20 Jahre Torfkurier, der Film






Lustprinzip

Was fällt Ihnen dazu ein?


Von Götz Paschen

Nicht müssen, sondern dürfen. Erstes Thema ‘Zeit ohne Verpflichtung’. Klingt doch schon rabiat nach gutem Leben. Und schon gar nicht alles gleichzeitig, sondern nacheinander. Vielleicht sind ihre Arbeit gar nicht so dämlich, die Kinder nicht so anstrengend und die Partnerschaft nicht so matt. Wenn Sie nur genug Zeit hätten, sich jedem einzeln zuzuwenden. Wir spendieren Ihnen sechs Monate Kur. Daheim. Nichts tun. Nichts ist gleichzeitig dran, sondern alles nacheinander. Sie begegnen jedem mit grenzenlos viel Zeit. Entsprechend erfolgreich sind Ihre Kontakte. Zeitluxus. Für jeden Arbeitnehmer völlig unmöglich. Kein Thema, wir bieten Ihnen Freizeit bei vollen Bezügen und Garantie Ihres Arbeitsplatzes. Und dem Selbständigen einen Geschäftsführer, der ihn für diese Dauer kostenfrei vollwertig vertritt, keine Umsatzeinbrüche. Und den Blutdruck wieder in den Normalbereich bringen. Für alle Kinderversorger, den ultimativen Babysitter mit vollem seelischen und fürsorglichen Potenzial.

Wahrnehmungsumbau
Also, Sie haben jetzt sechs Monate frei. Sie können jetzt aufräumen, was Sie schon immer wollten. Nach dem Frühstück an den See schwimmen fahren oder sich gleich wieder ins Bett legen und lesen oder dösen. Das, was Sie im Urlaub auch getan haben, nur daheim und ewig länger. Das gleiche gilt natürlich für Ihre Kontakte. Wenn Sie Lust haben, mit jemandem zu reden: Wir holen ihn her, entschuldigen ihn bei der Arbeit oder sonstwo und stellen ihn/sie so umfangreich frei, wie Sie Zeit mit ihm verbringen wollen. Sie können alle Gespräche führen, die Ihnen noch fehlen. So lange und umfangreich, wie Sie es immer wollten. Sie tun alles genau dann, wann Sie es wollen und solange, wie Sie es wollen. Bis es Sie langweilt. Dann hören Sie damit auf. Wenn Sie frei von Zwang Ihr Leben fristen dürfen, gucken Sie, was Sie interessiert. Wenn jeder Impuls gleich vom Vakuum Ihrer Lustlosigkeit geschluckt wird, haben Sie jetzt die Möglichkeit, das ganz in Ruhe zu betrachten. Vermutlich bringt Sie diese Ruhe näher an den Hintergrund des Vakuums. Wenn alle Energie, die Sie haben, versickert, müssen Sie gucken wo.

Ruhe
Keine hektischen Entscheidungen mehr, die Sie quälen. Immer locker rangehen und überlegen. Reifen lassen, prüfen, drüber schlafen und sanft auf den Weg bringen. Raus aus den Luftfurzschlachten. Bei denen nur heiße Luft produziert wird, bei voller Relevanz, aber ohne beglückende Wirklichkeit. Vielleicht einfach einmal wahrnehmen, was Sie haben. Hübsch der Reihe nach. Dass Sie sehen, was fehlt. Nämlich meist verdammt wenig. Vielleicht nur der liebevolle Blick auf die Erträge Ihrer Vergangenheit und die Freuden Ihrer Gegenwart. Keine Seelenrotzliteratur wälzen und jetzt eine Liste der 20 beglückenden Umstände anfertigen. Schlicht hinschauen und genießen, was Sie haben: Kinder gesund, Frieden im Land, Essen im Kühlschrank ... Schluss mit dem Jammern auf hohem Niveau. Klar hingucken und Absagen richten an den alten Quakgesang der Unzufriedenheit. Alte Sorgen verabschieden, die keine mehr sind, weil Sie keinen mehr stören. Sich noch einmal den Pokal für die gesammelte Frustration der Vergangenheit verleihen, den ins Regal stellen und mit dem Schlappen vom Sofa aus runterschießen. Bis Sie es müde sind, sich mit dem Krempel zu beschäftigen. Der kriegt seinen würdigen Platz in der Garage über der Werkbank. Willkommen in der Gegenwart.

Hinblick
Versöhnung feiern mit allen alten Feinden. Vermutlich sitzen Sie dabei mit Ihren negierten 24 weiteren Teilpersönlichkeiten allein an der Tafel. Egal - trotzdem feiern. Und immer alles schön portioniert. Wenn Sie also keine Lust mehr haben, sich zu reparieren. Dann gehen Sie eben lieber schlafen. Ach übrigens, schlafen soll auch gut sein gegen Lustlosigkeit. Immer müde ist auch nicht zufrieden. Welchen Zweck das auch immer verfolgen mag. Wer ein Schlafproblem hat, hat Scheiße abonniert. Da gibt es solide Ausweichmöglichkeiten. Müde legt sich hin. Ist ja Kur gerade.

Unwirklich
Der hat gut reden. Ist doch ohnehin alles nicht real. Wer gibt Ihnen schon sechs Monate frei. Mach ich nicht. Würden Sie doch auch gar nicht verkraften. Dann kommen die Gefühle ja alle gleichzeitig hoch. Was halten Sie denn von dem Ansatz hin und wieder nach Feierabend die Beine hochzulegen und zwar nicht wie immer, sondern anders. Nicht ansprechbar für Pflichtgefühl. Unberechenbar für jeden äußeren Zugriff. Im Maximum Ihrer Verantwortungsgleichgültigkeit. Dass sich das Leben wieder von alleine so zurechtschiebt, wie es das wünscht. Konzeptfrei, spontan, ungezwungen.