20 Jahre Torfkurier, der Film






Kunstpopel

Gesprächspartner irritieren.

Von Götz Paschen

Foto: by_nimkenja_pixelio.de

Sie kennen das: Sie stehen vor jemandem. Und Sie können sich überhaupt nicht auf das Gespräch konzentrieren. Nicht weil Sie unausgeschlafen sind. Auch nicht, weil Sie gesoffen haben oder sonstige Drogen intus. Sondern weil Ihrem Gegenüber ein ordentlicher Popel aus der Nase hängt. Und da müssen Sie dauernd hingucken – ob Sie wollen oder nicht. Ein Popel hat optisch etwas magisch Magnetisches. Da kommen Sie nicht dran vorbei. Das ist genau wie ein offener Hosenstall. Der stört einen auch mit seiner absichtslosen Frivolität. Und wenn einer Schönheit bei einer Talkshow einmal versehentlich eine hübsche Brust aus dem offensiv geschnitten Kleid rutscht, ist das die (!) Nachricht. Dass Marshall Rosenberg im Februar gestorben ist, steht dafür in fast keiner Zeitung.

Zurück
Aber zurück zum Popel. Was ist daran so interessant? Vielleicht die Frage, die einen dauernd beschäftigt: ‚Soll ich ihn/sie darauf hinweisen oder nicht?‘ Schließlich begleitet den Gesprächspartner der Popel ja ab jetzt bis zum nächsten Schnäuzen durch den Tag. Und überhaupt kann ja auch der Nächste, der ihn trifft, ihm sagen, was ist. Die Überlegung sagen oder nicht hängt ganz eng zusammen mit 1) der eigenen Art, 2) der Gesprächsdauer. Ich muss nicht jeden von seinen Popeln befreien, wenn ich mich nur eine halbe Minute unterhalte. Ich finde es amüsant, wenn durch diesen kleinen Umstand, die Ernsthaftigkeit des Vortrags beim Gegenüber ad absurdum geführt wird. Wie leicht eine Fassade bröckelt. Das sollte einem sowieso jederzeit bewusst sein.

Strategie
Ich denke natürlich auch darüber nach, wie man den irritierenden Popel im Gespräch selber bewusst einsetzen könnte. Sie haben eine schwierige Verhandlung vor sich. Und es wäre Ihnen recht, wenn Ihr Gegenüber mit der Aufmerksamkeit nicht ganz bei der Sache ist. Sie könnten den Hosenstall offen lassen. Das ist einfach zu machen. Oder Sie suchen in Ihrem Taschentuch nach einem Reservepopel. Den installieren Sie vor dem Spiegel im Bad wie auch immer innen am unteren Rand der Nase, dass er sichtbar herausschaut. Hilfreich wäre eine ausreichende Naseninnenbehaarung. Vermutlich müssen Sie ihn auch an einem Ende anfeuchten. Und die Frage ist, ob er und die Nasenhaare dann auch gemeinsam genug haftende Oberfläche bieten. Es soll ja schließlich für das ganze Gespräch reichen.

Kunstpopel
Die Alternative wäre die Erfindung eines Kunstpopels. Möglichst eines patentierten Kunstpopels. Wer sich schon einmal mit Patentrecht beschäftigt hat, weiß wie teuer und zeitaufwändig so etwas ist. Schlimm wäre, wenn Sie aus Sparsamkeit nur ein Gebrauchsmuster anmelden. Und beispielsweise die Chinesen klauen Ihnen das Patent weg und produzieren die Popel viel billiger und formschöner. In China kostet Handarbeit auch fast nichts. Und Sie können ja nicht mit einem DIN-Kunst-Popel an den Markt gehen. Die müssen alle verschieden aussehen und individuell geformt sein. Für das Rohmaterial könnte man Menschen mit chronischer Erkältung regelmäßig ‚abmelken‘. Realistischer ist aber gefärbte Kunstmasse. Für die Montage in der Nase würde sich ein kurzer Tampon anbieten – Naturfarbe – aus dem an einem Fädchen der Kunstpopel heraushängt.

Recherche
Eine wichtige Phase im Zusammenhang mit Patenten ist die Recherchephase. Gibt es das nicht schon, was ich gerade erfinde? Das zu beantworten, da kommen Sie nicht drum herum. Ich war einmal in London. An der Stadt haben mich zwei Dinge beeindruckt: 1) Der orientalisch anmutende Stadtteil im Süden mit seinen basarartigen Passagen – das war nicht Europa. 2) Der Laden für Stinkbomben, Knalleffekte, die man unter 2-Euro-Stücke legen kann, falsche Nasen, Pupskissen, Zigarettenknall- und –stinkeinlagen, falsche Häufchen zum in den Garten legen … Und genau in diesem Laden würde man künftig auch meine Kunstpopel kaufen können. Wo kauft man so was sonst? Blödsinn ist nicht en vogue. Und das ist das Drama unserer Zeit!

Torftipp: Sie dürfen meine Kunstpopelidee gern patentieren lassen. Aber ich möchte bei Ihrer Geschäftseröffnung oder der Grundsteinlegung für die Popel-Fabrik die Rede halten.