20 Jahre Torfkurier, der Film






Mit wem rede ich überhaupt?

Oder: Von der Wahl des richtigen Gesprächspartners.

Von Götz Paschen

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Der Erfolg eines Gesprächs hängt davon ab, mit wem Sie reden. Klare Sache: Doofe Leute, doofe Gespräche. Nette Leute, nette Gespräche. So einfach ist das. Thema erledigt. Nächstes … Großer Unsinn! Blanker Unfug! Schwachsinn sondergleichen! Sie stehen vor ein und derselben Person und haben eine bunt schillernde Auswahl an Gesprächspartnern. So ist das. Und nicht anders. Mit Sicherheit nicht beim Bezahlen an der Tanke. Aber im umfangreicheren Gespräch. Rede ich jetzt mit dem kleinen Jungen in dem erwachsenen Mann, der endlich einmal Aufmerksamkeit will. Daher auch die Unverschämtheiten, die er mir präsentiert. Weil seine Eltern es in den ersten fünf Jahren versäumt haben, ihm genug Wertschätzung zu schenken. Oder mit der Frau, die aufgemotzt und lackiert immer noch um Anerkennung ringt, weil vor 40 Jahren keiner die Schleifchen in ihrem Haar bewundert hat. Und das egal ob Privatgespräch oder Sachthema, beispielsweise in einer Geschäftsbeziehung.

Hu ist hu?
Unreif ist es, so zu tun, als ob es diese Ebenen nicht gäbe. Vernünftig ist es, sie mit in die klärende Verständigung aufzunehmen, sonst geht es nicht weiter. Wobei immer wieder verschiedene Persönlichkeitsanteile bedient werden wollen. Schön, wenn zwei sich einig sind, in welcher Konstellation sie sich gerade miteinander befinden. Da kann es sein, dass Sie als Mann oder Frau in der Paarbeziehung auch einmal eine mütterliche oder väterliche Position einnehmen müssen. Behüten, warum nicht? Wenn das kein Dauerzustand ist, gehört das vermutlich in jedes normale Spektrum möglicher Gesprächssituationen. Je besser Sie sich auf die aktuelle Realität einstellen können, umso erfolgreicher ist das Gespräch.

Wechsel und Dynamik
Und wundern Sie sich nicht, dass ihr Gegenüber aus allen Wolken fällt, wenn Sie ihm eröffnen, in welchen Rollen Sie sich gerade miteinander bewegen. Das erzeugt nicht selten Abwehr ohne Ende. Wer sieht sich schon gern als schwach und bedürftig oder erfolgsgeil und gibt das auch noch seinem Gegenüber preis. Wer gibt schon zu, dass er tagsüber in seiner Gesamtinszenierung zwischen 22 verschiedenen Rollen wechselt. Daheim gleichberechtigter Partner/Partnerin. Den Kindern gegenüber behütend. Bei der Arbeit sowohl Kollege, als auch Untergebener und Vorgesetzter. Am Arbeitsplatz kompetenter Kenner. Nach Feierabend beim Einkauf ratsuchender Konsument. Beim Sport Kumpel und gleichzeitig Konkurrent. Tochter oder Sohn am Telefon. Offenes Ohr oder wütender Despot beim Missverständnis. Im selben Gespräch Deeskalierer und Eskalierer. Erzählen Sie mir doch bitte keine Geschichten von eindimensionaler Geradlinigkeit. Die glaubt Ihnen doch nur das volltrunkene Publikum eines Dorffestes nach 24 Uhr.

Komplexität vereinfacht

In der Hoffnung, dass das Leben einfacher ist, verschanzen sich viele Menschen hinter ihren schlichten Denkmustern. Mit einer Hartnäckigkeit, die absolut bewundernswert ist. Verteidigen ihren kommunikativen Misserfolg auf Kosten gelingender Verständigung. Immer im Glauben, der andere entdeckt uns nicht. Da gibt es Schlimmeres. Wie ein Kind, das sein Gesicht hinter seinen Händen versteckt und meint, der Gegenüber könnte es jetzt auch nicht mehr sehen. 'Sehe ich dich nicht, siehst du mich nicht.' Falsch. Noch viel tragischer: 'Sehe ich mich nicht, siehst du mich nicht.' Immer falsch. So komplex es anscheinen mag, zu reflektieren, wer gerade auf welcher Ebene mit wem redet, so erfolgreicher verläuft danach das Gespräch. Hier ist wieder einmal der höhere Aufwand der leichtere Weg. Das erfolgreiche Konzept paradoxen Agierens lässt grüßen.

Wie viele bist du?

Sie wollen mir doch auch nicht allen Ernstes erzählen, Sie versammeln Menschen um sich und jeder habe nur eine Funktion. Wir sind alle viel zu vielfältig und vielschichtig angelegt, als dass wir uns mit einem Persönlichkeitsanteil zufrieden geben würden. Kinder wollen als Eltern Kasperletheater und Führung. Jedes zu seiner Zeit. Wenn Ihnen da etwas fehlt, geht die Erziehung schief. Und Partner wollen Sicherheit und Überraschungen. Um das einmal ganz zaghaft auszudrücken, in welcher Bandbreite Bedürfnisse an Sie herangetragen werden. Mit wem reden Sie also wirklich, wenn jemand vor Ihnen steht und den Mund aufmacht. Das Gespräch darüber führt oft viel aufschlussreicher in die Zone von Verständnis als der vorherige Gesprächsinhalt an sich.