20 Jahre Torfkurier, der Film






Lass es laufen

Du hast ohnehin weniger im Griff, als du denkst.


Von Götz Paschen

Und dann kommt das Leben daher und zerstört dir deinen nächsten großen Plan. Und du denkst: Na gut, ich geb’s auf. Im positiven Sinne. Locker lassen. Entspannen. Pläne sausen lassen. Gucken, was der Tag so im Angebot hat. Und auch die nächsten Jahre. Ist doch auch ganz nett. Selten sind die Planvollen glücklicher als die Planlosen. Angestrengter aber meistens.

Flexibilität
Aus der Karriere wird ein Hausfrauendasein. Aus dem Neuwagen ein Totalschaden. Aus dem gequälten Gymnasiasten ein gelassener Realschüler. Aus Südschweden wird Cuxhaven. Die Tanne fällt beim Fällen nicht auf die Wiese, sondern auf das Gartenhäuschen. Das Rendezvous blockiert ein vierstündiger Stau. Aus den fünf Kindern wird gar nichts wegen Unfruchtbarkeit. Oder: Der letzte im Bunde sind Zwillinge, und der Neubau ist in acht Jahren zu klein. Dafür dauert der One-Night-Stand schon acht Wochen. Während die Ewigkeit mit Trauschein schon nach vier Jahren rum ist. Plötzlich gibt es eine tolle Stelle in Hamburg. Und der Nachbar muss dir den halben Rasenmäher wieder abkaufen. Die Verbeamtung geht in die Hose, verbunden mit fadenscheinigen Argumenten des Direktors. Prompt ist der Traumberuf wieder eine Möglichkeit: Und der Sportlehrer in spe wird Straßenkünstler. Der großkotzige Schulversager mausert sich zum Handwerker mit zwölf Angestellten. Während der Primus vor lauter Realitätsferne nach zehn Jahren Studium den Nebenjob als Beleuchter beim Fernsehen zu seinem Hauptberuf macht. Die Sportskanone wird fett und träge. Die Kinder übernehmen den Laden nicht. Oder doch, verkaufen ihn aber nach drei Jahren völlig unter Preis und arbeiten lieber weniger.

Planlos
Während du noch grübelnd über deinen Kontoauszügen brütest, sind die fehlenden Zahlungen bereits eingegangen. Der Junior braucht auch den ‘Scheißanzug’ zur Konfirmation des Cousins nicht anzuziehen. Er liegt am entsprechenden Wochenende mit kompliziertem Knöchelbruch im Krankenhaus. Ob Nachbars Katzen in den Sandkasten kacken oder nicht, ist egal, weil die Bude wegen der Scheidung in diesem Jahr sowieso noch verkauft werden muss. Ann-Kathrin ist kein blöder Vorname für ein Mädchen, weil sie nach dem nächsten Ultraschall schon Gunnar heißt. Dass der Praxispartner weniger Stunden die Woche arbeitet, aber gleichviel kassiert, ist nach dem Thailandurlaub und dem positiven Aidstest auch ziemlich Wurscht. Während du dir noch überlegst, ob du bei dem nächsten Elternbesuch den netten Typ vom letzten Abitreffen besuchst, hat der sich leider bereits das Leben genommen. Ob dir vom Segeln schwindlig wird, interessiert auch nicht mehr, nachdem beim Sturm der Mast gebrochen ist, und es doch der gewünschte Strandurlaub wird. Während du noch überlegst, was du zu Hause nach dem Auspacken machst, fließt bereits seit einer Woche Wasser durch den Rohrbruch in die Küche. Womit geklärt ist, was du gleich machst. Dass dir bis zur Rente kein Hobby eingefallen ist, ist auch egal, seit du weißt, dass der Krebs für dich sowieso nur noch 12 bis 18 Restmonate im Angebot hat.

Mächtige Kräfte
Was du mit dem Leben vorhast, ist weniger entscheidend als das, was das Leben mit dir vorhat. Du sitzt in einer kleinen Nussschale und ruderst auf dein Ziel zu. Gibst dich der Illusion hin, dass du die Richtung bestimmst. Währenddessen bläst dich ein starker Wind quer über das Meer. Und erst, wenn du bereit bist, zu erkennen, wie machtlos du deine Ziele verfolgst, hast du eine Chance, das, was du erreichst, zu schätzen. Und an dem Bild des Ruderers auf dem Ozean ist eine zweite Wahrheit, vielleicht die wesentlichere: Der, der rudert, blickt immer nur zurück und hat meist nicht vor Augen, was auf ihn zukommt. Und wer sagt, dass man aus der Summe seiner Erfahrungen einen Blick in die Zukunft ableiten kann?

Reife Zeit
Wenn die Zeit reif ist, gibst du dich deinem Leben hin. Wenn du selber in deinem Programm noch einmal mit dem Kopf durch die Wand willst. Dann darfst du das. Jeder haut sich selbst den Schädel solange blau, wie er es braucht. Ob du nun selbst mit starkem Willen und wachem Intellekt deine Ziele entwirfst. Oder ob du nur einer Familientradition folgst, ist dabei unerheblich. Nicht umsonst kommen Menschen aus dem Bauch. Kopfgeburten sind etwas für Kunst und Kino. Wer Ideen hat, darf sie ästhetisch darstellen. Wer dem Leben ins Handwerk pfuschen will, dem haut es auf die Finger. Charakterschwache lassen sich nur treiben. Erkenntnisreiche auch, aber anders. Wer nicht weiterkommt, sollte stehen bleiben. Dann entspricht immerhin der Fortschritt der aufgewendeten Energie. Paradox genug, dass durch das Anhalten, echter Fortschritt erst entstehen kann. Wer es zulassen kann, dass die Paradoxien im Leben ähnlich viel Raum haben wollen, wie die logischen Ketten, hat gute Chancen, der halben Wahrheit ihre zweite Hälfte hinzuzufügen.