20 Jahre Torfkurier, der Film






Lücken im Familienbild

Oder: Sollen die sich doch vertragen.

Von Götz Paschen

Foto: Jerzy Sawluk/pixelio.de

Große Freude bereiten einem die Nachrichten. Wahrlich erfreuliche Informationen erreichen uns dort täglich: Meistens hauen – zum Glück weit weg – verschiedene ethnische Gruppen, Religionsgemeinschaften und Völker aufeinander rum. Die unqualifizierten Kommentare dazu können Sie an jedem deutschen Küchentisch vernehmen: „Sollen die sich doch vertragen.“ Sehe ich ja auch so. Aber das ist nun mal noch nicht die ganze Wahrheit. Wir fordern also von Kurden, Türken, Juden, Palästinensern, Islamisten, schiitischen Huthi-Rebellen … Friedfertigkeit. Fordern ist eine feine Haltung. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Ich halte es für sinnvoll, Kritik zu üben, auch wenn man selber Dreck am Stecken hat. Andernfalls würde keiner mehr Kritik üben und großes Schweigen herrschen. Das könnte kurzfristig eine schöne Geste sein. Langfristig spricht aber viel für Dialog und Diskurs. Der wiederum hindert niemanden daran, bei sich selbst anzufangen.

Hausaufgaben
Es ist schon eine große Sache, fremden Völkern Hausaufgaben aufzugeben. Und ich freue mich auch immer wieder, wenn unsere Kanzlerin versucht, in der Ukraine Frieden zu stiften. Deutschland ist zeitgleich einer der wichtigsten Waffenexporteure weltweit. Diese Exporte stellen einen Teil der Basis unseres Wohlstandes dar. Ganze Waffenproduktionsfabriken werden da exportiert. Dass einem angst und bange wird. Aber bei den Hausaufgaben ist das wie in der Schule. Wenn der Lehrer nur unmotiviert die Mappe ‚10. Klasse‘ vom Vorjahr und Vorvorjahr … zieht, warum sollte sich da ein Schüler mit seinen Hausaufgaben Mühe geben. Jeder fängt bei sich selbst an zu fordern. Und wem dann an Umsetzung gelegen ist, der hat eine Menge zu tun. Arbeit führt automatisch zu Schweigen oder friedfertigen, langen Gesprächen.

Familienbild
Nichts gegen ein langes Vorspiel, aber kommen wir zur Sache. Sie wollen Weltfrieden. Ich auch. Wir haben beide international geringen Einfluss. Dann fangen wir doch einfach (!) mit dem Frieden daheim am Küchentisch an. Betrachten Sie Ihre Familienbilder – von mir aus ganz konkret: Fotos von Familienfeierlichkeiten. Und suchen Sie auf diesen Fotos die Lücken. Da fehlt ein Onkel, den keiner leiden kann. Hier ist wer krank und nicht dabei. Dort ist die Ehe gescheitert und eine Lücke. Ein Kind hat den Kontakt abgebrochen. Teilweise werden ganze Familienzweige abgeschnitten. Und zwar nicht vom Foto. – So, das sind Ihre Hausaufgaben. Jetzt machen wir uns doch alle mal bitte an die Arbeit. Unabhängig von dem, was im Gazastreifen passiert, können Sie losziehen Frieden stiften.

Konkret
Schwellen überschreiten. Kontakte herstellen. Sich blöd vorkommen. Sich entschuldigen. Klären. Zuhören. Auch mal ein erstes Schmunzeln und Lachen wagen. Den Kreis der Pluskontakte um weitere reparierte Minuskontakte erweitern. Sich dehnen. Dem Frieden Raum geben zu gedeihen. Langsam voranschreiten. Warten. Staunen. Geduldig sein. Verständnis zeigen. Über Ihren Schatten springen. Was in diesem Zusammenhang sowieso die Königsdisziplin ist. Das Familienbild komplettieren. Das schadet nicht. Das hilft heilen.

Gemetzel
Wenn Sie Eltern oder Kinder in einem Konflikt verloren hätten, wäre Ihr Friedenswille geknickt. Versteht jeder. Hilft aber nicht. Da müssen Sie durch. Alle Völker, Ethnien und auch alle Menschen privat. Versöhnung ist eine christliche und humanistische Grundforderung. Der dürfen Sie sich jetzt mal öffnen. Wer seine Wut pflegt, hilft dem Weltfrieden und sich selbst nicht weiter. Mit sich und seiner Umwelt im Reinen zu sein, hat Ausstrahlung. Es wirkt souverän und stark. Deo, Schminke, Frisur – äußere Reize. Schicke Handys, Autos, Häuser - Statussymbole. Wer ‚sexy‘ wirken will, hat ganz andere Möglichkeiten. Je weiter wir gehen, umso öfter werden wir knien.

Torftipp: 1) Machen. 2) Heute.