20 Jahre Torfkurier, der Film






Liebe Kinder,

Oder: Warum wir euch nicht in Ruhe lassen.

Von Götz Paschen

Foto: Michael Berger/pixelio.de

Am geilsten schmecken Pommes rot-weiß. Oder Pizza. Am besten aus der Tiefkühltruhe. Viel Energieverbrauch und bloß nicht frisch. Und richtig gut ist auch, wenn wir das Abendessen ausfallen lassen und zwei Tüten Chips platt machen und eine Tüte Gummibärchen. Wer will schon Salat? Cola ist cooler als Wasser. Oder wir gehen gleich ins Restaurant: Da wird dann aus einem normalen Gericht solange eine Sonderbestellung gezaubert, bis der Kellner den ganzen Block vollgeschrieben hat. Am besten nicht gemeinsam anfangen. Die Hände unter den Tisch hängen lassen. Und danach mit dem Handy rumspielen, anstatt sich zu unterhalten.

Ei, Ei, Ei …
Bei der Technik wollen wir euch auch stets auf dem neuesten Stand halten: Alles, was mit ‚Ei‘ anfängt und einen angeknabberten Apfel als Markenzeichen drauf hat, sollt ihr stets in neuester Version zur Verfügung haben. Dass das völlig außerhalb eures Budgets liegt, spielt dabei keine Rolle. Wen interessiert schon, dass ihr finanzielle Orientierung im Rahmen eurer Möglichkeiten erwerben sollt. Geburtstag, Weihnachten und andere neue Anlässe werden von Geschenk- zu reinen Bestellfesten. Und wir sind mit den Großeltern gemeinsam inzwischen so desorientiert, dass wir euch Material um die Ohren schlagen, dass ihr im Kopf ganz wund davon werdet. Ob für eure Apple-Produkte sich in China Kinder kaputtschuften müssen, spielt dabei keine Rolle. Andererseits kann man ja auch verstehen: Wer für die Schule bald mehr Stunden arbeiten muss, als gewerkschaftlich gut organisierte Arbeitnehmer es pro Woche tun, der will sich auch etwas gönnen. Und weil es für Schüler keine Löhne gibt, sind wir dran. Welche Eltern haben schon den Arsch in der Hose, ihren Kindern zu sagen: Egal, ob das Standard ist oder nicht, wir finanzieren eure Statussymbole nicht. Vorschlag: Gewinnt Charakter und setzt eure eigenen Maßstäbe außerhalb von Gruppenzwängen.

Kontakte
Das Gleiche gilt für die Daddelzeiten. Wer auch immer gerade ‚on‘ ist, ihr müsst es nicht sein. Es gibt genug Daten- und Kommunikationsmüll, der sehnsüchtig darauf wartet, eure hübschen Köpfchen zu blockieren. Aber ihr müsst ihn nicht komplett aufsaugen. Zugegeben, es gibt populärere Spiele als Monopoli und Mensch-ärgere-dich-nicht. Aber wenn ihr sozial nicht völlig degenerieren wollt, fragt nach analogem Spielmaterial mit echtem Kontakt zum Mitspieler. Wem das zu schlicht ist, der darf die Eltern auch zu einer Partie Mühle oder Schach herausfordern. Von euren modernen Kommunikationsformen verstehen wir zu wenig? Mag sein, aber vielleicht haben wir das bessere Gefühl für das richtige Maß. Ihr dürft übrigens auch gern mal draußen unterwegs sein. Eine Fahrradtour oder ein Spaziergang mit Freund oder Freundin ist als Unterhaltungsgrundlage locker so erfolgversprechend wie ein Chat. Sonst sind wir gesundheitsbewussten 'Alten' mit unserem Jogging weiterhin schneller als ihr. Wir wollen aber überholt werden.

Fleiß
Gern liefern wir vollen Service: Spülmaschine leer zu machen, das können wir doch schon viel länger. Müll raus ist auch Elternsache. Wäsche auf- und abzuhängen ist ganz klar nichts für Kinder. An der Waschmaschine sind zwar weniger Knöpfe als am Handy, aber die Funktionen scheinen doch eher etwas für Erwachsene zu sein, als für Minderjährige. Während wir Paare miteinander die wildesten Diskussionen um Gleichberechtigung und Teilung der Hausarbeit geführt haben oder immer wieder führen, bleibt ihr außen vor. Dabei gibt es kein Alter, in dem hauswirtschaftliche Leistung unmöglich ist. Seinen Becher vom Tisch zur Spüle zu tragen, kann spätestens ein Zweijähriger.

Wachsen
Ganz zu schweigen von neuen Herausforderungen. Alles, was man als Jugendlicher noch nicht drauf hat, da sollte man tunlichst die Finger von lassen: Eine neue Sportart, ein Instrument, ehrenamtliches Engagement, Verantwortung in Gruppen … Wehrt euch mit Händen und Füßen gegen weitere Anforderungen. Die Belastung durch Schule, medialen Müll und Konsumzwang ist groß genug. Ihr braucht keine neuen Herausforderungen. Wer will es euch verübeln. Wir lassen es zu, fördern es und sind oft selbst keine wirklich wertvollen Vorbilder. Wenn ihr aber bei voller Informationsmenge einmal etwas an euch heranlasst, was euch berührt. Dann folgt dem Weg, der sich auftut. Unabhängig davon, was wir sagen. Wir haben keine Lösungen für die Aufgaben eurer Generation. Trotzdem, der altersangemessenen Führung fairer Erwachsener dürft ihr euch hin und wieder anvertrauen. Alternativ dürft ihr sie in kontroversen Gesprächen überprüfen. Verkriecht euch nicht aus dem Leben!