nur wegen der Rentenzahlung, sondern auch wegen der Emissionszertifikate erst zwei Monate nach Ableben tot zu melden. Wer schnell mit seinem Rennrad fährt, braucht einen Sonderchip zur Anbringung an CO2-neutralen Sportgeräten, um nicht bei Tempo 50 plötzlich gute Autokilometer zu verlieren, weil der Bundesnavi meint, er führe Auto. Wer sich nicht einchipt am Auto, wird immer mit dem höchstmöglichen Verbrauchswert aller bundesweit zugelassenen PKW veranschlagt. Kurze Marktprognosen haben ergeben, dass der durchschnittliche Gewinn pro Kind durch Zertifikatverkauf beim doppelten Satz des Kindergeldes liegt. Ein guter Motor für die deutsche Fruchtbarkeit. Dass dann das Bevölkerungswachstum den positiven Effekt des Zertifikathandels ökologisch ad absurdum führt, negieren gewiefte Ökonomen. Mit steigendem Zertifikatangebot sinkt auch wieder der Preis. Die Realität wird zeigen, was die Theorie taugt. Den ersten Preis des BMU für geistreiche Werbesprüche räumte eine hessische Werbeagentur mit ihrem Hinweis auf den Vorteil von Fahrgemeinschaften ab: "Together is bessa!" In diesem Sinne - gute Fahrrad.